0205 - Wunderbar
Mütter und Töchter
Franziska
Nichts ist schlimmer als der Satz „Du bist ja wie deine Mutter“ aus dem Mund des Liebsten. Denn natürlich gibt es keinerlei Ähnlichkeiten zwischen Müttern und Töchtern. Und wenn doch, dann wirklich nur klitzekleine.
Mütter sind grausam. Ganz furchtbar grausam. Weil sie so viel verraten, sagen viele. Angeblich kann der gerade erst erlegte Begleiter gleich beim ersten Familienbesuch erfahren, wie die Angebetete in 20 Jahren sein wird. Mit allen Grausamkeiten: Den Falten, den Speckröllchen und natürlich den Macken. Ist sie eher der Unterdrückungstyp? Erkennen Sie an der gebückten Haltung des Ehemannes. Der Mutti-Typ? Werfen Sie doch mal einen Blick auf den Pullover des Ehemanns. Passt er ganz vortrefflich zur Hose, ist sie es. Oder der Emanzen-Typ? Sie hat keinen Mann? Treffer – versenkt. Dann sollte sich Mann ebenfalls schleunigst aus dem Weg machen.
Wir Töchter halten natürlich wenig von dieser Theorie und leugnen jede Ähnlichkeit mit dem weiblichen Teil des Erzeugerpaares. Sicher, sie ist ein wenig schräg, kündigen wir sie unserem Liebsten auf der langen Zugfahrt nach Hause an. Sie redet gern und viel und sie duldet keinen Widerspruch – also lieber essen, was sie zur Mittagszeit auftischt. Auch wenn das Essen mit den verhassten Pilzen angerichtet ist. „Schatz, da musst du jetzt durch“, beschwichtigen wir. Und hoffen, dass der Auserwählte bei dem Familientreffen den Segen der Mutter (und des Vaters, aber das ist eine ganz andere Geschichte) erhält. Denn auch wenn es unserer Meinung nach keine Parallelen zwischen Mutter und Tochter gibt, ganz und gar abstoßend sollte sie den aktuellen Mann des Herzens wirklich nicht finden. Zu erwarten, dass sie die volle Wahrheit offenbart, wenn sie ihn nur mittelmäßig findet, kann man vergessen. Von dieser Meinung lässt sie uns erst dann wissen, wenn man, weil die Beziehung in die Brüche gegangen ist, mal wieder die Heimreise antritt und sie einen dann gleich am Bahnhof mit liebevollen Worten umgarnt („Der war eh nichts für dich.“ oder „Ich fand den gleich doof, als er mir sagte, ich würde zu wenig Sport machen.“) an die mütterliche Brust drückt.
Wer Pech hat, der muss sich bereits auf der Zugfahrt vom Liebsten anhören, dass man bei den angekündigten Verhaltensweisen doch eine ganz vortreffliche Beschreibung der eigenen Eigenschaften abgeliefert habe. „Sie duldet keinen Widerspruch, ja, dann ist sie ja wie du?“, sagt dieser dann und führt als untermauerndes Beispiel den Vorabend an, an dem er sich die Zweieinhalbstunden-Schnulze mit anschauen musste. Wer Glück hat, bekommt erst nach Jahren einträglicher Beziehung einen Satz wie „Du bist ja wie deine Mutter!“ an den Kopf geknallt. Bei keinem anderen Satz sitzt der Schmerz über das Gesagte tiefer, keiner lockt so sehr aus der Reserve. In schlechten Momenten sagen wir dann „Aber du und dein Vater“ und ernten dafür den größten Streit seit dem Beginn der Liaison. Um das zu vermeiden, tönen wir nur „Ich wie meine Mutter – niemals“, und belegen mit fadenscheinigen Argumenten, dass Ähnlichkeiten mit der besagten Person ganz und gar nicht möglich oder höchstens zufällig sein können. Auch wenn wir uns kürzlich erst gefragt haben, warum die Mutter beim letzten Besuch das gleiche Parfüm im Badezimmer stehen hatte. Warum auf dem Nachttisch das gleiche Buch lag. Und warum sie auf die Frage, ob sie ihre Steuererklärung abgeschickt hat, mit einem „Bin ich noch nicht dazu gekommen“ reagierte. Dabei hatten wir uns das doch beide vor einem halben Jahr bei einer gemeinsamen Flasche Weißwein vorgenommen.
Franziska
bloggt seit fast drei Jahren und schreibt unter
blog.franziskript.de über alles, was ihr in den Sinn kommt: Mal testet sie Zeitschriften, mal empfiehlt sie Filme und mal meckert sie über den letzten Scheiß im Fernsehen.
Wie dem Held das Wunder blüht
Mek Wito
Wer Hosen kaufen will hat es nicht leicht. Die Gelegenheit, am Weg zum Kleiderladen eine gute Tat zu vollbringen, kann da mehr als nur gelegen kommen. Aber wunderbar? Nein, wunderbar ist anderswo...
Es nerven mich nicht viele Dinge. Ich bin oftmals ein sehr pflegeleichter Mensch. Aber wenn es zum Hosenkauf kommt, dann kann ich schon mal leicht launisch werden. Dieses stundenlange Herumgeistern zwischen Hosenbügelständern, immer bei den kleinen Maßen anfangend, da ich mich jedes Mal aufs Neue so schlank und sportlich wähne, merke ich immer zu spät, dass ich beim größten Maß angelangt bin und immer noch nicht hineinpasse. Hosen kaufen dauert bei mir eine halbe Stunde. Danach bin ich stinkig. Stinkig und übelst gelaunt. Übelst.
Und so lief ich an jenem sonnigen Wintertag mit hängendem Gemüt in Begleitung eines Freundes vom Karoviertel zurück in die Schanze, über die U-Bahnbrücke beim Schlachthof. Es hätte kalte Regentropfen wehen können, schräg ins Gesicht, und immer noch wäre das Wetter freundlicher gewesen als ich, an jenem sonnigen Nachmittag.
Über Kleiderläden schimpfend und Hosen verfluchend überholten wir eine junge Familie auf der Brücke. Zwei kleine Mädchen und eine junge Mutter. Es gab eine Diskussion unter den jungen Frauen, das kleinste Mädchen, eine freche Rotznase, jammerte. Das andere Mädchen saß auf einem Schlitten, das linke Bein steif von sich gestreckt, war wohl gebrochen, hielt Krücken in der Hand und weinte.
Wir waren gerade am Schlitten vorbeigelaufen als es plötzlich schepperte. Und nochmals schepperte. Und anschließend metallisch klirrte. Im Weiterlaufen drehte ich meinen Kopf um und beobachtete, wie die drei Frauen durch die Stangen des Brückengeländers starrten. Die Krücken des verletzten Mädchens waren ihr dermaßen ungeschickt entglitten, dass sie beide durch das Brückengeländer hindurchgefallen waren, und auf einem Metallrost unterhalb der Brücke, das wohl Selbstmörder davon abhalten sollte, sich auf die Gleise zu begeben, gelandet.
Meine Laune verbesserte sich ein wenig. Keine Ahnung von Schnee und Eis, diese Norddeutschen, sagte ich zu meinem Begleiter und lächelte gequält.
Aber dann hörte ich die junge Mutter zu ihren Mädchen sagen: "Das war jetzt aber wirklich dumm von euch. Jetzt müssen wir warten bis Papa von der Arbeit kommt."
Das traf mich. Irgendwo ganz tief drinnen. Ich schaute geradeaus und ein Licht schien mir zu scheinen. Ich kann jetzt nicht mehr genau sagen, was ich in jenem Moment gesehen hatte. War es eine Vision meinerselbst in einem Fledermauskostüm? Der unbesiegbare Mek-Man? Oder trug ich eines dieser sexy rot-blauen Spinnenkostüme?
Wäre ich halbwegs bei Verstand gewesen, dann hätte ich daran gedacht wie unbequem sich dieses Spinnenkostüm über meine Bauchröllchen gespannt hätte und was für ein Anblick, SpiderMek mit eingezogenem Bauch, vor Atemnot ganz grün und blau von Hochhausfassade zu Wolkenkratzerwand Spinnenweblianen schwingend und hinter jedem Worldtradecenter kurz den Gürtel locker schnallend um dann weiterzuschwingen. Neh. Ich hätte allerdings auch an diese tolle Fledermausklamotte gedacht, sehr reizvoll, der Sixpackbauch aus schwarzem Hartplastik... aber ich schweife ab.
Stattdessen drehte ich mich langsam um und trat breiten Schrittes, in Zeitlupe, auf die aufgebrachte Frauenrunde zu.
"Was haben wir denn für ein Problem, hübsches Mädchen?"
