Orte der unbefleckten Begrüßung

von Tobias "Einbecker" Lange
Nichts ist künstlicher, als wenn sich ein Mensch anders verhält, als er das normalerweise tun würde. Die Quintessenz dieser Verhaltensform ist das Grüßen von fremden Personen, das nirgendwo sonst so exzessiv wie in Deutschland betrieben wird. Die Top 5:

5. Nachbarn

Seit über drei Jahren wohne ich nun schon in Dresden und feiere dort in meiner Wohngemeinschaft auch gerne Feiern -- sagen wir zwei Stück pro Jahr. Selbstverständlich hänge ich jedes Mal einen Zettel an die Haustür, der alle Bewohner unseres Hauses zu unserer Feier aufs herzlichste einlädt. Ganze zwei habe ich in dieser Zeit kennengelernt. Die anderen, die also eher durch meine Feiern, ja vielleicht sogar meinen Lebenswandel (denn ich habe ja noch einen) gestört werden, bleiben dem ganzen lieber fern. Wieso grüße ich sie also?

4. Wald

Wenn die ersten Sonnenstrahlen seit längerer Zeit an einem Wochenende herauskommen, muss man sich nur die Spazierwege im Wald angucken, um einen Querschnitt durch die Bevölkerung zu sehen. Dort wandert der alternative Ökologiestudent genauso wie der konservative Bauamtsleiter, die Tokio-Hotel-Fans ebenso wie der Damen-Kegelclub Eberswalde. Und diese Leute, deren größter gemeinsamer Teiler der Sonntagnachmittag im Wald ist (und der Tatort am Abend. Aber das ist eine andere Geschichte.) und die sich rein gar nichts zu sagen haben, sagen sich doch etwas: "Tag!", "Hallo!" oder auch "Grüß Gott!" schallt es durch den Wald.

3. Urlaub

Kaum ist die harte Arbeit ein paar hundert Kilometer im Rückspiegel verschwunden, der Alltag weit weg und man hat endlich seine Ruhe, wird selbige sofort wieder durch die Suche neuer Freunde zerstört. Egal ob im Ferienclub an der türkischen Riviera, der Campingplatz an der Ostsee oder im City-Hotel Paris: Sobald jemand als Deutscher erkannt wurde, wird hemmungslos gegrüßt, bis man zumindest ein Pilsbier zusammen getrunken hat. Lustig werden solche Begegnungen übrigens, wenn sich die vermeintlich Deutschen in Wirklichkeit als Holländer entpuppen.

2. Frisör/ Arzt

Dienstleistungen am eigenen Körper sind den meisten Deutschen ja eigentlich ein Graus. Sie versuchen dies also mit einem Redefluss in Richtung Dienstleister und einer hölzernen Leichtigkeit zu überspielen, was dann zu den komischen Situationen führt, die sich täglich in den Wartezimmern dieser Nation abspielen. Ganz besonders ausgeprägt sind dabei Gespräche über die fremde Frisur/ den fremden Gesundheitszustand, die eigentlich nur dazu dienen, das eigene Pendant zu präsentieren.

1. Aufzug

Kommen wir zum Höhepunkt der heuchlerischen Begrüßung, welchen zweifelsfrei der neudeutsch „Lift“ genannte Aufzug bildet. Der Wohlfühlradius der mitfahrenden Personen ist überschritten, sobald deren Anzahl eins übersteigt, und um über diesen Lapsus hinweg zu kommen, also den inneren Radius betreten zu dürfen, macht man sich eben schnell bekannt. Manche meinen, das diene zur Überbrückung von Peinlichkeiten wie dem Transport der Bildzeitung, starken körperlichen Ausdünstungen oder aber, siehe 5., der Feier vom Vortag mit Karaokeeinlagen. "Reine Vorsichtsmaßnahme", sagen die anderen. Schließlich will man nicht stecken bleiben, wenn man die anderen Mitfahrer nicht kennt. Aber wer will schon im Aufzug stecken bleiben?
Normalerweise geht man an fremden Menschen einfach vorbei -- manchmal allerdings grüßt man sie aber auch, ohne triftigen Grund: Es hängt alles vom Ort ab.
Gleich Rob aus High Fidelity liebt er es gleichermaßen, Schallplatten zu hören und Sachen zu kategorisieren. Seit 2005 gemeinschaftlich in Top-5-Listen, davor und nebenbei in Freiform.
mindestens haltbar 02/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 02
ISSN 1816-8159
Autor: Tobias "Einbecker" Lange
Titel: Orte der unbefleckten Begrüßung
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am 8. Feb, 22:32

Herrlich. Ich liebe sowas! Aber die Krönung im Aufzug ist doch, wenn die Mitfahrer nach der ohnehin schon peinlichen Begrüßung danach ohne ein Wort zu sagen vermutlich in Scham über diese auf den Boden schauen. Leute, eilig unterwegs in der Mittagspause, trauen sich nicht mehr, in das liebevoll zubereitete Butterbrot zu beißen und es fällt durchaus immer wieder auf, dass einige Leute die Luft anhalten.

am 20. Feb, 15:50

Stimmt. Ich hatte sogar auf dem Weg zum Mittagessen jemanden neben mir, der deshalb einen Hustenanfall gekriegt hat.


am 21. Feb, 08:58

Ich erinnere mich daran, in Dresden mehrfach auf öffentlichen Toiletten begrüßt worden zu sein. Nicht mit Handschlag, das wäre unangenehm gewesen, aber mit einer Kombination aus Nicken und "Hallo"-Varianten.

