15 Minuten

von Brigitte
Das Email hatte den Betreff „Einladung zu Aeschbacher“ und darin stand geschrieben „Ihre Blogeinträge sind berühmt, so sehr sogar, dass sie über eine Fangemeinde verfügen und einen richtigen Trend in Gang gesetzt haben. Grund genug und höchste Zeit, finden wir, Sie auch mal von einer anderen Seite her kennenzulernen.“

Natürlich fühlte ich mich geehrt, und mein Herz schlug bereits beim Lesen des Betreffs einige Takte schneller. Und natürlich war mir klar, dass der oben zitierte Satz heillos übertrieb. Ich habe mit une fille du limmatquai bestimmt keinen Trend in Gang gesetzt, und eine Fangemeinde, also regelmäßige Leser, haben die meisten Weblogs.

Aeschbacher ist die wahrscheinlich meistgesehene wöchentliche Talkshow im Schweizer Fernsehen. Den Moderator Kurt Aeschbacher kennt jedes Kind, man muss lange suchen um jemanden zu finden, der ihn nicht mag, und auch der würde früher oder später seinem Berner Charme erliegen. Soeben hatte mich das Redaktionsteam also in eine der kommenden Sendungen eingeladen.

Meine Gedanken überschlugen sich. Die wollten mich im Fernsehen haben. Mich! Weil ihnen mein Weblog so gut gefiel. Durfte ich mir eine solche Chance entgehen lassen? Wer weiß, welche Türen sich mir nach diesem Auftritt öffnen würden. Wichtige Menschen würden sich die Sendung anschauen und mein Weblog anschließend begeistert vom neusten bis zum allerersten Beitrag durchlesen. Mein Talent würde erkannt und ich entdeckt werden. Bald säße ich bei TeleZüri im TalkTäglich, und spätestens wenn die Schweizer Illustrierte mir für eine Homestory viel Geld anböte, hätte ich es geschafft und würde zur Cervelat-Prominenz gehören.

Stopp. Meine Fantasie schien gerade einige wichtige Aspekte zu ignorieren. Dass ich beispielsweise nicht gern fotografiert, geschweige denn gefilmt werde. Dass ich noch nie ins Fernsehen wollte und mir die Ausstrahlung von Sendungen, in denen ich im Publikum gesessen hatte, erst gar nicht anschaute. Dass ich mich zwar wie jeder über Anerkennung und Lob freue, dabei aber ungern Aufmerksamkeit auf mich ziehe.

Und das war längst nicht alles. Dass danach viel zu viele Schweizer wüssten, dass ich zu diesen seltsamen Artgenossen gehöre, die private Dinge im Internet publizieren. Dass ein Grossteil davon diese Neuigkeit nach 15 Minuten bereits wieder vergessen hätte, dass aber all diejenigen, die mich kannten, sich noch ewig daran erinnern würden. Dass Menschen, mit denen ich nicht mehr als nötig zu tun haben möchte, mir zukünftig Montagmorgens in der Firmen-Cafeteria auf die Schulter klopfen und ihren Kommentar zu meinem Beitrag von Sonntagabend mitteilen würden.

Besonders auf die letzte Vorstellung kann ich verzichten, will ich verzichten. Mein Weblog ist mir in den letzten drei Jahren auch deshalb wichtig geworden, weil ich meine Gedanken und Erlebnisse in einer gewissen Anonymität hatte schreiben können. Weil ich selber entscheide, wer aus meinem Umfeld davon wissen darf und wer besser nicht.

Klar, auch ich habe ein Anrecht auf meine 15 Minuten Ruhm, aber lieber nicht mit einer Sache, die ich bewusst anonym produziere. Dann doch mit etwas, das weniger Persönliches von mir offenbart. Und dann darf der Ruhm auch gerne ein bisschen länger anhalten. Denn eigentlich hat so eine Cervelat-Prominenz auch ihre Vorteile. Ans fotografiert und gefilmt werden könnte ich mich bestimmt gewöhnen. Nur die Homestory, die würde ich weglassen.
Manchmal ist es schöner, die berühmten 15 Minuten des Ruhms im Reich der Tagträume zu belassen und im entscheidenden Moment doch nein zur Cervelat-Prominenz zu sagen.
Brigitte ist "une fille du limmatquai" und erzählt in ihrem Weblog über ihr Leben in Zürich und anderswo.
mindestens haltbar 03/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 04
ISSN 1816-8159
Autor: Brigitte
Titel: 15 Minuten
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am 2. Mrz, 12:42