Das eingegipste Mädchen starrte mich großäugig an und brachte kein Wort hervor. Sie war von meiner Erscheinung derartig überwältigt, dass ich einige kurze Sekunden bei dem Gedanken verharrte, ob ich heute früh nicht doch vielleicht meinen Superheldenmantel mit der Winterjacke verwechselt hatte. Ich wagte es jedoch nicht, an mir herunterzusehen. Ich musste entschlossen wirken. Nachdem dem Mädchen der Mund aufzufallen drohte, sprang die junge Mutter ein:
"Lisa, sag dem netten Herrn was los ist."
Das Mädchen antwortete nicht. Dafür meldete sich die kleine Rotzschwester zu Wort, mit ebenso rotziger Stimme:
"Klara hat die Krücken fallen lassen und die liegen jetzt da unten."
"Nicht wahr", sagte jetzt das eingegipste Mädchen, das sofort die Fassung zurückbekommen hatte, "DU hast sie mir aus der Hand gerissen."
"Nichtwahr!"
"Wohlwahr!"
"Nichtwahr!"
"Wohlwahr!"
Ich schritt ein um den Hausfrieden zu wahren:
"Aber Mädels, das ist doch kein Grund zum Streit. Ich hole euch die Krücken, dann ist alles wieder gut."
"Boah", sagte die Rotznase zu ihrer älteren Schwester, "hast DU ein Glück."
Ich lief zum Brückengeländer hin. Es reichte mir bis zum Kinn. Spätestens als ich die Lage der Krücken sah, die noch einen Meter unterhalb der begehbaren Fläche der Brücke auf einem zwei Meter breiten Metallrost lagen, das nur äußerst notdürftig verschraubt über dem Abgrund hing, unter dem jeden Moment die U-Bahn vorbeizischen konnte, bereute ich meine heldenhaften Worte. Zur Frauenrunde hatten sich mittlerweile ein paar ältere Schaulustige gesellt. Supermek konnte jetzt nicht schlappmachen. Meinen Begleiter sah ich durch mein speziales Superheldenauge im Hinterkopf sich schon ins Fäustchen lachen. Nein, jetzt nicht. Jetzt durfte ich die Welt nicht im Stich lassen.
Und so hievte ich mich in einer dermaßen schwungvollen Bewegung über dieses kinnhohe Geländer hinweg, dass ich dabei selbst ins Staunen geriet. Wie ein jugendlicher Tiger schwang ich mich über diese mörderisch hohe Balustrade.
Auf halbem Wege jedoch spürte ich einen wüsten Stich in meiner Seite. Ich wälzte mich gerade über die Kante, als der Stich meinen ganzen Körper durchzog. Von oben rechts, bei meinem Auge, bis unten Links zu meinem großen Zeh. Ein Blitz, ein Riss, als hätte mich der böse Mutant mitten ins Herz getroffen. Schwer verwundet und blutend landete ich mit einem sportlichen Satz auf der anderen Seite des Eisengitters. Die Schaulustigen auf der Brücke stöhnten auf. Ich schaute an mir herab. Keine Fleischwunden, keine Kratzer. Glück gehabt. Vor selbstloser Bescheidenheit strahlend, atmete ich tief ein und schätzte die Beständigkeit des unter mir liegenden Metallrostes ein. Vorsichtig stieg ich den Meter in die Tiefe und setzte behutsam den ersten Fuß auf das Rost. Ich drückte ein wenig, es gab nicht nach, federte nicht einmal. Beide Hände noch am Geländer setzte ich den zweiten Fuß auf. Als ich dann merkte, dass das Metall unter meinen Füßen gar nicht mal so unstabil war wie es aussah, ließ ich das Geländer los. Ja, klar, das Metallrost musste ja einen lebensmüden Sturz vor die Gleise aushalten. Also hält es lebensmüde Helden auch.
Als ich dann zu den ersten wankelnden Schritten in Richtung Krücken ansetzte, hörte ich es. DAS, das kommen musste, weil es, wie in jedem schlechten Film auch, einfach kommen muss. Das Rauschen. Das metallische Rauschen mit diesem unheimlichen Geisterton, wenn sie durch die Kurven fährt. Die U-Bahn. Ich weiß, es klingt sehr konstruiert. Ist es auch. Die U-Bahn kam nämlich gar nicht. Deshalb lasse ich es weg. Ich hätte noch lieber von einer Dampflok erzählt, die unter meinen Füßen hindurchgerauscht wäre und mich in einem Bruchteil einer Sekunde zu einem Räucherwürstchen, oder nein, in einen Räucherstier verwandelt hätte. Aber das glaubt mit ja eh keiner. Kein dramatisches Heldentum mehr, in dieser traurigen Welt von elektrisch betriebenen Wägelchen. Wie auch immer, die U-Bahn kam jedenfalls - nicht, und ich musste ganz langweilig die anderthalb Meter zu den Krücken hin laufen, sie vom Boden heben und zurückkehren. Auf dem Rückweg allerdings mit einer weitaus ernsteren Miene.
Eigentlich hätte ich mir die Krücken ja gerne auf den Rücken gebunden, wäre damit wieder über das Gitter geklettert und hätte sie feierlich dem verwundeten Mädchen überreicht, aber ich hatte kein Seil dabei, das trage ich viel zu selten mit mir herum, zudem wäre es mir auch ein wenig albern vorgekommen. Echte Helden sind bescheiden. So steckte ich die Krücken durch die Gitterstäbe hindurch und sofort kam die Rotznase herbeigelaufen, riss mir die Krücken aus der Hand und lief ohne ein einziges Wort des Dankes wieder weg, zu Mutter und Schwester.
Auf der Brücke hatte sich mittlerweile eine beachtliche Menschenmenge versammelt. Nun stieg ich wieder auf die Brücke hoch, und schon spürte ich den scharfen Stich wieder quer durch meinen Körper. So stand ich ein zweites Mal vor dem kinnhohen Geländer. Nur auf der falschen Seite. Den Stich würde ich kein zweites Mal aushalten, da musste in meinem Leib etwas wirklich gerissen sein. Aber die Menschenmenge sah mich erwartungsvoll an, tausende von Augen waren auf mich gerichtet. Nur mein Begleiter stand auf der anderen Seite der Brücke, gegen das Geländer gelehnt, die Arme verschränkt, und kicherte.
Jetzt hatte ich keine Wahl mehr, ich musste noch einmal. Und weil ein Indianer keinen Schmerz spürt, und ein echter Held erst recht nicht, hievte ich mich ein zweites Mal über die Balustrade. Der hinterhältige Stich schoss sofort wieder durch meinen Leib, aber ein Indianer fühlt keinen Schmerz, wie ein junger Tiger zog ich mich über die Kante, als mein rechter Arm sich schon gelähmt anfühlte, weil der Stich jetzt alle äußeren Körperteile erreichte, aber ein Indianer fühlt keinen Schmerz, und so ließ ich mich auf der anderen, richtigen Seite herab, viel zu hoch das Teil, ich musste mich festhalten, der Stich ging vom Herz aus in allen Richtungen meines Körpers, Schmerz lass nach - Indianer!
Und landete sanft mit beiden Beinen auf dem festen Boden der Brücke. Die Menschenmenge staunte.
Ich vergewisserte mich noch schnell mit einem prüfenden Blick, ob die Krücken das verletzte Mädchen auch erreicht hatten. Hatten sie. Und so konnte ich ruhigen Gewissens wieder meines Weges laufen. Auf Dankesworte wartete ich nicht. Echte Helden tragen den Ruhm schließlich im Herzen.
Mein Begleiter lachte, als wir in Richtung Schlachthof liefen, was-für-ein-Held ich doch gewesen sei. Und das alles bloß, weil die junge Mutter so einen hübschen Hintern gehabt habe. Oh, das hatte ich verpasst. Nein, versicherte ich ihm, das sei wirklich bloße Nächstenliebe gewesen. Eifrig zurückblickend konnte ich die junge Mutter leider nicht mehr sehen. Zu dicht stand die Menschenmenge beieinander.
Zuhause angekommen, erreichen wir jetzt endlich das eigentliche Thema dieser Geschichte, weil die Redaktion von Mindestenshaltbar ja irgendwas "Wunderbares" haben wollte. Und die Heldentat an sich ist nun wirklich nichts Wunderbares, sondern lediglich die Pflicht eines jeden jungen Helden. Nein, das Wunderbare war, dass ich nach Hause kam und zwei Briefe aus dem Postfach fischte. Zwei Briefe, die mein Herz erfreuten, weil sich darin zwei Einladungen auf Bewerbungsgespräche befanden, auf die ich wirklich ganz fest gehofft hatte. Das musste eine Belohnung des Himmels für meine erlittenen Qualen gewesen sein.
Daraufhin beschloss ich, so schnell wie möglich einen nächsten Versuch zum Hosenkauf zu unternehmen. Glück hält meistens länger an, wenn man es schonmal hat. Und meine Tat an jenem Nachmittag war nun wirklich dermaßen eine gute Tat, dass das Konto bei Fraue Fortuna ohne Zweifel bis zum Rand hin voll gewesen sein muss.
