
Wir, ein einig Volk von...
von mai
Woher ich den komme, wurde ich gefragt. Aus der Schweiz, war meine Antwort. Ach, das Land hinter den sieben Bergen wurde dies mit einem freudigen Lächeln erwidert.
Das Land hinter den sieben Bergen? Ich habe mich nicht verhört und sitze staunend da. Lebe ich im Märchenland? Die Schweiz, das Land wo Milch und Schokolade fließt. Wo die Strassen mit Gold gepflastert sind und die Berge aus löcherigem Käse bestehen. Die Bewohner hier nach ihren Uhren gehen und sauber ihr Gärtlein bestellen. So kommt es mir manchmal vor wenn ich Ausländer über die Schweiz reden höre.
Sicher, uns geht es im Großen und Ganzen gut. Wir sitzen ein wenig auf einer Insel, ein bisschen abgeschnitten, aber nicht gänzlich fern von dem Rest der Welt. Mir geht es gut. Meinem Nachbar geht es gut. Den Jugendlichen geht es gut, auch wenn es einige Lehrlingsstellen zu wenig gibt. Aber es geht ihnen so gut dass Beobachter erklären, Kravalle wie es sie in Frankreich gab, hier nicht zu befürchten sind. Keine Autos anzünden. Keine Kravalle. Kein Aufmucken. Keine Revolution. Fast nicht zu glauben, aber wir scheinen zufrieden zu sein. So zufrieden dass uns, außer unserem Privatleben nichts weiter interessiert. Ich nehme an wir sind zu beschäftigt uns als Individuum zu betrachten, als dass die modische Frage ob ein Che sich gut auf einem T-Shirt macht, einen Jugendlichen hier mehr beschäftigt, denn ein anderes Thema oder die nahe wie weite Zukunft.
Krawalle. Revolution. Wann haben sie hier stattgefunden? Haben sie überhaupt stattgefunden? Wir Schweizer scheinen ein seltsames Völkchen zu sein, wo der Gedanke an Revolution alleine schon revolutionär zu sein scheint. Ich krame in der Vergangenheit und zücke wenige Gedankenbrocken aus meinem Gedächtnis hervor. Ein sicheres Aufbegehren bereitet die alljährlich wto Demonstration in Davos. Und weiter. Ich muss nun schon weiter graben, ich hole schon mal den Spaten. Wann war das? Ich war da selber in der Lehre. Es war der Sommer 1988 als die Alte Stadtgärtnerei in Basel geräumt wurde, die Zufluchtstätte der autonomen Jugendkultur. Autonom - wüssten heutige Jugendliche was das bedeuten würde? Wohl eher wenige. Gucci, Prada, Dolce&Gabbana, Hilfiger, Vuitton sind wohl mehr verbreitete Schlagwörter. Die 80er Jahre waren allgemein die Jahre der Jugendbewegung, des "frei sein Wollens" um jeden Preis. Weg von Zwängen. Bereit für Selbstbestimmung.
Weitere Revolten gefällig? Landesweite Streike? Politische Umwälzungen? Es sind keine in Aussicht. Selbst Lenin als er Jahre noch in der Schweiz, genauer in Zürich im Exil weilte, biss hier auf Stein und erreichte auf politischer Ebene keine Änderung. Erst wieder etwas bei seiner Rückkehr in seine Heimat Russland und seiner Oktoberrevolution.
Wenn ich weiter grabe lande ich noch in Australien. Aber die Zeitmaschine setzt gewaltig an und dreht unaufhörlich das Rad zurück. Und schon sind wir in napoleonischer Zeit. Hier, Ende 18. Jahrhundert, tauchen sie auf, die Revolten. Die Auflehnung an die Obrigkeit angesteckt durch den Gedanken der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. Vereinzelt ziehen sie durchs Land, die Revolten, und die Ideen werden geboren die zu unsere heutigen Verfassung führen und zur Demokratie wie wir sie kennen, das was auch heute noch unsere Schweiz ausmacht.
Andere Revolutionshelden… Hatte die Schweiz überhaupt welche? Schnell triften wir nun in die mythische Welt ab und die Frage stellt sich, ob wir gerne welche gehabt hätten, so dass wir uns so an die Legenden halten können, und ob uns Willhelm Tell deshalb so am Herzen liegt. Als Aufrührer der sich gegen die Obrigkeit im 13. Jahrhundert auflehnt. Tell, der aufsteht und sich nicht alles sagen lässt, der aber nie wirklich existiert hat. Die daraus resultierende Auflehnung der gesamten innerschweizerischen Region existierte aber wirklich und der daraus entstandene Bundesbrief, die erste Verfassung sozusagen, ebenso.
Das Telefon klingelt und meine Mutter erinnert mich daran, dass ich am Nikolaustag zu erscheinen hätte - es gäbe wie immer heiße Schokolade, Grättima (Grittibenz, Hefeteigmänner), Nüsse und Mandarinen. Ich atme tief ein, lege alles Gewicht in meine Stimme. Nein, Mam, dafür bin ich nun wirklich schon zu alt und blablabla.... der ganze restliche Text geht unter. Jämmerlich, erbärmlich. Ich höre nur noch das Schnauben und Schnupfen auf der anderen Seite. Keinen Sinn für Tradition hätte ich und blablabla... Nun geht bei mir die ganze Leier verloren. Ich gebe auf. Strecke meine Waffen. Jedes Jahr der gleiche Kampf. Gegen Traditionen und Mütter habe ich nicht zu revolutionieren. Erstens nützt es nichts und zweitens bringt es nichts. Also werde ich auch dieses Jahr wieder den Nikolaustag bei meinen Eltern verbringen und ebenso den Heiligabend und jedes Mal nach dem gleichen Ritual und werde nach Hause gehen mit dem Gefühl, dass es eigentlich doch ganz nett und gemütlich war und nicht wirklich schlimm.
