Jeder tut es mit Miss München

von Berni Mayer aka St. Burnster
Sie müssen wissen: Wenn sie da so steht, abwartend an der Säule, umgeben von den lauten Lichtern, dann ist sie die aktuelle Miss München. So klein und schüchtern sie auch wirken mag, wenn man sie zufällig auf der Belgradstraße trifft: Hier in dem Club mit dem roten Vorhang und dem Plastikmobiliar ist sie eine echte Hauptdarstellerin. Ihre grünen Augen schimmern feucht und quer über die kleine Tanzfläche und ihre blonden Haare erhellen den Teil des Raums in dem sie steht.

Sie müssen wissen: Wenn sie dort eine halbe Stunde steht, wird sie von mindestens fünf jungen Männern angesprochen. Mindestens drei davon hat sie noch nie zuvor gesehen. Sie ist jetzt die Protagonistin, doch eigentlich bedeutet es nichts, solange er sie nicht entdeckt. Als er dann endlich auf sie zukommt, tut sie, als stünde sie erst seit einer knappen Minute hier. Als hätte sie gerade einen Drink bestellt. Aber er hat sie beobachtet und er findet ihren Minderwertigkeitskomplex abstoßend.

Sie müssen wissen: Wenn er sie ansieht, sieht er ihren Wahnsinn und es fällt ihm im Grunde genommen leicht, sich von ihr fernzuhalten. Wenn er sie da so stehen sieht, kann er durch sie hindurch sehen, ihre ohrenbetäubende Schönheit ignorieren und mit ihr spielen. Sie ob ihrer Neurosen heimlich verlachen. Doch wenn er narkotisiert gegen zwei Uhr morgens auf sie zugeht, empfindet er sich filmreif und heroisch. In einem Jahr wird er nur noch sie sehen, egal wohin er geht.

Sie müssen wissen: Wenn sie ihn so ansieht und seine betrunkene Überheblichkeit ihr alles, was sie je geplant hat, aus den Angeln hebt, wenn kein Stein ihres Egos mehr auf dem Anderen bleibt und sie nur an ein Eintauchen in eine schwarze Nacht denken kann wenn er da ist, dann ist sie eigentlich ganz glücklich. Die Vorstellung, er könnte ihr gehören, macht ihn klein und sie kann dann seinen Schweiß riechen. Die Vorstellung, er würde sie ficken, lässt ihn alt und ungeschickt erscheinen. In seinem Desinteresse liegt der Zauber. Und in seinem Verlust. Sie merkt ihm an, wie er langsam dahin schwindet, weil er Martha nicht mehr hat. Und sie möchte nichts mehr, als diejenige sein, die ihn dabehält, die ihn festhält. Und wenn er dann hier bleibt, kann sie endlich verschwinden. Wie schön und traurig das in ihren leicht abstehenden Ohren klingt.

Sie müssen wissen: Wenn sie da so steht, erscheint es ihr, als würde der Abend ewig dauern. Das Schwarz, das sie in den letzten Wochen kennen gelernt hat, wird sie derart langsam überziehen, dass es Tage dauern kann, bis sie ins Bett fällt. Er nimmt ihre Hand und obwohl er lieber ins Auto steigen will, um die dreitausend Kilometer zu Martha zurückzulegen, ist er überwiegend damit zufrieden, ihr das Herz zu brechen.

Doch Sie müssen wissen: Ihr schwarzes, öliges Verlangen hat ihn längst selbst vergiftet und im Grunde genommen hat er sogar darum gebeten.
Selbstzerstörung ist der reinste Luxus. Und wäre sie nicht so teuer, könnte man sie sich gerne mal öfter gönnen. Aber was ist schon preiswert in München?
bloggt als Saint Burnster aus Berlin und wie der Name schon andeutet, kann er sich nie so ganz zwischen Himmel und Hölle, zwischen Schalk und Chauvinismus, zwischen Bayern und Berlin, und zwischen herzhaft und herzlos entscheiden.
mindestens haltbar 03/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 04
ISSN 1816-8159
Autor: Berni Mayer aka St. Burnster
Titel: Jeder tut es mit Miss München
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am 2. Mrz, 00:02

Hello, hello there, is this Martha?
this is old Tom Frost,
And I am calling long distance,
don't worry 'bout the cost.

am 2. Mrz, 10:40

Das nenn ich mal ein "Faust-aufs-Auge" Zitat.
Ich mach gleich mal Eis drauf!


am 2. Mrz, 00:02

wie schwarzer, giftiger teer. ich mag den geruch davon. touched. again, burnie.


