
Von Jägern und Sammlern
von Frau Frank
Heute jedoch, da man zum Sport ein Feld beläuft und wir mit elegantem Schwung das eingefriedete Nass teilen, treibt uns das Sammel-Gen zu gänzlich neuen und mitunter seltsam anmutenden Ufern.
Eine Sammlung, so heißt es im Brockhaus, bestehe aus unter einem Gesichtspunkt zusammengetragenen Gegenständen. Und Wikipedia meint weiter, der triebgepeinigte Mensch, jage, seinem Instinkt folgend, nach dem noch nicht in seinem Besitz befindlichen Einzelstück und brächte es dann, wenn die Beute geschlagen, in seine bereits vorhandene Sammlung ein. Anschließend verleihe ihm der Besitz das Gefühl von Macht und Ansehen. Neben Dominanztrieb, Ausweichverhalten und der Kompensation unerfüllter sozialer und sexueller Wünsche spiele da auch die Bewältigung unterbewusster Ängste eine große Rolle bei der Ausübung des zum Hobby avancierten Zeitvertreibes.
Ursprünglich war der Antrieb also der Nahrungssuche und dem damit einhergehenden Überlebenskampf zugeordnet und nun sorgt er scheinbar für eine Anhäufung von Objekten und Informationen.
Aber was meint Sammeln und Jagen heute nun wirklich? Bin ich eine Sammlerin, weil ich Dinge ungern wegwerfe und sie lieber in unzähligen Kisten verstaut in einem überfeuchteten Keller dem Vergessen und sicheren Verrotten überlasse? Weil mehr als fünf Bücher in meinem Regal stehen und ich mehr als zehn paar Strümpfe im Schrank aufbewahre? Weil ich 25 paar Schuhe besitze und mindestens 3000 Fotos? Und schließlich: Bin ich eine Jägerin, wenn ich im Bekleidungsgeschäft das Teilchen zum Spottpreis in meiner Allerweltsgröße ergattere oder ab und zu das letzte Brot beim Bäcker kaufe, bevor es der nach mir tut? Und danach so manches Mal das Gefühl von Befriedigung und Triumph verspüre. Wie viel sammeln ist gesund? Was treibt uns an, alles Erdenkliche in unsere Beutel zu stecken und vor allen Anderen unser Eigen zu nennen? Wie entscheiden wir, was zu sammeln sich lohnen könne? Kronkorken oder Telefonnummern, Cola Dosen, Biergläser, abgebrannte Streichhölzer oder Holzlöffel? Kunst ja, aber Überraschungseierinnereien niemals?
Sucht man in Internet nach dem Begriff, so eröffnet sich ein nahezu grenzenloses Feld mit Beispielen unterschiedlicher Sammelleidenschaften.
So las ich dort vor ein paar Tagen die Geschichte eines Mannes, der einige Räume seines Hauses für die Sammlung von Biergläsern nutzt. Auf entlang der Wände aufgestellten Regalen türmt sich das zerbrechliche Werk unterschiedlichster Fabrikation bis hinauf an die Decken. Auf die Frage, was er denn mache, wären da nicht 1600 sondern 3000 Gläser zu verstauen, meinte er, leere Räume hätte er eigentlich genug. Allerdings müsse noch, zugegebenermaßen, ein wenig Platz für das Leben der vierköpfigen Familie bleiben. Deshalb beschränke er sich weiterhin auf den ihm zur Verfügung stehenden Raum.
Wie er zum Hobby gekommen sei, ist einfach erklärt: schon früh trieb ihn die Liebe zum Bier dazu, die stolzen hohen Behältnisse auch zu Hause und nicht nur in der Kneipe zu benutzen. Ihm viel auf, dass die Gläser der Brauereien zarte Wesensunterschiede in Höhe, Form und Aufdruck aufwiesen, was seine Leidenschaft weckte. Mit großem Stolz sprach der Mann noch von eben jenen feinen Unterschieden in Form und Machart seiner Stücke, die nie ein anderer als eben auch ein Sammler dieser Art, verstehen und zu kommentieren wüsste.
Eine alte Freundin hingegen sammelte eine Zeitlang mit großer Leidenschaft etwas von ganz anderer Art. Sie führte Buch über Namen und Telefonnummern ihrer mitunter häufig wechselnden Männerbekanntschaften. Keine öffentliche Sammlung war das, nicht etwas, das ins Museum zu hängen sie versucht gewesen wäre, aber eine feine Aufstellung säuberlich untereinander aufgereihter Namen und beigefügt ein ungefähres Datum, dahinter eine Telefonnummer, soweit vorhanden und anschließend eine Zahl zwischen eins und fünf, die den Grad der erreichten Intimität bezeichnete. Hinter vielen Namen standen nur eine eins oder eine zwei. Hinter zahlreichen Anderen eine vier. Fünf und drei kamen selten vor. Was die Anordnung dieser Zahlenreihen bedeuteten, hat die Freundin mir nie verraten. Eines Tages entdeckte einer ihrer Liebhaber die geheime Sammlung und machte sie unnötigerweise öffentlich. Die Freundin wechselte, damals noch Studentin, kurze Zeit später Fach und Wohnort.
