Trauer, Marsch, Marsch!

von wortschnittchen
Ein Raunen geht durch die Trauerhalle, als in der dritten Bank eine blonde Frau in tiefem Schwarz Platz nimmt. "Was will DIE denn hier", zischt Tante Heidrun. DIE, das ist der Grund für lautstarke familiäre Auseinandersetzungen und die seit Jahren getrennten Schlafzimmer des frisch Verblichenen und dessen Ehefrau. Nun bezieht er bald sein tiefergelegtes Einzelbett. Und die Hinterbliebenen stellen sich die Frage, wie der Verlust in der richtigen Weise zu beklagen sei. Denn so manche Beerdigung ist nicht nur aufgrund der zu Lebzeiten verworrenen zwischenmenschlichen Beziehungen ein wahres Minenfeld. Auch der Umgang mit dem emotionalen Erbe der Trauer will gelernt sein.

Aber wie viel Trauer ist genug? Und wie bringt man sie richtig zum Ausdruck? Ratgeber zum Thema "Wie trauere ich richtig?" gibt es viele, sie widmen sich kniggeartig dem Umgang mit dem Tod. Trauer als Kulturform ist so alt wie die Menschheit. Schon in von Urmenschen bewohnten Höhlen fanden sich verscharrte Skelette nebst einfachsten Grabbeigaben, Ausdruck des Gedankens um den Übergang vom Leben zum Tod. Der moderne Homo Sapiens allerdings gibt auch im Trauerfalle weniger bei als an.

Der äußere Ausdruck ist bisweilen wichtiger als die innere Anteilnahme. Bei aller Betrübnis sollte die Trauerbekleidung schon ein wenig modisch sein. Und tintenschwarz, wenn möglich. Nirgendwo sonst wird ein Tabubruch deutlicher als in der Beurteilung des Trauerausdrucks durch andere. Braune Schuhe, bloße Schultern, keine Strümpfe? Undenkbar! In einer jugendlich-rebellischen Torheit versuchte ich einmal, in einem knapp knie(!)langen Rock an der Beerdigung meiner Großtante teilzunehmen. Meine Mutter schickte mich mit den Worten "So nicht, junge Dame, was sollen denn die Leute denken" nach Hause.

Trauer ist konservativ. Hier kommen Wertvorstellungen zum Tragen, die über Jahrhunderte hinweg Bestand hatten. Bekleidungsvorschriften, Einhaltung der Trauerzeit oder der obligatorische Leichenschmaus - klare Regeln, an die sich jeder hielt. Ein Jahr hatte die Witwe schwarz zu tragen, je nach Familiengrad war auch grau erlaubt. Von vorneherein unmöglich machte sich, wer an Tanzveranstaltungen teilnahm. Ausdruck des Respekts vor den Toten ist übrigens noch die Tanzsperre in Clubs während Allerseelen oder Totensonntag, wie sie in Bayern und Hessen zelebriert wird. Tante Heidrun, der weibliche arbiter elegantarium der Trauerbekleidung, nimmt wohlwollend mein schwarzes Kostüm zur Kenntnis, verbreitet sich aber bissig über den Gesichtsschleier der Witwe: "Da sieht man wenigstens, dass sie keine Tränen vergießt."

Andere Kulturen, andere Sitten. Im Judentum wird "Schiwe" gesessen, sieben Tage intensiver Totenwache. Spiegel werden verhängt, Nachbarn, Freunde und Familie stehen den Angehörigen bei. Die eigentliche Trauerzeit dauert bis zu einem Jahr. Im Islam dauert die Trauerzeit drei Tage. Der Leichnam sollte möglichst noch am Tag des Versterbens beerdigt werden. Angesichts der deutschen Bestattungsverordnung ein Ding der Unmöglichkeit, schreibt diese doch wenigstens 48 Stunden zwischen ärztlicher Feststellung des Todes und Beerdigung vor. In dieser Zeit hat sich die muslimische Gemeinde um die Hinterbliebenen in ihrem Schmerz zu kümmern. Solche Vorschriften gemahnen bisweilen an Zwänge, erfüllten jedoch auch eine wichtige Funktion. Der Trauer wird Raum und Zeit gegeben, sich zu entfalten.