Dachte ich. Als ich zwei Wochen später im Kleiderladen stand, mich durch die Regale schlich und mich in den Kabinen in viel zu enge Hosen zwängte, wurde ich eines Besseren belehrt.
Ich gucke heute noch immer hoffnungsvoll in alle Richtungen, Strasse rauf und Strasse runter, nach bedürftigen Menschen, wenn ich das Haus verlasse um in die Einkaufsstrasse zu fahren. Manchmal lasse ich mir auch ein wenig Zeit, gehe erst noch in den Laden, ein wenig Gemüse zu kaufen, hoffe auf alte Omas an der Ampel. Aber nichts mehr. Nichts. Allen scheint es gut zu gehen. Jedenfalls immer wenn ich Hosen kaufen muss.
Mek Wito
Südtiroler Kuhhirte und gelernter Hausbesetzer in Rente, lebt in Hamburg und versucht es immer wieder, sich an die Elbe zu setzen um die ultimative Liebesgeschichte zu schreiben. Bis es soweit ist, schreibt er auf
Mequito.org über Basilikumzucht, Hängegeranien und andere dunkle Abgründe der Seele.
Es gibt keine Klischees. Sie sind alle wahr.
Froschfilm
Froschfilm bemüht sich in seiner ersten Auftragsarbeit alles perfekt zu machen und tischt profunde Landeskenntnisse auf. Kann so etwas wunderbar sein?
Schweigen will ich in diesem Beitrag von der Sitte, Trinklokalitäten
„Wunder-Bar“ zu nennen. Das ist nämlich das Gegenteil davon.
Wunderbar war dagegen mein halbjähriger Aufenthalt in Italien, im letzten Sommer. Da hätten wir also auch gleich den weltbürgerlichen Aspekt und die Kultur im Boot, um die es hier ja auch irgendwie gehen soll. Mal sehen, ob ich in den Blick in die Zukunft dabei auch noch unterkriege. Am besten ich fange gleich damit an: Eine Studentin hatte die These, Italien sei Deutschland in seiner Entwicklung um 20 Jahre voraus. Die werten Leser mögen meine Erlebnisse also unter diesem Blickwinkel betrachten.
Bei der Anreise und den mehrmals wechselnden Zugteams fällt auf, dass sich zwar Sprachen und Dialekte ändern, die Melodie der Ansagen aber permanent gegen den natürlichen Duktus der Sprache arbeitet. Man sollte meinen,
Joachim Bublath gibt die Rhetorikkurse für Zugansager in ganz Europa. Wahrscheinlich steckt ein großer Plan zur Vereinheitlichung der
Corporate Identity der europäischen Bahnen dahinter. Apropos Corporate Identity: Den Begriff kennen die Italiener und sie müssen, ebenso wie wir, sinnlose Seminare mit hohem Anteil hohler Phrasen dazu erdulden. Erfrischenderweise kümmern sie sich in der Praxis aber kaum darum. Mein Lieblingsbeispiel dafür war die Filiale der deutschen Bank in Bologna: Es herrschte dort ein Durcheinander von schief angeklebten, streifig ausgedruckten Zetteln, abgewetzten alten Büromöbeln, miefiger Beleuchtung und seit Jahren veralteter Werbung wie man es in Deutschland höchstens in Kleinstbahnhöfen vorfindet, wo auch noch Katzenfreunde Futter für ihre geliebten Tiere bereitstellen dürfen. Die lässige Missachtung jeglicher Gestaltungsregeln wurde aber von Hilfsbereitschaft und einer Freundlichkeit jenseits geölter Hotlinestimmen-Entschuldigungen kompensiert.
Zweites Beispiel: Die Bahnkartenautomaten. In Deutschland bekannt für schmuckes Design, aber mangelhafte Bedienbarkeit. In Italien steht man vor spiegelnden, gekrümmten Röhrenmonitoren aus den 80er Jahren und starrt auf die hässlichste Oberfläche, die je ein
GUI-Designer ersonnen hat. Der Touchscreen reagiert aber schnell und innerhalb von 20 Sekunden kann man problemlos an sein Ticket kommen. Ich beginne zu verstehen, warum Deutsche im Ausland unbeliebt sind: Stets bemüht perfekt zu sein, dabei scheiternd und darüber hinaus nicht herzlich. Alle Klischees sind wahr. So auch die italienische Unzuverlässigkeit. Die Italiener helfen dem Vorurteil gerne ein bisschen nach. Wenn man nämlich in Italien ein öffentliches Telefon benutzt, kann es leicht passieren, dass das Gespräch unterbrochen wird und für ein paar Minuten die Meldung „kurzfristig außer Betrieb“ erscheint. Kurz darauf funktioniert das Telefon tatsächlich wieder anstandslos. Wahrscheinlich stöpselt die Telecom Italia zur Pflege des Italienbildes bei nichtitalienischen Gesprächen gerne ein wenig in der Vermittlungsstelle rum. Das haben sie jetzt davon. Schon wieder ein Text, der nur Klischees bemüht. Aber warum müssen die auch alle immer so verdammt wahr sein?
P.S.: Ein Ire, den ich Jahre zuvor ebenfalls in Italien kennen lernte, war schwul und liebte anscheinend Klischees. Er hieß zumindest David und sprach permanent und in der dritten Person davon, was David mochte und was nicht. Erst nach einigem Grinsen meinerseits stellte sich heraus, dass sein Freund ebenfalls David hieß und beide Anwälte waren. Das ergab keinen Sinn.
Saatchi & Saatchi heißen Werbeagenturen, nicht Kanzleien. David & David heißt man schon gar nicht. Man nennt seine Reisetasche auch nicht
„wonderbra“ . Dass David dies tat, war wiederum sehr wunderbar.
Froschfilm
mag den Namen seines Blogs
„Ein Froschfilm wird gezeigt“. Sein Pseudonym verdankt er dagegen anfänglicher Unbedarftheit und einem sturen Drang nach Konsistenz. Er mag auch grau, die lebendige Alternative zu schwarz.
I could say Bella, bella, even say wunderbar
Frau Klugscheisser
Wenn jemand die viel versprechende Frage stellt: "Was unterscheidet die Deutschen von anderen Nationalitäten?" Dann ist meine klare Antwort: "Die Sprache."
Sie meinen, das sei zu einfach? Sie behaupten, dass die Unterschiede viel zu komplex seien, als dass sie mit einem einzigen Wort umfassend umschrieben wären? Ich behaupte das Gegenteil. Ein einziges Wort enthüllt Welten, die unterschiedlicher nicht sein können.
Sprache formt Menschen, ihr Denken und ihre Einstellungen. Die deutsche Phonetik klingt für andere hart, gehackt,
subguttural, und obwohl die Deutschen den Niederländern im Konsum von Halsbonbons durchaus das Wasser reichen können, behaupten sie, holländisch sei - genau wie Schwitzerdütsch - eine Halskrankheit. Nun, es gibt immer eine Steigerung, wie wir nicht erst seit der finnischen Episode von Jim Jarmuschs
Night on Earth wissen.
Kein Geheimnis ist auch, dass sich der Deutsche gerne mit negativen Erscheinungen beschäftigt. So entstanden in der Epoche der
Romantik Begriffe, die den Regungen der Seele Ausdruck verliehen. Und romantisch sind sie, die Deutschen. Sie sprechen gerne über ihr Seelenheil. Kein Volk der Welt drückt seine Gefühle so eloquent aus wie wir. Da gibt es Weltschmerz, Fernweh und Heimweh nach deutschem Wald. In der Heimat wird dann der Wanderslust bis zur Blasenbildung gefrönt.
Selbst die Physiognomie des Sprechenden wird von der Sprache auf Dauer beeinflusst. Franzosen sprechen mit spitzen Lippen und lockerem Kinn, während bei Amerikanern die Kiefermuskulatur/Mundbreite stärker als alles andere ausgeprägt ist. Deswegen funktioniert auch die Synchronisation französischer Spielfilme nur bedingt. Nehmen wir mal an, ein Satz lautet im Französischen "tu es completement fou!" Im Amerikanischen würde sich das dann so anhören: "you motherfucking son of a bitch!" oder "you weird bastard" dabei öffnet sich der Mund sehr weit, um den Kaugummiklang so richtig zur Geltung zu bringen. Dem Franzosen ist das weite Öffnen des Mundes eher fremd. Die Bezeichnung French kiss ist nämlich eine Erfindung der Amerikaner, gleichwohl "es
französisch machen" der hormonell bedingten sehnsuchtsvollen Phantasie eines einsamen Wanderers durch den deutschen Wald entsprungen sein muss.
Würde ich mich hier nun auf die negativen Eigenschaften der Deutschen beschränken, so bestätigte ich nur wieder das Bild anderer Nationen von uns. Nur weil die Sprache hart klingt, sind wir deswegen noch lange nicht so hart und ernst, wie wir gerne in ausländischen Filmproduktionen der Nachkriegszeit dargestellt werden. Im Gegenteil, wir sind durchaus lernfähig, was durch wahllose Adaption von Anglizismen in die deutsche Sprache bewiesen ist.