Erstens: Prominent bis du längst. Nur weiss es vielleicht noch niemand...
Zweitens: Aufgrund deiner Qualitäten würde ich dich niemals zur Cervelat-Prominenz zählen. Mindestens ein Saucisson Vaudois müsste schon drinnliegen, vielleicht auch eine Hallauer Schinkenwurst.


am 2. Mrz, 13:04

[blockquote]Dass danach viel zu viele Schweizer wüssten, dass ich zu diesen seltsamen Artgenossen gehöre, die private Dinge im Internet publizieren. Dass ein Grossteil davon diese Neuigkeit nach 15 Minuten bereits wieder vergessen hätte, dass aber all diejenigen, die mich kannten, sich noch ewig daran erinnern würden.[/blockquote]

dass der arbeitgeber merkt, dass man während der arbeit einträge schreibt... ;-)

ich kann deinen entscheid nachvollziehen und hätte glaub ich auch nicht anders gehandelt.

am 2. Mrz, 21:38

@balz: saucisson vaudoise, merci. ein einzigartiges kompliment :-)

@pax: während der arbeitszeit gibt es höchstens kommentare. eine selbst auferlegte regel.


am 5. Mrz, 12:47

vermutlich ist das gerade deine Stärke, dein Feingefühl, deine Fähigkeit Dinge so zu sehen, durchdenken und beschreiben, dass du zu einem solchen angebot auch Nein sagen kannst.


am 5. Mrz, 21:54

Es ist eine sehr dünne Linie zwischen dem Bedürfnis, sich der Welt mitteilen zu wollen und gleichzeitig die Unwichtigkeit der eigenen Person zu betonen. Vielleicht solltest du dich mal entscheiden. Dein Lavieren ist ein bisschen peinlich.

am 6. Mrz, 09:57

"Neid ist die ehrlichste Form der Anerkennung", oder so ähnlich heisst ein viel zitierter Spruch.

Lass die Neider verstummen und gib dem Äschbi alles, GO Poetin GO!


am 6. Mrz, 13:09

Das sage ich auch: gehe zu Aeschbi. Wir wollen willsn, ob du so gut redest, wie du schreibst.


am 15. Mrz, 08:35

hallo Argus
Genau dieses Lavieren, diese Ambivalenz zwischen Mitteilung und Scheu macht die Qualität vieler Blogs aus, weil sie eben nicht auf die grosse Wirkung in der Öffentlichkeit abzielen als Person, sondern der Inhalt zählt, in seiner ganzen Bandbreite. Ich freue mich an diesem Blog und an dieser Frau, die ich mir zwar vorstellen mag, die aber in erster Linie etwas mitteilt. Und zwar das, was sie gerne auch mitteilen will. Für mich stimmt das genau so - und wie gut ich sie wirklich verstehe!
Thinkabout


am 6. Mrz, 15:00

verlass dich auf deinen instinkt und geh nicht hin - du würdest es bereuen, denn menschen wie du leiden, wenn sie im gleißenden scheinwerferlicht an die öffentlichkeit gezerrt werden. im fernsehen zählt nur das grelle, plakative, laute - menschen mit liebevollem und/oder kritischem blick für feinheiten gehen im tv unter ...

apropos: ich für meinen teil habe meine 15 minuten berühmtheit schon gehabt, und glaub mir, es ist nicht amüsant, bei den unmöglichsten gelegenheiten von wildfremden menschen angesprochen zu werden ! ich bin beileibe nicht öffentlichkeitsscheu, aber nicht mehr anonym bleiben zu können, war zeitweilig mehr, als ich ertragen konnte ...

am 28. Feb, 22:24

Schon früher ging es literarischen Riesen schlecht - wenn es um das Radio oder TV ging (Niklaus Maienberg z.B)

Die exklusivität bleibt erhalten im Blog - im TV gehört man dann halt zu den 24 Std. Berühmtheiten