Gottes Werk und Foodstylists Beitrag

von Herr Paulsen
Früher war alles besser! Wenn man der Bibel Glauben schenkt, war zumindest am Anfang alles in Ordnung. Allerlei essbares Getier hüpfte durch satte Gemüsegärten, Obstbäume seufzten unter der schweren Last süßer Früchte, die Äcker und Felder gebaren blonden Weizen, dicke Kartoffeln und zarten Spargel. In jener Zeit gab es sogar noch frische Ananas am Stadtrand vom Bielefeld! Und alles gratis! Leider schloss das Schlaraffenland sehr schnell seine Pforten, das kulinarische Paradies war verloren, unser Garten Eden ist heute der Supermarkt.

Ein deutscher Supermarkt führt durchschnittlich 30.000 Produkte. Der überwiegende Teil sind verpackte Lebensmittel, allesamt bunt bedruckt mit Mund wässernden Foto-Verweisen auf den Packungsinhalt. Der stimmt aber nur in den seltensten Fällen mit dem Foto auf der Verpackung überein. Denn neben dem Fotografen ist es der Foodstylist, der dort eine künstliche aber ideale kulinarische Welt schafft, das perfekte Essen, die Illusion eines makellosen Lebensmittels kreiert, die Natur korrigiert. Mit Pinzette, Farben, Sprays und Lacken bewaffnet bringt er den Menschen das kulinarische Paradies zurück. Für Zeitschriften, Werbung, Verpackungen, Film und Fernsehen. Sein Beruf ist gänzlich unglamourös, er arbeitet weitestgehend unbemerkt. Doch wenn Sie in der Küche die absolute Nullnummer sind oder keine Lust oder keine Zeit haben, sich was Frisches zu kochen, dann finden sich sicher eine Menge seiner Werke in Ihrem Mülleimer. Pizzakartons, Fertigmenüs, Tiefkühlware, Dosenware, Tüten, Kartons, Flaschen. Bei jedem Supermarktbesuch schreiten Sie ganze Galerien des Foodstylings ab. Nur knapp über hundert Menschen üben diesen Beruf in Deutschland aus, Voraussetzung ist eine Kochausbildung, ein Chemiestudium ist hilfreich. Einige sind spezialisiert, auf Speiseeis etwa, das macht in Deutschland gerade mal eine Handvoll Foodstylisten, Bier ist auch ein eigenes Thema, und es ist nicht damit getan, mal eben einen Teller schön anzurichten. Sie ahnen es, die Erschaffung paradiesischer Illusionen ist schwer.

Das perfekt gebräunte, knusprige Brathähnchen zum Beispiel ist nur für wenige Minuten im Ofen und verlangt nach Spülmittel. Das Spülmittel schlüsselt die Hähnchenhaut auf und sorgt dafür, dass ein Farbnebel aus exakt fünf weiteren, streng geheimen Zutaten in die Haut einzieht. Nach ca. dreißig Minuten Behandlung liegt da ein fast rohes Hähnchen vor der Kamera, wie es kein Koch dieser Welt knuspriger und gleichmäßiger gebräunt hinbekäme. Oder so etwas Einfaches wie Fischfilets in Olivenöl aus der Dose. In der Dose befinden sich Fischfilets in Olivenöl. Die Filets auf dem Deckelfoto der Dose schwimmen in Motoröl mit möglichst hoher Oktanzahl. Die „Klopffestigkeit“ des Motoröls sorgt für eine erhöhte Oberflächenspannung des Öls und für festen Stand, ohne zu zerfließen. Punktgenau kann der Foodstylist jetzt die runden, funkelnden Öltropfen setzen. Manchmal sind auch nur buddhistische Gelassenheit und meditative Versenkung gefragt. In eine Müslischale beispielsweise. Für ein Früchtemüsli werden je zehn Kilo Haferflocken, zehn Kilo Cornflakes und zwanzig Kilo frische Beeren im Fotostudio angeliefert. Einen Tag lang sucht der Foodstylist in den Säcken nach den sechzig perfektesten Haferflocken, den vierzig schönsten Cornflakes, den sieben reifsten Beeren und drapiert diese mit einer Pinzette zum schönsten Müsli der Welt. Das Anrichten von Hundefutter funktioniert übrigens genauso. Eine Europalette Nassfutter ergibt einen üppig gefüllten Napf. Würfelchen für Würfelchen wird mit der Pinzette aufgesetzt, mit glänzendem Glibber bepinselt, Petersiliensträußchen drauf und fertig. Die Sorten Lamm und Fisch führen dabei am häufigsten zu Ohnmachtsanfällen beim Foodstylisten.

