Entdecken und Besitzen

von Julia Kloess
Seit Jonathan Richardson 1719 (…) wird der wirkliche Sammler mit dem Anspruch des Kenners identifiziert. Als solcher ist der Privatsammler von zentraler Bedeutung für die Entwicklung der Kunst. Er hat eine katalytische Funktion, er beeinflusst andere Sammler, den Kunstmarkt und die öffentlichen Museen.“ (Peter Weibel über die Sammlung des Wiener Rechtsanwalts Ernst Ploil).

Wenn ein Gemälde von Henri Matisse wie im Juni 2004 um sagenhafte 10 Millionen Euro an einen unbekannten Bieter geht – dann sorgen Kunstsammler und -sammlungen kurze Zeit für Schlagzeilen. Von den vielen privaten Sammlern moderner zeitgenössischer Kunst, die ihrer Leidenschaft meist eher im Verborgenen frönen, erfährt man meistens erst nach ihrem Tod – wenn ihre Sammlung entweder versteigert oder gestiftet wird. Doch in letzter Zeit scheint auch das öffentliche Interesse an privaten Sammlungen größer zu werden – so zeigte zum Beispiel Herbst 2005 das Museum für moderne Kunst in Wien (MUMOK) unter dem Titel "Entdecken und Besitzen" internationale Kunstwerke aus österreichischen Privatsammlungen, wobei (vielleicht zum ersten Mal) die Persönlichkeit der Sammler und ihre individuelle Motivation zum Sammeln von Kunst im Mittelgrund stand.

Denn was, bitte schön, wären auch heute noch die Sammlungen in Museen und Kunsthallen von New York bis Kiel ohne die Werke privater Sammlungen?
Und wie viele junge Maler und Malerinnen könnten ihr Leben wohl nie der Kunst widmen, wären sie allein auf das Wohlwollen der staatlichen Kunstförderung oder übersättigter Museumskuratoren angewiesen? Na eben. Nur um das vorweg gleich klarzustellen – ich stelle solche Fragen nicht, weil ich das Anhäufen von Gegenständen jeglicher Art für eine besonders erstrebenswerte menschliche Eigenschaft halte. Ich glaube aber mit so ähnlichen Fragen tröstet sich meine Mutter seit 25 Jahren, wenn sie wieder einmal fassungslos vor einer überdimensionalen Neuerwerbung meines Vaters steht.

Zugegeben – ich versteh die Sammelleidenschaft meines Vaters selbst auch nicht immer. Dann ertappe ich mich dabei, dass ich mir ausrechne, wie viele Urlaubsreisen er wohl in Form von Bildern und Drucken vor seiner Familie in der Bettzeuglade versteckt hält. Denn was an einem Ende der Skala eine Peggy Guggenheim in New York geschaffen hat, daran arbeitet am anderen Ende mein Vater – und mit ihm viele überzeugte Sammlerkollegen - in seiner Wohnung in Wien.

Gleichzeitig fasziniert es mich, dass mein Vater eine so persönliche Beziehung zu Kunstwerken hat, dass er sie einfach täglich um sich haben möchte: „Ich entdecke jedes Mal neue, interessante Details“, erklärt er mir bei einer seiner Führungen enthusiastisch ein Bild, während ich etwas ratlos auf ein Knäuel schwarzer und roter Bleistiftstriche starre. Ich kann gar nicht anders, als ihn in solchen Momenten zutiefst zu bewundern.

Zwar hat mein Vater auch zu „seinen“ Künstlern nicht immer persönlichen Kontakt - ihre Entwicklung verfolgt er jedoch sehr aufmerksam. Nicht alle, die anfangs Talent zeigen, bleiben bei der Kunst oder sind am Ende womöglich erfolgreich. Manche verabschieden sich frühzeitig von der Malerei in den anscheinend weitaus lukrativeren Design-Bereich (und arbeiten z.B. als gut bezahlte Textil-Designer in Asien) – für Sammler wie meinen Vater immer eine Enttäuschung. „Man muss als junger Künstler wirklich sehr zäh sein“, bestätigt der junge österreichische Maler Bernhard Rappold. "Die Galerien zögern oft gerade bei jungen Künstlern, weil sei nicht wissen, wie lange ein Junger durchhält."

Es sind in erster Linie private Sammler, die die Bilder auch noch relativ unbekannter Künstler und Künstlerinnen kaufen – aus Interesse am Werk oder an der Persönlichkeit des Künstlers. Nicht zuletzt natürlich auch, weil sie hoffen, dass aus ihnen „etwas wird“, dass sie sich im Kunstbetrieb etablieren und weiterentwickeln – und mit ihm vielleicht auch der Wert ihrer Werke. Das Gespür eines Sammlers für das, was gute (moderne) Kunst ausmacht, entwickle sich, glaubt mein Vater, erst mit der Zeit: „Man muss einfach sehr viel gesehen haben und oft kann man bei Bildern erst fünf Jahre nach dem Kauf sagen, ob es wirklich gut ist.“
Kunstsammler frönen ihrer Leidenschaft meist im Verborgenen – nur selten treten sie an die Öffentlichkeit. Seit einiger Zeit wächst das Interesse an dieser seltenen Ausgabe des neuzeitlichen Sammlertypus am Rand des finanziellen Ruins. Über die Beziehung von Sammlern und „ihren“ Künstlern.
Julia Kloess. Schrieb und schreibt bei Gelegenheit – in erster Linie Artikel und Gedichte. Wenn sie vielleicht auch gerne Tänzerin, Reiseschriftstellerin oder Ärztin wäre, kann sie auch ihrem Job als Volkswirtin und der Diskussion um die optimale Steuerquote extrem viel abgewinnen.
mindestens haltbar 01/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 01
ISSN 1816-8159
Autor: Julia Kloess
Titel: Entdecken und Besitzen
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