
Es schleiche die Revolution!
von Bernhard Pfaffeneder
Convince an enemy / convince him that he's wrong.
To win a bloodless battle / where victory is long.
(Sting, "History will teach us nothing")
Revolutionen entstehen aus Unzufriedenheit. Bestehende Ordnungen, Denkmuster oder Herangehensweisen sollen sich ändern, sie sind veraltet, nutzlos oder gar gefährlich - zumindest nach Ansicht der Unzufriedenen. Solche Änderungswünsche können auf eine von zwei Arten über die bestehenden Ordnungen hereinbrechen: schnell, gewalttätig, gierend nach Umwälzung, das Bestehende vernichtend; oder langsam, friedlich, fast unmerklich.
Revolutionen des ersten Typs kennen und erkennen wir: es sind die großen historischen, wie "französische", "russische" oder "kubanische"; hier fliehen Diktatoren, rollen Köpfe, sind die Strassen knietief in Blut getränkt. Bei vielen dieser Revolutionen stellt sich nachträglich aber die Frage: und, was hat's gebracht? Beispiel Frankreich: 1789 wird der König in "einer der wichtigsten Zäsuren in der europäischen Geschichte" gestürzt, 1804 - und das sind nur 15 Jahre danach - haben die Franzosen in Napoléon Bonaparte einen Kaiser.
Dagegen laufen die meisten nicht-politischen Revolutionen langsam, schleichend, fast unaufdringlich ab, wie bei der "industriellen", "sexuellen" oder "kopernikanischen": am Anfang steht hier ebenfalls Unzufriedenheit oder der Drang, Gegebenes nicht als gegeben hinzunehmen. Ein neuer Weg taucht auf, wird informell weitergegeben, gewinnt immer mehr Anhänger, bestehende Ordnungen werden unterwandert und infiltriert. Wobei Infiltration und Unterwanderung nicht so negativ zu verstehen sind wie es klingt: Grund ist nicht etwa Feigheit oder Nicht-für-seine-Meinung-einstehen-wollen, nein, man hat einfach sehr viel Zeit. Hier werden keine Diktaturen mit Gewalt vertrieben, deren einzig logische Reaktion sein muss: Konterrevolution! Zurückerobern der Pfründe! Wiederherstellung der (ihrer alten) Ordnung!
Langsame Revolutionen nimmt man erst wahr, wenn man sich bei der Frage ertappt, wie das denn früher ohne...? Ob man tatsächlich...? Aber dann ist es eigentlich schon vorbei: gegessen, geschluckt, verdaut.
Schleichende Revolutionen erlauben es gefahrlos aufzuspringen und zu beobachten, wohin die Reise geht. Die Weichen zu stellen wenn die Richtung zwar, aber dann doch nicht ganz stimmt. Kohlen nachzuschütten oder auch abzuspringen wenn's gar zu langsam geht. Irgendwann kommt der Zug dort an, wo er ankommen musste, und alle sind bereits an Bord: die Passagiere skypen, die bestehende Ordnung hat ihr Ticketing System mit Google Maps verlinkt, und neue Saloons heißen die Pioniere willkommen, bieten gratis WLAN, Whiskey aus Fair-Trade-Anbau und Hilfe-Blogs für Jungfarmer.
Wer jetzt noch draußen ist, der startet auch keine Contra-Revolution mehr. Vielleicht ein Telegramm verschicken?
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