Selbst innerhalb Europas existiert ein Äquivalent zum deutschen Phänomen der harten Aussprache. Italiener werfen den Spaniern eine harte Phonetik vor. Ausschließlich italienisch sei die ideale Gesangssprache für Opern und Lieder. Doch statt auf die Italiener mächtig sauer zu sein, hacken die Franzosen ebenfalls auf die armen Spanier ein. Will ein Franzose ausdrücken, dass er einer Fremdsprache - etwa italienisch - nicht mächtig sei, so sagt er sinngemäß, er spreche italienisch wie eine spanische Kuh (je parle l´italien comme une vache espagnole). Selbst uns kommt so manches spanisch vor. Dabei schmilzt noch heute so manche Frau dahin, sobald
Besame mucho erklingt.
Sprache ist Klang, und Härte ermöglicht feurige Rhythmen. Wenn wir Deutschen nun aufgrund unserer miserablen Wetterlage nicht gerade feurige Wesen sind, so sind wir durchaus in der Lage, inneres Feuer zu entwickeln. Leidenschaft entsteht im Herzen. Dieses Feuer wärmt selbst noch auf kleiner Flamme und ermöglicht so die sprichwörtlich deutsche Gemütlichkeit. Ist das nicht wunderbar?
Frau Klugscheisser
spricht nur wenige Worte in vielen Sprachen, dafür in ihrer Muttersprache umso mehr. Einer von vielen
logorrhoeischen Anfällen, in Verbindung mit der Entdeckung der großen weiten Netzwelt, gab den Ausschlag, vor einem Jahr ein
Blog zu eröffnen. Genauere Ursache hierfür könnte aber auch reine Langeweile gewesen sein. Die eingeleitete Selbstanalyse liefert derzeit noch keine verbindlichen Ergebnisse.
Wenn sie gerade nicht hobbypsychologisiert, pseudophilosophiert oder koprolaliert (klugscheißt), geht sie in die Luft.
Wunderbares Leben in der Schweiz
Jens-Rainer Wiese
Als Deutscher in der Schweiz lernt man seine Muttersprache ganz neu kennen. Zahlreiche schweizer Wörter und Formulierungen zeichnen sich durch hohe „Sprachökonomie“ aus: Der „Unterbruch“ ist kürzer als die „Unterbrechung“.
Wir leben nun seit über fünf Jahren als Deutsche in der Schweiz. „Sie kommen ja aus einem ganz anderen Kulturkreis“, wurde uns schon gleich zu Anfang von einem Lehrer erklärt. Was das konkret im Alltag heißt, durften wir auf wunderbare Weise sehr rasch lernen: Gleich am ersten Morgen in der Schweiz fielen wir vor Schreck aus unseren Betten, weil die Kirchenglocken im Ort um 6.00 Uhr zum Angriff läuteten. War ein Feuer ausgebrochen? Drohte eine Flutwelle uns zu vernichten? Stand der Dritte Weltkrieg bevor? Nein, es war einfach nur das allmorgendliche Zeichen zum Aufstehen. Die Schweizer brauchen keinen Wecker, sie haben Kirchenglocken. Und wenn es wirklich ein Atomkrieg gewesen wäre, vor dem man uns warnen wollte, alles kein Problem, denn in unserem Wohnhaus sind wir auch dafür vorbereitet.
Mit großen Augen haben wir gleich am ersten Tag nach dem Einzug unseren ausgebauten
Atomschutzkeller bewundert. Mit einem Chemieklo, Feldbetten und einer Luftfilter-Anlage, die per Handkurbel betrieben werden muss. Alles original in luftdichter Folie verpackt und gebrauchsfertig. Was tut man in so einem Atomschutzkeller, um sich die Zeit zu vertreiben? Vielleicht auf Wanderschaft gehen, denn wie hieß es so schön auf der Liste für die mitzunehmenden Gegenstände: „Festes Schuhwerk“ und „Kehrrichtsäcke“. Ob während oder nach einem nuklearen Ernstfall in der Schweiz die Müllabfuhr kommt? Wir wissen es nicht, aber wir staunten täglich über neue Wunder. Wunder sprachlicher Art begegneten uns auf Schritt und Tritt.
Wir lernten Begriffe der Deutschen Sprache, von deren Existenz wir bislang noch keinen blassen Schimmer hatten: Die „Betreibungsauskunft“, mit der man einem Vermieter beweisen muss, dass man keine Schulden hat, oder die „Busse“, die hier nichts mit Kirche und dem Gang nach Canossa zu tun hat, sondern ganz profan in Form von 200 Franken an die Polizei wegen falschem „Parkieren“ bezahlt werden muss. Dann ist man „fehlbar“, dann wird man „verzeigt“. Warum fehlten uns diese Wörter bisher im Sprachschatz? Hatten wir das Germanistikstudium vergeigt?
In dem war es um Gottfried Keller gegangen, den großen Schweizer Poeten, der all diese „Helvetismen“ nie gebrauchte. Im Gegenteil, der korrigierte noch einen grammatikalischen Fehler im Glückwunschtelegramm, das ihm der Schweizer Bundesrat zu seinem siebzigsten Geburtstag zusandte, und schickte das Ding dann zurück.
Das würden wir nie tun, die Schweizer korrigieren wollen! Wir halten die Augen und Ohren offen und staunen täglich über neue Sprachwunder, die wir entdecken dürfen. Wir entdecken sogar Lücken im Hochdeutschen Wortschatz, die in der Schweiz elegant gefüllt werden. So haben die Schweizer das schlichte Verb „vorkehren“, während wir Deutschen umständlich „Vorkehrungen treffen“ sagen müssen. „Kehren“ heißt hier „umdrehen“, und nicht „fegen“ (mit einem Besen), denn „fegen“ heißt hier „wischen“. Unsere „Peperoni“ sind hier die „Paprika“, weil das Wort „Paprika“ für die „Peperoni“ gebraucht wird. Alles klar?
Wunderbare Varianten der Deutschen Sprache, schon lange haben wir aufgehört, etwas als „richtig“ oder „falsch“ zu bezeichnen. So soll es bleiben.
Jens-Rainer Wiese
Der Autor lebt seit 5 Jahren als Deutscher mit seiner Familie in der Schweiz und berichtet auf seiner
Blogwiese über eigene Erlebnisse bei den Schweizern, sowie über sprachliche Beobachtungen.
Österreicher wird man durch Grenzübertritt
Aschantinuss
Man bräuchte eine Backpacker - Lösung für Leute, die unterwegs ganz alleine Österreich sein müssen, weil sich Österreich selbst nicht außer Landes traut. Länder reisen reduziert auf vier Fakten.
Wenn meine Buddies aus der Jugendherberge mit der langen Happy Hour, also Jimmy und – ja, eigentlich ist Jimmy der einzige, dessen Namen ich mir gemerkt habe – und ich ausknobeln, ob das Fenster im 6 - Bettzimmer offen oder zu bleibt, nutzen wir die Zeit immer auch für landeskundliche Gespräche. Der Konversationsverlauf ist trotz wechselnder Buddies eher einheitlich: „So, you are Austrian. That’s nice. Hitler was Austrian, did you know that?“ Mittlerweile habe ich mir angewöhnt schon nachmittags im Zimmer vorbeizuschauen, um die Kofferetiketten der Neuankömmlinge zu inspizieren, damit ich anschließend im Internetcafé „mean people Albuquerque“ googeln kann. Leider sind die dunklen Flecken in der Vergangenheit vieler Landstriche wenig einprägsam und ich muss bluffen: „Richard Clayderman was from New Mexico, did you know that?“ und leider fliege ich meistens dabei auf.
Warum muss eigentlich immer ich Österreich sein, sogar wenn Schweden in der Zimmerrunde noch gar nicht vergeben ist? Nicht, dass mir Österreich auf diesem Abstraktionsniveau peinlich wäre - ich entwickle gerade dann mütterliche Gefühle für mein Land, wenn gemutmaßt wird, es wäre eine kommunistische Monarchie unter
Kurt Waldheim - aber zwischendurch Dill Sill statt Apfelstrudel wäre eine nette Abwechslung.
Andererseits kann ich mir gerade vom Ausland aus Österreich frei gestalten. Ich kann meine Wohngegend bei den Bäumen draußen mit stylishen Bars spicken, in denen „Sex and the City“ gedreht wurde, weil es in New York nichts Vergleichbares gab. Ich kann dreist behaupten, dass für die junge Kulturszene enorm viel getan wird und Wien eine der wenigen wahrhaft multikulturellen Städte auf dem Erdball ist. Jeder Aufenthalt im nichtösterreichischen Rest der Welt hat nämlich den angenehmen Nebeneffekt, dass ich mir zu allem, was mir begegnet, im Alleingang die Landesmeinung bilden darf („So what do Austrians think about…“). Meistens ist ja niemand greifbar, der ebenfalls mit dem Weltbild, die Erde hätte einen Kern aus Marzipan und Nougatcreme, groß geworden wäre, und mich widerlegen könnte. Andere sind Deutschland, ich bin die Österreicher. Das trägt sicher dazu bei, dass in Zeiten der Fernbeziehung zwischen mir und meinem Geburtsland immer alles im Lot ist.
