
Auf Besuch im Augenblick
von Christine Schranz
Vor einiger Zeit stand ich vor einem schmalen, hohen Regal voller Bücher in einem winzig kleinen Geschäft, ohne genau zu wissen, wie ich hier hergekommen war. Eigentlich hatte ich Schuhe kaufen wollen, um dem Ruf der modernen Frau gerecht zu werden, immer Schuhe kaufen zu müssen, auch wenn ich gar keine brauchte, war aber irgendwie in einem Buchladen gelandet statt bei Humanic. Gleich beim Eingang musste ich mich zwischen Stapeln von Harold Pinter Büchern durchzwängen, was wohl damit zu erklären war, dass jeder, der etwas auf sich hält, derzeit Harold Pinter liest. Ich wanderte die Regale entlang, strich im Vorbeigehen mit Zeige- und Mittelfinger über die Rücken schriller, auffällig bunter (um nicht zu sagen arroganten) Bücher, ohne die Titel zu lesen, bis ich das Regal ganz hinten, in der Ecke, erreichte. Abseits der anderen kauerte ein kleines, dünnes, unscheinbares Büchlein. Es war ein paar Seiten, drum herum ein bisschen weiß und ein roter Titel, nichts weiter, eben eines dieser Bücher, die für gewöhnlich von allen übersehen werden, aber es wirkte ganz zufrieden. Möglicherweise war es das einzige Buch im ganzen Geschäft, das sich nicht danach sehnte, möglichst schnell verkauft zu werden, sondern gern hier war. Ich nahm es in die Hand, weil ich aus Prinzip gern Unsichtbares sehe, schlug es auf und atmete den Duft nach neuem Papier ein; ich las die erste Seite und verliebte mich.
Einmal
an welchem Ort?
rief mich jemand
– ‚Schnell! Schnell!’
zu sich
über einen Weg
und als ich zurückrief
- ‚Ja! Ja!’
und dann lief
und dann ankam
bemerkte ich zum ersten Mal
dass ich
früher als ich ankam
gelaufen war.
Zwischen den Zeilen auf den ersten paar Seiten stand alles, was man über das Leben wissen musste, nämlich etwas, wonach wir alle suchen, da stand nämlich, wie die Wirklichkeit war. Da stand:
Später
sah ich
(nachdem ich immer von gefährlichen Irren gehört hatte)
zum ersten Mal
einen ungefährlichen Irren
verschüttete ich zum ersten Mal
COCA COLA
in den Schnee
auf der Großglockner-Hochalpenstraße
sah ich zum ersten Mal
in einem Film
auf den Befehl: HÄNDE HOCH!
einen Einarmigen
die Hand heben
Es ist Peter Handke, übrigens, der da schreibt. Ich hätte, hätte ich mich nicht in dieses Buch verliebt (wir wissen ja alle, dass Verliebte ununterbrochen die absurdesten Dinge tun), wahrscheinlich nie freiwillig etwas von Peter gelesen. Einerseits, weil sein Name so klingt, als würde er nur todlangweilige Dinge schreiben können, und andererseits, weil alles, was ich bisher von ihm gehört hatte, das Gedicht mit dem Titel „Die Aufstellung des I. FC Nürnberg vom 27. 1. 1968“ war, ein Gedicht, das in die Kategorie berühmter-Künstler-macht-Farbklecks-auf-
Leinwand-und-verkauft-sie-um-Milliarden, also genau die Art von Kunst, die ich nicht ausstehen kann, fällt. Dieses Gedicht hier ist anders. Ganz anders.