Foodstylisten unterwerfen sich die Natur, sie setzen Löcher genau da in die Käsescheiben, wo sie der Kunde haben will, färben blasse Spaghetti zu goldgelben Gourmetnudeln um und können jeder Sauce befehlen, wohin und wie weit sie fließen darf. Selbst Größe und Anzahl der Tautropfen auf einer gekühlten Bierflasche weiß der Foodstylist durch die Gesetze der Chemie zu steuern. Seit ein paar Jahren sind alle Grenzen gefallen, selbst das unzulänglich gewachsene Fleisch von Tieren kann jetzt am Computer bearbeitet werden. So ist bei einem tiefgekühlten Fischfilet mit Spinatauflage die Unregelmäßigkeit der Lamellenstruktur im Fischfleisch kein Problem mehr. Drei schöne Lamellen aussuchen, copy & paste, fertig ist der Kunstfisch, der so nur im Kühlwasser eines Atomkraftwerkes zu fischen wäre.

„Schweinerei, Skandal, das ist ja widerlich!“, schimpfen die Verbraucher, „Wir werden ja verarscht!“.
Nein, werden wir nicht. Lebensmittelgesetze, Verbraucherschutz, strenge Auflagen und Kontrollen sorgen dafür, dass die Packungsinhalte von hoher Qualität sind. Neue Methoden der Lebensmittelüberwachung, der Haltbarmachung und der Verpackung sorgen meist für gesundheitlich einwandfreies Essen, der Rest ist Geschmackssache. Jeder Beutel tiefgekühltes Gemüse, frisch geerntet und sofort schockgefroren, ist gesünder und enthält mehr Vitamine als das weit gereiste Supermarktgemüse, das unter grellen Lampen und feinem Wassernebel langsam zu Tode lagert. Jeder tiefgekühlte Fisch, direkt auf See nach dem Fang verarbeitet und gefroren, hat einen erheblichen Frischevorteil gegenüber seinen Kollegen, die auf Eiswürfeln gelagert in irgendwelchen meerfernen Kühltheken durch erhebliche Temperaturschwankungen schwimmen müssen.
Nur aussehen tut die genormte Gourmetwelt aus dem Supermarkt nicht so gut. Aber auch das wissen wir Verbraucher. Und wir wissen alle, dass der Inhalt einer Packung mit der Farbabbildung auf der Packung nicht wesentlich übereinstimmt. Rechtlich abgesichert ist diese Diskrepanz durch das kleine Wörtchen „Serviervorschlag“ auf jeder Packung. Das garantiert zwar keine Narrenfreiheit, hilft aber Werbern und Foodstylisten bei der Einlösung eines unausgesprochenen Vertrages zwischen Hersteller und Verbraucher. Es ist die Sehnsucht nach dem Paradies, an das der Konsument sich erinnert, an die perfekte, verloren gegangene heile Welt. Die Lebensmittelindustrie bildet diese Welt auf den Verpackungen ab, der Inhalt folgt der Abbildung im Rahmen seiner Möglichkeiten.

„Gelerntes Essen“ nennt der Foodstylist diese Sehnsucht, und was das ist, können Sie zuhause sofort in einem kleinen Experiment erfahren. Fertig? Los!
Schließen Sie die Augen und denken sie an ein gegrilltes Hähnchen. Na? Genau! Sieben von zehn Menschen sehen genau das oben beschriebene, gleichmäßig gebräunte, perfekte Hähnchen mit straffer Knusperhaut. Nur drei Menschen sehen vor ihrem inneren Auge den schrumpeligen Broiler von der Imbissbude an der Ecke. Fast hundertprozentige Übereinstimmung beim nächsten Produkt! Augen zu, denken sie an einen Burger mit Käse. Wirklich fast jeder Mensch sieht jetzt eine dicke Scheibe glänzendes Hackfleisch in einem perfekten Sesambrötchen, zwei geschmolzene Ecken Käse winken, grasgrün schlängelt sich eine feine Bordüre knackfrischen Salates um den Brötchenrand, zurückhaltend feine Punkte von Ketchup und Mayonnaise, dazu die Ränder einer taufrischen Tomate und zwei knackige Zwiebelringe, natürlich blütenweiß. An zwei wabbelige Weißbrotscheiben mit matschiger Füllung, warm gewordenem Salat und erstarrten Käsefäden denkt kaum jemand. Würde auch niemand kaufen. Kaufen wir aber trotzdem alle, weil wir die Bilder im Kopf haben und die Sehnsucht im Herzen und das Wissen, dass ein Hähnchen, ein Burger, was auch immer, sicher mal irgendwann so ausgesehen haben muss. So aussehen sollte.

