
Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp
von Katharina "Lyssa" Borchert
„Und links, Step, drei, vier und rechts, Step, drei, vier“, ruft Brad mit diesem amerikanischen Akzent, den er sich vermutlich längst abgewöhnt hätte, wenn die hörbaren connections nach New York seinen Marktwert als Fitneß-Coach nicht so immens steigern würde. „Und slide, zwo, drei, vier“, was zum Teufel mache ich hier eigentlich? Ach ja, Sport. Man könnte es auch „ verzweifelt gegen die eigene Natur“ arbeiten nennen. Ich bin nämlich eigentlich fürchterlich unsportlich. Nein, ich bin sogar der Inbegriff von Unsportlichkeit, was bis zu diesem Moment ein wohlgehütetes Geheimnis war. Mein Körper baut Muskulatur nur unter folterartiger Anstrengung auf und vergißt sofort was Kondition ist, sobald ich mich mal drei Tage lang nicht bewege. Ich bin die einzige Schülerin meines Jahrgangs, abgesehen von Melanie, die aber wegen Kleinwüchsigkeit entschuldigt war, der nie auch nur eine Siegerurkunde bei den Bundesjugendspielen überreicht wurde.
Leider ist dieser an sich nicht weiter tragische Zustand in unserer Gesellschaft geächtet und meine Eltern führten mir von frühester Kindheit an die Notwendigkeit vor Augen, gegen meine eigenen Bedürfnisse anzugehen. Ich hatte mit zwei Jahren einen Wortschatz, den viele Kinder bei der Einschulung noch nicht vorweisen können und konnte problemlos einen ganzen Saal unterhalten. Allerdings konnte ich mich nicht auf zwei Beinen durch eben jenen Saal bewegen, weil ich lieber gemächlich auf dem Hintern durch die Welt rutschte anstatt laufen zu lernen. Und natürlich war alles, was die liebe Verwandtschaft je interessierte und kommentierte, meine Unfähigkeit, mich in der von Gott und den Kinderärzten vorgeschriebenen Art und Weise fortzubewegen.
Mit vier Jahren konnte ich lesen und laufen, erwies mich bei ersterem aber als wesentlich talentierter und motivierter, was mein Umfeld wiederum eher besorgt denn erfreut zur Kenntnis nahm. Aus unerfindlichen Gründen waren sie höchst beunruhigt über die Tatsache, daß ich mich strikt weigerte von einem Stuhl zu springen und außerdem nicht in der Lage war, meinen großen Zeh in den Mund zu nehmen (beides beherrsche ich heute übrigens einwandfrei). Mir erschloß sich schon damals der Sinn dieser Tätigkeiten nicht, so daß ich die Übung aus prinzipiellen Erwägungen verweigern mußte.
Um meiner vollständigen sozialen Isolation vorzubeugen, meldeten meine Eltern mich kurzerhand beim Ballett an, dem ich erst zwölf Jahre später durch vorübergehende Übersiedlung in die USA entkommen sollte. Eine schlechte Wahl, denn das kontrollierte Herumhüpfen in Strumpfhosen ist keine Tätigkeit, die Jugendlichen außerhalb von weltfremden Filmen irgendwelche sozialen Vorteile bringt. Im Gegenteil, man gilt als schauderhaft uncool und hält sich außerdem noch extrem gerade, was von Erzieherinnen sehr gern gesehen, mir aber bis heute als Anzeichen von Arroganz vorgehalten wird.
Außerdem ist beim Ballett ein graziler Wuchs von Vorteil und ich war bereits recht früh sehr groß und sehr solide gebaut. Auf die vollständige Abwesenheit von Talent muß ich nach diesen Ausführungen vermutlich gar nicht erst eingehen. Trotzdem war man sehr dankbar über meine Teilnahme an den Ballettstunden, denn erfahrungsgemäß verlassen die wenigen männlichen Teilnehmer den Unterricht spätestens mit der Einschulung und dann stehen weibliche Ersatzmänner mit einer gewissen Körperlänge hoch im Kurs. Deshalb verschwieg man meinen Eltern die Sinnlosigkeit ihrer Investition und ließ mich sogar von Zeit zu Zeit auf lokalen Kleinbühnen in dunklen Strumpfhosen neben den grazilen Elfen in rosafarbenen Tutus tänzelnd scheitern.