Sehr freundliche Stadt, dieses Dresden.

am 21. Feb, 11:43

Immer wieder nett zu hören, ein freundliches "Mahlzeit" auf dem Klo...;-)


am 26. Feb, 15:48

@ds: Schön, dass Sie nichts über den Mangel an öffentlichen WCs in Dresden geschrieben haben :-)


am 22. Aug, 19:51

Ich verstehe den Artikel nicht. Zuviel gegrüßt? Zuviel offen und freundlich auf die Menschen zugegangen? Hä? Sorry, diese Art der Peinlichkeit ist mir (als so schrecklich verstockter Norddeutscher!) wirklich fremd. Klar habe ich schon in viele verdutzte Gesichter geblickt, nach dem Gruß am Altpapiercontainer. Es macht Spaß zu grüßen und ich habe vor einigen Wochen eine neue Freundschaft geschlossen. Richtig: einfach gegrüßt und dann gings los! Also Ihr Busfahrer, Zeitungsausträger und Mit-Flugreisenden. Ich werde Euch weiter(be)grüßen!!

am 23. Aug, 10:56

vollkommen deiner meinung! ich hab mich eben auch gewundert..


am 22. Sep, 03:01

richtig richtig - ich bleibe auch dabei, und "grüße was das zeug hält".. wär ja noch schöner! freundlichkeit, offen auf andere zugehen? - fremdworte für den author? nein sicher nicht, aber da scheint einer ne saftige neurose zu haben. mir jedenfalls hat das seit jahren fast ausschließlich gutes eingebracht - leute die ich sonst nie kennengelernt hätte (und immer noch treffe) uvm.

mal drüber nachgedacht, dass nicht jeder (ungeübte;) auf andere unverkrampft zugehen kann.. aber viele sehr froh wären (sind!), wenn ein anderer zuvorkommt??? (findet sich da der anti-grüßer zufällig wieder? - ps. er war scheinbar noch nicht viel im ausland.. mallorca höchstens, vermute ich... dann aber einen "deutschen" nimbus ausrufen, den es einfach nicht gibt bzw. nur in der wahrnehmung eines einzelnen. tjaja im www darf jeder alles..)

mann wie krank, ich hoffe die geistige diarrhoe nimmt sich niemand zu herzen... (und noch einen aber ganz herzlichen gruss² an die zwei kollegen vor mir ;)

und einen ganz herzlichen, persönlichen gutenbesserungsgruss ;))

für hr. "einbecker" neurosen-kultivierer lange

i.r.

am 28. Okt, 22:59

... ich gehe jetzt noch einen Schritt weiter. Nicht nur Fremde grüßen, sondern auch Fremde ansprechen, wenn mir etwas gut gefällt. Z. B bei Theatervorführungen o.ä., persönlich oder per email. Super-spannende neue Kontakte. Evtl. geht's in Kürze sogar bis nach Portugal! Gegrüßt, gesprochen, in neue Welten eingestiegen. Irre! Alles Gute (auch beste Genesungswünsche) an alle, die sich mit diesem Artikel beschäftigt haben.!


am 15. Nov, 11:29

Oh. hab ja lange nicht mehr hier her geguckt, ist ja nen netter Austausch hier. Auch wenn ich bezweifel, dass das hier noch irgendwer liest:

1. Wikepedia, sinngemäß gekürzt: "Neurose: [...] Konflikt zwischen dem Es und dem Über-Ich. [...] In diesem Konflikt kann es zu einem Zusammenbruch des Ichs kommen. " Es lastet schon sehr auf mir, dieses Über-Ich. Oder was meinen Sie?

2. Auch wenn meine Weltreisen nichts, aber auch wirklich gar nichts mit dem Artikel zu tun haben: In Europa fällt mir, außer Bulgarien, Rumänien,


am 15. Nov, 11:31

(Das da oben drüber, ich weiß gar nicht, wie das da hinkommt. Mein Browser spinnt. Ehrlich! Kann gelöscht werden!)


Schade eigentlich, dass ich das hier erst jetzt lese. Ich muss zugeben, mein Über-Ich belastet mich schon sehr. Besonders gemerkt habe ich das, als ich in den USA lebte. Und durch China reiste. Aber auch in Marokko, Griechenland, der Türkei und Ungarn, da hat es mich immer erdrückt. Ich bedanke mich bei Herrn C64-Spiel dafür, mich endlich aus meiner kleinen Welt der Zwangsneurose befreit zu haben -- Yippheida!

(und was für Anmaßungen ich mir anmaße, ist schon ganz schön anmaßend, weshalb ich mich dafür natürlich maßgeblich maßregeln werde!)






Damit das ganze nicht zu sehr ins lächerliche abdriftet (und ich denke mal, dass das hier eh keiner mehr liest): Ich grüße immer und gerne, nun ja, nicht jeden, aber sobald es etwas intimer wird. Auch Menschen, die für mich Dienstleistungen erbringen. Dieser Artikel ging mir eigentlich grade darum, dass es es eine schlechte Idee ist, eine Regelkultur des Grüßens zu etablieren.

Und jetzt alle: Die Welt kann mich nicht mehr verstehen...