Und so wandern wir heute herum zwischen Lebensmittelskandalen, Essstörungen, Ernährungsratgebern und vollen Supermarktregalen, und die Verpackungen flüstern uns zu, dass alles in Ordnung ist. Wie früher. Im Paradies.
Mithilfe von Motoröl, Spülmittel und Lack bannen Foodstylisten das Schlaraffenland auf Lebensmittelpackungen. Müssen wir uns hintergangen fühlen? Keineswegs - die Kunst der Lebensmittelfotografie ist es, unsere Träume zumindest in der Theorie Wirklichkeit werden zu lassen.
Der gelernte Koch arbeitet als Foodstylist, Redakteur und kulinarischer Berater für Zeitschriften, Werbung, Film und Fernsehen. In seinem Blog erzählt er, unter anderem, oft vom Leben hinter der Küchentür und der sehr eigenen Gesellschaft der Köche & Gourmets.
mindestens haltbar 02/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 02
ISSN 1816-8159
Autor: Herr Paulsen
Titel: Gottes Werk und Foodstylists Beitrag
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am 2. Feb, 17:12

Ein kurzer aber interessanter Blick hinter die Kulissen. Oktanzahl und Klopffestigkeit gibt es aber nur bei Benzin. Bei Motoröl zählt dagegen die Viskosität, Herr Paulsen. Auch für Foodstylisten.


am 2. Feb, 17:37

Jetzt weiss ich wenigstens warum ich immer auf die optisch schönsten Verpackungen reinfalle.


am 5. Feb, 16:28

Das mag alles immer noch für Produktfotos gelten. Bei Bildern in Kochbüchern gibt es aber seit ein paar Jahren auch einen gegenläufigen Trend: weniger Styling, natürliches Licht - und: die Speisen müssen nach dem Essen auch noch genießbar sein.


am 6. Feb, 05:05

Der kleine Versuch mit geschlossenen Augen funktioniert tatsächlich. Eine Frage, die sich mir hier stellt, bezieht sich auf die Werbebeilagen in den kostenlosen Wochenzeitschriften, die für das Lebensmittelangebot größerer Supermärkte/Discounter werben sollen. Hier findet sich immer mindestens eine Doppelseite mit Liveberichten aus dem Schlachthof. Gibt es wirklich Leute, in denen, wenn sie in einem solchen Prospekt ein Pfund rohes Hackfleisch oder ein abgetrenntes ebenfalls unbehandeltes Hühnerbein sehen, spontan Lust auf einen Grillabend erwacht?
Aber in anderen Bereichen der Fotografie wird ja nicht weniger gemogelt. So kann ich mich zuweilen durchaus eine Stunde mit der Nachbearbeitung von Bewerbungsfotos beschäftigen. Hier hat zwar eine gute Visagistin die Möglichkeit, Pickel auszudrücken und abzupudern, aber gelbe schiefe Zähne oder zusammengewachsene Augenbrauen kann man zumeist nur mit der digitalen Bildbearbeitung besiegen. "Der erste Eindruck zählt", denn so wie bei den Personalchefs während des Vorstellungsgespräches das perfekte Bild aus den Bewerbungsunterlagen mit sympatischem Lächeln das tatsächliche verschüchterte Gesicht des Kandidaten überdeckt, so haben vielleicht auch wir Tiefkühlkonsumenten während des Verzehrs von geschmacklich einwandfreier mononatriumglutamatreicher, aber optisch nicht vorzeigbarer Hühnerfrikassee noch das Bild von der Verpackung im Hinterkopf. Oder sogar auf dem Küchentisch.


am 10. Feb, 12:11

Nach ungefähr zehn Zeilen dachte ich an Paris Hilton. Dann - ach nee, geht ja garnicht. Findste ja nichtmal schön, auch nicht in Motorenöl gebadet.
Dann an Laufstege, an Models, an Versandhauskataloge. An die Mechanismen der Werbung.
Zuletzt an den Grund dafür, daß Menschen Beziehungen eingehen.

Metaebene, verfluchte. Engstirnige Fixiertheit, verrückte.