Es schleiche die Revolution!

von Bernhard Pfaffeneder

Convince an enemy / convince him that he's wrong.
To win a bloodless battle / where victory is long.

(Sting, "History will teach us nothing")

Was war noch schnell eine Revolution? Aus Sicht der Soziologie handelt es sich dabei um "einen radikalen und meist, jedoch nicht immer einen gewalttätigen Umsturz(-versuch) der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, der von einer organisierten (nicht notwendig geheimen) Gruppierung von Neueren getragen wird und die Unterstützung größerer Bevölkerungsteile findet" (aus Wikipedia).

Revolutionen entstehen aus Unzufriedenheit. Bestehende Ordnungen, Denkmuster oder Herangehensweisen sollen sich ändern, sie sind veraltet, nutzlos oder gar gefährlich - zumindest nach Ansicht der Unzufriedenen. Solche Änderungswünsche können auf eine von zwei Arten über die bestehenden Ordnungen hereinbrechen: schnell, gewalttätig, gierend nach Umwälzung, das Bestehende vernichtend; oder langsam, friedlich, fast unmerklich.

Revolutionen des ersten Typs kennen und erkennen wir: es sind die großen historischen, wie "französische", "russische" oder "kubanische"; hier fliehen Diktatoren, rollen Köpfe, sind die Strassen knietief in Blut getränkt. Bei vielen dieser Revolutionen stellt sich nachträglich aber die Frage: und, was hat's gebracht? Beispiel Frankreich: 1789 wird der König in "einer der wichtigsten Zäsuren in der europäischen Geschichte" gestürzt, 1804 - und das sind nur 15 Jahre danach - haben die Franzosen in Napoléon Bonaparte einen Kaiser.

Dagegen laufen die meisten nicht-politischen Revolutionen langsam, schleichend, fast unaufdringlich ab, wie bei der "industriellen", "sexuellen" oder "kopernikanischen": am Anfang steht hier ebenfalls Unzufriedenheit oder der Drang, Gegebenes nicht als gegeben hinzunehmen. Ein neuer Weg taucht auf, wird informell weitergegeben, gewinnt immer mehr Anhänger, bestehende Ordnungen werden unterwandert und infiltriert. Wobei Infiltration und Unterwanderung nicht so negativ zu verstehen sind wie es klingt: Grund ist nicht etwa Feigheit oder Nicht-für-seine-Meinung-einstehen-wollen, nein, man hat einfach sehr viel Zeit. Hier werden keine Diktaturen mit Gewalt vertrieben, deren einzig logische Reaktion sein muss: Konterrevolution! Zurückerobern der Pfründe! Wiederherstellung der (ihrer alten) Ordnung!

Langsame Revolutionen nimmt man erst wahr, wenn man sich bei der Frage ertappt, wie das denn früher ohne...? Ob man tatsächlich...? Aber dann ist es eigentlich schon vorbei: gegessen, geschluckt, verdaut.

Schleichende Revolutionen erlauben es gefahrlos aufzuspringen und zu beobachten, wohin die Reise geht. Die Weichen zu stellen wenn die Richtung zwar, aber dann doch nicht ganz stimmt. Kohlen nachzuschütten oder auch abzuspringen wenn's gar zu langsam geht. Irgendwann kommt der Zug dort an, wo er ankommen musste, und alle sind bereits an Bord: die Passagiere skypen, die bestehende Ordnung hat ihr Ticketing System mit Google Maps verlinkt, und neue Saloons heißen die Pioniere willkommen, bieten gratis WLAN, Whiskey aus Fair-Trade-Anbau und Hilfe-Blogs für Jungfarmer.

Wer jetzt noch draußen ist, der startet auch keine Contra-Revolution mehr. Vielleicht ein Telegramm verschicken?
Nur keine Eile: schleichende Revolutionen sichern sich die breite Basis für ihren Erfolg. Wer dennoch dagegen ist hat immerhin Zeit, sich zu arrangieren.
Wollte immer Reise-
berichterstatter werden. Oder Maler. Dass er jetzt etwas anderes macht ist zwar nicht sehr revolutionär, aber umso spannender. Er lebt in Wien mit einer Fotokamera, einem Bleistift und 314 Schäfchen - obwohl sich das bei jedem Mal Einschlafen ändert.
Revolution (allgemein)
mindestens haltbar 12/2005
Jahrgang 01
Ausgabe 04
ISSN 1816-8159
Autor: Bernhard Pfaffeneder
Titel: Es schleiche die Revolution!
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am 4. Apr, 22:20

"Langsame Revolutionen nimmt man erst wahr, wenn man sich bei der Frage ertappt, wie das denn früher ohne...? Ob man tatsächlich...? Aber dann ist es eigentlich schon vorbei: gegessen, geschluckt, verdaut."

