
Ich wär so gerne revolutionär!
von sierra
Klein Ernesto ist schmächtig, zwar ein gut aussehender Kerl, aber eben schmächtig. Außerdem ist er Asthmatiker und kippt beim Rugby manchmal um und röchelt nach Luft. Er ist angehender Mediziner und Papa hält ihn dazu an sein Studium rasch zu beenden. Aber Ernesto Guevara de la Serna geht lieber mit seinem Kumpel Alberto Granado auf Südamerika Tour. Dort trifft er jede Menge arme Menschen und hört sich deren Geschichten an. Die berühren ihn dermaßen, dass er sich entscheidet Revolutionär zu werden und für seine Ideale in Kuba, im Kongo und in Bolivien zu kämpfen um schließlich am 9. Oktober 1967 vom CIA ermordet zu werden.
Also Revolutionäre sehen anders aus, oder? Meine Informationen über "Che" Guevara sind zwar sehr populärwissenschaftlich und zugegeben sehr oberflächlich aber trotzdem. "The Motorcycle Diaries" von Ernesto Che Guevara ist eines von drei Büchern über "Revolutionäre" die sich bei mir zu Hause finden lassen. Das Buch hab ich nur bis zur Hälfte gelesen, ich fand es nicht besonders gut geschrieben. Und kürzlich sah ich den Film dazu auf DVD.
Und da stellten sich mir einige Fragen – Wie wird man zum Revolutionär, wie sieht denn der prototypische Revolutionär aus und haben wir alle das Zeug zum Revolutionär? Wollen wir nicht alle sowohl revolutionär als auch Revolutionär sein?
Eine Revolution bezeichnet in der Soziologie immer einen radikalen und meist, jedoch nicht immer einen gewalttätigen Umsturz(-versuch) der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, der von einer organisierten (nicht notwendig geheimen) Gruppierung von Neuerern getragen wird und die Unterstützung größerer Bevölkerungsteile findet
So definiert Wikipedia also eine Revolution. Der zugehörige "Macher", der Revolutionär der wird wie folgt beschrieben:
Radikaler und rapider sozialer Wandel (»Revolutionen«) knüpfte sich auch an erfolgreiche politische, oft auch charismatische Persönlichkeiten, deren soziologische Urteilskraft sich eher nur implizit erschließt, deren soziale Wirkung jedoch bewusst und gewollt revolutionär war.
Die anderen beiden Bücher sind zum einen "Worte des Vorsitzenden Mao Tse Tung", ausnahmsweise nicht auf Amazon zu finden (doch!), und ein skurriles Mitbringsel von meinem Shanghai Trip vor eineinhalb Jahren. So steht da im Vorwort:
Die Ideen Mao Tse-Tungs sind der Marxismus Leninismus jener Epoche, in welcher der Imperialismus seinem totalen Zusammenbruch und der Sozialismus seinem weltweiten Sieg entgegengeht.
So kann man sich irren. Das war eben die Auflage von 1967. Und das dritte Buch, das ich noch anzubieten hätte ist das Manifest der Kommunistischen Partei von Karl Marx und Friedrich Engels. Im Endeffekt haben mich beide Werke nicht vom Hocker gerissen, aber anfänglich durchaus mein Interesse geweckt. Es sind Werke von Revolutionären oder revolutionäre Werke, aber sie waren wenig hilfreich meine Fragen zu beantworten. Außerdem ist man heutzutage ja schon bald einmal revolutionär. Angefangen vom revolutionären Verschluss von Inlineskates bis zur revolutionären neuen Schuhsohle mit atmungsaktiver Doppelkammer.
Warum sind Revolutionen eigentlich so inflationär geworden? Wollen wir alle unbedingt revolutionär sein?
Ja, weil wir dann automatisch erfolgreich, charismatisch und hervorstechend sind. Weil wir eben nicht einer der grauen Punkte der großen Masse sein wollen, die jeden Tag in der Früh aufsteht, seine Kelloggs Cornflakes mit Milch isst, eine Tasse Kaffee trinkt, mit der U-Bahn in die Arbeit fährt, den PC andreht, 8 Stunden arbeitet, nach Hause kommt, zu Abend isst, zwei Stunden fernsieht und schlafen geht um auf den nächsten spannenden Morgen zu warten. Weil man sich an Revolutionäre auch noch Generationen später erinnert, weil über sie Bücher geschrieben werden, Filme gedreht, Straßen benannt werden und weil Ihre Konterfeis auf T-Shirts gedruckt werden. Weit mehr als 15 Minuten Ruhm eben.
