Manche Wege sind unergründlich

von Kid37

Wo ist Zuhause, Mama?
Auf der großen Straße.
Doch diese Straße ist so lang, so endlos lang.
Ich kann das Ende nicht seh'n...

(Johnny Cash, "Wo ist Zuhause, Mama?")

Angeblich ist es was im Gehirn, behauptet die Wissenschaft. Irgendwelche Lappen, Brücken und Synapsen. Oder dieselben Gene, die auch dazu führen, dass man als kleiner Junge Trapper und Indianer spielt. Aber seien es elektrische Funken in der Großhirnrinde oder knierzerschindende Spiele mit Pfeil und Bogen in den Dornbüschen der Vorstadt, eines ist gewiss: Frauen sind von der Venus, und Männer gehen im Gelände nicht verloren.

Nun komme keiner mit „Geschlechterklischee“. Ich z.B. kann einen Knopf annähen, aber ums Verrecken nicht Autofahren, geschweige denn rückwärts einparken. Aber ich weiß, wie man eine Karte liest und kann Links und Rechts unterscheiden. So kommt es, dass ich mich überall zurechtfinde, sei es in großen Städten oder in den spinnwebverhangenen Labyrinthen von Doom.

Eines Sommers, tief in der Einsamkeit der bretonischen Wildnis, beschlossen meine Begleiterin und ich, die Plätze zu tauschen. Ich wollte auch mal lässig hinter dem Lenkrad sitzen und hoffte auf navigatorische Unterstützung vom Beifahrersitz. Na, da waren aber Hopfen und Plan rasch verloren. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich das stetig nervöser werdende, offenbar orientierungslose Drehen der zugegebenermaßen etwas unhandlichen Karte.Vor mir beobachtete ich das zunehmend nervöser werdende Trommeln der Finger aufs Lenkrad. Dann wechselte die Ampel die Farbe.
„Und, wohin?“ fragte ich, deutlich interessiert. Vom Beifahrersitz kam keine Antwort, die Karte wurde nur heftiger gedreht und geknickt, begleitet nur von irritiert-verzweifelten Blicken aus dem Wagenfenster.

„Das Blaue ist das Meer“, entschlüpfte es mir mit einem wirklich nur leisen Anflug von Sarkasmus. Denn schließlich heißt es auch in Stunden der Not und in den Sekunden der Entscheidung (linke Spur, rechte Spur?) Ruhe und mehr noch Mutterwitz bewahren. Doch es half alles nichts, keine zweihundert Meter später rauschte ich mit krachendem Getriebe an den Straßenrand (zum Glück musste ich nicht rückwärts einparken), und wir tauschten die Plätze zurück. Der Wagen atmete auf unter der zärtlichen Führung meiner Begleiterin, ich atmete auf, weil ich mit raschem à gauche, à droite das Schiff zurück auf Kurs gebracht hatte.

So versteht es sich von selbst, dass ich auch in der großen Stadt gerne behilflich bin. Neulich der alten Dame zum Beispiel, die mich in der U-Bahn hilfesuchend ansprach. Ja, ob sie denn richtig sei, auf dem Weg zum Jungfernstieg? Na, da hatte sie aber Glück, auf einen alten Pfadfinderfuchs gestoßen zu sein.
„Werte Dame“, meinte ich wohlwollend und im stillen Bewusstsein, dass wenn schon eine junge Frau den Weg nicht findet, man eine betagte Rentnerin umso mehr entschuldigen muss. „Leider sind Sie völlig falsch. Zum Jungfernstieg müssen Sie genau in die andere Richtung. Am besten steigen Sie an der nächsten Station aus und nehmen die andere Bahn.“

Überrascht und ein wenig aufgeregt bedankte sie sich vielmals bei mir, der ich das aber ohne viel Aufhebens und abwinkend entgegennahm. „Kannjamalpassieren“ und „Sofrühammorgen“ murmelte ich freundlich, half der Dame noch aus der Tür und winkte ihr freundlich nach, ganz berauscht von meiner Gutherzigkeit und dem selbstgewissen Gefühl, dem heutigen Tag bereits die gute Tat abgerungen und eine alte Frau vor Ungemach bewahrt zu haben. Erst der Name der nächsten Station stach wie eine feine Nadel in den schrumpeligen Luftballon meiner Selbstzufriedenheit. Gut, hatte die alte Dame also Recht gehabt. Ich selbst war in der falschen Richtung unterwegs. Kein Drama, finde ich. Kannjamalpassieren. Und so ein alte Dame, nun, die hat es gewiss nicht eilig.