Es erzählt uns von den ersten Malen, die immer ganz besonders wichtige sind. Niemals wieder, auch nicht noch so viel später, wird ein Erlebnis genauso wirklich, echt, authentisch sein wie beim allerersten Mal: Der Christbaum war nur als Kind faszinierend, jetzt ist er gewöhnlich; nett, aber normal. Das Meer schien nur beim ersten Besuch so wirklich unendlich, so blau, dass wir staunend, ehrfürchtig, die Zehen in den heißen Sand bohrten und für die nächsten fünf Stunden den Blick nicht vom Horizont wenden konnten. Spätestens beim zweiten Mal fanden wir den Sonnenaufgang nicht mehr romantisch, sondern fotografierten ihn, aus Wunder wird Objekt; Schokolade ist immer noch süß und köstlich, aber der Biss in eine schwarze Rippe, ganze Nüsse, nicht mehr die unser Weltbild verändernde Erfahrung, die er in unserer Kindheit war. Autofahren ist, sobald wir den Führerschein ein paar 100 km weit haben, kein Abenteuer an der Grenze des Abgrundes, sondern ein Sonntagsspaziergang, das neue Handy eine Nebenbei-Anschaffung, der Fernseher kein verzaubertes Universum im Mini-Format und Vöslauer nicht mehr halb so prickelnd.
Wir machen die furchterregende Erfahrung, feststellen zu müssen, dass wir aufgehört haben, echt zu sein. Wir spüren nicht mehr das befreiende Gefühl, das sich früher einstellte, wenn Regen auf ein Dachfenster prasselte, haben verlernt, beim Duft von Kaffee alle Sorgen zu vergessen oder manchmal einfach nur zu staunen. Wer nichts mehr spürt, hat aufgehört zu existieren, fürchten wir, und geraten in Panik. Wie viel haben wir schon versäumt, einfach, weil wir es erlebt, aber nicht bemerkt haben? Wir wollen wieder, noch einmal, das Echte spüren. Nur das Echte gibt uns das Gefühl, wirklich zu sein, und das Echte, meinen wir, müsse ungleich intensiver sein. Wir wollen Steppenbrand, nicht Lagerfeuer, Ferrari statt Fahrrad, Harold Pinter und Actimel, zweisprachige Ortstafeln, Mode aus Mailand und ein Weblog natürlich auch. Nur, indem wir zelebrieren, was alle begeistert, können wir uns noch einmal mitreißen lassen und uns wieder so fühlen wie damals, als wir als das erste Mal eine Schneeflocke mit der Zunge aufgefangen haben und über ihre schmelzende Kälte erschrocken sind.
Das Gedicht sagt uns: Jetzt. Nicht gestern, morgen, nächstes Jahr ist hier und heute wirklich, wichtig, echt, real, sondern kristallklares pures Jetzt. Nicht was wir werden - was wir sind. Jetzt ist auch genau das, und nur das, worauf es im Augenblick ankommt. - Darf ich Sie auf ein Glas Gegenwart einladen? - Während der Rest der Welt pausenlos damit beschäftigt ist, beschäftigt zu wirken, sich neu zu erfinden, zu verstellen, zu werden, werde ich heute einfach einmal am Straßenrand parken, nicht um zu tanken, sondern nur des Stehenbleibens wegen. Ich werde aussteigen und mich strecken, auf heute anstoßen und eines der Dinge tun, auf die man sich schon seit Jahren freut, jeden Abend vor dem Einschlafen, die man aber doch immer auf übermorgen verschiebt. Aber: Heute ist der richtige Moment, endlich einmal länger zu schlafen, wieder einmal ein Buch zu lesen oder eine dieser zauberhaften Kleinigkeiten zu tun, nur für uns selbst. Zum Beispiel: Mitten in der Nacht auf eine hohe Brücke über der Autobahn steigen, die Ellbogen auf das kalte Metall des Geländers stützen, eine Sternschnuppe verglühen sehen und auf den unten vorbeirasenden Golf spucken, uns endlich wieder daran erinnern, dass wir wirklich sind. Und dann, ein paar Mercedesse, Jeeps und Südburg Busse später, irgendwann an einen Punkt kommen (weit weg von neuer Frisur und Zukunftsplänen und dem etwas werden müssen, zur Abwechslung einmal etwas sein, nämlich wirklich), an dem wir, ganz plötzlich, zufrieden sind, einen Sonnenschirm am Rand der Hektik aufbauen und uns sagen: Hier bleib ich für den Rest meines Lebens. Und noch ein bisschen länger.
…
und sah
zum ersten Mal
ZUM ERSTEN MAL
den Kaffee
aus der Tasse
jäh überschwappen
auf das weiße Tischtuch
im TRANSEUOPAEXPRESS.