Ein alter Herr aus meiner weit entfernten Verwandtschaft wiederum, soll von romantisch, neurotischen Beweggründen getrieben, alle Dinge, die er und seine verstorbene Frau erworben und besessen, in seinem Haus aufbewahrt haben. Als die Erben nach dem Ableben des Mannes, der jahrelang allein und abgeschieden gelebt hatte, das Haus betraten, fanden sie ein unerklärliches Chaos vor. Hunderte von Alltagsdingen waren in Jahrzehnten angesammelt worden und stapelten sich in sämtlichen Räumen des Hauses bis unter die Decken. Nur schmale Gänge zum passieren der Zimmer waren frei geblieben. Man fand auch einige Aufzeichnungen des alten Herrn. Er hatte begonnen, die Dinge, die ihn umgaben zu kategorisieren und aufzuführen, welcher Umstand ihn in den Besitz des jeweiligen Objektes gebracht hatte. Dies ging einher mit einer Beschreibung des Gegenstandes sowie mit einer Zeichnung versehenen Nummerierung - einer Art Code - der sich jedoch nicht an irgendeinem Platz im Hause verorten ließ. Nach anfänglichen, zaghaften versuchen, dem System der „Anhäufungen“ Herr zu werden, beauftragten die Erben entnervt einen Entrümpelungsservice. Die zum Lebenswerk gewachsene Sammlung des alten Mannes verschwand schließlich in dem Rachen einer kreischenden Schreddermaschine. Doch es soll das eine oder andere Objekt in die Taschen der Entrümpler gewandert sein, möglicherweise wurde es so an einem anderen Ort einer neuen Sammlung beigefügt.
Einst hörte ich auch von einem Mann, der seinen Lebensunterhalt bei einem Radiosender verdingte. Seine Aufgabe als Audiofachmann bestand darin, neben dem korrekten Mischen und Ausbalancieren des Tones, aus aufgezeichneten Sendungen überflüssige Pausen herauszuschneiden. Er machte es sich zur Gewohnheit, diese Pausen zu sammeln und nach einiger Zeit besaß er viele Stunden Material, das er sich von Zeit zu Zeit zuhause auf seiner Stereoanlage anzuhören gestattete.
Die Welt des Sammelns ist vermutlich unerschöpflich. Wir haben es von den Vorfahren oder den Eltern, machen daraus eine ausgeprägte Leidenschaft, kompensieren damit unbefriedigte Wünsche und werden sogar danach süchtig. Dennoch: mir liegt es fern, das Häufchen Besitz, das ich in meinem Leben um mich geschart habe, als Sammlung einzustufen.
Den einen oder anderen Versuch gab es schon. Damals, zum Beispiel, als ich noch klein war und Aufmerksamkeit für die Hobbies meines großen Bruders aufbringen konnte. Der war Philantelist, las das „Michel Sammler ABC“, ging ab und zu auf Briefmarkenauktionen. Ich erhielt dann auch, nach einigem Jammern und Betteln, ein rotes Buch und einige Marken, steckte diese lustlos in die dafür vorgesehenen Einstecktaschen und vergaß das Hobby gleich darauf.
Eine Weile sammelte ich dann Steine, die ich irgendwo fand oder von Anderen, meist genötigten Anverwandten, geschenkt bekam. Diese drapierte ich auf ausgelegtem Küchenpapier in den Regalen meines Schrankes. Ab und an ließ ich meine Freundinnen in die wunderbare Welt der sagenumwobenen Mineralien und Gesteine blicken. Doch blieben sie als Gesprächspotential begrenzt und mein Interesse entwickelte sich schließlich in eine andere Richtung.
Obwohl sich in meiner Jugend vor mir so manches Feld auftat, dem eine Sammelleidenschaft hätte entspringen können, wie etwa Postkarten, Eintrittskarten, Aufkleber, Gummibänder, Ponybücher oder gehäkelte Topflappen, blieb mir die Vorstellung eigentlich fremd, mit jahrelanger Beharrlichkeit die Sammlung von unter einem Gesichtspunkt wesensgleichen Gegenständen zu verfolgen.
Doch treibt die Menschheit, bereits seit hunderten von Jahren eine illustre Schau von kleinen und großen, öffentlichen und geheimen, wertvollen und wertlosen Sammlungen an Objekten und Informationen voran, die möglicherweise nur im Auge des Betrachters zwar, jedoch mitunter sogar als herausragende Werke in Archive und Museen gelangen um sichtbares Zeugnis unserer Geschichten abzulegen.
