
Bei Wulnikowski fehlt was
von Ole Cordsen
"Undank ist der Welten Lohn, alsbald verdreht sich Dank zum Hohn", grummelt Wulnikowski durch seine trockenen Lippen, während er seinen verbitterten Blick durch die verwaschene Gardine aus dem Küchenfenster bohrt. Für einen Moment amüsiert ihn seine eigene Fortdichtung der Binsenweisheit. Und fast zuckt ein Lächeln spielerisch über seine Mundwinkel. Doch es scheitert, stürzt ab, gerät zur grässlichen Fratze. Vergiftetes Schweigen zieht sich wieder durch seine beengte Küche wie ein riesiges Fischernetz, das nur seine brummelnden Flüche kurzzeitig aufreißen. Draußen fällt das Tageslicht schräg und scharf ein wie eine Rasierklinge und schneidet die Häuser entzwei. Auf dem Bordstein zerrt und pickt eine Taube lustlos an einer Sardinenbrotrinde herum, die die streunenden Katzen liegen gelassen haben.
"Überhaupt, Katzen! Verdammte Mistviecher! Säuselschnurrende Verräterbande! Undankbares Kackbratzenpack!" Wulnikowskis Blut wallt, brodelt, köchelt, kocht, siedet, lässt seine Schläfen vor Wut puckern. Emotionale Feuersbrunst bricht in ihm aus, prasselt, verkohlt ihn von innen, hinterlässt beißenden Gestank, zähklebrig verkohlte, bitterschmeckende Gefühls-Asche.
Doch kein Feuerlöscher ist greifbar.
"Wenn ich dieses verfluchte Scheißgeschöpf noch einmal erwische, diese spitzohrige Bratpfannennase, ich reiß ihr die schillernden Augen raus, zerquetsche sie und spring mit meinen Gummistiefeln auf ihrem triefenden Matsch herum, zerfetze ihr die Eingeweide, rupfe ihr jede Kralle einzeln aus, verbrenne ihr Fell in lodernden Flammen, sprenge ihr die Beine kaputt, breche ihr jeden Knochen einzeln und ramme sie unangespitzt in Marmorsteinboden!"
Er blickt an der Tischkante vorbei auf seinen verbunden Fuß und beginnt zu schluchzen. Tief vergräbt er sein Gesicht in Händen. Tränen kullern in Bächen seine Wangen hinab.
Hätte er "Lulu" doch nur nie zu sich gelassen. Als er vom Einkaufen wiederkam, hatte sie ihn am Zebrastreifen umschnurrt. Er wartete auf ein bremsendes Auto. Mit ihren schneeschmelzenden Augen hatte sie ihn voll aufrichtiger Trauer angeblinzelt, herzzereißend süß gemaunzt und ihr struppiges Fell an seiner Hose geschubbert. Sofort hatte er sie ins Herz geschlossen. Völlig ausgemergelt war sie. Aufpäppeln wollte er sie. Und das hatte er auch getan. Er hatte sie mit zu sich nach Hause genommen, für sie gesorgt, sie gestreichelt, gefüttert, beschmust.
Und dann kam der verhängnisvolle Morgen. Er hatte ihnen beiden Frühstück bereitet im Garten. Zu schön und zu sonnig war der Tag, als dass sie in der schnöden Küche frühstücken sollten. Dies sollte ein Festtag werden. Und Frau Poes, die Vermieterin, überließ ihm den Garten großzügig. Barfuß hatte er duftenden Kaffee, knusprige Brötchen, Marmelade, Käse, Wurst nach unten geschleppt. Für "Lulu" sogar extra ein Stück Räuchermakrele vom Fischhändler um die Ecke geholt. Und als sie im tanzenden Herbstlicht saßen und "Lulu" ihre Makrele verspeist hatte und sich nun das Fell und die Hinterpfoten mit der rauhen Zunge leckte, war es passiert. Das scharfe Käsemesser entglitt ihm, sauste abwärts und - zack! - durchschnitt es seinen bloßen rechten Fuß, trennte eine Zehe ab. Vor Schock und Schmerz schrie Wulnikowski auf, vom spritzenden Blut wurde ihm dämmrig. Und im Nebel seines Unbewusstseins sah er Lulu nur noch, wie sie davonstob. Mit etwas Länglichrundem im Maul.