Der Tennislehrer, den ich mit 13 Jahren kennenlernen durfte, als ich es vorübergehend wagte, von der allgemeinen Boris-Becker-Manie infiziert den Ballettunterricht zu boykottieren, war weniger zimperlich. Er diagnostizierte nach nur vier Unterrichtsstunden einen nicht zu behebenden Mangel an Ballgefühl und empfahl meinen Eltern, ihr Geld in zukunftsträchtigere Projekte zu investieren. Wann immer das Gespräch mit meinem kleinen Bruder auf seine schulische Ehrenrunde kommt, verweist er auf sein Golfhandicap und die erfolgreichen Tennisstunden und verläßt den Raum als strahlender Sieger.
Auf den verzweifelt kopfschüttelnden Tennislehrer folgte übrigens noch ein Surflehrer, der mich mit gebrochener Nase aus dem Wasser ziehen mußte, eine Cousine mit Synchronschwimmtrainerschein, eine Reitlehrerin, ein Skilehrer, ein Basketballtrainer, ein Karatelehrer, ein Trampolinvorturner, ein wohlmeinender Freund auf Inlineskates und vermutlich noch einige weitere, deren Existenz ich aus psychohygienischen Gründen verdrängt habe.
All das konnte meine Eltern jedoch nicht dauerhaft von ihrem Projekt „sportliche Tochter“ abbringen und ich fürchte, ihr Festhalten an einem komplett unrealistischen Ziel hat zusammen mit dem gesellschaftlichen Druck irgendwann tiefe Spuren in meiner Hirnstruktur hinterlassen. Es ist mir nämlich bis heute einfach nicht möglich, die zahllosen sportlichen Niederlagen als mahnendes Zeichen zu sehen und gemütlich mit einem guten Buch auf dem Sofa liegenzubleiben. Statt dessen quäle ich mich mit immer neuen Experimenten von einem Scheitern zum nächsten und zwischendurch im gestreckten Galopp rund um die Alster. Aber jetzt entschuldigt mich, Brad bleckt grad die gebleichten Zähne und ruft zur nächsten Runde „HipHop-Moves für Bewegungslegastheniker um die 30“. Damit gedenke ich die Zeit zu überbrücken, bis Bloggen endlich neben Skat und Schach als Sport anerkannt wird.
Leider ist dieser an sich nicht weiter tragische Zustand in unserer Gesellschaft geächtet und meine Eltern führten mir von frühester Kindheit an die Notwendigkeit vor Augen, gegen meine eigenen Bedürfnisse anzugehen. Ich hatte mit zwei Jahren einen Wortschatz, den viele Kinder bei der Einschulung noch nicht vorweisen können und konnte problemlos einen ganzen Saal unterhalten. Allerdings konnte ich mich nicht auf zwei Beinen durch eben jenen Saal bewegen, weil ich lieber gemächlich auf dem Hintern durch die Welt rutschte anstatt laufen zu lernen. Und natürlich war alles, was die liebe Verwandtschaft je interessierte und kommentierte, meine Unfähigkeit, mich in der von Gott und den Kinderärzten vorgeschriebenen Art und Weise fortzubewegen.
Mit vier Jahren konnte ich lesen und laufen, erwies mich bei ersterem aber als wesentlich talentierter und motivierter, was mein Umfeld wiederum eher besorgt denn erfreut zur Kenntnis nahm. Aus unerfindlichen Gründen waren sie höchst beunruhigt über die Tatsache, daß ich mich strikt weigerte von einem Stuhl zu springen und außerdem nicht in der Lage war, meinen großen Zeh in den Mund zu nehmen (beides beherrsche ich heute übrigens einwandfrei). Mir erschloß sich schon damals der Sinn dieser Tätigkeiten nicht, so daß ich die Übung aus prinzipiellen Erwägungen verweigern mußte.
