Wie Mann ein Spiel verspielt...

von Thinkabout
Wie es sich für einen Knirps gehört, war der Fussball kein Phänomen für mich (kein Palaver unter hüftsteifen Erwachsenen), sondern eine runde, springende und hüpfende Lederkugel, die ich beherrschen wollte (welche Herausforderung!) und ins Lattenkreuz zu dreschen versuchte (welche Lust!). Das Ziel war mit Vorliebe die rechte obere Ecke eines Garagentors, in die ein sehr kleines und sehr schmales Fenster eingelassen war… (welche Versuchung!)
Die Geduld der Nachbarn, das Gewummer des gegen das Tor prallenden Balls zu ertragen, bewundere ich noch heute. Und ich ziehe pro memoria den Hut vor Frau Rohrer: Sie hat uns den Ball jedes Mal wieder runter geworfen, wenn wir zu hoch gezielt hatten und die Kugel durch die Vorhänge des offenen Zimmerfensters über der Garage aus unserem Blickfeld verschwand.

Sehe ich Kinder beim Fussball, so geht mir das Herz auf. Wenn da nur nicht die Eltern wären, die am Spielfeldrand stehen und ihre hoffnungsvollen Stammhalter anfeuern. Über dem Rasen entleeren sich ganze Füllhörner unerreichter eigener Ziele, so dass die Kinder doppelt froh sein können, dass sie mit sich und dem Ball genug zu tun haben. Manchmal allerdings müssen statt Schweiss Tränen fliessen, bevor Mütter und Väter wieder zur Vernunft kommen, wenn überhaupt…

Es bleibt ganz offensichtlich für uns Zweibeiner ein schmaler Grat, in einem Spiel schlicht die unbeschwerte Freude zu suchen. Wir wollen immer den Vergleich. Er ist uns Orientierung. Der Grad verspielter Freude lässt sich nicht messen. Wohl aber die Leistung, und so erscheint uns eben keine andere Freude so angemessen (sic!) wie die Lust am Effort. Wir zählen die Tore, wir messen die Weite und stoppen die Zeiten. Wir wollen vergleichen und werten.
Je weiter entfernt wir zuliebe unserer Knochen und Kraft unseres Verstandes dem Ballspielplatz bleiben, umso engagierter kommentieren wir das Spiel. Wir wollen Sieger und Gewinner bewundern und Verlierer bedauern, sofern sie es denn nach unserem Urteil verdienen. Ein Spiel, das eine hohe Beachtung geniesst, wird „wichtig“. Dann ist es aus mit den Idealen. Nicht umsonst heißt es, Fussball sei die Fortsetzung des Krieges mit friedlichen Mitteln. Wir wollen Gewinner sehen, aber die richtigen. Wir wollen „die Eigenen“ siegen sehen. Und wenn dies brave Mitläufer sind, wie die Schweizer Kicker, dann freuen wir uns an den Niederlagen der Nachbarn. Nichts ist für uns so schlimm wie der Sieg deutscher Fussballer, errungen mit der Tugend der Kampfkraft, über die Spielfreude der Brasilianer. Haben die Ballzauberer verloren, so leiden wir mit. Ein ganz kleines Bisschen aber verwünschen wir auch deren Verspieltheit. Warum nur wollen sie den Ball ins Tor tragen statt auch mal mit der groben Grätsche geradlinig das Ziel anzusteuern? Eben unzuverlässig, die Südamerikaner. Naiv, weich, kindisch.

Was, mag man da fragen, passiert, wenn Ballack plötzlich brasilianisch spielt? Kann ich beantworten. War schon mal da. Beckenbauer war so einer. Aber wir haben es sofort gesehen: Wir haben gesagt: Der läuft ja kaum und hält seine Knochen nicht hin. Hochnäsig spielt er, als wäre er keiner von uns. Von uns? Wir sind den Deutschen viel näher, als wir glauben. Und im Blick zurück wünschen auch wir uns Typen wie Beckenbauer aufs Spielfeld zurück.
Währenddessen haben wir endlich einen Nationaltrainer, den wir verdienen. Köbi Kuhn spricht von Demut und Bescheidenheit und nicht nur vom Respekt gegenüber dem Gegner. Nach deutscher Meinung hat man damit das Spiel schon vor dem Anpfiff verloren.
Wir können leider an der WM nicht das Gegenteil beweisen. Wir spielen nicht in der gleichen Gruppe. Und im späteren Verlauf wird es nicht möglich sein, da sind wir längst ausgeschieden.
Aber es gibt Hoffnung. Köbi Kuhn hat auch gesagt: 2008 wollen wir an der EM im eigenen Land Europameister werden. Und fast keiner hat gelacht. Wir lernen dazu. Notfalls auch von den Deutschen. Und unsere Fähigkeit zum Opportunismus ist fast so verbürgt wie der deutsche Einsatzwillen. Let’s play!
Fußball ist nicht einfach ein Spiel. Damit fängt es zwar einmal an. Aber daraus wird mehr. Wie spielerisch oder eben verbohrt wir damit umgehen, ist nicht so nebensächlich, wie es ein Spiel bleiben dürfte. Gerade für uns Schweizer nicht, angesichts der Tatsache, dass am Ende die Deutschen (zu oft) gewinnen.
Thinkabout hat Jahrgang 1962, wohnt an der Peripherie von Zürich und bloggt seit Oktober 2004. Er arbeitet für ein deutsches Handelsunternehmen im Verkauf. Im Grunde aber sucht er die kleinen Dinge, die wirklich Bedeutung haben. Und versucht, darüber zu schreiben.
mindestens haltbar 02/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 03
ISSN 1816-8159
Autor: Thinkabout
Titel: Wie Mann ein Spiel verspielt...
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