
Outsourcing der Palastrevolution
von Katharina „Lyssa“ Borchert
Man sollte als Jugendlicher irgendwann mal gegen irgendetwas rebelliert haben. Gegen die Eltern, die Lehrer, gegen „das System“, ganz egal. Die Inhalte sind zunächst sekundär, wichtig ist das Gefühl, eine Mini-Revolution angezettelt zu haben. Das ist gut fürs die Identitätsfindung, fürs Selbstbewußtsein und für die Abnabelung vom Elternhaus. Und mit etwas Glück kann man später, wenn man längst im kuscheligen Schoß des vormals so bekämpften „Systems“ angekommen ist, tolle Anekdoten von bei Punkkonzerten zertrümmerten Kneipen (die man aus Angst vor der Ordnungsmacht längst vor dem Höhepunkt verlassen hat, aber das tut 20 Jahre später nichts zur Sache) oder berauschten Pilgerreisen zu Grateful Dead Konzerten erzählen.
Nur was soll man tun, wenn die eigenen Eltern furchtbar aufgeklärt, wahnsinnig liberal und rund um die Uhr verständnisvoll sind? Gegen was bitte soll man sich da auflehnen, wie soll man diesen wichtigen Teil des Erwachsenwerdens absolvieren? Meine Eltern waren große Anhänger der antiautoritären Erziehung, die absolute Entfaltungsfreiheit ihrer Kinder ging ihnen über alles. Über ihre Nerven, über ihren Ruf in der Verwandtschaft, über ihr Mobiliar, das häufig unter meinem frühkindlichen Selbstentfaltungsdrang zu leiden hatte. Was für Kleinkinder ein Paradies sein kann, treibt pubertierende Teenager bald zur Verzweiflung.
Das Schlimme ist, daß man nicht mal auf Verständnis in seinem Umfeld hoffen kann. Während sich die vermeintlich unterdrückten Kinder konservativer Eltern zu Leidensgemeinschaften zusammenschließen, bleibt unsereins außen vor. „Ach, ich wünschte, meine Eltern wären so cool wie deine“, seufzen sie und verstehen nicht, wie gern wir auch rebellieren würden. Wie gern wir auch mal kräftig mit den Türen knallen, ein wenig rumbrüllen und uns nachts heimlich fortschleichen würden.
Aus pädagogischer Sicht hat sich das Konzept meiner Eltern durchaus bewährt. Ich habe z.B. das Kiffen recht schnell wieder eingestellt, weil statt Bewußtseinserweiterung stets nur der Tiefschlaf kam und auf einen Schockeffekt zuhause nicht zu hoffen war. Als die übrigen Eltern unserer kleinen Clique erfuhren, daß der süßliche Geruch im Partykeller von Professor E. nicht von einer Überdosis Parfum herrührte und sein Sohn Christian seine genial-düsteren Comic-Ideen zum Teil kleinen Papierquadraten verdankte, wurde die eine Hälfte in anstaltsartige Internate verbracht und die andere Hälfte zur Beobachtung zuhause eingesperrt. Nur meine Eltern zeigten sich verständnisvoll und erzählten von ihrer eignen wilden Jugend. Ich fühlte mich so gar nicht wild, sondern frühzeitig vergreist.
Als ich 17 war, ließ meine Mutter endlich erste Anzeichen von elterlichem Widerstand erkennen. Wir stritten uns herzhaft, und ich zog probeweise aus. In einer Nacht- und Nebelaktion, gekrönt von einem höchst pathetischen Abschiedsbrief, den meine Eltern zum Frühstück finden sollten, aber leider nie fanden, weil meine Mutter ihn für den alten Einkaufszettel hielt und ungelesen in den Müll warf. Ich zog zu Jürgen, dem etwa 25jährigen existentialistischen, schwulen Kellner meines Stammcafés. Nach etwa drei Tagen wurden mir die wabernden Lava-Lamps und die ebenso wabernden Männerkörper zuviel, und ich zog zu meiner besten Freundin, was zwei Vorteile hatte: ein riesiges, garantiert männerfreies Zimmer und die konservativsten Eltern weit und breit. Wir hatten drei wundervolle gemeinsame Tage, dann warfen ihre Eltern mich raus und sperrten sie für den Rest des Schuljahrs ein.
Ich war wieder zuhause, hatte aber endlich begriffen, wie sich die elterliche Toleranz mit meinem Wunsch nach Rebellion verbinden läßt. Man mußte einfach nur den Angriffspunkt der Palastrevolution verlagern, die Umkehrung vom Söldnertum sozusagen, Pubertätsoutsourcing. Fortan quälte ich den bäuerlich-dörflichen Teil meiner Verwandtschaft mit meiner Mitgliedschaft bei Amnesty, mit langhaarigen, linksradikalen Freunden, die als Berufsziel Vagabund angaben oder brachte schwule Schulfreunde als Begleiter mit zu Familienfeiern.
