Einfach mal man selbst sein

von Katharina "Lyssa" Borchert
„Hauptsache du kommst authentisch rüber, sein einfach du selbst“, rät meine Bekannte zwitschernd beim gemeinsamen Abendessen, als wir einen anstehenden beruflichen Termin diskutieren. Authentisch also. Bis vor kurzem mußten Menschen noch kompetent und teamfähig, mit hohem IQ und EQ gesegnet sein. Heute müssen sie vor allem authentisch sein oder wenigstens so wirken, wenn es nach den Zeitgeist-Vordenkern und schlagwortverliebten Image-Beratern geht. Das Problem an der fixen Idee ist nur, daß der berüchtigte Ottonormalverbraucher seine Vorstellung von Authentizität vor allem aus dem Fernsehen bezieht, mit dem er sich täglich 210 Minuten beschäftigt.
Authentisch ist demnach, was irgendein Drehbuch-Autor dafür hält und dann von mehr oder minder talentierten Schauspielern umsetzen läßt. Immer häufiger müssen statt der Schauspieler auch Politiker und Manager ran, die dann nach dem ausführlichen Drehbuch eines Image-Beraters heitere Anekdoten aus ihrer wilden Jugend als Mofa-Rüpel erzählen oder eigenhändig die Milch aus einer glücklichen Biohof-Kuh zapfen. Das ist dann noch ungefähr so authentisch wie die Glückwünsche der Queen zur Hochzeit von Charles und Camilla, aber der Effekt von Echtheit reicht ja inzwischen völlig aus.
Leider ist das, was Drehbuchschreiber als authentisch verkaufen, dem Spannungsbogen zuliebe meist ziemlich dramatisch. Diese künstliche Dramatik geht eine unheilvolle Allianz mit dem Zeitgeist ein, und prompt verkommt Authentizität zu einer praktischen Entschuldigung für irrationales Verhalten und schlechtes Benehmen jeder Art. Seit sich Menschen in TV-Serien genüßlich ihren Neurosen hingeben und jede noch so kleine Krise mit größtmöglicher Theatralik zelebrieren, glauben diverse meiner Zeitgenossen, das auch tun zu müssen. Und sie wollen mir das dann auch noch als heilsame Gegenbewegung zu unserer ach so künstlichen Welt verkaufen.
Besagte Bekannte zum Beispiel hat dank des neuen Trends ihren Therapeuten entlassen können, denn jetzt darf sie ihr Umfeld stundenlang mit hochdramatischen, bühnenreifen Ausbrüchen unterhalten. Selbstbeherrschung, Umgangsformen, Sozialkompetenz, alles zu den Akten gelegt. Leider hatte ich meine Therapie abgeschlossen, bevor gutes Benehmen unmodern wurde. Deshalb kann ich auch den kleinen Mahner in meinem Hinterkopf nicht abstellen, der eingreift, sobald ich dem Authentizitätswahn erliegen und meine Mitmenschen in schrillen Tönen beschimpfen möchte, was einige zweifelsohne längst verdient hätten.
„Du mußt mal mehr aus dir herausgehen, dir selbst Emotionen gestattet. Du wirkst immer so beherrscht, gar nicht echt, deshalb sind Menschen in deiner Gegenwart auch oft so zurückhaltend“, verrät mir meine neuerdings sozial entfesselte Bekannte. Vielen Dank, aber mir sind zurückhaltende Menschen meist sehr Recht. Deshalb bin ich auch nach Norddeutschland und nicht etwa zu den Jecken ins Rheinland gezogen. Heute verlangt mir die Höflichkeit allerdings einiges ab. Ich würde nur zu gerne mal so richtig aus mir herausgehen und meiner ununterbrochen redenden Bekannten eine Kuchengabel in den Arm rammen.
Eine dieser wahnsinnig authentischen Drehbuchfiguren hätte das jetzt ganz bestimmt getan. Und sich dann drei Folgen später nach der einfühlsamen Intervention einer unglaublich verständnisvollen Amtsperson wieder mit dem Opfer versöhnt und die Freundschaft auf eine neue, wesentlich offenere, direktere Ebene gehievt. Leider bin ich viel zu höflich und vernünftig für derart dramatische Aussetzer und hätte ohnehin nicht drei Folgen Zeit, mich mit den Konsequenzen einer solchen Aktion auseinanderzusetzen. Also seufze ich nur still und bestelle noch mehr Kuchen. Fett beruhigt die Nerven.
Ich hätte nicht gedacht, daß ich das mal sagen würde, aber ich wünsche mir fast schon die 80er zurück, als Osho ein entrücktes Dauerlächeln auf die von Räucherschwaden umnebelten Gesichter der Zeitgeist-Apologeten zauberte. Das war mir damals auch nicht geheuer, aber wenigstens blieb man vom ungeschönten Innenleben selbsternannter Großstadtneurotiker verschont.
Schöner leben im Dschungel geplanter Authentizität - Drehbuchfiguren, Mit-der-Mode-Geher und der Widerstand gegen Persönlichkeiten made in Hollywood.
Wahlhamburgerin mit chronischem Fernweh, die sehr zum Leidwesen ihrer Eltern der anständigen Juristerei entsagt hat, um nicht immer ganz anständige Geschichten zu schreiben. Die Liebe zum Lesen und Schreiben ging eine Allianz mit der Begeisterung fürs Internet ein, woraus das Weblog "Lyssas Lounge" als öffentliche Chronik großer und kleiner Alltagsgeschichten entstand.
Authentizität als Angst vor Veränderung
mindestens haltbar 02/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 02
ISSN 1816-8159
Autor: Katharina "Lyssa" Borchert
Titel: Einfach mal man selbst sein
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am 5. Feb, 13:55

Super Text. Und das sage ich nicht nur, weil ich es für geboten halte, ein Kompliment zu machen. Ein Kompliment nämlich wäre ja "gutes Benehmen" und der Versuch durch diesen Kompliment diesem Benehmen zu entsprechen, wäre sicher alles andere als ein Kompliment, ja, vielleicht wäre es sogar eine beleidigend, weil die nötige Authentizität hinter diesem Kompliment schlichtweg fehlt. (Der mspro will sich ja nur einschleimen, der mspro ist so affektiert usw.).
Aber nein, es ist noch komplizierter, denn heute sind ja Komplimente auch kein „gutes Benehmen“ mehr. Besser sind verrisse. Schlecht gelaunt dem Gegenüber seine Meinung entgegenquäken. Das ist „in“, also „gutes Benehmen“. Aber Vorsicht, auch hier sollte man nicht verreißen um des Verreißen willens, denn auch das wäre ja nicht authentisch, würde nur einer Regel entsprechen, der Regel des „guten Benehmens“, oder das was man heute dafür hält...

Eine Kritik habe ich indes dann doch: Die Gegenüberstellung von Authentizität und "Gutem Benehmen" lässt sich glaube ich nicht bis zuletzt durchhalten.

am 5. Feb, 15:04

PS: Sorry für die vielfältigen orthographischen Regelübertretungen … (oder sollte dies meinen Ausführungen sogar Authentizität verleihen?)