
Talkin' 'bout a revolution
von 40something
Revolution? Das Wort stammt aus dem Fundus des deutschen Gute-alte-Werte-Warenhauses Manufaktum ("Es gibt sie noch, die guten Dinge"). Was habe ich in den vergangenen Jahrzehnten für Revolutionen erlebt. Mein alter französischer Kleinwagen, wegen seiner Federung angepriesen als "C'est la revolution", als er auf den Markt kam. Die "Revolution in Military Affairs (RMA)", die digitale Revolution, die... ach, die Liste ist endlos.
Bitte, merken wir uns Mitteleuropäer mal: Es gibt keine Revolution. Jedenfalls nicht bei uns. Umwälzung der bestehenden Verhältnisse? Die Aristokraten an die Laterne? Die Zarenfamilie, an die Wand gestellt?
Machen wir uns doch nicht lächerlich. Was in den hoch entwickelten westlichen Industriegesellschaften passiert, hat mit Revolution nichts zu tun. Veränderung, ja, auch tiefgreifender, als wir sie uns vor Jahren noch vorstellen konnten oder auch nur wollten. Aber das alte System zu Staub zerfallen?
Ich bin ja nicht blind: Auch meine mechanische Schreibmaschine verstaubt unter dem Schreibtisch, auch meine Vinyl-Platten stehen ungehört im Regal. Meine Privatwohnung enthält vermutlich mehr High-Tech als ein normaler mittelständischer Betrieb noch vor 25 Jahren, als die Computer den Sprung vom wohnzimmergroßen Mainframe zum Schreibtischrechner schafften.
Aber das, bitte schön, kam ja nicht über Nacht. Wir haben nicht im Handstreich ein System abgeschafft und durch ein neues ersetzt. Stück für Stück haben sich neue Gedanken, neue Ideen, neue Technologien in unser Leben geschlichen. Ihren Platz erobert, wenn sie gut waren. Vieles verdrängt, sogar. Aber nicht auf einen Schlag.
Nein, der Prozess war ein anderer. So vieles von dem, was heute unser Leben bestimmt und prägt, haben wir kommen sehen. Haben es testen können, gewogen und für gut befunden – vielleicht nicht immer bewusst. Der immer wieder hoch gehypte Paradigmenwechsel stand am Ende, als Ergebnis einer Synthese aus dem alten und dem neuen. Wir konnten und können uns den Luxus leisten, Dinge nebeneinander zu erfahren und auszuprobieren. Die sexuelle Revolution der späten 60-er und frühen 70er neben der Prüderie und Heuchelei, die die deutsche Gesellschaft noch bis weit in die 70er hinein prägte (und die, so scheint's, wieder auf dem Vormarsch ist). Die CD neben dem MP-3-Player. Die Kleinbild-Spiegelreflex (immer noch!) neben der Digitalkamera.
Der große Gleichmacher war nicht eine Revolution, sondern die Evolution. Schnelle Datenübertragungen gibt es seit Jahrzehnten, doch vor drei Jahrzehnten waren sie eine Domäne der Regierungen und der Militärs, vielleicht noch von großen Unternehmen. Der Normalbürger schrieb vor 30 Jahren Briefe, wenn er korrespondierte – und heute tut er nichts anderes, aber er tut das per E-Mail. Die billigere Technik hat ihm das ermöglicht, was seine Regierung schon damals tat. Nachschlagewerke gab es schon immer – aber nur die wenigsten konnten es sich leisten, den ledergebundenen Brockhaus auf dem jeweils neuesten Stand in ihr Bücherregal zu stellen. Viele Informationen, die wir heute wie selbstverständlich aus dem Web abrufen, hatten wir früher griffbereit im Schrank stehen – aber wer holt sich heute noch das neue Telefonbuch oder den aktuellen Fahrplan von Bus und Bahn, wenn er beides bequem im Internet findet?
Wir haben unser Leben umgestellt, wenn es uns die Verhältnisse und die neuen Mittel erlaubt haben. Wir sahen es ja auch nicht als Revolution an, als wir endlich vom Fahrrad aufs eigene Auto umsteigen konnten. Dass in den 70er Jahren die Gewerkschaften in Deutschland zweistellige Lohnsteigerungen erkämpften – war das eine Revolution? Oder ist es eine Revolution von oben, wenn jetzt das Weihnachtsgeld gekürzt wird?
Was sich verändert hat, merken wir oft erst Jahre, wenn nicht gar erst Jahrzehnte danach. Gut, es gab einen Knall, als 1989 die Mauer fiel. Doch nicht ohne Grund tragen diese Umwälzungen im ehemaligen Ostblock immer einen Beinamen: die sanfte Revolution, die orangene Revolution. Weil sie Veränderungen sichtbar machen, die sich lange schon ihren Weg gebahnt hatten.
Die Revolution findet wo anders statt, besser: könnte wo anders stattfinden, im guten wie im schlechten. In Afrika, wo Jahrzehnte nach dem Ende des Kolonialismus korrupte Systeme durch noch korruptere ersetzt werden. In Afrika, wo Millionen noch nie ein Telefon hatten – und jetzt durch den Mobilfunk die Möglichkeit bekommen, sich ganz langsam dem Telekommunikationsstandard der Ersten Welt anzunähern. In den Ländern, wo staatlich kontrollierte Medien bislang die einzige Möglichkeit der Information monopolisierten – und jetzt durch Internet oder Satelliten-TV dieses Monopol verlieren. Aber machen wir uns nichts vor: Die Lieferanten dieser Technologien sind auch nur zu bereit, die Technologien zur Kontrolle und Einschränkung gleich mit zu verkaufen. Um dort eine Revolution zu verhindern.
