Emigration aus dem Heile-Welt-Vakuum

von Thomas Loser
Darf man den Medien trauen? Mit dieser Frage macht die Wochenzeitung Die Zeit am 26. Jänner auf. Und deren Klärung dienen das Dossier Leben und theoretisch 13 Seiten. Die Frage ist an sich nichts Neues. So wie sie sich stellt, kann sie auch klassisch mit einem klaren Jein beantwortet werden. Dazwischen spielt sich jedoch eine Menge ab, in der jede Menge kommunikations-, informations- und medientheoretisches Für und Wider zur Debatte kommt und kommen muss.

Trauen bedingt Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Die Zeit liefert dazu statistische Zahlen aus verschiedenen Studien. Demnach genießt das Fernsehen knapp vor Tageszeitungen und weit hinter dem Radio und dem Internet die höchste Glaubwürdigkeit. Als Akt der Zubilligung durch die Mediennutzer durch das allerorts Vorhandensein von Fernsehgeräten ist dieses Maß an Glaubwürdigkeit durchaus zu verstehen. Und als zentrale Medienmaschine der post-post-modernen Menschen auch. TV-Geräte sind an nahezu allen Winkeln der Erde zu finden. Die darauf verbreiteten Programme sind en masse. Dieses bloße Vorhandensein und die Möglichkeit, jederzeit fernzusehen sind offensichtlich die Quintessenz dieses Vertrauens. Warum das Radio, das einen weitaus mobileren und flexibleren Medienkonsum zulässt, aber trotzdem gegenüber dem TV ein Glaubwürdigkeitsdefizit hat, ist nicht so einfach zu verstehen aber am ehesten damit zu erklären, dass TV mehr Wahrnehmungsebenen ihrer Rezipienten anspricht als das Radio. Zuhören ist schwieriger und Weghören ist einfacher. TV stimuliert die Augen und Ohren ihrer Nutzer. Und wovon man sich mit eigenen Augen überzeugen konnte, das wird oftmals als fundierter und bewiesener angenommen als bloß Gehörtes. Dies kann wiederum als Beweis für die Glaubwürdigkeit von Printmedien herhalten. Das Visuelle der Schriftsprache hat durchaus normative Kraft.

Auf der inhaltlichen Ebene bekommt dieses zugebilligte Vertrauen jedoch seine Sprünge. Aus der Sicht eines multimedialen Nutzers kann TV nur über ein rudimentäres Maß an Glaubwürdigkeit verfügen. Medienfähigkeit, darunter ist die Media Literacy zu verstehen, versetzt Rezipienten in die Lage, die weltanschaulichen, ökonomischen, medienpolitischen, etc. Absichten wie auch gestalterische Unterschiede in Medien zu erkennen. Aus der Sicht erkenntnis- und entwicklungsorientierter sowie medienfähiger Menschen schwindet die Glaubwürdigkeit von TV angesichts der in Künstlichkeit verpackten Flüchtigkeit der Inhalte.
Fernsehprogramme, vor allem jene der dominierenden werbefinanzierten wie auch der öffentlich-rechtlichen deutschsprachigen und internationalen TV-Stationen, bestechen im wesentlichsten durch ihre Künstlichkeit. Sie dominiert natürlich die Entertainment-Formate. Fiktionales dominiert das Vollprogramm der privaten TV-Anbieter. Aber auch die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten füllen ihre Programmflächen mit fiktionalen Inhalten.
Doch eine eigene Künstlichkeit haftet den ad hoc nicht-fiktionalen Programmteilen an. Und zwar Nachrichtensendungen. Die aktuellen Dienste im Radio und Fernsehen haben sich durch ihre sekundengenaue Abrechnung mit tagesaktuellen Ereignissen aus dem internationalen und nationalen Ereignis-Feldern und –Orten einen abstrakten Realismus geschaffen. Radiostationen mit ihren stündlichen Nachrichten-Portionen rund um die Uhr versinken regelmäßig in Berichtsmantras, die der Penetration durch Werbespots um nichts nachstehen. Oftmals aus der Not und dem Mangel neuer Top-News geboren und manchmal auch in der Absicht, die Botschaft tief ins Bewusstsein der Empfänger sickern zu lassen. Das Verlangen nach neuen Bildern verhindert in TV-Programmen eine ähnliche Praxis.