Das Land hinter den sieben Bergen? Ich habe mich nicht verhört und sitze staunend da. Lebe ich im Märchenland? Die Schweiz, das Land wo Milch und Schokolade fließt. Wo die Strassen mit Gold gepflastert sind und die Berge aus löcherigem Käse bestehen. Die Bewohner hier nach ihren Uhren gehen und sauber ihr Gärtlein bestellen. So kommt es mir manchmal vor wenn ich Ausländer über die Schweiz reden höre.
Sicher, uns geht es im Großen und Ganzen gut. Wir sitzen ein wenig auf einer Insel, ein bisschen abgeschnitten, aber nicht gänzlich fern von dem Rest der Welt. Mir geht es gut. Meinem Nachbar geht es gut. Den Jugendlichen geht es gut, auch wenn es einige Lehrlingsstellen zu wenig gibt. Aber es geht ihnen so gut dass Beobachter erklären, Kravalle wie es sie in Frankreich gab, hier nicht zu befürchten sind. Keine Autos anzünden. Keine Kravalle. Kein Aufmucken. Keine Revolution. Fast nicht zu glauben, aber wir scheinen zufrieden zu sein. So zufrieden dass uns, außer unserem Privatleben nichts weiter interessiert. Ich nehme an wir sind zu beschäftigt uns als Individuum zu betrachten, als dass die modische Frage ob ein Che sich gut auf einem T-Shirt macht, einen Jugendlichen hier mehr beschäftigt, denn ein anderes Thema oder die nahe wie weite Zukunft.
Krawalle. Revolution. Wann haben sie hier stattgefunden? Haben sie überhaupt stattgefunden? Wir Schweizer scheinen ein seltsames Völkchen zu sein, wo der Gedanke an Revolution alleine schon revolutionär zu sein scheint. Ich krame in der Vergangenheit und zücke wenige Gedankenbrocken aus meinem Gedächtnis hervor. Ein sicheres Aufbegehren bereitet die alljährlich wto Demonstration in Davos. Und weiter. Ich muss nun schon weiter graben, ich hole schon mal den Spaten. Wann war das? Ich war da selber in der Lehre. Es war der Sommer 1988 als die Alte Stadtgärtnerei in Basel geräumt wurde, die Zufluchtstätte der autonomen Jugendkultur. Autonom - wüssten heutige Jugendliche was das bedeuten würde? Wohl eher wenige. Gucci, Prada, Dolce&Gabbana, Hilfiger, Vuitton sind wohl mehr verbreitete Schlagwörter. Die 80er Jahre waren allgemein die Jahre der Jugendbewegung, des "frei sein Wollens" um jeden Preis. Weg von Zwängen. Bereit für Selbstbestimmung.
Weitere Revolten gefällig? Landesweite Streike? Politische Umwälzungen? Es sind keine in Aussicht. Selbst Lenin als er Jahre noch in der Schweiz, genauer in Zürich im Exil weilte, biss hier auf Stein und erreichte auf politischer Ebene keine Änderung. Erst wieder etwas bei seiner Rückkehr in seine Heimat Russland und seiner Oktoberrevolution.
Wenn ich weiter grabe lande ich noch in Australien. Aber die Zeitmaschine setzt gewaltig an und dreht unaufhörlich das Rad zurück. Und schon sind wir in napoleonischer Zeit. Hier, Ende 18. Jahrhundert, tauchen sie auf, die Revolten. Die Auflehnung an die Obrigkeit angesteckt durch den Gedanken der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. Vereinzelt ziehen sie durchs Land, die Revolten, und die Ideen werden geboren die zu unsere heutigen Verfassung führen und zur Demokratie wie wir sie kennen, das was auch heute noch unsere Schweiz ausmacht.
Andere Revolutionshelden… Hatte die Schweiz überhaupt welche? Schnell triften wir nun in die mythische Welt ab und die Frage stellt sich, ob wir gerne welche gehabt hätten, so dass wir uns so an die Legenden halten können, und ob uns Willhelm Tell deshalb so am Herzen liegt. Als Aufrührer der sich gegen die Obrigkeit im 13. Jahrhundert auflehnt. Tell, der aufsteht und sich nicht alles sagen lässt, der aber nie wirklich existiert hat. Die daraus resultierende Auflehnung der gesamten innerschweizerischen Region existierte aber wirklich und der daraus entstandene Bundesbrief, die erste Verfassung sozusagen, ebenso.
Das Telefon klingelt und meine Mutter erinnert mich daran, dass ich am Nikolaustag zu erscheinen hätte - es gäbe wie immer heiße Schokolade, Grättima (Grittibenz, Hefeteigmänner), Nüsse und Mandarinen. Ich atme tief ein, lege alles Gewicht in meine Stimme. Nein, Mam, dafür bin ich nun wirklich schon zu alt und blablabla.... der ganze restliche Text geht unter. Jämmerlich, erbärmlich. Ich höre nur noch das Schnauben und Schnupfen auf der anderen Seite. Keinen Sinn für Tradition hätte ich und blablabla... Nun geht bei mir die ganze Leier verloren. Ich gebe auf. Strecke meine Waffen. Jedes Jahr der gleiche Kampf. Gegen Traditionen und Mütter habe ich nicht zu revolutionieren. Erstens nützt es nichts und zweitens bringt es nichts. Also werde ich auch dieses Jahr wieder den Nikolaustag bei meinen Eltern verbringen und ebenso den Heiligabend und jedes Mal nach dem gleichen Ritual und werde nach Hause gehen mit dem Gefühl, dass es eigentlich doch ganz nett und gemütlich war und nicht wirklich schlimm.
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