Tape as tape can

von Matthias Wagner
Mein erstes selbst aufgenommenes Tape war ein übles Mischmasch aus Schlager, Country, Bubblegum und Glamrock. Produziert hatte ich es auf jene klassische Weise, von der man immer nur nostalgisch lächelnd erzählen kann: mit dem Mikro am Radiolautsprecher.

Ich war ungefähr zwölf, das Radio stand im Esszimmer, und ich wurde leichenblass vor Panik, wenn meine Mutter hereinkam und Krach machte. „Mamaaaa!“, kreischte ich, aber natürlich nur innerlich, ich wollte ja die Aufnahme nicht vollends zerstören.

Mein erstes Tape ist verschollen. Doch es gab den Startschuss für eine ebenso spielerische wie todernste Leidenschaft: Sampler kreieren. Meine ganze Biografie steckt inzwischen in hunderten Mixtapes, alle Phasen, alle Gefühle, alle Lieben. Natürlich auch alle Depressionen, die ganz besonders.

Mixtapes wurden zum Soundtrack meines Lebens. Das Tagebuchschreiben hielt ich nur zehn Jahre durch, mit dem Aufnehmen von Samplern habe ich nie aufgehört. Sie wurden zu akustischen Tagebüchern, zu Gefühls- und Geschmacksprotokollen. Ich: ein Homo ludens, der Songs zusammensetzt zum Puzzle seines Lebens. Jedes Tape ein Fingerabdruck. Jedes eine Wundertüte mit bisweilen lächerlich heterogenem, auf jeden Fall aber einmalig kombiniertem Inhalt.

Und jedes ein Kommunikationsversuch. Denn natürlich nahm ich Tapes auf für Mädchen, in die ich verschossen war. Die Songs sollten ihnen gleichsam die Zartheit meiner Liebe und meines Charakters verdeutlichen; und liebten sie erst einmal die Songs, dann sicher bald auch mich.

So weit die Theorie. Einer Freundin, die mich öfter versetzte, kompilierte ich ein Tape, das beziehungsreich losging mit John Otways barmender Ballade „Waiting“. Auch der Rest des Tapes war komplett voll mit songgewordenen Vorwürfen, die ich mich verbal nicht zu artikulieren traute.

Die Beziehung scheiterte natürlich. Aber das Tape – seine Sicherheitskopie – muss hier noch irgendwo rumfliegen. Und ich brauche nur an Otways „Waiting“ zu denken, um die süße Verzweiflung jener Zeit wieder auf der Zunge zu schmecken.

Denn Songs gehen direkt ins limbische System, sie holen Gefühlsrelikte aus den tiefsten Tiefen der Erinnerung, sie sind Zeitreiseraketen. Und ein 90-minütiges Mixtape mit Patina schickt dich zurück in die Ära seiner Entstehung.

Irgendwann war mein Bestand auf über 700 Stück angewachsen. Und plötzlich gab es den CD-Rekorder – ein Quantensprung. Kein Herumspulen mehr, jedes Stück nur eine Skiptaste weit entfernt. Und wenn sich eins davon nachträglich als Gurke entpuppt, brennt man sich halt den Sampler neu, ohne dieses Stück.

Bald nach Kauf des CD-Rekorders begann ich damit, die Tapes, deren Magnetisierung allmählich verblasste wie die Farben alter Fotos, auf CDs zu überspielen. Eine monströse Aufgabe, natürlich noch immer unvollendet.

Derweil entstehen parallel neue Mixsampler auf CDs, die ersten davon leider auf allzu billigen Rohlingen, weshalb sie bereits anfangen kaputtzugehen. Ich kopiere sie beunruhigt um, sichere sie auf externe Festplatten, produziere MP3-Sicherheitskopien, brenne diese ebenfalls auf CD. Fast ein Vollzeitjob.

Und ein Wettlauf gegen die Zeit. Aber er muss sein, es geht schließlich um viel: um den Soundtrack meines Lebens. Gingen die Sampler verloren, es käme einer biografischen Amnesie gleich.

Für den nächsten Quantensprung sorgten die Downloadplattformen. Doch bisher haben sie keinen entscheidenden Einfluss auf meine akustischen Lebenstagebücher. Der Spieler, Jäger und Sammler in mir fühlt sich beleidigt, wenn er im iTunes-Suchfeld einfach „Greensleeves“ eingeben kann und 150 Songs zum Download angeboten bekommt, für je 99 Cent.

Das alles wird künftig noch viel einfacher. Es könnte schon bald Computer mit gigantischen Festplatten geben, die beim Kauf die gesamte verfügbare Musik vorinstalliert haben. Fürs Freischalten gewünschter Songs muss man dann nur noch die entsprechenden Codes kaufen. Die Rohstoffe für Sampler zu finden wird dann simpel sein. Man muss das Haus nicht mehr verlassen.

Doch ist das ein Traum oder ein Alptraum? Ich bin mir noch nicht sicher. Ich erinnere mich, wie ich jahrelang über Flohmärkte und Plattenbörsen schlich, um Bob Dylans rare Single „George Jackson“ aufzutreiben. Der Weg war sicher nicht das Ziel, doch er war beileibe auch kein Leidensweg. Die latente Vorfreude beim Entdecken einer interessanten Plattenkiste, das sanfte Kribbeln der Erwartung: All das gehörte zum Spiel, war Teil des Deals, den ich, der Jäger, insgeheim abgeschlossen hatte mit dem sich geschickt verbergenden Wild, der raren Single.

