
Letzter Moikaner
von Michael Ziegelwagner
Moik, 67, Erfinder des Musikantenstadls 1981, seit damals Moderator, mindestens ebenso lange von progressiven Kreisen (zu denen ich mich selbst zähle) als Ausformung österreichischen Urdeppentums und Hauptrepräsentant der Volksdümmlichkeit geschmäht – Moik muss also gehen. Mit dem Silvesterstadl am 31. Dezember endet nicht nur das Jahr 2005, sondern auch seine Karriere. Riecht das nach Freudenbotschaft? Nein. Wer das anders sieht, hat nicht richtig aufgepasst und verdient eine Belehrung.
Moik war nicht der, als der er schien. In der Zuckerwattewelt des Schlagers war er ein Unkontrollierbarer, eine ergraute unguided missile, einer, der die sumpfige Seichtigkeit der angeblichen Volksmusik mit dem Torpedo durchpflügte. Niemand beleidigte Gäste, Musiker und Publikum schöner als er, und Moik leistete damit mehr zur Verarschung des Schunkelunwesens als sämtliche Moikverächter zusammen.
Wenn eine treuherzige alte Dame sich ein Herz fasst, aufspringt, das Saalpublikum und 20 Millionen Zuschauer (laut ARD) hinter sich lassend, nur um ihrem Idol einen Strauß Blumen und einen keuschen Kuss darzubringen – dann ist das rührend. Heißt dieses Idol Moik – dann ist das alles andere als rührend. Dann wird’s brutal. Moik, der gerade dabei ist, Patrick Lindner zu demütigen, erblickt sein erwartungsvolles Opfer. Das Opfer umarmt und bebusselt Moik. Moik leidet. Moik beflegelt die alte Dame. Moik schickt sie rüde auf die Heurigenbank zurück und gibt ihr einen gebrauchten Witz über Alter und/ oder Aussehen mit auf den Weg. Moik behält den Blumenstrauß, riecht missbilligend daran und drückt ihn einem herumstehenden Musikanten in die Hand. Nein, „gemütlich“ war dieser Mann nie. Er erschütterte die Idylle Volksmusik. Als Schwiegersohn taugte er nicht; er glich vielmehr dem Schwiegervater himself, dem hauseigenen Ungustl, der pünktlich „Essen auf den Tisch!“ verlangt, weil er dringend ins Wirtshaus muss, zum Saufen. War das nicht besser als Sackbauer? War das nicht viel ehrlicher? Moik spielte nie, Moik war. Und zwar Moik.
Wenn er die Italiener gradheraus „Spaghettifresser“ nannte, gab es erschrockenes Gemurmel, nur ein paar Mutige schmunzelten; wenn er sich einige Minuten später dafür „entschuldigte“ und dem ein freiherziges „Weil’s woahr is’!“ hinterherschickte, dann tobte der Saal vor Begeisterung. So ist er, der Österreicher, redet unverstellt, ehrlich, frisch von der Leber weg, und wenn er sich auf Anweisung der Regie dafür entschuldigen soll, weil halt doch ein paar Katzelmacher zuschauen, bah, dann tut er’s eben, aber er legt noch was nach, weil: man wird ja wohl noch sagen dürfen, und: jetzt erst recht, und: prinzipiell. Keiner hätte dieses Meisterstück an Publikumsbloßstellung vollbringen können, keiner außer dem unfreiwilligen Soziologen in Gestalt eines Dorfproleten, eben: Moik. Er brachte, obwohl selbst völlig unironisch, das Licht der Ironie dorthin, wo die Leute Humor für gewöhnlich an den blauen Flecken ihrer beklatschten Schenkel identifizieren. Er leistete sich die sichtliche Verachtung seiner Getreuen. Moik war der Josef Hader des Schlagerpublikums. Der Stadl war seine Erfindung; sein Spielzimmer, in dem er jedes Mal aufs Neue randalieren durfte; ein Reservat, in dem die Grenzen der Jovialität so sehr überdehnt wurden, dass es als völlig normal galt, der verlogenen Volksmusikwelt mit’m Oarsch ins G’sicht zu fahren. Und den Leuten gefiel es. (Wieder so ein schönes Österreicherklischee: die masochistische Masse, ihrem Quälgeist zujubelnd.) Der Musikantenstadl war Milieuberichterstattung mit zynischer Brechung. Moik war das Brechmittel. So jemanden setzt man nicht ab.