Ja. Genau wie sich schleichend bei uns die Überwachung hineinschleicht. Voratsdatenhaltung, Lauschangriff, Google Cookies Payback Karte.

Wir geben nach und nach freiwillig unser Recht auf Privatspäre auf. Freiwillig sag ich? Ja, denn der große Protest bleibt ja aus...


am 8. Nov, 15:01

Revolution vs. Evolution - der Grad ist wahrlich ein Schmaler. Denn alleine die Definition einer "schleichende Revolution" kann in diesem Zusammenhang auch mit der einer "soziokulturellen Evolution" (vgl. Wikipedia) ersetzt werden.

Meiner Meinung nach bietet die Evolution (als langfristige und permanente Entwicklung der Welt und der Menschheit) die Grundlage für Revolutionen. Dies ist neutral zu betrachten, denn jede Veränderung (im Sinne von Bestehendes verändern/ablösen) trifft auf Für- und Wiederspruch.

Ich glaube aber nicht, dass es für Beteiligte immer nachvollziehbar ist, wohin die Reise wirklich geht. Die Evolution hat kein Ziel, es ist vielmehr ein Prozess mit der Absicht, bestehende Schemata/Strukturen zu verändern. Kurzfristig kann Kohle nachgeschüttet werden - dies aber nur in der subjektiven Absicht Vorteil aus der Situation zu beziehen. Ob die Menschen nun online präsenter sind als offline ist ein Ergebnis der Evolution. Wohin die Reise geht weiß niemand.

Eines darf jedoch nicht vergessen werden:
Wir Menschen sind es, die am Steuer sitzen und die Route definieren!
Ob wir nun aufspringen, beobachten oder Kohle nachschütten... auch abspringen und "nein sagen" ist möglich. Das hat nichts mit einem radikalen Umsturz zu tun, sondern einfach nur mit Verstand und Mitgefühl.

Those who make peaceful revolution impossible will make violent revolution inevitable.
John F. Kennedy (1917 - 1963)


am 13. Nov, 09:08

@ Veronika: Du hast recht, wenn du meinst, dass Evolution die Grundlage für Revolution bietet. Eine wichtige Erweiterung zu meinem Artikel, wo "nur" beschrieben wird, dass es Evolution prinzipiell gibt (no na!) und sie auf lange Sicht erfolgreicher sein kann, weil den Beteiligten mehr Zeit bleibt, sich zu arrangieren, oder mitzugestalten.

Wenn ich jetzt weiter denke (und dazu hat mich dein Kommentar angeregt), dann wird klar: Revolution passiert auch als Reaktion auf nicht erfolgte bzw. unterdrückte Evolution.
Die beschriebenen "großen historischen" Revolutionen sind genau dafür ein Beispiel: Veränderung will passieren, wird aber von der bestehenden Ordnung (in diesem Fall: politische Führung, aber genauso: Firma, Familie, ...) als Gefährdung ihrer Position angesehen und verhindert.
Eine "violent Revolution" wie in dem wunderbaren Zitat von Kennedy ist dann wirklich unausweichlich.

Noch ein paar Worte zu den "Zielen". Ich stimme dir zu, dass Evolution kein eindeutiges Ziel hat (sie wird von zu vielen Einflüssen mitbestimmt und geformt), Revolution hat aber sehr wohl ein Ziel: eine nicht erfolgte Evolution nachzuholen, oder eine erfolgte umzukehren.


am 27. Feb, 10:58

ich sitze gerade in der schule und versuche eine seminararbeit zum thema "protest und gesellschaftskritische musik während den 70er jahren" zu verfassen, in der ich einen bezug auf das nachlassen von protestbewegungen einbauen möchte und mir daraufhin dieser artikel eigefallen ist. bei der erarbeitung ist mir aufgefallen, dass, wenn ich alles richtig verstanden habe, meiner meinung nach in dieser "soziokulturellen evolution" das gemeinwohl fast von alleine durchgesetzt werden soll, was jedoch die probleme von minderheiten, die grundlage für viele revolutionen sind, nicht beachtet und womöglich verstärkt werden. könnte ich hierrauf evtl. eine antwort bzw. vor allem einen widerspruch erhalten, falls überhaupt noch jemand diesen artikel bzw. meinen kommentar liest... es wäre hilfreich für die arbeit, vor allem um falsche informationen zu verhindern.

der artikel allerdings gefällt mir sehr gut und zeigt eine alternative zu den nicht mehr ganz so ernstgenommenen revolutionen und protesten in dieser zeit


am 24. Mrz, 17:10

Für alle, die sich mit Revolution UND Evolution befassen, dieser Literaturhinweis:
Rainer Thiel
Die Allmählichkeit der Revolution
Blick in sieben Wissenschaften
LIT Verlag Münster - Hamburg - London, 2000
(Selbstorganisation sozialer Prozesse; 6.)
ISBN 33-8258-4945-7