Und dann, nach fünf oder sechs Jahren des europaweiten Fahndens, fand ich sie plötzlich, und für diese aufschäumende Euphorie (die es gegenüber dem Händler zu verbergen galt, um eine gute Verhandlungsbasis zu erhalten) hatten sich die Jahre der Jagd gelohnt. Läge dieser Song einfach kostenpflichtig decodierbar auf meiner gigantischen Festplatte, dann hätte er wohl seine Aura eingebüßt.

Heute habe ich spaßeshalber bei Ebay nach „George Jackson“ gesucht. Ergebnis: vier Treffer; ich kann die Single einfach kaufen. Kein Thrill für den urzeitlichen Spieler, Jäger und Sammler, der als evolutionäres Erbe jedem von uns tief in den Genen schlummert. Er wird wohl aussterben. Die Allgegenwart von Musik macht ihn überflüssig.

Und was wird aus dem Mixtape als Idee, als Sammelbecken genialer Songs, als Zündfunke für Fan-Karrieren, als Inspirationsquelle, als Flirt-, Kontakt- und Kommunikationsversuch? Können Ordner im iPod die Aura des Mixtapes ersetzen? Können sie eine ebensolche Inspirationsquelle sein? Sind iPod-Ordner in der Lage, ganze Biografien akustisch zu verkörpern und zu bewahren, selbst wenn die iPod-Festplatte nicht kaputtgeht, was mir schon zweimal passierte? Ist digitale Musik – trotz der vielen Vorteile ihrer Handhabung – überhaupt in der Lage, die emotionalen Affekte der Popkultur als Fackel an die nächste Generation weiterzugeben?

Mein Feldversuch jedenfalls läuft noch. Mit den bisher digitalisierten Tapes habe ich inzwischen den iPod gefüttert. Mein ganzes Leben in einem kleinen Kasten, kleiner als eine Zigarettenschachtel.

Ich habe ihn immer dabei. Ginge unser Haus in Flammen auf, die restlichen Tapes würden verglühen, doch meine Songs, mein Leben: Es wäre gerettet.

Ein schönes Gefühl.
Das Mixtape veränderte ab Ende der 60er Jahre die Entwicklung des Pop. Plötzlich konnte jeder selbst Musik zusammenstellen und weitergeben. Inzwischen ist das Prinzip des privaten Samplers bedroht – nicht nur durch rigide Kopierschutzmethoden, sondern durch die Digitalisierung selbst.
Matthias Wagner (45) ist Musikredakteur in Hamburg und lebt dort, wo andere nur zum Vergnügen hinfahren: mitten auf St. Pauli, auf der Rückseite der Reeperbahn. Und so heißt auch sein Weblog.
Matts Weblog: Die Rückseite der Reeperbahn

Die Zeitschriften: kulturnews, u_mag

Infos zur Compact Cassette
mindestens haltbar 02/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 03
ISSN 1816-8159
Autor: Matthias Wagner
Titel: Tape as tape can
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am 16. Feb, 13:46

Steve Jobs hat es eben irgendwie geschafft den Fetischcharakter der Ware Musik von seinen herkömmlichen Trägern auf den Ipod zu transferieren. Und das, obwohl die Musik darauf ja austauschbar ist und der der Mp3 Player ja selber auch. (Irgendwie gibt es trotzdem nur einen Ipod aber viele Mp3 Player)
Was die "Aura" angeht, so muss sie erst (neu) geschaffen werden. So zum Beispiel durch eben solche Mixtapes. Aura ist schließlich nichts als die einzigartige Signatur eines "Originals". Die Signatur des Künstlers (im Track, die ihre Aura verliert durch ihre unendliche Reproduktion) wird heute ersetzt durch die Sigantur des Komplilators. Willkommen in der Postmoderne.


am 16. Feb, 14:00

Jeder gute Song ist nicht nur einfach ein guter Song - er speichert tatsächlich ganz individuell beim Hörer auch private Erinnerungen, Stimmungen - sogar Düfte. Er kann oft mehr zeigen, als jedes noch so schöne Photo. Danke für die romantische Ode an eine wunderbare Hörkultur!


am 27. Feb, 12:41

@ Joshuatree:
Ein _gutes_ Foto vermag ggf. auch Musik zu vermitteln: Das eben ist Kunst. Eine Ausdrucksform, die zu vermitteln vermag, wofür die eigene Sprache oft zu arm ist. :)

am 1. Mrz, 00:59

@Piet: Ich stimme Dir zu, Du hast den Sinn von Kunst in einem Satz erklärt inkl. der Wechselwirkungen. Du scheinst Photograph zu sein, ich war Musiker ;-)


am 1. Mrz, 12:41

°
auf das digizeitalter ohne ende sich eingelassend, habe ich letztes ja wieder mit mixtapen angefangen.
Und jetzt nenne ich hier an verständiger Stelle mal das killer-argument:

mixtape bedeutet realtime beim mixer und realtime beim hörer.


:: unfakebar ::


am 1. Mrz, 16:05

jazzed, was ist mit Vorspulen …? ;-))


am 2. Mrz, 16:02

vor- und zurückspulen (du willst nur wissen was ich schreibe) geschehen in der zeit, sind ein vorgang an sich, und es entstehen sogar gefühle dabei (genervt sein, vorfreude...), ein analoges mixtape hat einen eigenen zeitraum (raumzeit?)


am 3. Nov, 15:23

wieso ende der 60er jahre? wir haben in den 50er und 60er jahren unsere mixtapes auf tonbändern gehabt!!!