Die Österreicher fahren an einem langen Tag in London zwischen zwei langen Nächten in London mit den Augenlidern auf Halbmast Rolltreppe und halten nichts von dem dunkelblauen T-Shirt mit dem Aufdruck
„Ski Iraq“, das der Brite auf dem absteigenden Rolltreppenast neben ihnen trägt. Die orangen, die von Urlaub in Guantanamo Bay schwärmen, machen sie erst recht wütend. „Wer dabei behilflich ist, ein Land zu zerstören“, denken die Österreicher, „sollte den Zynismus besser ganz hinten in das Regal mit den humoristischen Ingredienzien stellen.“ Natürlich ist ihr kritisches Stirnrunzeln nicht frei von Selbstgefälligkeit, aber es muss wohl erlaubt sein, die angenehmen Seiten der Tatsache zu genießen, dass man weltpolitisch nur wenig Schaden anrichten kann. Die Österreicher könnten sogar schlecht gestaltete T-Shirts mit geschmacklosen Sprüchen tragen und es wäre ein kritisches Statement oder die Vision einer besseren Welt.
Die Österreicher schleppen sich durch die Bahnhofshalle und finden vor lauter Shops keine Bahnsteige. „Gee, I’m getting all my countries mixed up“, albert der indische Mediterranean - Sandwich – Dealer in bemüht französischem Akzent mit dem Schokoriegelstandler herum. „Nah, beneath your antipasti you are still a bellydancer.“, stellt ihn der an seinen vermeintlichen Platz zurück. Ja, ein Durcheinander - die Buddies, die Länder, die Österreicher und ich, aber wer soll das aussortieren? Nicht einmal mit weniger
Curiosity Cola und mehr Schlaf könnte ich das.
„Are you alright, love?“, reißt mich ein älterer Herr mit Out-Of-Bed-Frisur zwischen Geheimratsecken aus meiner Kontemplation einer Menschenmenge am Ticketschalter. Seine Fürsorglichkeit unterbricht einen langen Gedankengang, an dessen Ende ich mir Klarheit in der Frage erhofft hätte, welche Frisur ich haben wollen würde, wenn ich von Natur aus eine Afrokrause hätte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es viel Sinn hätte, ihn zu fragen, in welchen Intervallen man Afrokrause glätten muss, wenn man sich für den geradlinigen Look entscheidet, also lächle ich bloß ein Reflexlächeln und nicke. (
Cornrows, eventuell.)
Ich spreche nicht für mein Land, wenn ich sage: Ich sollte frühstücken, Aspirin einkaufen, schlafen.
Aschantinuss
ist mit einem Orientierungssinn gesegnet, der alles neu aussehen lässt, sobald sie nur die Straße überquert. Mit dieser für ein abenteuerliches Leben auf kleinem Raum idealen Disposition hat sie sich in Wien niedergelassen. „Die Umstellung auf Blogtechnologie hält die papierenen Scribblebücher dünner und spart Stauraum.“, flüsterte ihr eines Tages eine Stimme wie aus dem Teleshoppingkanal zu. Seither werden Gedanken, die sonst im Weg herumstünden, auf
aschantinuss.twoday.net weggeschlichtet.
Supergute Tage oder Ein bisschen Christopher
Christine Schranz
Nach 283 Seiten im Leben eines Asperger-Autisten lernen wir, ein bisschen weiter zu sehen und erkennen vielleicht sogar eine der wichtigen Kleinigkeiten, die, verdeckt vom Alltag, direkt vor uns liegen.
Christopher ist 15 Jahre und 3 Monate und 2 Tage alt. Er kennt alle Primzahlen bis 7.507, mag Mathematik und Astronomie, seine Hausratte Toby, Kriminalromane, Regenwetter und um vier Uhr morgens die Straße auf und ab zu gehen, weil man sich da besser als irgendwann sonst vorstellen kann, der einzige Mensch auf der Welt zu sein. Aus Sicherheitsgründen trägt er immer ein Schweizer Armeemesser in der Jackentasche, das eine Sägeklinge hat, mit der man jemanden den Finger abschneiden könnte – man kann ja nie wissen. Wenn ihn etwas aufregt oder verwirrt, multipliziert er im Kopf zwei mit sich selbst, weil das beruhigt, und kommt an guten Tagen bis zwei hoch 45.
Vier rote Autos in einer Reihe bedeuten einen sehr guten, drei einen ziemlich guten und fünf rote Autos einen superguten Tag, fünf gelbe hingegen einen schwarzen Tag. An schwarzen Tagen darf man kein Risiko eingehen; am besten bleibt man überhaupt zu Hause, meidet Kontakte, lässt das Mittagessen ausfallen und hofft, dass es möglichst bald morgen wird. Nach zwei schwarzen Tagen hintereinander ist es aber erlaubt, zu schummeln und während der Schulbusfahrt die Augen geschlossen zu halten, um eine Wiederholung zu vermeiden. Sehr gute Tage sind dafür gedacht, etwas Neues zu planen oder ein Projekt zu beginnen, und an superguten Tagen darf man damit rechnen, dass etwas Besonderes passiert.
Wie wir alle hat auch Christopher seine Eigenheiten. So kann es etwa vorkommen, dass er sich weigert, etwas zu essen, wenn sich die verschiedenen Speisearten auf seinem Teller berühren oder seine Zahnbürste zu benutzen, wenn jemand anderer diese angefasst hat. Aber wer mag das schon?
Weil er es gern logisch hat, gehorcht alles gewissen Regeln. Darum gibt es supergute und schwarze Tage, und darum kann er keine gelben oder braunen Dinge ausstehen. Wenn wir aus einer Speisekarte wählen sollten, ohne gewisse Lieblingsgerichte und andere, die wir nicht mögen, zu haben, würden wir vermutlich morgen noch unentschlossen und hungrig am Tisch sitzen. Wissen wir hingegen, dass wir Pizza mögen, nicht aber Kalbsbraten oder Knoblauchcremesuppe, ist die Entscheidung schon um vieles leichter. Mit den Farben gelb und braun verhält es sich ganz ähnlich: Christopher vermeidet alle Dinge, die diese Farben haben, und tut sich so in vielen Lebenslagen wesentlich leichter. Und Essen, das zwar gut schmeckt, aber die falsche Farbe hat, lässt sich mit roter Lebensmittelfarbe ganz einfach in genießbares verwandeln.
Christophers Leben verläuft eigentlich ganz geordnet - bis eines Tages…:
„Es war sieben Minuten nach Mitternacht. Der Hund lag mitten auf dem Rasen vor Mrs. Shears’ Haus, und seine Augen waren geschlossen. Obwohl er auf der Seite lag, sah es aus, als würde er rennen, so wie Hunde rennen, wenn sie einer Katze nachjagen. Aber dieser Hund rannte weder noch war er am Schlafen. Er war tot. Eine Mistgabel ragte aus dem Fell hervor. Die Zinken mussten sich ganz durch den Hund bis in den Boden gebohrt haben, denn die Gabel stand senkrecht.“
Wir befinden sich auf Seite eins von Mark Haddons Roman Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone, als Christopher beschließt, den Mordfall an Nachbarspudel Wellington zu klären und ein Buch darüber zu schreiben. Auf der Suche nach Indizien überwindet er nicht nur seine Schüchternheit, sondern erfährt auch viel über seine eigene Vergangenheit, findet schließlich Wellingtons Mörder und seinen eigenen Mut, reist nach London und schafft das Mathe Abitur.
Ja, er ist manchmal ein bisschen eigenartig. Aber sind wir nicht trotzdem – oder gerade deshalb - alle ein bisschen Christopher?
Unsere superguten und schwarzen Tage haben vielleicht nichts mit Autos zu tun, dafür vielleicht mit schwarzen Katzen und zerbrochenen Spiegeln. Meine persönlichen schwarzen Tage waren im letzten halben Jahr die Mittwoche und die superguten diejenigen, an denen mir in der Früh an der Haltestelle das Lächeln eines wildfremden Menschen begegnet, obwohl es regnet und weit und breit kein Bus in Sicht ist. Eine Freundin verfolgt das ungeschriebene Gesetz, immer, wenn sie einen Mini Cooper sieht, ihren Freund zu küssen und beim Anblick eines VW Käfers allen, die mit ihr unterwegs sind, einen Schlag zu versetzen – das bringt Glück. Mein Hund kann bei Vollmond nicht schlafen und meine Oma mag keine Frühlingstage, an denen es ganz plötzlich von Nasskalt auf Fön umschlägt, weil ihr dann regelmäßig schlecht wird. Menschen, die mich nicht bei meinem Spitznamen nennen, sind meistens die, mit denen ich später mal Probleme habe. Ein Freund hat jahrelang einen großen Bogen um alle Teppiche gemacht, da an Tagen, an denen man auf Teppiche tritt, bekanntlich etwas Schlimmes passiert, und wir alle erinnern uns an
Klein und seine Horrorskopgläubigkeit. Wenn man sich beim Anblick einer Sternschnuppe etwas wünscht, geht es in Erfüllung, und viele Fußgänger treten beim Überqueren eines Zebrastreifens bewusst nur auf die weißen Stellen, weil sie sich dann sicherer fühlen.
