
Please don‘t keep it real!
von Alexander Vieß
Sämtliche visuellen Medien haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber der Schriftform: Sehen wird mit Wahrhaftigkeit gleichgesetzt. Alles was ich sehe ist Fakt, alles nicht Sichtbare bleibt erst mal nur Behauptung. Das erscheint zunächst logisch, schließlich kann mir ein Autor zwar von einem Baum erzählen, das Bild eines speziellen Baumes aber entsteht letztlich in meinem Kopf. Visuelle Medien berauben uns zwar nicht dieser Vorstellungskraft, sie engen sie aber weitgehend ein. Der Baum erscheint dort definiert; er hat braune oder grüne Blätter, steht im Freien oder als geschmückter Tannenbaum im Wohnzimmer. Aber: Sehe ich wirklich einen Baum? Oder sehe ich bloß Staffage? Das Authentische im Fernsehen ist immer auch Simulation. Abgebildete Realität ist behauptete wie interpretierte Realität.
Schaut man in ein Fernsehprogrammheft, kann man schon seit geraumer Zeit einen Boom der Realityformate erkennen. Wir sind mit dabei im Streifenwagen einer echten Polizeieinheit, im Gerichtssaal mit echten Richtern und via Nachmittagstalkshow im Bett der sechzigjährigen Sadomaso-Anhängerin. Dieser Trend ist nichts Neues, aber erst seit ein, zwei Jahren mischen auch die Öffentlich-Rechtlichen mit im Authentizitätswahn. Familien werden auf ein Schiff verfrachtet und müssen sich mit der Technik des vorvorletzten Jahrhunderts auseinandersetzen, andere erfahren auf einer Burg das Leben und Arbeiten aus längst vergangener Zeit. Wohlgemerkt: Das Spiel mit dem „Echten“ ist auch bei den Öffentlich-Rechtlichen bereits erprobt, Pfarrer Fliege hat aber inzwischen dieselbe gemacht und Domian spielt in einer ganz besonderen Kategorie, die tatsächlich mehr auf auditive Reize denn auf die visuellen setzt. Es scheint also, als ob man dem Authentischen im Fernsehen nicht entfliehen kann.
Dennoch wimmelt es in letzter Zeit von neuen Formaten, die bewusst und explizit unauthentisch wirken. Die Rede ist von den neuen Telenovelas, die das bereits vor Künstlichkeit nur so strotzende Format der Soap noch erweitern. »Er (der Zuschauer) will das romantische Wohlfühlfernsehen. Und er hat im Moment auch genug vom Reality-TV, seien es Gerichtshows oder Doku-Soaps. Der Zuschauer wünscht sich heile Welt – und das bedienen wir«, so Petra Bodenbach, Autorin der ZDF-Telenovela »Julia – Wege zum Glück« vor einiger Zeit in der taz.
Tatsächlich sind die Quoten der Gerichts- und Nachmittagstalkshows schon seit längerem rückläufig. Dennoch stimmt die Analyse Bodenbachs nicht. Der Zuschauer unterscheidet nicht zwischen authentischem und klassisch-narrativem Fernsehen. Eine verlässliche Quotengröße scheint nur noch das Neue zu sein. So hat die Retortensendung »Deutschland sucht den Superstar« regelmäßig Traumquoten von 30 Prozent, sogar die beinahe ins Realsatirische reinragende neue »Topmodels«-Sendung brachte erstaunliche 14 Prozent. Und auch die noch jungen Heimwerker-, Garten- und Nanny-Formate, die sich in immer neuen Subformaten (neuerdings erzieht auf RTL II die »Tier-Nanny«) ausdifferenzieren, bringen kräftig Quote. Wie gesagt, alles deutet darauf hin, dass der Zuschauer sein Programm nicht nach dessen »Echtheit« auswählt. Der kleinste gemeinsame Nenner ist und bleibt die Unterhaltung. Keine Dokumentation im Fernsehen, die sich nicht mit dem Titel »Doku-Soap« schmücken muss, keine Geschichtssendung ohne – meist grausig – nachgestellte Szenen, keine Wissenschaftssendung, die es sich leisten kann, ohne Effekthascherei auszukommen.
Höre ich da jemanden »Kulturpessimismus« rufen? Nichts gegen Unterhaltung. Nur soll sie bitte nicht in Desinformation umschlagen und sie soll bitte nicht als Totschlagargument für die haarsträubendsten Formatkollisionen herreichen. Das Fernsehen macht eben nicht das, was Frau Bodenbach behauptet, nämlich Zuschauerwünsche abzubilden. Dazu ist die total veraltete und mehr als fehlerhafte Quotenmessung ohnehin nicht in der Lage. Das deutsche Fernsehen bringt den kleinsten gemeinsamen Nenner, nicht mehr und nicht weniger. Und das nur, weil die Programmverantwortlichen zu feige und vermutlich auch zu faul sind, eigenen Gehirnschmalz in die Formate einzubringen. Wo immer sie das tun, werden sie fast immer auch belohnt: Die vom amerikanischen Bezahlfernsehen HBO eingekauften Serien wie Six Feet Under, Sex & the City, 24, CSI und noch einige mehr sind allesamt Quotenrenner. Warum wohl? Ganz einfach deswegen, weil sie sich nicht an vermeintlich sicheren Konzepten festklammern sondern diese vielmehr aufbrechen und so etwas schaffen, was sich kein Zuschauer wünscht – einfach deswegen, weil er es noch nicht kennt. Das Neue ist das Aufregende, das haben sowohl deutsches Privatfernsehen wie auch amerikanisches Pay-TV verinnerlicht. Dass dazu mehr gehört als authentischen Strategien hier und Dumpfbackenkonzepten dort hinterherzuhecheln, das muss dem hiesigen Fernsehen erst noch beigebracht werden.