Eine Sammlung, so heißt es im Brockhaus, bestehe aus unter einem Gesichtspunkt zusammengetragenen Gegenständen. Und Wikipedia meint weiter, der triebgepeinigte Mensch, jage, seinem Instinkt folgend, nach dem noch nicht in seinem Besitz befindlichen Einzelstück und brächte es dann, wenn die Beute geschlagen, in seine bereits vorhandene Sammlung ein. Anschließend verleihe ihm der Besitz das Gefühl von Macht und Ansehen. Neben Dominanztrieb, Ausweichverhalten und der Kompensation unerfüllter sozialer und sexueller Wünsche spiele da auch die Bewältigung unterbewusster Ängste eine große Rolle bei der Ausübung des zum Hobby avancierten Zeitvertreibes.
Ursprünglich war der Antrieb also der Nahrungssuche und dem damit einhergehenden Überlebenskampf zugeordnet und nun sorgt er scheinbar für eine Anhäufung von Objekten und Informationen.
Aber was meint Sammeln und Jagen heute nun wirklich? Bin ich eine Sammlerin, weil ich Dinge ungern wegwerfe und sie lieber in unzähligen Kisten verstaut in einem überfeuchteten Keller dem Vergessen und sicheren Verrotten überlasse? Weil mehr als fünf Bücher in meinem Regal stehen und ich mehr als zehn paar Strümpfe im Schrank aufbewahre? Weil ich 25 paar Schuhe besitze und mindestens 3000 Fotos? Und schließlich: Bin ich eine Jägerin, wenn ich im Bekleidungsgeschäft das Teilchen zum Spottpreis in meiner Allerweltsgröße ergattere oder ab und zu das letzte Brot beim Bäcker kaufe, bevor es der nach mir tut? Und danach so manches Mal das Gefühl von Befriedigung und Triumph verspüre. Wie viel sammeln ist gesund? Was treibt uns an, alles Erdenkliche in unsere Beutel zu stecken und vor allen Anderen unser Eigen zu nennen? Wie entscheiden wir, was zu sammeln sich lohnen könne? Kronkorken oder Telefonnummern, Cola Dosen, Biergläser, abgebrannte Streichhölzer oder Holzlöffel? Kunst ja, aber Überraschungseierinnereien niemals?
Sucht man in Internet nach dem Begriff, so eröffnet sich ein nahezu grenzenloses Feld mit Beispielen unterschiedlicher Sammelleidenschaften.
So las ich dort vor ein paar Tagen die Geschichte eines Mannes, der einige Räume seines Hauses für die Sammlung von Biergläsern nutzt. Auf entlang der Wände aufgestellten Regalen türmt sich das zerbrechliche Werk unterschiedlichster Fabrikation bis hinauf an die Decken. Auf die Frage, was er denn mache, wären da nicht 1600 sondern 3000 Gläser zu verstauen, meinte er, leere Räume hätte er eigentlich genug. Allerdings müsse noch, zugegebenermaßen, ein wenig Platz für das Leben der vierköpfigen Familie bleiben. Deshalb beschränke er sich weiterhin auf den ihm zur Verfügung stehenden Raum.
Wie er zum Hobby gekommen sei, ist einfach erklärt: schon früh trieb ihn die Liebe zum Bier dazu, die stolzen hohen Behältnisse auch zu Hause und nicht nur in der Kneipe zu benutzen. Ihm viel auf, dass die Gläser der Brauereien zarte Wesensunterschiede in Höhe, Form und Aufdruck aufwiesen, was seine Leidenschaft weckte. Mit großem Stolz sprach der Mann noch von eben jenen feinen Unterschieden in Form und Machart seiner Stücke, die nie ein anderer als eben auch ein Sammler dieser Art, verstehen und zu kommentieren wüsste.
Eine alte Freundin hingegen sammelte eine Zeitlang mit großer Leidenschaft etwas von ganz anderer Art. Sie führte Buch über Namen und Telefonnummern ihrer mitunter häufig wechselnden Männerbekanntschaften. Keine öffentliche Sammlung war das, nicht etwas, das ins Museum zu hängen sie versucht gewesen wäre, aber eine feine Aufstellung säuberlich untereinander aufgereihter Namen und beigefügt ein ungefähres Datum, dahinter eine Telefonnummer, soweit vorhanden und anschließend eine Zahl zwischen eins und fünf, die den Grad der erreichten Intimität bezeichnete. Hinter vielen Namen standen nur eine eins oder eine zwei. Hinter zahlreichen Anderen eine vier. Fünf und drei kamen selten vor. Was die Anordnung dieser Zahlenreihen bedeuteten, hat die Freundin mir nie verraten. Eines Tages entdeckte einer ihrer Liebhaber die geheime Sammlung und machte sie unnötigerweise öffentlich. Die Freundin wechselte, damals noch Studentin, kurze Zeit später Fach und Wohnort.