Wir wissen nur zu gut, dass all das Phantasie ist. Aber wäre das Leben halb so wunderbar, wenn wir, nachdem ein Wunsch in Erfüllung gegangen ist, nicht davon überzeugt sein dürften, dass daran nur die Sternschnuppe Schuld ist, die wir gestern Nacht gesehen haben?
Christine Schranz
studiert zurzeit Anglistik in Wien und arbeitet an mindestenshaltbar; sie mag verrückte Ideen, interessante Menschen und das in Worte Verwandeln von Momentaufnahmen, die manchmal in ihrem Weblog
That's Life zu finden sind.
Wir hoffen, Sie haben Recht, Herr Williams.
Martina Kink
"... and through it all she offers me protection, a lot love and affection, I'm loving angels instead." So sang damals Robbie Williams. Wollen wir hoffen, dass er Recht hat. Denn: "What a wonderful world that would be" sang noch mehr damals schon Sam Cooke.
Clara. So heißt mein Schutzengel. Das hat mir eine durchgeknallte New Yorker Wahrsagerin erklärt, die Engel zwar auch nicht sehen kann, sich aber trotzdem damit auskennt. Meine linke Gehirnhälfte drehte sich sofort kopfschüttelnd weg: „Natüürlich. Engelchen.“ Normalerweise würde ich zustimmen, ich bin ein pragmatischer Mensch, esoterisch werde ich nur, wenn ich mir überhaupt nicht mehr zu helfen weiß. Schutzengel aber gefällt mir ausgesprochen gut. Engel. Wie nett.
Clara also ist seit meiner Geburt bei mir, um auf mich aufzupassen. Das bekommt sie einigermaßen hin, bisher ist mir nicht viel Schlimmes passiert. Als Kind bin ich mal überfahren worden, Ende 20 kam ein Blaulicht-Blinddarm-Durchbruch dazu, letzten Winter BMW gegen Baum. Keine Ahnung, wo Clara sich rumgetrieben hat, vielleicht wollte sie sich auch nur einen hübschen Assistenzarzt anlachen. Ich habe alles überlebt, da will ich mal nicht so sein. Ob Schutzengel auch für Liebesgeschichten zuständig sind, weiß ich nicht. In dem Fall müssten wir nochmal reden.
Jetzt mach ich mir natürlich so meine Gedanken. Wie die wohl aussieht? Hoffentlich trägt sie keine weißen Wallegewänder, weiß macht mich immer so blass. Größer als ich würde gut beim Aufpassen helfen. Vielleicht ist sie aber auch nur ein klitzekleines Ding, das sich von mir auf der Schulter rumtragen lässt. Was meinen ewig verspannten Nacken erklären würde. Brauchen Schutzengel eine Ausbildung? Ich bitte darum. Besser noch ein abgeschlossenes Hochschulstudium und ein paar Jahre Berufs- und Auslandserfahrung. Die allerdings hat sie, das weiß ich. Immerhin habe ich lange in New York gelebt und es ist mir nichts passiert, obwohl dort damals der – Achtung – Teufel los war. Mehrsprachig sowieso, Erste Hilfe Kurs, und mit diversen Superkräften ausgestattet. Simsalabim, Zauberstab und so. Klar.
Trifft die sich manchmal mit den anderen Engeln? Ich nehme es an, die müssen auch mal raus, all work no play tut niemandem gut. Das geht selbstverständlich nur, während wir schlafen. Dann kann uns nicht mehr allzuviel passieren, außer schlimmen Träumen, aber damit muss man auch mal alleine klarkommen. Schutzengel von Babys dürfen nie weg, als Baby hat man wahrscheinlich eine ganze Flotte. Erwachsenwerden würde somit bedeuten, dass sich ein Engel nach dem anderen aus dem Staub macht, bis nur noch einer übrig bleibt. Der ist dann der Depp. Ausgerechnet dann, wenn man anfängt, Auto zu fahren, Alkohol zu trinken und sich zu verlieben, ist nur noch einer da, der einem beisteht. Bisschen verantwortungslos, wenn ihr mich fragt. Es gibt Ausnahmen, habe ich mir sagen lassen, manche Menschen haben zwei Schutzengel, oder mehr. Oder mehr! Man stelle sich bitte den Alarm vor, wenn die sich dauernd die Köpfe einschlagen: „Jetzt lass sie doch mal!“ „Spinnst Du!“ „Jetzt lass Sie doch mal!“ Hinterher dann wieder großes „Ich hab’s ja gleich gesagt.“ Lampen und ähnliches Elektrozeugs hat übrigens keine Engel. Dafür gibt es Haftpflichtversicherungen.
Da sitzen sie dann, am Stammtisch. Trinken einen Wein nach dem anderen, rauchen wie die Bekloppten, und dann werden sie übermütig. Wie wir halt auch. Wer sonst sollte uns immer dieses „ein letztes kleines Weinchen“ ins benebelte Hirn flüstern, wenn wir sturzbetrunken schon den vorletzten halb verschüttet haben? Dann kriegen wir die Kurve nicht mehr, fallen mit dem Rad um und schicken geisteskranke SMS durch die Nacht. Und sowas schimpft sich Engelchen. Na, gute Nacht. Aber gut, irgendwo müssen sie sich ja mal treffen, Erfahrungsaustausch, Rumjammern, ich versteh schon. Und neue Arten der Kontaktaufnahme diskutieren, man will sich ja schließlich bemerkbar machen.
Jemand, der sich auch damit auskennt, aber nicht so gut wie die durchgeknallte New Yorkerin, hat mir folgendes erzählt: Wenn Du auf die Uhr kuckst, und die zeigt 22:22 oder sowas, dann ist das Clara. Um zu zeigen, dass sie da ist. Das will ich hoffen, dass sie da ist, dazu ist sie schließlich da. Natürlich ist es bei mir jetzt immer 22:22 oder sowas, wenn ich auf die Uhr sehe, so ticke ich nunmal. Mittlerweile reagiere ich darauf nur noch mit „Jaja, dann sag halt mal was“. Es kam aber noch nie Antwort. Gottseidank. Ich kriege ja schon einen Herzkasperl, wenn ein Buch im Regal umfällt. Manchmal hab ich so ein Pfeifen im Ohr, vielleicht ist das ja Clara, die mir was Wichtiges sagen will. Und ich zupfe immer nur genervt am Ohrläppchen und denke „Scheiße. Tinnitus.“ Oder sie schickt mir Zeichen, damit ich was zum ruminterpretieren hab. Aber da krümmt sich schon wieder die logische meiner Gehirnhälften, schreit „Was denn für Zeichen!“ und dann hab ich wieder Kopfschmerzen.
Ist es Zufall, ob der persönliche Schutzengel weiblich oder männlich ist? Die Mädels Engelinnen, die Jungs Engel? Andersrum wäre interessant, vielleicht würden wir uns dann besser verstehen. Die ganze „warum Frauen nichtmal einen Smart einparken können und Männer besser Bierflaschen mit dem Feuerzeug aufmachen“ Diskussion hätte sich damit ein für allemal erledigt. Wäre Clara ein Carl, sie würde mir sicher in die Parklücke helfen. Andererseits kann ich das aber auch alleine eins A, und mir ist auch noch keine Bierflasche untergekommen, die ich nicht aufgekriegt hätte.
Wird ihnen langweilig, weil wir gerade nicht gefährlich leben, dann überlegen sie sich andere kleine Dinge, das kennt man ja: „Dings“, denkt man, „Dings meldet sich auch nie, der Arsch.“ Dann klingelt das Telefon, Dings ist dran und sagt Hallihallo. Leider lässt sich das nicht erzwingen, Clara hat da ihren eigenen Kopf. „Mach doch mal“, sag ich, aber da wird die sowas von stur, die lässt sich nicht rumkommandieren. Eigentlich passen wir ganz gut zusammen. Den Rest des Tages geistert sie in der Wohnung rum und versteckt meine Sachen. Brille, Schlüssel, 20 Euro Scheine, wo sonst bleibt dauernd die Kohle, frag ich euch. Jetzt wird mir einiges klar. Einiges Clara, wird mir jetzt.