--
Einmal
an welchem Ort?
rief mich jemand
– ‚Schnell! Schnell!’
zu sich
über einen Weg
und als ich zurückrief
- ‚Ja! Ja!’
und dann lief
und dann ankam
bemerkte ich zum ersten Mal
dass ich
früher als ich ankam
gelaufen war.
Zwischen den Zeilen auf den ersten paar Seiten stand alles, was man über das Leben wissen musste, nämlich etwas, wonach wir alle suchen, da stand nämlich, wie die Wirklichkeit war. Da stand:
Später
sah ich
(nachdem ich immer von gefährlichen Irren gehört hatte)
zum ersten Mal
einen ungefährlichen Irren
verschüttete ich zum ersten Mal
COCA COLA
in den Schnee
auf der Großglockner-Hochalpenstraße
sah ich zum ersten Mal
in einem Film
auf den Befehl: HÄNDE HOCH!
einen Einarmigen
die Hand heben
Es ist Peter Handke, übrigens, der da schreibt. Ich hätte, hätte ich mich nicht in dieses Buch verliebt (wir wissen ja alle, dass Verliebte ununterbrochen die absurdesten Dinge tun), wahrscheinlich nie freiwillig etwas von Peter gelesen. Einerseits, weil sein Name so klingt, als würde er nur todlangweilige Dinge schreiben können, und andererseits, weil alles, was ich bisher von ihm gehört hatte, das Gedicht mit dem Titel „Die Aufstellung des I. FC Nürnberg vom 27. 1. 1968“ war, ein Gedicht, das in die Kategorie berühmter-Künstler-macht-Farbklecks-auf-
Leinwand-und-verkauft-sie-um-Milliarden, also genau die Art von Kunst, die ich nicht ausstehen kann, fällt. Dieses Gedicht hier ist anders. Ganz anders.
Es erzählt uns von den ersten Malen, die immer ganz besonders wichtige sind. Niemals wieder, auch nicht noch so viel später, wird ein Erlebnis genauso wirklich, echt, authentisch sein wie beim allerersten Mal: Der Christbaum war nur als Kind faszinierend, jetzt ist er gewöhnlich; nett, aber normal. Das Meer schien nur beim ersten Besuch so wirklich unendlich, so blau, dass wir staunend, ehrfürchtig, die Zehen in den heißen Sand bohrten und für die nächsten fünf Stunden den Blick nicht vom Horizont wenden konnten. Spätestens beim zweiten Mal fanden wir den Sonnenaufgang nicht mehr romantisch, sondern fotografierten ihn, aus Wunder wird Objekt; Schokolade ist immer noch süß und köstlich, aber der Biss in eine schwarze Rippe, ganze Nüsse, nicht mehr die unser Weltbild verändernde Erfahrung, die er in unserer Kindheit war. Autofahren ist, sobald wir den Führerschein ein paar 100 km weit haben, kein Abenteuer an der Grenze des Abgrundes, sondern ein Sonntagsspaziergang, das neue Handy eine Nebenbei-Anschaffung, der Fernseher kein verzaubertes Universum im Mini-Format und Vöslauer nicht mehr halb so prickelnd.
Wir machen die furchterregende Erfahrung, feststellen zu müssen, dass wir aufgehört haben, echt zu sein. Wir spüren nicht mehr das befreiende Gefühl, das sich früher einstellte, wenn Regen auf ein Dachfenster prasselte, haben verlernt, beim Duft von Kaffee alle Sorgen zu vergessen oder manchmal einfach nur zu staunen. Wer nichts mehr spürt, hat aufgehört zu existieren, fürchten wir, und geraten in Panik. Wie viel haben wir schon versäumt, einfach, weil wir es erlebt, aber nicht bemerkt haben? Wir wollen wieder, noch einmal, das Echte spüren. Nur das Echte gibt uns das Gefühl, wirklich zu sein, und das Echte, meinen wir, müsse ungleich intensiver sein. Wir wollen Steppenbrand, nicht Lagerfeuer, Ferrari statt Fahrrad, Harold Pinter und Actimel, zweisprachige Ortstafeln, Mode aus Mailand und ein Weblog natürlich auch. Nur, indem wir zelebrieren, was alle begeistert, können wir uns noch einmal mitreißen lassen und uns wieder so fühlen wie damals, als wir als das erste Mal eine Schneeflocke mit der Zunge aufgefangen haben und über ihre schmelzende Kälte erschrocken sind.