Nein, wir wollen keine Revolutionäre sein, weil man als Revolutionär irgendwann einmal jemanden erschießen muss, oder zumindest erschießen lassen. Außer man ist einer der wenigen pazifistischen Revolutionäre. Aber dann wird man erschossen und das lohnt sich ja auch nicht. Außerdem muss man sein ganzes Leben aufopfern, auf Kinder und glückliche Familie verzichten, aber meistens sind viele ergebene Geliebte zu erwarten.
Die Frage ist ja viel eher, hat jeder von uns das Zeug zum Revolutionär? Trägt jeder von uns das Potential, das Samenkorn in sich eine die Welt verändernde Revolution zu entfachen? Aber das führt uns wohl in eine langwierige und anstrengende Diskussion über Determinismus und Co….
Ich bin ja auch mitten in einer Revolution – wirklich. Das wurde mir vergangene Woche auf der LesBlogs 2.0 in Paris erst richtig bewusst. Ich hatte die Gelegenheit die Informationselite der Zukunft versammelt zu sehen. An die 350 tippenden und schwitzenden Geeks (leider ist auch diese Revolution mehrheitlich männlich) in einem Vortragssaal. Ihre Waffen sind Laptops, WiFIs, RSS Feeds, Blogs und Ihre ungebrochene Überzeugung. Damit letztere auch erhalten bleibt trifft man sich regelmäßig, auch international, wählt Sprecher aus den eigenen Reihen aus, die das sagen, was wir alle wissen und wovon wir ohnehin überzeugt sind. Außenstehende oder gar Kritiker sind kaum da oder interessieren sich nicht für das Gerede. Weblogs und Social Software sind eine Medienrevolution gleichen Ausmaßes wie die Gutenbergsche Druckmaschine. Heute kann jeder Internetuser mit wenigen Handgriffen dieselbe potentielle Reichweite wie CNN.com haben und zig Millionen weltweit machen schon davon Gebrauch. Und wir verändern die Welt, täglich. Die Self-fulfilling-prophecy-Karawane funktioniert wie geschmiert.
Besonders überzeugend brachte diese Tatsache Ben Hammersley in seiner Präsentation auf den Punkt. Er erklärte in seinem Beitrag "Eight ideas that will really revolutionize the 21st century (and why blogging isn't one of them)". Am Ende stellte er fest, dass blogging eben nicht eine der acht Ideen ist – sondern gleich alle auf einmal. All die acht revolutionären Ideen die WIRKLICH das 21. Jahrhundert verändern werden, werden direkt oder indirekt durch blogging realisiert! Danach war mir klar, die Zukunft der Menschheit liegt in unserem Zehnfingersystem und ich bin ein Revolutionär. So schmeckt das Schnitzel gleich noch besser und - Herr Ober, einen Cuba Libré bitte...
Also Revolutionäre sehen anders aus, oder? Meine Informationen über "Che" Guevara sind zwar sehr populärwissenschaftlich und zugegeben sehr oberflächlich aber trotzdem. "The Motorcycle Diaries" von Ernesto Che Guevara ist eines von drei Büchern über "Revolutionäre" die sich bei mir zu Hause finden lassen. Das Buch hab ich nur bis zur Hälfte gelesen, ich fand es nicht besonders gut geschrieben. Und kürzlich sah ich den Film dazu auf DVD.
Und da stellten sich mir einige Fragen – Wie wird man zum Revolutionär, wie sieht denn der prototypische Revolutionär aus und haben wir alle das Zeug zum Revolutionär? Wollen wir nicht alle sowohl revolutionär als auch Revolutionär sein?
Eine Revolution bezeichnet in der Soziologie immer einen radikalen und meist, jedoch nicht immer einen gewalttätigen Umsturz(-versuch) der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, der von einer organisierten (nicht notwendig geheimen) Gruppierung von Neuerern getragen wird und die Unterstützung größerer Bevölkerungsteile findet
So definiert Wikipedia also eine Revolution. Der zugehörige "Macher", der Revolutionär der wird wie folgt beschrieben:
Radikaler und rapider sozialer Wandel (»Revolutionen«) knüpfte sich auch an erfolgreiche politische, oft auch charismatische Persönlichkeiten, deren soziologische Urteilskraft sich eher nur implizit erschließt, deren soziale Wirkung jedoch bewusst und gewollt revolutionär war.
Die anderen beiden Bücher sind zum einen "Worte des Vorsitzenden Mao Tse Tung", ausnahmsweise nicht auf Amazon zu finden (doch!), und ein skurriles Mitbringsel von meinem Shanghai Trip vor eineinhalb Jahren. So steht da im Vorwort:
Die Ideen Mao Tse-Tungs sind der Marxismus Leninismus jener Epoche, in welcher der Imperialismus seinem totalen Zusammenbruch und der Sozialismus seinem weltweiten Sieg entgegengeht.