Ich fühle mich schon ein bisschen besser, seit ich weiß, dass sie da ist. Sehr wahrscheinlich steht sie hinter mir, meine Brille auf der Nase, liest mit und flüstert: „Du lieber Himmel, was schreibt sie denn da schon wieder?“ Deshalb ist mir vorhin auch der Text abgestürzt. Clara, Flügelchen auf der Delete Taste, jede Wette. Ich hab auch so ein Pfeifen im Ohr.
Martina Kink
"Man hat nur ein Leben." Das hat
Martina Kink irgendwann irgendwo gehört und sich gut gemerkt. Seither versucht sie, mitzunehmen, was es halt so bringt, das Leben. Derzeit in München, davor in Rosenheim, Reit im Winkl und New York. Es klappt immer so mittel.
Die Fortpflanzungsfalle
Katharina „Lyssa“ Borchert
Früher einmal waren Kinder einfach nur Kinder. Heute ist das familiäre Zusammenleben eine Kunstform, eine Wissenschaft, die das Leben der mit Erziehungstheorien überforderten Eltern völlig auf den Kopf stellt.
„Ach guckemadaaaaa, issenichsüüüüüß, die Kleine. Die winzigen Füße, die kleinen Ohren und diese klitzeklitzekleinen Fingernägel. Ein echtes Wunder.“ Dann murmelt die Frau etwas Unverständliches in Babysprech und streckt die Hand in den Kinderwagen, um das arme Baby am Doppelkinn zu kraulen. Szenen wie diese spielen sich täglich tausendfach auf der Straße und in Wohnzimmern ab. Ja, diese niedlichen kleinen Minimenschen sind sicher ein großes Wunder (auch wenn ich es aus verschiedenen Gründen sinnvoller gefunden hätte, wenn man den Nachwuchs in einem Nest ausbrüten und sich dabei abwechseln könnte), aber ich halte es für das größere Wunder, daß sich Menschen überhaupt dazu entschließen, die nächsten 18 Jahre als Eltern zu haften.
Früher galt Fortpflanzung als die natürlichste Sache der Welt und sowohl das eigene Leben als auch das familiäre Umfeld waren selbstverständlich darauf eingerichtet. Man heiratete früh und wartete nicht, bis man endlich das Etikett Risikoschwangerschaft tragen durfte. Kinder wuchsen in 3-bis-4-Generationenhaushalten auf, in denen die Alten es als ihre heilige Pflicht ansahen, die Kinder zu hüten. Heute gilt es Großeltern als heilige Pflicht, sich ab Beginn der Pensionierung auf einer Weltreise zu verwirklichen und den Enkeln gelegentlich Mails mit Fotos von exotischen Orten zu schicken. Als regelmäßige Babysitter kämen sie aber ohnehin nicht in Frage, weil sie meist quer über die Republik verteilt leben oder einen Großteil des Jahres auf den Balearen verbringen.
Das eigene Leben ist heute weniger auf Kinder eingerichtet als auf eine Karriere. Entscheidet man sich dennoch für den Nachwuchs, kann man in den Augen der Umstehenden eigentlich nur alles falsch machen. Frauen, die ihre Karriere für die Kinder zurückstellen, wird gern mangelnder Ehrgeiz, wahlweise auch schlechtes Zeitmanagement und übertriebene Gluckigkeit unterstellt. Widmen sie sich aber zu schnell wieder dem Beruf und geben das Kind früh in einen der wenigen Horte mit freien Plätzen, dann sammeln alle schon mal für die spätere Therapie des armen Rabenmuttersprößlings. Vätern geht es nicht viel anders. Ihnen wird gern die fehlende Bereitschaft zum Daheimbleiben unter die Nase gerieben, werden sie aber Vollzeitwindelwechsler, bleibt der Verdacht, ein Pantoffelheld zu sein, noch hartnäckiger haften als ausgespuckter Babybrei.
Und dann erst das Erziehungsdilemma. Das Wort Erziehung ist heute kaum noch ohne den Zusatz –wissenschaften zu gebrauchen. Was früher quasi nebenbei erledigt wurde, ist heute komplizierter als ein BWL-Studium. Die Auswahl der Theorien und Ideologien ist größer als das durchschnittliche Götterangebot auf dem Esoterikmarkt und die Ratgeberbranche boomt. Auch hier kann man also fast alles falsch und kaum etwas richtig machen. Junge Eltern können sich stundenlang über die Frage der richtigen Bettzeit streiten, und man hat bei solchen Gelegenheiten schon Tassen auf wohlmeinende Ratgeber aus der Nachbarschaft fliegen sehen.
Nicht anders sieht es z.B. bei der Trockenlegung aus. Ich dachte lange, Kinder würden halt irgendwann stubenrein werden, weil sie das als Zeichen von Unabhängigkeit selbst anstreben. Mittlerweile mußte ich lernen, daß man auch um diesen Punkt einen Religionskrieg anzetteln kann. Setzt man das Kind zu früh oder gar mit den falschen Methoden auf den Topf, droht lebenslanges Bettnässertum und wieder müssen alle für den Psychofond sammeln. Der Lebensweg von Eltern ist ein Leidensweg, der mehr Fußangeln als Wegweiser hat.
Und es ist ein Weg, bei dem kinderlose Freunde allzuoft auf der Strecke bleiben. Früher bekam fast jeder irgendwann Kinder und Freundeskreise machten sich gemeinsam auf den Weg in einen neuen Lebensabschnitt. Heute beginnt der schleichende Zerfall des Freundeskreises mit den ersten Anzeichen der geglückten Empfängnis und ganz egal, was beide Seiten sich vorgenommen haben, sehr bald schon treffen Kinderlose und junge Eltern immer seltener aufeinander. Das hat viel mit übersteigertem Missionierungsdrang auf beiden Seiten zu tun. Gebärverweigerer wollen sich nicht ständig anhören müssen, daß Kinder der Höhepunkt irdischen Seins sind, und Eltern wollen sich nicht immer mit dem Freiheitsstreben der Unabhängigen konfrontiert sehen.
Also trifft man sich irgendwann nur noch bei größeren Anlässen und insgeheim empfinden beide Seiten das als betrübliche, aber recht praktikable Lösung. Die Kinderlosen müssen ihre Samstag Abende nicht mit den Bekinderten überm Fondue verbringen und sich die Beine beim Stolpern über herumliegendes Spielzeug brechen, sondern können weiterhin fröhlich die Nächte auf dem Kiez durchfeiern. Die Eltern sind froh, unter sich zu sein, weil in dieser trauten Runde niemand auch nur die Augenbraue hebt, wenn das Kind seinen Mageninhalt auf dem Sofa verteilt und der Jüngste es mal wieder nicht rechtzeitig bis zur Toilette schafft.
Oft ist der einzige Trost, der Eltern angesichts dieser Hürden bleibt, die Tatsache, daß sie kleine Wunderkinder in die Welt gesetzt haben. Das war früher nämlich weitaus schwieriger als heute. Vor 200 Jahren mußten Kinder mit acht Jahren die Wohnzimmerdecke in die sixtinische Kapelle verwandeln oder mit zwölf Sonaten und mit 14 ganze Opern komponieren, um das Prädikat Wunderkind zu erhalten. Heute genügt es meist, gewisse Verhaltensauffälligkeiten an den Tag zu legen, sich aber im Vorschulfremdsprachenunterricht nicht ganz ungeschickt anzustellen. Denn wie wir alle wissen, deutet sonderbares Verhalten keineswegs auf falsche Erziehung oder eine übellaunige Persönlichkeitsstruktur, sondern auf die Unterforderung eines extrem sensiblen, hochbegabten Kindes hin. Man sollte im Interesse der Bevölkerungsentwicklung allerdings besser nicht darauf hinweisen, daß höchstens ein bis zwei Prozent aller Kinder tatsächlich als hochbegabt gelten, während die Quote der von Eltern als hochbegabt diagnostizierten Kindern bei etwa 40 % liegt.
Katharina Borchert
Wahlhamburgerin mit chronischem Fernweh, die sehr zum Leidwesen ihrer Eltern der anständigen Juristerei entsagt hat, um nicht immer ganz anständige Geschichten zu schreiben. Die Liebe zum Lesen und Schreiben ging eine Allianz mit der Begeisterung fürs Internet ein, woraus das Weblog "
Lyssas Lounge" als öffentliche Chronik großer und kleiner Alltagsgeschichten entstand.
Über das Schreiben
Wasserfrau
Wer schreiben will braucht ein Publikum, für das es sich Erfolg zu haben lohnt. Das Publikum muss nicht verstehen, sondern einfach nur da sein, aufmuntern und die eigene Kreativität am Leben halten.