am 2. Mrz, 10:59

Auwehzwick, Audioversion! Sagen wirs mal so: Einen Burnster-Text kann man ja gar nicht kaputtkriegen. Aber der Typ gibt sich redlich Mühe. Tschuldigung, liebe mindestenshaltbar-Macher, aber das wär nicht nötig gewesen.

am 2. Mrz, 11:15

Ich hab mir gerade die neuen Audiofiles zu Gmüte geführt und muss sagen, dass mir die Aufnahmen sehr wohl gefallen! Ist also wie immer Ansichtssache, Herr Rationalstürmer.


am 2. Mrz, 13:56

Also mir gefällts. Aber ich bin ja eh eine Vorlese- u. Podcast-Fan. Es gibt nur 2 Menschen, die den Text besser gelesen hätten: Mequito und der Buzzard himself!


am 2. Mrz, 20:11

Ich kann auch nicht kochen, aber ich weiß, ob's schmeckt.
Mir schmeckt, natürlich.


am 2. Mrz, 11:40

Sie müssen wissen: You finally made it! ;)
This will be nothing but another certain step to immensely enlarge your fanclub!

am 2. Mrz, 11:44

Ich zwinker dir ganz auffällig zu, Ole! Kannste sehen?


am 2. Mrz, 14:16

Ich versuche, es mir einzubilden. :)


am 2. Mrz, 11:50

Super Text, aber den hättest du selbst lesen sollen oder eine Frau. Ich glaube nicht, daß der Mann ihn ganz erfaßt und sein Vortrag hat große Mängel.

am 2. Mrz, 13:44

Ach, ich glaube, es ist einfach zu aufwendig, jeden Text im Detail vorzubereiten und lesen zu lassen. Als Add-On finde ich das sehr charmant. Und es macht den Text für mich an manchen Stellen noch gruseliger.


am 2. Mrz, 12:31

Und so ist die Liebe vielleicht nur dann ganz bei sich, wenn sie diesen leichten verdorbenen Geschmack erzeugt, Gift und Verwesung.

Einen schönen Text haben sie da geschrieben, Burnster.

am 2. Mrz, 13:48

Vielleicht ist das ja keine Liebe, sondern Obsession. Zur Liebe gehört meines Erachtens immer ein großer Anteil an Teamgeist und Freundschaft. Nennen wir es einfach Loyalität.

Und danke für das Kompliment, Frau Modeste. Wir sollten das Buch der verwesenden Liebe zusammen rausbringen.


am 2. Mrz, 14:00

Burnster, wann verfilmem wir das hier?

am 2. Mrz, 14:10

Wenn du einen Fuß in der Fernsehtür hast und ein gutes Wort für mich als Drehbuchautor einlegen kannst. Dann muss ich wenigstens nicht mehr den ganzen Tag in irgendwelchen Marketing Meetings herumhocken.


am 2. Mrz, 16:38

Und jetzt raten wir mal, wer beim Drehbuchautor auf die Besetzungscouch für die Rolle der Miss München müßte?

Tolle Geschichte, Burnster. b-files at its best.


am 2. Mrz, 16:48

Darf ich mitraten, Bee?
Deine Schwester?

Danke für das Lob. Ja, auch jemand in meiner Position freut sich noch über Komplimente. Hihi.


am 2. Mrz, 17:50

Sehr gelungener Text, Burnster.

am 2. Mrz, 20:16

Sie sind mir ja mit einem ebenso bravourösen vorausgeeilt neulich. Danke.


am 2. Mrz, 20:15

Da ist das lange, dunkle Schweigen schon im Anfang. Wunderbar geschrieben und eine bemerkenswerte Note im "Abgang" hinterlassend....

am 2. Mrz, 20:18

Und nochmals ein dickes Danke. Der Text lag mir auch wirklich am schwarzen Herzen.


am 2. Mrz, 22:02

Verwirrend, vertrackt, heftig und äußerst eindrucksvoll.
Deep Impact, Burns!

am 2. Mrz, 23:26

Mei Dankschön, Julie!
Komm ja auch von Deep Space Mine.


am 2. Mrz, 22:28

na den weg hierherueber mach ich doch gerne. die angenehm dauerhafte qualität ihrer texte wurde ein weiteres mal bewiesen, sir burnster! ihre kunst besteht - nach einem nachdenken - wohl darin, die leserschaft ihrer subjektiven öligen sicht auf die dinge schlichterdings mitzureissen und zu einem objektiven bestandteil ihrer geschichten werden zu lassen. burn on!

am 2. Mrz, 23:28

Ihnen gieße ich doch gerne Öl ins Feuer, Herr Sabbeljan.