
Wissen als Sammlung?
von Stephan 'Moe' Mosel
Kann man Wissen überhaupt sammeln, oder muss man ihm nicht doch unablässig hinterher jagen? Arten des Sammelns gibt es jedenfalls viele. Manche Menschen sammeln alles, was man überhaupt in seinen Besitz bringen kann, sie wachsen mit ihrer Sammlung. Andere wiederum scheinen einen Zwang zu haben - den Zwang, nutzlose Dinge oder Müll zu sammeln. Dann gibt es wieder die Sammelwut: Mehr, größer, schneller. Es gibt aber auch die kleine, unauffällige Sammlung, deren Wert nur ihre Besitzerin erkennen kann, und die dennoch eine wunderbare Geschichte über sie erzählt.
Wie ist es nun mit dem Wissen, und was ist Wissen eigentlich? Kann man es sammeln? Und warum sollte man das überhaupt versuchen wollen? Vorstellungen vom Sammeln des Wissens gibt es zuhauf: Da steht Müllers Taschenlexikon in 23 Bänden im Schrank, und Bücher mit Titeln wie "Was man wissen muss und soll" werden gekauft und aus einem diffusen Pflichtbewusstsein heraus vielleicht eines Tages sogar angelesen. Wenn ausgerechnet das Fernsehen die 100 wichtigsten Deutschen Bücher auswählt, wird ein neues Bücherregal beim freundlichen Möbeldiscounter um die Ecke geholt. Schließlich lebt man schon! Und die wahre Regalstellerin lässt sich schließlich auch von der Tatsache, dass ihr Lese-, beziehungsweise Kaufverhalten bereits kategorisiert wurde, nicht weiter irritieren.
Aber ist es nicht eine etwas naive Vorstellung, dass sich Wissen sammeln, kategorisieren und anhorten ließe, so wie eine Briefmarkensammlung? Die Gebildetste wäre demnach diejenige, die die meisten Bücher im Schrank stehen hat. Denn sie wäre es, die den Zugang zu und den Zugriff auf die meisten Informationen hätte. Doch mehr als Information ist es nun mal nicht, dieses vermeintliche Wissen, das auf Besitz basiert. Denn Wissen entsteht durch Kontext. Erst kontextualisierte Information kann uns einen Hinweis auf dasjenige geben, was wir überhaupt wissen wollen. So stellt sich einmal mehr die Frage nach der Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest - und nicht nach der Antwort.
Doch ganz so bürgerlich-banal, wie es zunächst scheinen mag, ist der Gedanke des Sammelns von Wissen dann wieder doch nicht. Ist es nicht eine, wenn nicht die zentrale Verheißung des Wissensmanagements, eben dieses Wissen innerhalb der Organisation des Systems zu sammeln, zu kontextualisieren, zu kategorisieren und somit quasi aus den Köpfen der Mitarbeiter - der Wissensträger - loszulösen? Vielleicht ist Wissen eine Kategorie, welche - nicht zuletzt aus einem Verständnis postmoderner Sprachspiele heraus - durch immer kürzere Halbwertszeiten und immer kleinere Reichweiten gekennzeichnet ist. So finden sich viele kleine Fragmente des Wissens, um die immensen Lücken zu füllen, welche die großen Erzählungen, die die Welt als Ganzen erklären konnten, hinterließen, als sie aus den Köpfen der Menschen - oder zumindest der Theoretiker die diesen Diskurs überhaupt führen - verschwanden.
Nur was ist nun mit dem Internet? Das Sammeln von Wissen in einem Bücherregal, einer Bücherei oder auch in Omas Rezeptbuch wurde abgelöst durch die ständige Verfügbarkeit nahezu jeder Information im Internet - vorausgesetzt, dass man sie findet, und dass sie eine Antwort auf die Frage, die man sich stellt, bereithält. Oder vielleicht auch die Frage selbst. Gelehrigkeit kann und will sich nun nicht mehr durch den möglichen Zugriff auf Information oder eine möglichst große Sammlung eben derer auszeichnen, wie es im Bildungsbürgertum noch der Fall gewesen sein mag.
Die Frage nach der Kontextualisierung der Informationen bleibt jedoch bestehen. Dabei kam doch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts im modernen Büchereiwesens das Bewusstsein auf, man müsse der Nutzerin mit Rat und Tat zur Seite stehen, anstatt einfach nur möglichst vielen Menschen möglichst viele Bücher zur Verfügung zu stellen. Vielleicht auch deswegen, da man den uneingeschränkten Zugriff auf große Mengen von Informationen als bedrohlich, oder die Nutzerin selbst dazu gar nicht in der Lage sah. Doch nun, ungefähr 100 Jahre später, ist man im Internet, der selbstrefentiellsten aller Welten unterwegs, und wieder auf sich selbst gestellt. Alleine? Die Hyperrealität der Simulation drängt sich in das Bewusstsein - ein Erproben und Ausprobieren vieler verschiedener, möglicher Welten, angesichts der vermeintlich einer wahren Welt. Im Internet ist das Sammeln von Wissen größtenteils hinfällig geworden, denn Suchen und Finden haben es zunächst von seinem Thron gejagt.