Er befand sich in einer schweren Schaffenskrise. Nichts war mehr wie früher. Früher bastelte er in solchen Krisen Papierflieger aus den angefangenen Texten, die nicht hielten, was er von ihnen wollte. Dann warf er sie durchs Zimmer, manchmal zusammen mit seinem noch kleinen Sohn. Spätestens wenn Nico bei dem Spiel wild mitgeeifert hatte, kam eine Phase, in der er plötzlich, ganz außer Atem, wieder schreiben konnte. Natürlich hatte er sich auch damals gequält. Er wimmelte das kleine Kind ab, wenn es plötzlich, nach dem Mittagsschlaf noch ganz benommen, in der Tür seines Arbeitszimmers stand. Doch der Kleine, der ihn mit Charme und Hinterlist bezwang, verhalf ihm häufig genug, dann doch wieder zu Aktivität und Zuversicht zu kommen. Und die Sorge für den Zwerg, die half ihm auch, wenn der gar nicht zugegen war mit seiner unerbetenen und doch hilfreichen Unterstützung beim papiernen Flugzeugfestival rund um den Schreibtisch. Er half ihm, weil es lohnte, wegen ihm zu schreiben. Erfolgreich zu sein. Jedenfalls in ausreichender Menge. Die Pflicht hatte seine Kreativität am Leben erhalten. Ein seltsames Paradox. Wer schreibt, braucht ein Publikum. Sein bestes Publikum war ein kleiner Junge, der noch nicht mal richtig sprechen konnte. Hubert wunderte sich, und dass schon wieder Tränen aufstiegen, gehörte dazu.
Dieser Artikel ist bereits im Weblog des Autors erschienen.
Wasserfrau
Die Wasserfrau pendelt zwischen Städten, schwankt zwischen der Sehnsucht nach Sinn und Kontemplation und den Schmerzen des derzeitigen Brotberufs; nicht zuletzt schwanken auch ihre Stimmungen. In ihrem Blog
Waschmaschine sucht sich so ein Leben zwischen Schonwaschgang und Schleudern kleine Ausdrucksformen.
Geständnis einer Maske
Cato Beek
“Und dann war da noch dieser verwahrloste Mishima-Typ mit seiner collaboratrice japonaise…”. Abende, die mit solchen Sätzen beginnen, können eigentlich nur gut werden.
Während sie von Frankreich erzählt, dem Frankreich damals und dem letzter Woche, beobachte ich das Paar schräg hinter ihr.
Aus den Augenwinkeln folgt sie meinen Blicken und stockt im Erzählen, weil die fast aggressiven Verführungsversuche der Frau im Hintergrund ein bisschen irritieren. Unser Gespräch wird ein rauschendes Band, ein Alibi, um ungestört zu beobachten. Nach dem Tatort ist die Bar erstaunlich leer geworden und wir vier sind die einzigen Gäste. Die Bedienung steht ein bisschen verträumt rauchend an der Theke, wippt zur französischen Popmusik. Wir lachen und reiben die noch kalten Hände warm, während die Frau ihren Mann umarmt, unter dem Tisch tritt, seine Hand auf ihre Brust legt. Der lacht ein bisschen, nicht verschämt, nicht leidend; aber auch nicht gerade so, als würde er vergehen vor Verlangen. Er spielt gemächlich mit dem Bierglas, rückt es von der linken in die rechte Tischecke. Nächste Runde. Sie reibt sich an seinem Rücken, schiebt ihren Fuß sein Bein entlang. Ich warte auf eine abwehrende Geste. Aber er lächelt noch immer so unbeteiligt, als wäre das nur eine belanglose Serie im Vorabendprogramm.
Irgendwann in unserem Gespräch kommt die Bedienung an den Tisch gewackelt, sie wollen dann schließen. Ich suche nach dem Paar, das ohne Aufsehen zu erregen verschwunden ist. Schade, ich hätte gern gewusst, wie es ausging, lachen wir uns zu, als wir wieder raus in den Schnee kommen. Wer wohl nachgegeben hat, die Verzweifelte oder der Gleichgültige.
Dieser Artikel ist bereits im Weblog des Autors erschienen.
Cato Beek
Für Cato Beek ist
Schneeklang Arbeit im Untergrund. Eine Beobachtungsposition, die sich selbst im Zentrum noch für randständig hält. Das Weblog widmet sich neben Misanthropien und persönlichen Befindlichkeiten vor allem den Weltherrschaftsplänen der Weißen Hasen.
Wunderschön
Mama
Regeln aufstellen ist schön und gut. Alle Lebensbereiche und jeder braucht Regeln. Sie einhalten ist allerdings wieder eine andere Sache. Diesem Weg geht nicht jeder gerne nach.
Aufgewacht, als F. mich anrief, um als erster zu gratulieren. Schlechte Verbindung, U-Bahn. Ja, später aus dem Büro. Aufgestanden, Kaffee gemacht, Milch aufgeschäumt, Milchkaffee getrunken, Musik angeworfen, "It's too late" von The Streets im High Contrast Remix, super Start in den Tag.
Nachgedacht, ob ich mich künftig als Künstler im klassischen Metier verdingen soll, als Künstlernamen würde ich ganz bescheiden "Johann Sebastian Fluss" wählen. Manchmal würde man mich scherzhaft "Johann Sebastian reißender Fluss" nennen, was dann den Anflug eines seligen Lächelns in mein Gesicht zaubern würde. Wobei ja der Barock früher nie so meins war. Außer die Fugen natürlich, da kommt ja das musikalische Element so schön mit dem nerdig-mathematischen zusammen, Regelwerke yeah! Eh, Regelwerke. Vielleicht werde ich ja auch Politiker. Ich liebe es ja Regeln aufzustellen. Aber ich hasse es ja immer, wenn die dann nicht eingehalten werden. Also Politiker, da kann man dann aufs Gesetz pochen. Ja, in der Musik gibt’s auch so Regeln. Die Sprache der Noten mit den etwas schwammigen Interpretationsanweisungen darüber, die inzwischen alle zum Klischee verkommen, weil sich gestörte Etablissements mit pseudokulturellen Ansprüchen so nennen. Adagio, Andante, Allegro. Hat aber ja was Wunderschönes, so eine nur ungefähre Regel. Weil, jeder wird das ja anders spielen, anders interpretieren, wie man so sagt. Und da sollte doch eigentlich schon von Anfang an das dürsten nach Perfektion ein wenig gestillt sein, denn wie kann man etwas perfekt machen, wenn das Ziel gar nicht so klar definiert ist? Wobei man natürlich andersrum ziemlich genau merken kann, wenn etwas ganz und gar nicht perfekt ist. Wenn man die Noten nicht richtig trifft zum Beispiel. Das ist so mehr mein Problem, wenn ich mich dann doch mal hinsetze um nach Noten Klavier zu spielen. Ich habe immer schon viel lieber improvisiert, da ist man so frei und kann in seine eigene Welt abgleiten. Aber wenn man das jedes Mal macht, dann übt man nicht nach Noten zu spielen. Und dann denkt man irgendwann: Verdammt, wenn ich damals nur mehr geübt hätte. Aber man muss ja nicht gleich
melancholerisch werden.
Dieser Artikel ist bereits im Weblog des Autors erschienen.
Mama
Mama lebt in Berlin und
schreibt gerne über die großen und kleinen Wichtigkeiten des Lebens.
Eyes On - Die Goldene Himbeere
Christine Schranz
Am 4. März wurden die diesjährigen
Goldenen Himbeeren vergeben: Tom Cruise und Katie Holmes wurden in der Kategorie „Die lästigsten Ziele der Klatschpresse 2005“ausgezeichnet, Paris Hilton als die schlechteste Nebenrolle und Nicole Kidman mit Will Ferrell als das schlechteste Leinwandpaar.
Christine Schranz
studiert zurzeit Anglistik in Wien und arbeitet an mindestenshaltbar; sie mag verrückte Ideen, interessante Menschen und das in Worte Verwandeln von Momentaufnahmen, die manchmal in ihrem Weblog
That's Life zu finden sind.
Eyes On - Kannibalismus
Christine Schranz
Sie wollen ihr Gulasch endlich einmal mit Menschenfleisch zubereiten? Kein Problem – „Hufu“ soll täuschend echt schmecken und lässt sich bequem online bestellen. Das Beste: Auch für Vegetarier und Veganer geeignet!
Christine Schranz
studiert zurzeit Anglistik in Wien und arbeitet an mindestenshaltbar; sie mag verrückte Ideen, interessante Menschen und das in Worte Verwandeln von Momentaufnahmen, die manchmal in ihrem Weblog
That's Life zu finden sind.
Eyes On - Die Simpsons
Christine Schranz
Im Rahmen einer Umfrage des McCormick Tribune-Freiheitsmuseums in Chicago konnten mehr als die Hälfte der befragten Amerikanischen Staatsbürger mindestens zwei Namen der Simpsons Familie nennen, während nur einem Viertel der Befragten mehr als eine der fünf Freiheiten bekannt war, die das Verfassungsgesetz garantiert.
Christine Schranz
studiert zurzeit Anglistik in Wien und arbeitet an mindestenshaltbar; sie mag verrückte Ideen, interessante Menschen und das in Worte Verwandeln von Momentaufnahmen, die manchmal in ihrem Weblog
That's Life zu finden sind.