
Häferlgucker
von suna
Ein Häferl entspricht einer Tasse und zwar einer etwas größeren. Das Häferl unterscheidet sich von der Schüssel (dem Schüsserl) durch einen beliebig gestalteten Henkel, der zumindest in meinem Umfeld nicht als „Henkerl“ bezeichnet wird. Aus Häferln trinkt man bevorzugt, aber nicht ausschließlich, Heißgetränke. Für den „Häferlkaffee“ (viel Milch, wenig Kaffee) ist das Häferl dem Namen nach besonders geeignet. Ein Häferl ist ein aufnehmendes, auffangendes Gefäß. Außer man dreht es um, natürlich. Außer man hält es schief, weil man beim Telefonieren eine Körperhaltung der etwas lässigeren Art pflegt oder aber in derselben, nervösen Hand eine Zigarette hält. Außer man bringt es mit dem Henkel zum Drehen, weil man so seine Gedankengänge abzubilden versucht, wenn man gerade nicht sprechen kann, dem Gegenüber nicht in die Augen blicken kann. Außer man stellt es mit einer solchen Wucht auf den Tisch, als wäre das Häferl ein verkannter Hammer und das Argument ein Nagel oder ein denkwürdiger Schmerz und der Tisch der Tisch der ewigen Weisheiten oder der gerade akuten Wahrheit, je nachdem. Dann gibt das Häferl wieder frei und zudem preis: seinen Inhalt.
Ich wuchs in einem Gasthaus auf, ich wuchs ohne eigenes Häferl auf. Ich wuchs mit Gasthaushäferln auf, die immer zu einem Geschirr gehörten, zeitlos, genormt und formschön, zweckdienlich, in Reih und Glied auf der Kaffeemaschine postiert, harmonisch sich ins Ganze fügend, Inhalt in der schönsten Form, gleiches für alle, so war das gedacht. Häferlmäßig waren wir unsere eigenen Gäste. Über Monate hinweg versuchte mein Vater die Diktatur des Geschirrs mit Flohmarkteinkäufen seltener Stücke mit beachtlichem farblichen Firlefanz zu unterwandern. Über Monate hinweg erhöhte meine Mutter geschickt wie gezielt den Geschirrbruch in nicht nachweisbar kleinen Rationen. Danach dem Geschirr an sich treu. Geschirrsortenwechsel über die Jahre, das schon. Alles in Ordnung: Teehäferl für Tee, Kaffeehäferl für Kaffee, gewölbtes Kaffeehäferl für Irish Coffee, Minikaffeehäferl für Espresso. Und immer gab das Häferl preis: seinen Inhalt.
Häferl sind da genügsam. Sie fragen nicht, sie können sich nicht wehren, sich gegen nichts wehren. Nicht gegen stinkwütige Tees mit Namen wie Telenovelas oder Foto-Romane. Nicht gegen Urlaubsschimmel, Asche, Pralinen, Kleingeld, Pflanzenkeimlinge, Badezusätze, Apfelsaft, Knöpfe, Bier, Taschenmist, Wasserfarbe, Sekt, andere Häferln. Häferln sind praktisch. Das Häferl hält warm und wärmt. Es hält fest und zusammen und verschlossen. Unzweifelhaft praktisch. Häferln sind überall gern gesehen, manchmal geklaut, vom Christkindlmarkt mitgenommen, weil man zu faul oder zu voll oder sich zu schade war, das Pfand abzuholen, oder in momentaner Häferlnot. Selbst ohne Not, ein Häferl kann kein Fehler sein, deshalb wird notfalls ein Häferl verschenkt. Das Häferl kann nicht anders, das Häferl gibt das Häferl preis.
Häferl für jedermann und jederfrau. Weil die Idee so praktisch ist, fängt irgendwann das Gewissen an: Mensch ist nicht gleich Mensch, Häferl darf nicht gleich Häferl sein. Es muss ein besonderes Häferl sein. Ein Häferl, das auf Katzenpfoten steht, mit einem Katzenschwanz als Henkel, und einen Porzellankatzenkopf, der sich an die rechte Wange schmiegt, beim Trinken, für die Katzenfreundin. Ein Häferl mit der Zahl 40 und einer schlauen Bemerkung drauf, wenn das der einzige soziale Strohhalm ist. Von Kinderhand bemalte Häferln. Mit Fotos bedruckte Häferl, wenn die Angst davor, vergessen zu werden, größer als jene ist, dass Spucke oder andere Flüssigkeiten einem über das abgebildete Gesicht laufen. Häferln in der Größe von Maaskrügen für die besonders gierigen oder die beachtlich faulen. Häferln mit Namen drauf zur Selbstvergewisserung oder, je nach Name, damit man endlich jemand anderer ist. Häferln wie Postkarten mit den Umrissen von Häusern und Straßen und lieb gewonnen Ecken. Häferln für den Besuch und Häferln für wenn der Besuch da ist und Häferln, die der Besuch auf gar keinen Fall zu Gesicht bekommen darf (auf denen sich die Frau bei heißem Wasser plötzlich entblößt, am Häferl). Häferln in verschiedenen Farben zwecks Therapie und Häferln für jeden Wochentag, ein besonders großes für den Sonntag. Häferln, die zu einem gehören, wie der Peace-Button, die durchgetretenen Hauspatschen, wie der Platz auf der linken Seite des Bettes und auf der rechten Seite der Couch. Weil sich da das Häferl besser abstellen lässt. Häferln sind nicht wegzudenken. Ihr Besitz ist mehr als Beistand im Alltag. Häferln sind nicht so zerbrechlich. Häferln als Ausdruck der Individualität. „Wissen’s, wir haben hier jeder sein eigenes Häferl.“ Das Häferl kann nicht anders, das Häferl gibt preis.