Informationen werden nicht mehr an zentralen Stellen gesammelt und gehortet. Im Web zersplittert, fragmentiert und zirkuliert das implizite Wissen derer, die die Informationen bereitstellen. Dennoch kann hieraus eine neue Art kollektiven Wissens hervorgehen. Ein Beispiel hierfür könnten kollektive, kollaborative Sammlungen durch die unter dem Stichwort 'Tagging' bekannt gewordenen Zuschreibungen von Gegenstand und Weltbezug, welche gemäß mehr oder minder subjektiv konstruierten Kriterien vorgenommen werden, sein. So lautet zumindest die Geschichte vom Social Web, die dem Internet wieder eine soziale Komponente verleiht, und ein neues, geteiltes Wissen durch die gemeinsamen Bedeutungszuschreibungen, die wir vornehmen, entstehen lässt.
Doch gibt es nicht auch trotz der neuen Verheißungen des Webs noch immer die manische Sammelwut? Tag und Nacht hängen Rechner an der Breitbandleitung in Peer-to-Peer Netzwerken und saugen Daten auf die heimische Festplatte, als ob es kein Morgen mehr gäbe. Haftet dem Sammeln nicht grundsätzlich etwas Zwanghaftes an, der Drang, immer alles 'komplett' zu sammeln und chronologisch zu sortieren? Wer diese unheimlichen Datenmengen überhaupt erfassen sollte, oder auch nur die Zeit dazu hätte, ist eine Frage, die sich dann nicht mehr stellt. Vielleicht sind die Datensammlerinnen das Äquivalent der Regalstellerinnen: Sie wissen, dass sie die die gesammelten Informationen niemals aufnehmen und in - wie auch immer geartetes - Wissen umwandeln werden. Und dennoch, oder eben gerade deswegen sammeln sie, was das Zeug hält.
Vielleicht werden wir in der Tat eines Tages nur mehr unsere Festplatten vererben, als das Erbe unseres Schaffens und Wissens, dessen was wir sind, oder zu dem wir gemacht wurden. Oder wir sammeln, um anderen zu zeigen, wer wir sind und wer wir sein wollen - oder wie wir uns selbst, und somit auch die Welt sehen.
Wie ist es nun mit dem Wissen, und was ist Wissen eigentlich? Kann man es sammeln? Und warum sollte man das überhaupt versuchen wollen? Vorstellungen vom Sammeln des Wissens gibt es zuhauf: Da steht Müllers Taschenlexikon in 23 Bänden im Schrank, und Bücher mit Titeln wie "Was man wissen muss und soll" werden gekauft und aus einem diffusen Pflichtbewusstsein heraus vielleicht eines Tages sogar angelesen. Wenn ausgerechnet das Fernsehen die 100 wichtigsten Deutschen Bücher auswählt, wird ein neues Bücherregal beim freundlichen Möbeldiscounter um die Ecke geholt. Schließlich lebt man schon! Und die wahre Regalstellerin lässt sich schließlich auch von der Tatsache, dass ihr Lese-, beziehungsweise Kaufverhalten bereits kategorisiert wurde, nicht weiter irritieren.
Aber ist es nicht eine etwas naive Vorstellung, dass sich Wissen sammeln, kategorisieren und anhorten ließe, so wie eine Briefmarkensammlung? Die Gebildetste wäre demnach diejenige, die die meisten Bücher im Schrank stehen hat. Denn sie wäre es, die den Zugang zu und den Zugriff auf die meisten Informationen hätte. Doch mehr als Information ist es nun mal nicht, dieses vermeintliche Wissen, das auf Besitz basiert. Denn Wissen entsteht durch Kontext. Erst kontextualisierte Information kann uns einen Hinweis auf dasjenige geben, was wir überhaupt wissen wollen. So stellt sich einmal mehr die Frage nach der Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest - und nicht nach der Antwort.
Doch ganz so bürgerlich-banal, wie es zunächst scheinen mag, ist der Gedanke des Sammelns von Wissen dann wieder doch nicht. Ist es nicht eine, wenn nicht die zentrale Verheißung des Wissensmanagements, eben dieses Wissen innerhalb der Organisation des Systems zu sammeln, zu kontextualisieren, zu kategorisieren und somit quasi aus den Köpfen der Mitarbeiter - der Wissensträger - loszulösen? Vielleicht ist Wissen eine Kategorie, welche - nicht zuletzt aus einem Verständnis postmoderner Sprachspiele heraus - durch immer kürzere Halbwertszeiten und immer kleinere Reichweiten gekennzeichnet ist. So finden sich viele kleine Fragmente des Wissens, um die immensen Lücken zu füllen, welche die großen Erzählungen, die die Welt als Ganzen erklären konnten, hinterließen, als sie aus den Köpfen der Menschen - oder zumindest der Theoretiker die diesen Diskurs überhaupt führen - verschwanden.