Knapper gesagt: Hasta la victoria siempre! gilt noch immer. Aber mit dem kleinen Unterschied: Viva la Evolucion!
Bitte, merken wir uns Mitteleuropäer mal: Es gibt keine Revolution. Jedenfalls nicht bei uns. Umwälzung der bestehenden Verhältnisse? Die Aristokraten an die Laterne? Die Zarenfamilie, an die Wand gestellt?
Machen wir uns doch nicht lächerlich. Was in den hoch entwickelten westlichen Industriegesellschaften passiert, hat mit Revolution nichts zu tun. Veränderung, ja, auch tiefgreifender, als wir sie uns vor Jahren noch vorstellen konnten oder auch nur wollten. Aber das alte System zu Staub zerfallen?
Ich bin ja nicht blind: Auch meine mechanische Schreibmaschine verstaubt unter dem Schreibtisch, auch meine Vinyl-Platten stehen ungehört im Regal. Meine Privatwohnung enthält vermutlich mehr High-Tech als ein normaler mittelständischer Betrieb noch vor 25 Jahren, als die Computer den Sprung vom wohnzimmergroßen Mainframe zum Schreibtischrechner schafften.
Aber das, bitte schön, kam ja nicht über Nacht. Wir haben nicht im Handstreich ein System abgeschafft und durch ein neues ersetzt. Stück für Stück haben sich neue Gedanken, neue Ideen, neue Technologien in unser Leben geschlichen. Ihren Platz erobert, wenn sie gut waren. Vieles verdrängt, sogar. Aber nicht auf einen Schlag.
Nein, der Prozess war ein anderer. So vieles von dem, was heute unser Leben bestimmt und prägt, haben wir kommen sehen. Haben es testen können, gewogen und für gut befunden – vielleicht nicht immer bewusst. Der immer wieder hoch gehypte Paradigmenwechsel stand am Ende, als Ergebnis einer Synthese aus dem alten und dem neuen. Wir konnten und können uns den Luxus leisten, Dinge nebeneinander zu erfahren und auszuprobieren. Die sexuelle Revolution der späten 60-er und frühen 70er neben der Prüderie und Heuchelei, die die deutsche Gesellschaft noch bis weit in die 70er hinein prägte (und die, so scheint's, wieder auf dem Vormarsch ist). Die CD neben dem MP-3-Player. Die Kleinbild-Spiegelreflex (immer noch!) neben der Digitalkamera.
Der große Gleichmacher war nicht eine Revolution, sondern die Evolution. Schnelle Datenübertragungen gibt es seit Jahrzehnten, doch vor drei Jahrzehnten waren sie eine Domäne der Regierungen und der Militärs, vielleicht noch von großen Unternehmen. Der Normalbürger schrieb vor 30 Jahren Briefe, wenn er korrespondierte – und heute tut er nichts anderes, aber er tut das per E-Mail. Die billigere Technik hat ihm das ermöglicht, was seine Regierung schon damals tat. Nachschlagewerke gab es schon immer – aber nur die wenigsten konnten es sich leisten, den ledergebundenen Brockhaus auf dem jeweils neuesten Stand in ihr Bücherregal zu stellen. Viele Informationen, die wir heute wie selbstverständlich aus dem Web abrufen, hatten wir früher griffbereit im Schrank stehen – aber wer holt sich heute noch das neue Telefonbuch oder den aktuellen Fahrplan von Bus und Bahn, wenn er beides bequem im Internet findet?
Wir haben unser Leben umgestellt, wenn es uns die Verhältnisse und die neuen Mittel erlaubt haben. Wir sahen es ja auch nicht als Revolution an, als wir endlich vom Fahrrad aufs eigene Auto umsteigen konnten. Dass in den 70er Jahren die Gewerkschaften in Deutschland zweistellige Lohnsteigerungen erkämpften – war das eine Revolution? Oder ist es eine Revolution von oben, wenn jetzt das Weihnachtsgeld gekürzt wird?
Was sich verändert hat, merken wir oft erst Jahre, wenn nicht gar erst Jahrzehnte danach. Gut, es gab einen Knall, als 1989 die Mauer fiel. Doch nicht ohne Grund tragen diese Umwälzungen im ehemaligen Ostblock immer einen Beinamen: die sanfte Revolution, die orangene Revolution. Weil sie Veränderungen sichtbar machen, die sich lange schon ihren Weg gebahnt hatten.
Die Revolution findet wo anders statt, besser: könnte wo anders stattfinden, im guten wie im schlechten. In Afrika, wo Jahrzehnte nach dem Ende des Kolonialismus korrupte Systeme durch noch korruptere ersetzt werden. In Afrika, wo Millionen noch nie ein Telefon hatten – und jetzt durch den Mobilfunk die Möglichkeit bekommen, sich ganz langsam dem Telekommunikationsstandard der Ersten Welt anzunähern. In den Ländern, wo staatlich kontrollierte Medien bislang die einzige Möglichkeit der Information monopolisierten – und jetzt durch Internet oder Satelliten-TV dieses Monopol verlieren. Aber machen wir uns nichts vor: Die Lieferanten dieser Technologien sind auch nur zu bereit, die Technologien zur Kontrolle und Einschränkung gleich mit zu verkaufen. Um dort eine Revolution zu verhindern.
Knapper gesagt: Hasta la victoria siempre! gilt noch immer. Aber mit dem kleinen Unterschied: Viva la Evolucion!


Chrissi
am 23. Dez, 12:37