Um meiner vollständigen sozialen Isolation vorzubeugen, meldeten meine Eltern mich kurzerhand beim Ballett an, dem ich erst zwölf Jahre später durch vorübergehende Übersiedlung in die USA entkommen sollte. Eine schlechte Wahl, denn das kontrollierte Herumhüpfen in Strumpfhosen ist keine Tätigkeit, die Jugendlichen außerhalb von weltfremden Filmen irgendwelche sozialen Vorteile bringt. Im Gegenteil, man gilt als schauderhaft uncool und hält sich außerdem noch extrem gerade, was von Erzieherinnen sehr gern gesehen, mir aber bis heute als Anzeichen von Arroganz vorgehalten wird.
Außerdem ist beim Ballett ein graziler Wuchs von Vorteil und ich war bereits recht früh sehr groß und sehr solide gebaut. Auf die vollständige Abwesenheit von Talent muß ich nach diesen Ausführungen vermutlich gar nicht erst eingehen. Trotzdem war man sehr dankbar über meine Teilnahme an den Ballettstunden, denn erfahrungsgemäß verlassen die wenigen männlichen Teilnehmer den Unterricht spätestens mit der Einschulung und dann stehen weibliche Ersatzmänner mit einer gewissen Körperlänge hoch im Kurs. Deshalb verschwieg man meinen Eltern die Sinnlosigkeit ihrer Investition und ließ mich sogar von Zeit zu Zeit auf lokalen Kleinbühnen in dunklen Strumpfhosen neben den grazilen Elfen in rosafarbenen Tutus tänzelnd scheitern.
Der Tennislehrer, den ich mit 13 Jahren kennenlernen durfte, als ich es vorübergehend wagte, von der allgemeinen Boris-Becker-Manie infiziert den Ballettunterricht zu boykottieren, war weniger zimperlich. Er diagnostizierte nach nur vier Unterrichtsstunden einen nicht zu behebenden Mangel an Ballgefühl und empfahl meinen Eltern, ihr Geld in zukunftsträchtigere Projekte zu investieren. Wann immer das Gespräch mit meinem kleinen Bruder auf seine schulische Ehrenrunde kommt, verweist er auf sein Golfhandicap und die erfolgreichen Tennisstunden und verläßt den Raum als strahlender Sieger.
Auf den verzweifelt kopfschüttelnden Tennislehrer folgte übrigens noch ein Surflehrer, der mich mit gebrochener Nase aus dem Wasser ziehen mußte, eine Cousine mit Synchronschwimmtrainerschein, eine Reitlehrerin, ein Skilehrer, ein Basketballtrainer, ein Karatelehrer, ein Trampolinvorturner, ein wohlmeinender Freund auf Inlineskates und vermutlich noch einige weitere, deren Existenz ich aus psychohygienischen Gründen verdrängt habe.
All das konnte meine Eltern jedoch nicht dauerhaft von ihrem Projekt „sportliche Tochter“ abbringen und ich fürchte, ihr Festhalten an einem komplett unrealistischen Ziel hat zusammen mit dem gesellschaftlichen Druck irgendwann tiefe Spuren in meiner Hirnstruktur hinterlassen. Es ist mir nämlich bis heute einfach nicht möglich, die zahllosen sportlichen Niederlagen als mahnendes Zeichen zu sehen und gemütlich mit einem guten Buch auf dem Sofa liegenzubleiben. Statt dessen quäle ich mich mit immer neuen Experimenten von einem Scheitern zum nächsten und zwischendurch im gestreckten Galopp rund um die Alster. Aber jetzt entschuldigt mich, Brad bleckt grad die gebleichten Zähne und ruft zur nächsten Runde „HipHop-Moves für Bewegungslegastheniker um die 30“. Damit gedenke ich die Zeit zu überbrücken, bis Bloggen endlich neben Skat und Schach als Sport anerkannt wird.



Annabella
am 2. Mrz, 14:24
am 4. Mrz, 13:06
Oh, eine Sport-Trauma-Schwester-im-Geiste ;-)