Es war sein Zeh. Lulu hatte ihn verschleppt. Das Blut perlte in dunklen Strömen auf die gepflasterte Terasse. Er humpelte hinterher. Er holte sie nicht ein. Sei raste ins Dickicht, ins struppige Gebüsch. Er fand sie nicht. Alles Rufen half nicht. Man hätte den Zeh wieder annähen können. Doch "Lulu" ist fortgeblieben. Jetzt ist es zu spät, die Hoffnung aufgegeben, doch die Wut immer noch rasend. Der Fuß zuckt und puckert vor Pein. Vor allem der Zeh, der nicht mehr da ist. Elende Phantomschmerzen. "Verfickte Flitzkacke", flucht Wulnikowski und liest gedankenverloren mit seinem Zeigefinger einige Krümel neben der Keksschale auf.
Dieser Artikel ist bereits im Weblog des Autors erschienen.
"Überhaupt, Katzen! Verdammte Mistviecher! Säuselschnurrende Verräterbande! Undankbares Kackbratzenpack!" Wulnikowskis Blut wallt, brodelt, köchelt, kocht, siedet, lässt seine Schläfen vor Wut puckern. Emotionale Feuersbrunst bricht in ihm aus, prasselt, verkohlt ihn von innen, hinterlässt beißenden Gestank, zähklebrig verkohlte, bitterschmeckende Gefühls-Asche.
Doch kein Feuerlöscher ist greifbar.
"Wenn ich dieses verfluchte Scheißgeschöpf noch einmal erwische, diese spitzohrige Bratpfannennase, ich reiß ihr die schillernden Augen raus, zerquetsche sie und spring mit meinen Gummistiefeln auf ihrem triefenden Matsch herum, zerfetze ihr die Eingeweide, rupfe ihr jede Kralle einzeln aus, verbrenne ihr Fell in lodernden Flammen, sprenge ihr die Beine kaputt, breche ihr jeden Knochen einzeln und ramme sie unangespitzt in Marmorsteinboden!"
Er blickt an der Tischkante vorbei auf seinen verbunden Fuß und beginnt zu schluchzen. Tief vergräbt er sein Gesicht in Händen. Tränen kullern in Bächen seine Wangen hinab.
Hätte er "Lulu" doch nur nie zu sich gelassen. Als er vom Einkaufen wiederkam, hatte sie ihn am Zebrastreifen umschnurrt. Er wartete auf ein bremsendes Auto. Mit ihren schneeschmelzenden Augen hatte sie ihn voll aufrichtiger Trauer angeblinzelt, herzzereißend süß gemaunzt und ihr struppiges Fell an seiner Hose geschubbert. Sofort hatte er sie ins Herz geschlossen. Völlig ausgemergelt war sie. Aufpäppeln wollte er sie. Und das hatte er auch getan. Er hatte sie mit zu sich nach Hause genommen, für sie gesorgt, sie gestreichelt, gefüttert, beschmust.
Und dann kam der verhängnisvolle Morgen. Er hatte ihnen beiden Frühstück bereitet im Garten. Zu schön und zu sonnig war der Tag, als dass sie in der schnöden Küche frühstücken sollten. Dies sollte ein Festtag werden. Und Frau Poes, die Vermieterin, überließ ihm den Garten großzügig. Barfuß hatte er duftenden Kaffee, knusprige Brötchen, Marmelade, Käse, Wurst nach unten geschleppt. Für "Lulu" sogar extra ein Stück Räuchermakrele vom Fischhändler um die Ecke geholt. Und als sie im tanzenden Herbstlicht saßen und "Lulu" ihre Makrele verspeist hatte und sich nun das Fell und die Hinterpfoten mit der rauhen Zunge leckte, war es passiert. Das scharfe Käsemesser entglitt ihm, sauste abwärts und - zack! - durchschnitt es seinen bloßen rechten Fuß, trennte eine Zehe ab. Vor Schock und Schmerz schrie Wulnikowski auf, vom spritzenden Blut wurde ihm dämmrig. Und im Nebel seines Unbewusstseins sah er Lulu nur noch, wie sie davonstob. Mit etwas Länglichrundem im Maul.
Es war sein Zeh. Lulu hatte ihn verschleppt. Das Blut perlte in dunklen Strömen auf die gepflasterte Terasse. Er humpelte hinterher. Er holte sie nicht ein. Sei raste ins Dickicht, ins struppige Gebüsch. Er fand sie nicht. Alles Rufen half nicht. Man hätte den Zeh wieder annähen können. Doch "Lulu" ist fortgeblieben. Jetzt ist es zu spät, die Hoffnung aufgegeben, doch die Wut immer noch rasend. Der Fuß zuckt und puckert vor Pein. Vor allem der Zeh, der nicht mehr da ist. Elende Phantomschmerzen. "Verfickte Flitzkacke", flucht Wulnikowski und liest gedankenverloren mit seinem Zeigefinger einige Krümel neben der Keksschale auf.
Dieser Artikel ist bereits im Weblog des Autors erschienen.


Burnster
am 17. Nov, 12:37