Schaut man in ein Fernsehprogrammheft, kann man schon seit geraumer Zeit einen Boom der Realityformate erkennen. Wir sind mit dabei im Streifenwagen einer echten Polizeieinheit, im Gerichtssaal mit echten Richtern und via Nachmittagstalkshow im Bett der sechzigjährigen Sadomaso-Anhängerin. Dieser Trend ist nichts Neues, aber erst seit ein, zwei Jahren mischen auch die Öffentlich-Rechtlichen mit im Authentizitätswahn. Familien werden auf ein Schiff verfrachtet und müssen sich mit der Technik des vorvorletzten Jahrhunderts auseinandersetzen, andere erfahren auf einer Burg das Leben und Arbeiten aus längst vergangener Zeit. Wohlgemerkt: Das Spiel mit dem „Echten“ ist auch bei den Öffentlich-Rechtlichen bereits erprobt, Pfarrer Fliege hat aber inzwischen dieselbe gemacht und Domian spielt in einer ganz besonderen Kategorie, die tatsächlich mehr auf auditive Reize denn auf die visuellen setzt. Es scheint also, als ob man dem Authentischen im Fernsehen nicht entfliehen kann.
Dennoch wimmelt es in letzter Zeit von neuen Formaten, die bewusst und explizit unauthentisch wirken. Die Rede ist von den neuen Telenovelas, die das bereits vor Künstlichkeit nur so strotzende Format der Soap noch erweitern. »Er (der Zuschauer) will das romantische Wohlfühlfernsehen. Und er hat im Moment auch genug vom Reality-TV, seien es Gerichtshows oder Doku-Soaps. Der Zuschauer wünscht sich heile Welt – und das bedienen wir«, so Petra Bodenbach, Autorin der ZDF-Telenovela »Julia – Wege zum Glück« vor einiger Zeit in der taz.
Tatsächlich sind die Quoten der Gerichts- und Nachmittagstalkshows schon seit längerem rückläufig. Dennoch stimmt die Analyse Bodenbachs nicht. Der Zuschauer unterscheidet nicht zwischen authentischem und klassisch-narrativem Fernsehen. Eine verlässliche Quotengröße scheint nur noch das Neue zu sein. So hat die Retortensendung »Deutschland sucht den Superstar« regelmäßig Traumquoten von 30 Prozent, sogar die beinahe ins Realsatirische reinragende neue »Topmodels«-Sendung brachte erstaunliche 14 Prozent. Und auch die noch jungen Heimwerker-, Garten- und Nanny-Formate, die sich in immer neuen Subformaten (neuerdings erzieht auf RTL II die »Tier-Nanny«) ausdifferenzieren, bringen kräftig Quote. Wie gesagt, alles deutet darauf hin, dass der Zuschauer sein Programm nicht nach dessen »Echtheit« auswählt. Der kleinste gemeinsame Nenner ist und bleibt die Unterhaltung. Keine Dokumentation im Fernsehen, die sich nicht mit dem Titel »Doku-Soap« schmücken muss, keine Geschichtssendung ohne – meist grausig – nachgestellte Szenen, keine Wissenschaftssendung, die es sich leisten kann, ohne Effekthascherei auszukommen.
Höre ich da jemanden »Kulturpessimismus« rufen? Nichts gegen Unterhaltung. Nur soll sie bitte nicht in Desinformation umschlagen und sie soll bitte nicht als Totschlagargument für die haarsträubendsten Formatkollisionen herreichen. Das Fernsehen macht eben nicht das, was Frau Bodenbach behauptet, nämlich Zuschauerwünsche abzubilden. Dazu ist die total veraltete und mehr als fehlerhafte Quotenmessung ohnehin nicht in der Lage. Das deutsche Fernsehen bringt den kleinsten gemeinsamen Nenner, nicht mehr und nicht weniger. Und das nur, weil die Programmverantwortlichen zu feige und vermutlich auch zu faul sind, eigenen Gehirnschmalz in die Formate einzubringen. Wo immer sie das tun, werden sie fast immer auch belohnt: Die vom amerikanischen Bezahlfernsehen HBO eingekauften Serien wie Six Feet Under, Sex & the City, 24, CSI und noch einige mehr sind allesamt Quotenrenner. Warum wohl? Ganz einfach deswegen, weil sie sich nicht an vermeintlich sicheren Konzepten festklammern sondern diese vielmehr aufbrechen und so etwas schaffen, was sich kein Zuschauer wünscht – einfach deswegen, weil er es noch nicht kennt. Das Neue ist das Aufregende, das haben sowohl deutsches Privatfernsehen wie auch amerikanisches Pay-TV verinnerlicht. Dass dazu mehr gehört als authentischen Strategien hier und Dumpfbackenkonzepten dort hinterherzuhecheln, das muss dem hiesigen Fernsehen erst noch beigebracht werden.
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