So kann man sich irren. Das war eben die Auflage von 1967. Und das dritte Buch, das ich noch anzubieten hätte ist das Manifest der Kommunistischen Partei von Karl Marx und Friedrich Engels. Im Endeffekt haben mich beide Werke nicht vom Hocker gerissen, aber anfänglich durchaus mein Interesse geweckt. Es sind Werke von Revolutionären oder revolutionäre Werke, aber sie waren wenig hilfreich meine Fragen zu beantworten. Außerdem ist man heutzutage ja schon bald einmal revolutionär. Angefangen vom revolutionären Verschluss von Inlineskates bis zur revolutionären neuen Schuhsohle mit atmungsaktiver Doppelkammer.
Warum sind Revolutionen eigentlich so inflationär geworden? Wollen wir alle unbedingt revolutionär sein?
Ja, weil wir dann automatisch erfolgreich, charismatisch und hervorstechend sind. Weil wir eben nicht einer der grauen Punkte der großen Masse sein wollen, die jeden Tag in der Früh aufsteht, seine Kelloggs Cornflakes mit Milch isst, eine Tasse Kaffee trinkt, mit der U-Bahn in die Arbeit fährt, den PC andreht, 8 Stunden arbeitet, nach Hause kommt, zu Abend isst, zwei Stunden fernsieht und schlafen geht um auf den nächsten spannenden Morgen zu warten. Weil man sich an Revolutionäre auch noch Generationen später erinnert, weil über sie Bücher geschrieben werden, Filme gedreht, Straßen benannt werden und weil Ihre Konterfeis auf T-Shirts gedruckt werden. Weit mehr als 15 Minuten Ruhm eben.
Nein, wir wollen keine Revolutionäre sein, weil man als Revolutionär irgendwann einmal jemanden erschießen muss, oder zumindest erschießen lassen. Außer man ist einer der wenigen pazifistischen Revolutionäre. Aber dann wird man erschossen und das lohnt sich ja auch nicht. Außerdem muss man sein ganzes Leben aufopfern, auf Kinder und glückliche Familie verzichten, aber meistens sind viele ergebene Geliebte zu erwarten.
Die Frage ist ja viel eher, hat jeder von uns das Zeug zum Revolutionär? Trägt jeder von uns das Potential, das Samenkorn in sich eine die Welt verändernde Revolution zu entfachen? Aber das führt uns wohl in eine langwierige und anstrengende Diskussion über Determinismus und Co….
Ich bin ja auch mitten in einer Revolution – wirklich. Das wurde mir vergangene Woche auf der LesBlogs 2.0 in Paris erst richtig bewusst. Ich hatte die Gelegenheit die Informationselite der Zukunft versammelt zu sehen. An die 350 tippenden und schwitzenden Geeks (leider ist auch diese Revolution mehrheitlich männlich) in einem Vortragssaal. Ihre Waffen sind Laptops, WiFIs, RSS Feeds, Blogs und Ihre ungebrochene Überzeugung. Damit letztere auch erhalten bleibt trifft man sich regelmäßig, auch international, wählt Sprecher aus den eigenen Reihen aus, die das sagen, was wir alle wissen und wovon wir ohnehin überzeugt sind. Außenstehende oder gar Kritiker sind kaum da oder interessieren sich nicht für das Gerede. Weblogs und Social Software sind eine Medienrevolution gleichen Ausmaßes wie die Gutenbergsche Druckmaschine. Heute kann jeder Internetuser mit wenigen Handgriffen dieselbe potentielle Reichweite wie CNN.com haben und zig Millionen weltweit machen schon davon Gebrauch. Und wir verändern die Welt, täglich. Die Self-fulfilling-prophecy-Karawane funktioniert wie geschmiert.
Besonders überzeugend brachte diese Tatsache Ben Hammersley in seiner Präsentation auf den Punkt. Er erklärte in seinem Beitrag "Eight ideas that will really revolutionize the 21st century (and why blogging isn't one of them)". Am Ende stellte er fest, dass blogging eben nicht eine der acht Ideen ist – sondern gleich alle auf einmal. All die acht revolutionären Ideen die WIRKLICH das 21. Jahrhundert verändern werden, werden direkt oder indirekt durch blogging realisiert! Danach war mir klar, die Zukunft der Menschheit liegt in unserem Zehnfingersystem und ich bin ein Revolutionär. So schmeckt das Schnitzel gleich noch besser und - Herr Ober, einen Cuba Libré bitte...
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