Ein alter Herr aus meiner weit entfernten Verwandtschaft wiederum, soll von romantisch, neurotischen Beweggründen getrieben, alle Dinge, die er und seine verstorbene Frau erworben und besessen, in seinem Haus aufbewahrt haben. Als die Erben nach dem Ableben des Mannes, der jahrelang allein und abgeschieden gelebt hatte, das Haus betraten, fanden sie ein unerklärliches Chaos vor. Hunderte von Alltagsdingen waren in Jahrzehnten angesammelt worden und stapelten sich in sämtlichen Räumen des Hauses bis unter die Decken. Nur schmale Gänge zum passieren der Zimmer waren frei geblieben. Man fand auch einige Aufzeichnungen des alten Herrn. Er hatte begonnen, die Dinge, die ihn umgaben zu kategorisieren und aufzuführen, welcher Umstand ihn in den Besitz des jeweiligen Objektes gebracht hatte. Dies ging einher mit einer Beschreibung des Gegenstandes sowie mit einer Zeichnung versehenen Nummerierung - einer Art Code - der sich jedoch nicht an irgendeinem Platz im Hause verorten ließ. Nach anfänglichen, zaghaften versuchen, dem System der „Anhäufungen“ Herr zu werden, beauftragten die Erben entnervt einen Entrümpelungsservice. Die zum Lebenswerk gewachsene Sammlung des alten Mannes verschwand schließlich in dem Rachen einer kreischenden Schreddermaschine. Doch es soll das eine oder andere Objekt in die Taschen der Entrümpler gewandert sein, möglicherweise wurde es so an einem anderen Ort einer neuen Sammlung beigefügt.
Einst hörte ich auch von einem Mann, der seinen Lebensunterhalt bei einem Radiosender verdingte. Seine Aufgabe als Audiofachmann bestand darin, neben dem korrekten Mischen und Ausbalancieren des Tones, aus aufgezeichneten Sendungen überflüssige Pausen herauszuschneiden. Er machte es sich zur Gewohnheit, diese Pausen zu sammeln und nach einiger Zeit besaß er viele Stunden Material, das er sich von Zeit zu Zeit zuhause auf seiner Stereoanlage anzuhören gestattete.
Die Welt des Sammelns ist vermutlich unerschöpflich. Wir haben es von den Vorfahren oder den Eltern, machen daraus eine ausgeprägte Leidenschaft, kompensieren damit unbefriedigte Wünsche und werden sogar danach süchtig. Dennoch: mir liegt es fern, das Häufchen Besitz, das ich in meinem Leben um mich geschart habe, als Sammlung einzustufen.
Den einen oder anderen Versuch gab es schon. Damals, zum Beispiel, als ich noch klein war und Aufmerksamkeit für die Hobbies meines großen Bruders aufbringen konnte. Der war Philantelist, las das „Michel Sammler ABC“, ging ab und zu auf Briefmarkenauktionen. Ich erhielt dann auch, nach einigem Jammern und Betteln, ein rotes Buch und einige Marken, steckte diese lustlos in die dafür vorgesehenen Einstecktaschen und vergaß das Hobby gleich darauf.
Eine Weile sammelte ich dann Steine, die ich irgendwo fand oder von Anderen, meist genötigten Anverwandten, geschenkt bekam. Diese drapierte ich auf ausgelegtem Küchenpapier in den Regalen meines Schrankes. Ab und an ließ ich meine Freundinnen in die wunderbare Welt der sagenumwobenen Mineralien und Gesteine blicken. Doch blieben sie als Gesprächspotential begrenzt und mein Interesse entwickelte sich schließlich in eine andere Richtung.
Obwohl sich in meiner Jugend vor mir so manches Feld auftat, dem eine Sammelleidenschaft hätte entspringen können, wie etwa Postkarten, Eintrittskarten, Aufkleber, Gummibänder, Ponybücher oder gehäkelte Topflappen, blieb mir die Vorstellung eigentlich fremd, mit jahrelanger Beharrlichkeit die Sammlung von unter einem Gesichtspunkt wesensgleichen Gegenständen zu verfolgen.
Doch treibt die Menschheit, bereits seit hunderten von Jahren eine illustre Schau von kleinen und großen, öffentlichen und geheimen, wertvollen und wertlosen Sammlungen an Objekten und Informationen voran, die möglicherweise nur im Auge des Betrachters zwar, jedoch mitunter sogar als herausragende Werke in Archive und Museen gelangen um sichtbares Zeugnis unserer Geschichten abzulegen.




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am 19. Jan, 00:28