Murmeltierland

von moccalover
Fabelhaft, was soll schon fabelhaft sein an der Schweiz? Als Kind glaubte ich tatsächlich noch, dass es woanders keinen guten Käse gäbe. Die Schweiz ist ein alter, unförmiger Flecken auf der Landkarte; ein Kuriosum der Völkerrechtsgeschichte wie der Malteserorden. Und auf den wahren Landkarten, auf denen der Bewegungen von Menschen, Waren und Geldern, hat die Schweiz längst keine Formen noch Grenzen mehr. Sie ist ein kleines, exklusives Label, das man weltweit fast immer zu seinem Vorteil tragen kann; und dies ganz besonders, wenn man da ist, wo das Eidgenossenland früher einmal anzusiedeln war. Fabelhaft ist hier rein gar nichts. Was Besucherinnen und Migranten als fabelhaft empfinden, hat in Wahrheit nichts Wundersames an sich. Es ist einfach so, wie es sein, wie es funktionieren soll. Perfektion ist kein Wunder. Sie ist als solche vorgesehen und hat zu funktionieren.

Ohne tieferen Sinn stiegen Präzision, Sauberkeit und Wohlstand hier zu Gottheiten empor. Die Theorien sind nicht eins darüber, wie es dazu kam. Nur an Kaiser Zufall, an den mag hier niemand glauben; jeder hält stets seinen Grund parat, weshalb die Schweiz so fabelhaft aufgeräumt und reich geworden ist. Die einen sehen Fleiss und Ordnung dahinter, die anderen Feigheit, gepaart mit Gier. Die einen sehen Ingenieurskunst in hohen Staumauern und tiefen Berglöchern, die anderen viele Körbe, voll von den Früchten der klandestin hereingeflohenen Geldströme. Aber in Fabeln denkt hier niemand, dafür hat man keine Zeit und kein Verständnis. Träume sind da und dort schon auszumachen, doch die brauchen keine Wunder, die drehen sich nur darum, wie schön es wäre, wenn alles noch besser funktionierte.

Die Schweiz ist eine fabelhaft ruhige, verschwiegene Insel, mitten in diesem Tosen der Weltwellen, die an die Ufer des Jetzt schlagen; das ist ihr Trick, der bis jetzt noch immer gutging. Und solange es das Bildnis von den Affen gibt, wird es vielleicht auch gut gehen. Die Schweiz will keine Fabeln, denn sie will weder Lehre noch Lehrer, und natürlich will sie schon gar keine Richter, die ihr sagen, was sie tun soll. Denn sie weiss es schon. Sie wusste es schon immer. Nicht „hanebüchen!“ sagen die Schweizer folgerichtig, sondern: „Das ist aus dem Tierbuch!“

Bloss alle zwei-, dreihundert Jahre lässt man die Modernität hier kurz walten, danach wird sie in Gletschern eingefroren und minutiös verwaltet. Wir stehen nun ungefähr im Jahr Hundertsiebenundfünfzig bis Zweihundertsechs, je nach Zählart. Diese Insel hat keinen Leuchtturm. Die Menschen machen sich hier selber nicht grösser und nicht kleiner, als sie es sind; vielleicht machen sie manchmal einen anderen viel kleiner – doch niemals machen sie einen grösser, als sie selbst es sind. So ist es richtig, so bleibt es ruhig, so kann man arbeiten. Wie unter den Ameisen. Aber die Schweiz ist keine Ameise, sie ist ein Murmeltier. Das wusste schon JWvG; doch hier hat es sich nie herumgesprochen.

Wie sollten die hiesigen Tiere auf die Idee kommen, Fabeln zu ersinnen, von denen sich erzählen liesse? Die meisten Tiere haben für Kindereien keine Zeit und arbeiten sehr hart; die Biokühe sind jeden Tag aufs Neue besorgt, ihre Milch in Menge und Qualität genau gleich hinzukriegen; die Schafe beschäftigen sich in ihrem Parlament mit Vorstössen gegen die Wölfe; und der einzige wilde Bär ist so prominent, dass er nur noch in der Maniküre sitzt. Die Bären im Berner Bärengraben übrigens fragen sich gerade, ob sie dem Tourismus zuliebe historisch-authentisch oder vielleicht doch tiergerecht gehalten werden möchten; klare Mehrheiten sind noch nicht auszumachen. Viele Krähen sind für unbestimmte Zeit bei einschlägig bekannten Verwandten auf Korsika untergetaucht, weil eine Kantonsregierung ihnen mit vergifteten Ködern auflauern wollte.

