
„Mein nicht ganz so wunderbarer Waschsalon“
Es ist 1984. Der Werbespot im Waschsalon beschert mir einen Ausblick auf die unmittelbar bevorstehende Pubertät, dem entblößten Nick Kamen eine kurze, aber heftige Karriere und Levis eine Umsatzsteigerung von 500 Prozent. Vor allem aber suggeriert er einer Generation von Heranwachsenden, daß in den Waschsalons dieser Welt womöglich das große Glück, mindestens aber großartiger Sex zu finden ist. Ein Mythos ist geboren. Meine Mutter gestattet mir zwar, meine Wäsche künftig selbst zu waschen, hält es aber leider für übertrieben, das außerhalb des Hauses zu tun.
Es ist 1994. Ich bin ausgezogen, die Welt zu erobern und mehr als willig, mit den Waschsalons zu beginnen. Fernab der alten Heimat bleibt mir auch kaum etwas anderes übrig, denn die Waschmaschinen im Keller des Studentenwohnheims sind rund um die Uhr besetzt. Ihre Benutzer, pickelige Elektrotechnikstudenten in Holzfällerhemden, kenne ich durch die gemeinsame Küchen- und Badezimmernutzung bereits so gut, als daß ich kein Interesse mehr an ihrer Unterwäsche aufbringen kann.
Mein erster Waschsalon liegt ganz in der Nähe des Wohnheims und damit am äußersten Nordrand meiner neuen großstädtischen Heimat. Stadtränder strahlen meist noch mehr Provinzialität aus als die sie umgebende eigentliche Provinz, daher kann dieser spezielle Stadtrand von Glück reden, daß er eine der größten psychiatrischen Anstalten des Landes beherbergen darf. Die Heerscharen von leicht bis mittelschwer verwirrten Patienten mit Ausgang und reichlich Tagesfreizeit tragen erheblich zur Auflockerung des ansonsten eher drögen Stadtbildes bei. Im Sommer legen sie sich gerne in die akkurat quadratisierten Vorgärten zum Schlafen oder turnen in den unterschiedlichsten Stadien der Entkleidung unter Rasensprengern herum.
Im Winter ist dagegen der Waschsalon ihr liebster Aufenthaltsort, auch wenn sie sich mit den Obdachlosen um die wenigen Plätze auf den harten Holzbänken streiten müssen. Meist verträgt man sich jedoch. Die Obdachlosen nutzen das feuchtwarme Klima, um endlich mal in Ruhe die Geschwüre an ihren Füßen zu inspizieren und anschließend Butterstullen mit Bier aus dem benachbarten Supermarkt runterzuspülen. Die Anstaltsfreigänger ziehen es vor, mit offenem Mund vor einer Waschmaschine zu sitzen und mit leichten Kopfbewegungen die Rotation der Trommel zu verfolgen. Da ich ein weiches Herz habe, spendiere ich oft noch einen zweiten Waschgang, was weder gut für die Wäsche noch für meinen Zeitplan ist. Ausgezogen haben sich in diesem Waschsalon diverse Männer, doch bei den meisten war das schmuddelige Beinkleid ohne Inhalt weitaus standfester als mit Inhalt. Die chemischen Nebelschwaden mit Frühlingsduft gebären allenfalls Gruselgeschichten, aber keine strahlenden Sagenhelden.
Neues Land, neuer Waschsalon, neue Chance. Die Schweizer haben den Ruf, ein ganz besonders reinliches Völkchen zu sein, doch ihrem Waschdrang scheinen sie ausnahmslos zuhause nachzugehen. Nicht ein einziger, gebirgsgestählter Alpensohn verirrt sich in meinem Studienjahr dort in einen Waschsalon. Man trifft allenfalls konsumkritische Erzeuger im Vaterschutz, die schmutzige Baumwollwindeln wegen der intensiven Geruchsentwicklung nicht in den eigenen vier Wänden waschen dürfen. Zum Abschied wirft mir ein Junkie seine blutige Spritze in meinen Wäschekorb, als plötzlich Polizei auftaucht, was ihm leider nichts nützt, denn das Rot hebt sich ganz wunderbar von der frisch gereinigten, weißen Bettwäsche ab. Seither ziehe ich dunkelrote vor.
Alte Stadt, neue Wohnung, letzte Chance für den Mythos Waschsalon. Seit ich in Begleitung eines guten Freundes waschen gehe, ist zumindest die Wartezeit nicht mehr ganz so qualvoll. Die Waschsalons mit angeschlossenem Kultcafé und eigenem DJ sind noch nicht erfunden, so daß wir mangels Alternativen im „Café Backwahn“ ausharren und bei Yogitee mit Biohonig den Sozialpädagogen am Nachbartisch bei der Weltverbesserung lauschen. Das ist auf jeden Fall besser als den Gestalten im Nebel des Waschsalons beim Öffnen der achten Dose Bier behilflich sein zu dürfen. Der kleine Bruder des Levis-Manns taucht allerdings auch jetzt nicht auf. Und weil sich so natürlich keine Gelegenheit zum Austausch von Körperflüssigkeiten ergeben kann, bin ich mir absolut sicher, daß es sich bei dem gebrauchten Kondom, das ich eines Tages zusammen mit meiner Wäsche aus der Maschine ziehe, nicht um ein von mir verwendetes gehandelt haben kann.
Es ist 2004. Das fremde Kondom war der Todesstoß für meinen Glauben an wunderbare Waschsalons. Die Levis-Männer stehen in Zeiten von Baggy Pants ohnehin auf der Liste von Artenschützern und werden nur gelegentlich noch in hermetisch abgeriegelten und von Frauen mit kurzen Röcken bewachten Biotopen gesichtet. Ich beschließe, mir endlich eine eigene Waschmaschine zu kaufen und mein Augenmerk verstärkt auf Anzugträger zu richten. Oder um es mit dem Original-Levis-Mann Nick Kamen zu sagen: „I'm trying hard not to walk out the door. Know that I, oh, know that I can't take no more.”




Mik
am 17. Nov, 13:00
Sieht gut aus, hört sich gut an, aber im echten Leben ist sie nicht zu gebrauchen.
am 18. Jun, 08:36
Five Finger Shoes technology presumes that our feet are perfectly designed and require no compensation. They are right.
Walking in these shoes is like being barefoot.Walking in Five Finger Shoes improves gate (how we walk), posture and strength. As postural therapist I have to that it works. I’ve seen marvelous results and transformations take place.