Das Gedicht sagt uns: Jetzt. Nicht gestern, morgen, nächstes Jahr ist hier und heute wirklich, wichtig, echt, real, sondern kristallklares pures Jetzt. Nicht was wir werden - was wir sind. Jetzt ist auch genau das, und nur das, worauf es im Augenblick ankommt. - Darf ich Sie auf ein Glas Gegenwart einladen? - Während der Rest der Welt pausenlos damit beschäftigt ist, beschäftigt zu wirken, sich neu zu erfinden, zu verstellen, zu werden, werde ich heute einfach einmal am Straßenrand parken, nicht um zu tanken, sondern nur des Stehenbleibens wegen. Ich werde aussteigen und mich strecken, auf heute anstoßen und eines der Dinge tun, auf die man sich schon seit Jahren freut, jeden Abend vor dem Einschlafen, die man aber doch immer auf übermorgen verschiebt. Aber: Heute ist der richtige Moment, endlich einmal länger zu schlafen, wieder einmal ein Buch zu lesen oder eine dieser zauberhaften Kleinigkeiten zu tun, nur für uns selbst. Zum Beispiel: Mitten in der Nacht auf eine hohe Brücke über der Autobahn steigen, die Ellbogen auf das kalte Metall des Geländers stützen, eine Sternschnuppe verglühen sehen und auf den unten vorbeirasenden Golf spucken, uns endlich wieder daran erinnern, dass wir wirklich sind. Und dann, ein paar Mercedesse, Jeeps und Südburg Busse später, irgendwann an einen Punkt kommen (weit weg von neuer Frisur und Zukunftsplänen und dem etwas werden müssen, zur Abwechslung einmal etwas sein, nämlich wirklich), an dem wir, ganz plötzlich, zufrieden sind, einen Sonnenschirm am Rand der Hektik aufbauen und uns sagen: Hier bleib ich für den Rest meines Lebens. Und noch ein bisschen länger.
…
und sah
zum ersten Mal
ZUM ERSTEN MAL
den Kaffee
aus der Tasse
jäh überschwappen
auf das weiße Tischtuch
im TRANSEUOPAEXPRESS.
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moni
am 12. Feb, 14:48
man braucht zeit, damit man wieder schokolade genießen kann und nicht heftig hinunterschlingt, weil man einfach heißhunger darauf hat, oder man frustriert ist (meist vom alltag) und wieder ein bisschen bessere laune will!
man braucht zeit, damit man kaffee einfach mal genießen kann, damit man nicht nur fertig-pulver verwendet, sondern echten gemahlenen kaffee mit ganz viel milchschaum. und den kaffee nicht nur deswegen "runterschüttet", weil man munter bleiben will, sondern weil er einfach super schmeckt!
man braucht zeit, damit man wieder einmal merkt, wie sehr man die natur braucht, wenn man im wald steht und tief einatmet! einfach herrlich nicht immer diese von feinstaub verpestete großstadt-luft einzuatmen!!
man braucht zeit, um wieder mal cocktails trinken zu gehen, nicht dieses ewige alkohol gesaufe:"einen kübel bitte-zuerst zum austrinken und dann zum reinkotzen!"
aber es ist nun mal der zeitgeist, dass man einfach nur schnelles (und ungesundes) essen will, dass man kaffee nur deshalb trinkt, damit man den tag aushält und nicht einschläft, dass man lieber den feinstaub einatmet und natürlich noch eines draufsetzt und zigaretten raucht, weil man irgendwann mal so cool sein wollte und jetzt nicht mehr aufhören kann, dass man lieber bei dem alkohol gesaufe mitmacht, weil man sonst als blöd und fad dasteht!
aber ist es der zeitgeist wert, dass man sich so verhält??