Raum, den sie in unserer individuellen und schnelllebigen Zeit nicht mehr erhält. Weder engagieren wir Klageweiber, die laut weinen und sich die Haare raufen noch geben wir unseren Gefühlen wirklich öffentlich Ausdruck. Fast scheint es, als vermieden wir jeden Gedanken an Tod und Vergänglichkeit, kommen wir damit doch meistens nur in offiziellem Rahmen in Kontakt.

"Nur ja keine Tränen zeigen", heißt es meistens. Beim Begräbnis des oben genannten jüngst Verblichenen bleiben diese sowieso in den Drüsen. Man war dem Patenonkel mit den stets ein wenig feuchten Händen zu Lebzeiten ebenso wenig zugetan wie nach dem Tode. Ich sitze die Zeremonie ab. Wenigstens wird hier ein ordentliches "Ave Maria" vom örtlichen Kirchenchor gesungen, anstatt diesem grauenvollen "Time To Say Goodbye" vom Band wie seit einigen Jahren so oft auf Beerdigungen zu hören, das gerade mal für den Abschied eines Boxers aus dem Ring gut genug ist. Schließlich erzählt der Pfarrer noch einige Anekdoten aus dem Leben des Verstorbenen und schließt mit den Worten Hermann Hesses: "Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde."

Beim anschließenden Leichenschmaus wird der Verstorbene noch einmal auferstehen: Mit Schmalzstullen, Schnäpsen und vielen Lobpreisungen. Denn: "Man soll ja nicht schlecht von Toten sprechen." Es wird gelogen, was das Zeug hält. "Ein guter Mann", sei er gewesen, sagt der Cousin. "Immer verlässlich", "integer", fügen die Geschäftsfreunde hinzu. Das "großzügiger Patenonkel" kommt von mir. Die schwitzigen Hände verschweige ich ebenso wie die Ehefrau des Verstorbenen ihre Mordgelüste – übrigens nicht ursächlich für das allzu frühe Versterben des stadtbekannten Seitensprungkönigs. Der kann jetzt ohnehin nicht mehr lügen und betrügen.

Die blonde Frau wurde übrigens wenige Wochen nach der Bestattung am Arm eines neuen Mannes gesehen. Tante Heidrun weiß genau: "Na, lang hat DIE aber nicht getrauert." Offenbar ein Herz, das schneller Abschied genommen hat als es die kulturelle Beschwernis der Trauer verlangt. Ich wünsche ihr jedenfalls viel Glück. Und dem Patenonkel seinen ewigen Frieden vor den Frauen.
Den schicken Hosenanzug oder doch lieber das bodenlange Kostüm? So manche Beerdigung ist nicht nur bekleidungstechnisch ein Minenfeld. Verwickelte Familienbande und Unsicherheiten im Umgang mit dem Tod stürzen so manchen in Verwirrung. Eine kleine Geschichte über die kulturelle Beschwernis der Trauer.
Immer auf der Jagd: Wortschnittchen erlegt ihre Geschichten überwiegend im nächtlichen Großstadt-
dschungel Berlins. Neben ihrer Hauptbeschäftigung als Betriebswirtin und Journalistin ist sie leidenschaftliche Neurosenzüchterin.
mindestens haltbar 12/2005
Jahrgang 01
Ausgabe 04
ISSN 1816-8159
Autor: wortschnittchen
Titel: Trauer, Marsch, Marsch!
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am 15. Dez, 14:14

Vielleicht sehen Sie den werten Patenonkel in den seligen Gefilden aber auch wieder Man weiß es nicht.. vielleicht kommt Ihnen der Patenonkel ja auch eines Tages in den ewigen Gefilden entegen, in jedem Arm einen Engel und prostet Ihnen fröhlich zu.


am 2. Jan, 10:48

Liebes Wortschnittchen! Eure Einladung zur Neujahrslesung mit vielen bekannten Bloggern klingt sehr verlockend! Bloglesungen sind generell eine grandiose Idee und ein schöner Anlass auch mal die Menschen hinter den Namen zu sehen! Schade, dass ich diesmal leider nicht dabei sein kann. Alles Gute!

am 8. Jan, 21:30

da wär ich auch neugierig drauf! schade, dass berlin viel zu weit weg ist für mich :-(