Gelegentlich frage ich mich, was die nachfolgende Generation wohl tun wird. Wenn ich mich in meinem Freundeskreis so umsehe, dürfen die Kinder auf größtmögliches Verständnis hoffen. Ihren Eltern ist kein noch so exaltierter Lebensentwurf fremd, sie kennen alle extravaganten Sexualformen und Partnerschaftskonstrukte und haben in zum Teil recht abenteuerlichen Berufen gearbeitet. Vermutlich werden ihre Kinder aus Protest im Anzug zur Schule gehen, Demonstrationen für altmodisch und Monogamie für eine revolutionäre Idee halten, prinzipiell nie über Sex reden und mit 20 bereits verheiratet sein. Wie sollten die Ärmsten sich sonst auch abgrenzen können?
Nur was soll man tun, wenn die eigenen Eltern furchtbar aufgeklärt, wahnsinnig liberal und rund um die Uhr verständnisvoll sind? Gegen was bitte soll man sich da auflehnen, wie soll man diesen wichtigen Teil des Erwachsenwerdens absolvieren? Meine Eltern waren große Anhänger der antiautoritären Erziehung, die absolute Entfaltungsfreiheit ihrer Kinder ging ihnen über alles. Über ihre Nerven, über ihren Ruf in der Verwandtschaft, über ihr Mobiliar, das häufig unter meinem frühkindlichen Selbstentfaltungsdrang zu leiden hatte. Was für Kleinkinder ein Paradies sein kann, treibt pubertierende Teenager bald zur Verzweiflung.
Das Schlimme ist, daß man nicht mal auf Verständnis in seinem Umfeld hoffen kann. Während sich die vermeintlich unterdrückten Kinder konservativer Eltern zu Leidensgemeinschaften zusammenschließen, bleibt unsereins außen vor. „Ach, ich wünschte, meine Eltern wären so cool wie deine“, seufzen sie und verstehen nicht, wie gern wir auch rebellieren würden. Wie gern wir auch mal kräftig mit den Türen knallen, ein wenig rumbrüllen und uns nachts heimlich fortschleichen würden.
Aus pädagogischer Sicht hat sich das Konzept meiner Eltern durchaus bewährt. Ich habe z.B. das Kiffen recht schnell wieder eingestellt, weil statt Bewußtseinserweiterung stets nur der Tiefschlaf kam und auf einen Schockeffekt zuhause nicht zu hoffen war. Als die übrigen Eltern unserer kleinen Clique erfuhren, daß der süßliche Geruch im Partykeller von Professor E. nicht von einer Überdosis Parfum herrührte und sein Sohn Christian seine genial-düsteren Comic-Ideen zum Teil kleinen Papierquadraten verdankte, wurde die eine Hälfte in anstaltsartige Internate verbracht und die andere Hälfte zur Beobachtung zuhause eingesperrt. Nur meine Eltern zeigten sich verständnisvoll und erzählten von ihrer eignen wilden Jugend. Ich fühlte mich so gar nicht wild, sondern frühzeitig vergreist.
Als ich 17 war, ließ meine Mutter endlich erste Anzeichen von elterlichem Widerstand erkennen. Wir stritten uns herzhaft, und ich zog probeweise aus. In einer Nacht- und Nebelaktion, gekrönt von einem höchst pathetischen Abschiedsbrief, den meine Eltern zum Frühstück finden sollten, aber leider nie fanden, weil meine Mutter ihn für den alten Einkaufszettel hielt und ungelesen in den Müll warf. Ich zog zu Jürgen, dem etwa 25jährigen existentialistischen, schwulen Kellner meines Stammcafés. Nach etwa drei Tagen wurden mir die wabernden Lava-Lamps und die ebenso wabernden Männerkörper zuviel, und ich zog zu meiner besten Freundin, was zwei Vorteile hatte: ein riesiges, garantiert männerfreies Zimmer und die konservativsten Eltern weit und breit. Wir hatten drei wundervolle gemeinsame Tage, dann warfen ihre Eltern mich raus und sperrten sie für den Rest des Schuljahrs ein.
Ich war wieder zuhause, hatte aber endlich begriffen, wie sich die elterliche Toleranz mit meinem Wunsch nach Rebellion verbinden läßt. Man mußte einfach nur den Angriffspunkt der Palastrevolution verlagern, die Umkehrung vom Söldnertum sozusagen, Pubertätsoutsourcing. Fortan quälte ich den bäuerlich-dörflichen Teil meiner Verwandtschaft mit meiner Mitgliedschaft bei Amnesty, mit langhaarigen, linksradikalen Freunden, die als Berufsziel Vagabund angaben oder brachte schwule Schulfreunde als Begleiter mit zu Familienfeiern.
Gelegentlich frage ich mich, was die nachfolgende Generation wohl tun wird. Wenn ich mich in meinem Freundeskreis so umsehe, dürfen die Kinder auf größtmögliches Verständnis hoffen. Ihren Eltern ist kein noch so exaltierter Lebensentwurf fremd, sie kennen alle extravaganten Sexualformen und Partnerschaftskonstrukte und haben in zum Teil recht abenteuerlichen Berufen gearbeitet. Vermutlich werden ihre Kinder aus Protest im Anzug zur Schule gehen, Demonstrationen für altmodisch und Monogamie für eine revolutionäre Idee halten, prinzipiell nie über Sex reden und mit 20 bereits verheiratet sein. Wie sollten die Ärmsten sich sonst auch abgrenzen können?
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