Was Radio und TV verbindet ist die Kürze und Flüchtigkeit der Meldung und damit ihre Abstraktheit. Aufmerksamen News-Rezipienten kann dann nicht entgehen, dass 30-Sekunden- oder Minuten-Beiträge zu komplexen politischen oder wirtschaftlichen Themen nur wenig hilfreich sind, um Zusammenhänge zu verstehen. Selbst die tägliche Rezeption derselben Nachrichten-Formate erhellt keine Inhalte hinter den portionierten Nachrichten. Ohne ergänzende Medien-Rezeption bleiben Sachinhalte verborgen. Dafür nutzen sie den jeweiligen Botschaftern.
Hier werden durchaus gewollt künstliche Politik-, Wirtschafts- oder Kultur-Welten geschaffen. Denn es ist folgende Entwicklung erkennbar: die offensive, mediale Präsenz vieler Akteure und die scheinbare Transparenz geht einher mit deren frappierenden Öffentlichkeitsscheu und der Tendenz, Realität unzugänglich zu machen. Das erzeugt zunehmend ein gut gemeintes aber realitätsfremdes und künstliches Heile-Welt-Vakuum bei den Medienkonsumenten. Und dieses Vakuum fördert bei den Rezipienten wiederum die Gier nach chronikalen Alltagssensationen. Die klassischen Medien stecken in einem Dilemma. Nicht-klassische Medien werden zu den Spielplätzen unterschiedlichster persönlicher Realismen. Internet und Weblogs sind deswegen Tummelplatz für TV- und Radio-Emigranten geworden. Sie wenden sich ab vom Heile-Welt-Vakuum. Sie schöpfen aus ihrer eigenen Welterfahrung und legen aufoktroyierte Künstlichkeit ab. Aber auch sie entkommen nicht der Künstlichkeit. Ist so doch die Quintessenz der Wahrnehmung und der kreativen Weltkonstruktion des Menschen. Und dort liegt auch meines Erachtens die Quintessenz. Die einfach gestrickten Erklärungs- und Konstruktionsmuster verschiedener klassischer Medien überleben sich langsam. Das macht sich durch wirtschaftlichen Druck, respektive durch das Verschwinden klassischer Zielgruppen, bemerkbar. Die Rezipienten schaffen sich unter Zuhilfenahme unterschiedlicher Medienkanäle, selbstverständlich gehören dazu TV, Radio, Printmedien, Film sowie alle Spielformen sozialer und kommunikativer Vernetzung im Internet, Musik, Games, Events, etc., komplexe, künstliche Denk- und Lebensmodelle. An ihnen werden wiederum die Inhalte der genannten Medienkanäle gemessen. Im Sinne dieser Media Literacy versinken nicht nur TV-Entertainment-Formate in einer nicht mehr zeitgemäßen Künstlichkeit. Auch der scheinbare Nachrichten-Realismus versinkt in einem nur mehr der jeweilig ausstrahlenden TV-Station verständlichen Fiktionalität.

Medienwelten von morgen sind Netzwerke unterschiedlicher Größe. In ihnen werden, abhängig von der Zahl ihrer Partizipanden, Fiktionales und Nicht-Fiktionales geplant, geschaffen, abgeändert und verworfen. Medienkanäle sind nur insofern interessant, als sie dann nach ihren Aktionsmöglichkeiten für alle Teilnehmer beurteilt werden. Jene, die die größten Entfaltungsmöglichkeiten und schnellsten Interaktionspotenziale in sich bergen, werden die Leitmedien der Zukunft sein.
Radio und TV, digitale- und Printmedien konfrontieren uns täglich mit sorgfältig ausgewählten Wirklichkeitsfragmenten. Fakt oder Fiktion?
Thomas Loser, 38, Medienjournalist; seit 1998 den Entwicklungen im Web-
universum auf der Spur wobei wirtschaftliche Aspekte dominieren; wäre ohne das Medium Internet im Jahr 2006 nicht mehr Informationswerker, da dadurch das Primat der Aktualität von TV, Radio und Tageszeitung gebrochen wurden; durch die Online-Welt konnte wieder Schriftkultur zurückgewonnen werden auch wenn die Zukunft auch die stärker Bildhaftigkeit des Mediums bringt.
mindestens haltbar 02/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 02
ISSN 1816-8159
Autor: Thomas Loser
Titel: Emigration aus dem Heile-Welt-Vakuum
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