Nur was ist nun mit dem Internet? Das Sammeln von Wissen in einem Bücherregal, einer Bücherei oder auch in Omas Rezeptbuch wurde abgelöst durch die ständige Verfügbarkeit nahezu jeder Information im Internet - vorausgesetzt, dass man sie findet, und dass sie eine Antwort auf die Frage, die man sich stellt, bereithält. Oder vielleicht auch die Frage selbst. Gelehrigkeit kann und will sich nun nicht mehr durch den möglichen Zugriff auf Information oder eine möglichst große Sammlung eben derer auszeichnen, wie es im Bildungsbürgertum noch der Fall gewesen sein mag.
Die Frage nach der Kontextualisierung der Informationen bleibt jedoch bestehen. Dabei kam doch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts im modernen Büchereiwesens das Bewusstsein auf, man müsse der Nutzerin mit Rat und Tat zur Seite stehen, anstatt einfach nur möglichst vielen Menschen möglichst viele Bücher zur Verfügung zu stellen. Vielleicht auch deswegen, da man den uneingeschränkten Zugriff auf große Mengen von Informationen als bedrohlich, oder die Nutzerin selbst dazu gar nicht in der Lage sah. Doch nun, ungefähr 100 Jahre später, ist man im Internet, der selbstrefentiellsten aller Welten unterwegs, und wieder auf sich selbst gestellt. Alleine? Die Hyperrealität der Simulation drängt sich in das Bewusstsein - ein Erproben und Ausprobieren vieler verschiedener, möglicher Welten, angesichts der vermeintlich einer wahren Welt. Im Internet ist das Sammeln von Wissen größtenteils hinfällig geworden, denn Suchen und Finden haben es zunächst von seinem Thron gejagt.
Informationen werden nicht mehr an zentralen Stellen gesammelt und gehortet. Im Web zersplittert, fragmentiert und zirkuliert das implizite Wissen derer, die die Informationen bereitstellen. Dennoch kann hieraus eine neue Art kollektiven Wissens hervorgehen. Ein Beispiel hierfür könnten kollektive, kollaborative Sammlungen durch die unter dem Stichwort 'Tagging' bekannt gewordenen Zuschreibungen von Gegenstand und Weltbezug, welche gemäß mehr oder minder subjektiv konstruierten Kriterien vorgenommen werden, sein. So lautet zumindest die Geschichte vom Social Web, die dem Internet wieder eine soziale Komponente verleiht, und ein neues, geteiltes Wissen durch die gemeinsamen Bedeutungszuschreibungen, die wir vornehmen, entstehen lässt.
Doch gibt es nicht auch trotz der neuen Verheißungen des Webs noch immer die manische Sammelwut? Tag und Nacht hängen Rechner an der Breitbandleitung in Peer-to-Peer Netzwerken und saugen Daten auf die heimische Festplatte, als ob es kein Morgen mehr gäbe. Haftet dem Sammeln nicht grundsätzlich etwas Zwanghaftes an, der Drang, immer alles 'komplett' zu sammeln und chronologisch zu sortieren? Wer diese unheimlichen Datenmengen überhaupt erfassen sollte, oder auch nur die Zeit dazu hätte, ist eine Frage, die sich dann nicht mehr stellt. Vielleicht sind die Datensammlerinnen das Äquivalent der Regalstellerinnen: Sie wissen, dass sie die die gesammelten Informationen niemals aufnehmen und in - wie auch immer geartetes - Wissen umwandeln werden. Und dennoch, oder eben gerade deswegen sammeln sie, was das Zeug hält.
Vielleicht werden wir in der Tat eines Tages nur mehr unsere Festplatten vererben, als das Erbe unseres Schaffens und Wissens, dessen was wir sind, oder zu dem wir gemacht wurden. Oder wir sammeln, um anderen zu zeigen, wer wir sind und wer wir sein wollen - oder wie wir uns selbst, und somit auch die Welt sehen.




r.
am 20. Jan, 14:52
am 22. Jan, 14:36
Ich denke es bewegt sich wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Bis zu einem gewissen Grad scheinen Sammeln und Ordnen durchaus Hand in Hand zu gehen. Wenn nun aber mehrere Leute gemeinsam verteilte Inhalte aus dem Web unter bestimmten Tags nach mehr oder minder impliziten "Regeln" zusammenführen, so würde ich das eher als eine kollaborative Sammlung sehen und weniger als eine eigene Kategorisierung zu Ordnungszwecken.