PS: Nasarbajew! Ihr Vorname ist wohl der reinste Hohn; da herrschen Sie seit 15 Jahren über Kasachstan, lassen sich noch mal für sieben Jahre im Amt bestätigen, haben die Medien in der Hand und die Opposition im Kerker, und dann nennen Sie sich scheinheilig-bescheiden: „Nur“sultan… Tyrannei mit Understatement, wie?
Moik war nicht der, als der er schien. In der Zuckerwattewelt des Schlagers war er ein Unkontrollierbarer, eine ergraute unguided missile, einer, der die sumpfige Seichtigkeit der angeblichen Volksmusik mit dem Torpedo durchpflügte. Niemand beleidigte Gäste, Musiker und Publikum schöner als er, und Moik leistete damit mehr zur Verarschung des Schunkelunwesens als sämtliche Moikverächter zusammen.
Wenn eine treuherzige alte Dame sich ein Herz fasst, aufspringt, das Saalpublikum und 20 Millionen Zuschauer (laut ARD) hinter sich lassend, nur um ihrem Idol einen Strauß Blumen und einen keuschen Kuss darzubringen – dann ist das rührend. Heißt dieses Idol Moik – dann ist das alles andere als rührend. Dann wird’s brutal. Moik, der gerade dabei ist, Patrick Lindner zu demütigen, erblickt sein erwartungsvolles Opfer. Das Opfer umarmt und bebusselt Moik. Moik leidet. Moik beflegelt die alte Dame. Moik schickt sie rüde auf die Heurigenbank zurück und gibt ihr einen gebrauchten Witz über Alter und/ oder Aussehen mit auf den Weg. Moik behält den Blumenstrauß, riecht missbilligend daran und drückt ihn einem herumstehenden Musikanten in die Hand. Nein, „gemütlich“ war dieser Mann nie. Er erschütterte die Idylle Volksmusik. Als Schwiegersohn taugte er nicht; er glich vielmehr dem Schwiegervater himself, dem hauseigenen Ungustl, der pünktlich „Essen auf den Tisch!“ verlangt, weil er dringend ins Wirtshaus muss, zum Saufen. War das nicht besser als Sackbauer? War das nicht viel ehrlicher? Moik spielte nie, Moik war. Und zwar Moik.
Wenn er die Italiener gradheraus „Spaghettifresser“ nannte, gab es erschrockenes Gemurmel, nur ein paar Mutige schmunzelten; wenn er sich einige Minuten später dafür „entschuldigte“ und dem ein freiherziges „Weil’s woahr is’!“ hinterherschickte, dann tobte der Saal vor Begeisterung. So ist er, der Österreicher, redet unverstellt, ehrlich, frisch von der Leber weg, und wenn er sich auf Anweisung der Regie dafür entschuldigen soll, weil halt doch ein paar Katzelmacher zuschauen, bah, dann tut er’s eben, aber er legt noch was nach, weil: man wird ja wohl noch sagen dürfen, und: jetzt erst recht, und: prinzipiell. Keiner hätte dieses Meisterstück an Publikumsbloßstellung vollbringen können, keiner außer dem unfreiwilligen Soziologen in Gestalt eines Dorfproleten, eben: Moik. Er brachte, obwohl selbst völlig unironisch, das Licht der Ironie dorthin, wo die Leute Humor für gewöhnlich an den blauen Flecken ihrer beklatschten Schenkel identifizieren. Er leistete sich die sichtliche Verachtung seiner Getreuen. Moik war der Josef Hader des Schlagerpublikums. Der Stadl war seine Erfindung; sein Spielzimmer, in dem er jedes Mal aufs Neue randalieren durfte; ein Reservat, in dem die Grenzen der Jovialität so sehr überdehnt wurden, dass es als völlig normal galt, der verlogenen Volksmusikwelt mit’m Oarsch ins G’sicht zu fahren. Und den Leuten gefiel es. (Wieder so ein schönes Österreicherklischee: die masochistische Masse, ihrem Quälgeist zujubelnd.) Der Musikantenstadl war Milieuberichterstattung mit zynischer Brechung. Moik war das Brechmittel. So jemanden setzt man nicht ab.
PS: Nasarbajew! Ihr Vorname ist wohl der reinste Hohn; da herrschen Sie seit 15 Jahren über Kasachstan, lassen sich noch mal für sieben Jahre im Amt bestätigen, haben die Medien in der Hand und die Opposition im Kerker, und dann nennen Sie sich scheinheilig-bescheiden: „Nur“sultan… Tyrannei mit Understatement, wie?
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