Ich wuchs in einem Gasthaus auf, ich wuchs ohne eigenes Häferl auf. Ich wuchs mit Gasthaushäferln auf, die immer zu einem Geschirr gehörten, zeitlos, genormt und formschön, zweckdienlich, in Reih und Glied auf der Kaffeemaschine postiert, harmonisch sich ins Ganze fügend, Inhalt in der schönsten Form, gleiches für alle, so war das gedacht. Häferlmäßig waren wir unsere eigenen Gäste. Über Monate hinweg versuchte mein Vater die Diktatur des Geschirrs mit Flohmarkteinkäufen seltener Stücke mit beachtlichem farblichen Firlefanz zu unterwandern. Über Monate hinweg erhöhte meine Mutter geschickt wie gezielt den Geschirrbruch in nicht nachweisbar kleinen Rationen. Danach dem Geschirr an sich treu. Geschirrsortenwechsel über die Jahre, das schon. Alles in Ordnung: Teehäferl für Tee, Kaffeehäferl für Kaffee, gewölbtes Kaffeehäferl für Irish Coffee, Minikaffeehäferl für Espresso. Und immer gab das Häferl preis: seinen Inhalt.
Häferl sind da genügsam. Sie fragen nicht, sie können sich nicht wehren, sich gegen nichts wehren. Nicht gegen stinkwütige Tees mit Namen wie Telenovelas oder Foto-Romane. Nicht gegen Urlaubsschimmel, Asche, Pralinen, Kleingeld, Pflanzenkeimlinge, Badezusätze, Apfelsaft, Knöpfe, Bier, Taschenmist, Wasserfarbe, Sekt, andere Häferln. Häferln sind praktisch. Das Häferl hält warm und wärmt. Es hält fest und zusammen und verschlossen. Unzweifelhaft praktisch. Häferln sind überall gern gesehen, manchmal geklaut, vom Christkindlmarkt mitgenommen, weil man zu faul oder zu voll oder sich zu schade war, das Pfand abzuholen, oder in momentaner Häferlnot. Selbst ohne Not, ein Häferl kann kein Fehler sein, deshalb wird notfalls ein Häferl verschenkt. Das Häferl kann nicht anders, das Häferl gibt das Häferl preis.
Häferl für jedermann und jederfrau. Weil die Idee so praktisch ist, fängt irgendwann das Gewissen an: Mensch ist nicht gleich Mensch, Häferl darf nicht gleich Häferl sein. Es muss ein besonderes Häferl sein. Ein Häferl, das auf Katzenpfoten steht, mit einem Katzenschwanz als Henkel, und einen Porzellankatzenkopf, der sich an die rechte Wange schmiegt, beim Trinken, für die Katzenfreundin. Ein Häferl mit der Zahl 40 und einer schlauen Bemerkung drauf, wenn das der einzige soziale Strohhalm ist. Von Kinderhand bemalte Häferln. Mit Fotos bedruckte Häferl, wenn die Angst davor, vergessen zu werden, größer als jene ist, dass Spucke oder andere Flüssigkeiten einem über das abgebildete Gesicht laufen. Häferln in der Größe von Maaskrügen für die besonders gierigen oder die beachtlich faulen. Häferln mit Namen drauf zur Selbstvergewisserung oder, je nach Name, damit man endlich jemand anderer ist. Häferln wie Postkarten mit den Umrissen von Häusern und Straßen und lieb gewonnen Ecken. Häferln für den Besuch und Häferln für wenn der Besuch da ist und Häferln, die der Besuch auf gar keinen Fall zu Gesicht bekommen darf (auf denen sich die Frau bei heißem Wasser plötzlich entblößt, am Häferl). Häferln in verschiedenen Farben zwecks Therapie und Häferln für jeden Wochentag, ein besonders großes für den Sonntag. Häferln, die zu einem gehören, wie der Peace-Button, die durchgetretenen Hauspatschen, wie der Platz auf der linken Seite des Bettes und auf der rechten Seite der Couch. Weil sich da das Häferl besser abstellen lässt. Häferln sind nicht wegzudenken. Ihr Besitz ist mehr als Beistand im Alltag. Häferln sind nicht so zerbrechlich. Häferln als Ausdruck der Individualität. „Wissen’s, wir haben hier jeder sein eigenes Häferl.“ Das Häferl kann nicht anders, das Häferl gibt preis.


ricore
am 22. Jan, 14:58
am 31. Jan, 11:50
Ich kenne Hafen - als Verkleinerungsform Haferl - auch nur mit a, nicht mit ä.
Die Wikipedia schreibt dazu (http://de.wikipedia.org/wiki/Hafen):
Im Oberdeutschen bezeichnet Hafen auch einen Topf oder ein sonstiges – meist aus Ton hergestelltes – Gefäß. Die zugehörige Berufsbezeichnung ist Hafner. in der Schweiz wird die WC-Schüssel manchmal auch als Hafen bezeichnet.
am 31. Jan, 12:01
Apropos Hafen:
In "Woyzeck" von erzählt eine Großmutter folgendes Märchen:
Was der Mond roth auf geht. Kei Vater und kei Mutter, war alles tot und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es ist hingangen und hat gesucht Tag und Nacht. Und wie auf der Erd niemand mehr war, wollt's in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an und wie's endlich zum Mond kam, war's ein Stück faul Holz und da ist es zur Sonn gangen und wie es zur Sonn kam war's ein verwelkt Sonneblum und wie's zu den Sterne kam, warens klei golde Mück, die waren angesteckt wie der Neuntöter sie auf die Schlehen steckt und wie's wieder auf die Erd wollt, war die Erd ein umgestürzter Hafen und war ganz allein und da hat sich's hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch immer und ist ganz allein.