Besser lief es an einem der letzten warmen Herbsttage. Ein offener Wagen hielt neben mir. „Hello“, winkte der sportive Cabrio-Fahrer mit keckem Baseballkäppi und breitem US-Akzent. „Wo gääts dänn hier su sehn Elbbrukken?“ Ha! Da hatte er zum Glück den richtigen erwischt. „Howdy“, rief ich freundlich und landsmännisch zugleich. Denn ich kenne mich nicht nur auf allen Wegen, sondern auch im Land der tausend Sprachen aus und spreche viele Zungen. Zudem meine ich, dass man die delikate Angelegenheit der deutsch-amerikanischen Freundschaft nicht nur vom Wege verirrter Politiker überlassen darf. „Immer in diese Richtung!“ winkte ich also fröhlich - und wies in irgendeine Richtung. Begeistert ließ der sportive Automobilist seinen Kaugummi knallen, hob grüßend den Arm und kurvte um die Ecke. Ein schöner Tag. In Hamburg kann man nämlich fahren, wohin man will. Ob Norden oder Süden: An jeder Kreuzung steht ein Schild Richtung Elbbrücken. Glaube ich jedenfalls.

Nur Tage später sprach mich auf der Straße ein blinder Mann an. Mit seinem weißen Stock hatte er sich an einem Bauzaun verhakt. Offenbar, so fiel mir auf, habe ich einen Magneten für orientierungslose Menschen. Ich bugsierte den Blinden aus seiner Kalamität und bot gleich weitere Hilfe an. Ob ich ihn zur Bushaltestelle lotsen könne. Kein Problem, meinte ich, hakte mich unter und schlug behutsam die Richtung zu den Bussen ein. Aber kaum hatten wir das feste Trottoir unter den Füßen, zog mein Begleiter so im Tempo an, dass ich kaum nachkam. „Hier müssen wir aber langsamer gehen“, hechelte ich, ein wenig kurzatmig. „Vor uns gehen ein paar Leute.“ „Kein Problem“, meinte der Blinde. Dafür hätte er ja seinen Stock. Der wäre ihm Lotse und Martinshorn zugleich. Und mit festem Tapp-Tapp, das keine Widerrede duldete, schlug er mit dem Stock auf den Boden. Die Leute vor uns schreckten zusammen und stoben auseinander. Gleich Moses das Rote Meer teilte der Mann doch tatsächlich mit seinem Stock die Menschenmenge und preschte mit mir im Schlepptau mitten hindurch.

„In welche Richtung müssen Sie denn?“ fragte ich, nun aber deutlich außer Atem. Und fügte leutselig hinzu: „Nicht, dass ich sie noch in den falschen Bus setze, ha ha...“

„Mich können Sie nicht in den falschen Bus setzen, junger Mann.“ Und er grinste in meine Richtung. „Ich weiß genau, wo ich bin!“ Verblüfft sah ich, wie er ohne zu Zögern seinen Bus bestieg. Und ein wenig fragte ich mich, wo ich eigentlich war.
Vielleicht ist der Orientierungssinn doch keine angeborene Eigenschaft, sondern mehr eine Frage der persönlichen Überzeugung. Die Geschichte eines gelernten Pfadfinders, der sich vom Blinden den Weg zeigen lässt.
Kid37 lebt und arbeitet in Hamburg, lungert auf Vernissagen herum und betreibt seit zwei Jahren das Hermetische Cafè. Er schreibt über Ringelstrümpfe, tote Tiere und morbide Frauen und ist heimlich verliebt.
mindestens haltbar 12/2005
Jahrgang 01
Ausgabe 04
ISSN 1816-8159
Autor: Kid37
Titel: Manche Wege sind unergründlich
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am 16. Dez, 20:12

respekt herr kid. grossartige geschichte.


am 17. Dez, 01:33

Haben Sie allein zurück gefunden oder den nächsten Blinden nach dem Weg gefragt? Fabelhafte Geschichte!


am 17. Dez, 09:10

Der Weg sei das Ziel, höre ich und jeder führe nach Rom. Na prima, vor allem wenn man nach Spanien will.

Liebes Kind (37), ich bin bald doppelt so alt wie Sie und fühle mich trotzdem noch sehr jung. Wie ein navigatorisches Embryo.

Lassen Sie den Mut nicht sinken, ich bin noch immer irgendwo angekommen. Meine Frau war eine ausgezeichnete Pilotin. Her name was (not) Sue.