Wenn überhaupt jemand hier den Nerv hat für fabelhafte Geschichten, dann sind es die müden Geldzählautomaten, die spätabends in der Strassenbahn nachhause fahren und beim Anblick des Dunkels da draussen von einem Strand in Punta Cana träumen, den sie nie gesehen haben. Oder die Autowaschanlagen, die in Managementseminaren ihre Dreckphobie verloren haben. Und niemand mehr würde erstaunen darüber, dass sich allnächtlich im rückwärtigen Raum der Grenze die Eyescannergeräte mit den Infrarotferngläsern heiss umkämpfte Rennen liefern. Nur dass Bodenpoliermaschinen in brachen Minuten miteinander Ballett tanzen, das ist vielleicht noch nicht so bekannt.

Die Schweiz ist ein Murmeltier. Unermüdlich herumtollen und fressen, solange die Sonne scheint. Take what you can - give nothing back! [© The Disney Company; aus dem Film „Pirates of the Caribbean“]. Sie balgen sich oft, doch sie schlagen sich nie. Dazu graben, und kunstvolle Gänge bauen. Das Murmeltier blickt gerne von seinen Felsbrocken über die Weiten der Berge, bis hinunter ins Tal; es stellt sich auf die Hinterbeine und hält stolze Wache über sein Geröll. Doch sobald ihm Gefahr droht, pfeift es hell und duckt sich rasch. Im Winter verkriecht es sich in sein weitverästeltes Höhlensystem, das ihm jede Wärme und jede Fluchtmöglichkeit garantiert. Da kann rütteln und lärmen, was will, schliesslich kann das Murmeltier sich nicht auch im Winterschlaf noch um alles kümmern. Im Bau drin ist die Welt weit draussen, sie ist zu gross für ernsthafte Sorgen. Wer wollte denn behaupten, dass das Murmeltier, das da im warmen Bau schläft, Verantwortung zu tragen hätte für den Gang der Welt weit unten in den Tälern? Für den Notfall ist der Murmeltierschlaf vollkaskoversichert.

Manchmal immerhin wagen die Murmeltiere sich nach unten; immer in kleinen Gruppen, damit sie kein Aufsehen erregen. Und sie schnuppern neugierig herum, lassen es sich beim Mahl mit saftigem Talbodengras gut gehen. Doch sie finden meist rasch, dass es im Tal stinke, und dass es sehr eng sei. Und so bleiben sie meist oben und kontrollieren den Wuchs der Gräser. Jedes Tier hat in seinem Höhlenzimmer vier Flachbildfernseher und drei Digitalkameras; am liebsten schauen sie Filme über ihre Alp. Was soll man über diese Murmeltiere sagen, sie leben unscheinbar und können einem kaum etwas beibringen an moralischen Lehren. Sie wollen das auch gar nicht, denn so stolz sie auf ihre Bescheidenheit sind, so überzeugt sie von ihrer Überlegenheit sind, so wenig möchten sie einem ihren Erfolg mitgeben und gönnen. Ihre Ratschläge geben sie nur im festen Glauben, dass der Beratschlagte sich letztlich doch ausser Stande zeigen wird, dieselbe Perfektion ganz zu erreichen. Sie sind einsam geworden da oben, diese Murmeltiere, weil sie einander nicht brauchen; und was sie brauchen, das können sie kaufen oder haben es bereits.

Wenn die Schweiz je etwas Gutes bedeutete, so hat sie sich daran überfressen. Und nun zieht sie sich zurück in ihren Höhlenbau und wartet ab; mehr als nur drei Winterschläfe lang. Sie wird auch diesmal überleben, doch sie wird als blosse Marke wiedergeboren werden; als Medaille, die jene gern tragen, die Glück und Geld haben und das Vergessen suchen. Sie wird sich mehr und mehr zur blossen Idee herausschälen, die sie immer schon war. Sie wird zur gebastelten Tradition, die niemand erlebt hat, die aber füllt, was sonst leer wäre. Sie kopiert Oktoberfest und Ballsaison; und der wirksamste Lockruf heisst „gratis“. Die Schweiz wird rund um den Globus auftauchen, mit diskret klugscheissenden Beratern und still effizienten Technokraten. Sie wird aufsaugen, wer sich als Murmeltier eignet, und sie wird Murmeltiere herausspucken. Was kann man fabulieren über die Schweiz? Sie hat keine Fabeltiere; nur Murmeltiere, die im Bau sitzen, den Bau mit roten Kissen und Räucherkerzen veredeln und auf den Frühling warten. Oder auf den grossen Knall. Sie können nichts dafür.

Marx, sagte der türkische Kommunist, den habe ich in der Türkei gelesen; doch verstanden, ja so richtig verstanden, habe ich ihn erst in der Schweiz. Dieses Land ist der diskrete Nobelvorort von Euroville; mit grossem Grün- und Erlebnispark quer durch die Mitte dieser vornehmen Murmeltieradresse. Die Schweiz wird sich nie fragen, wer sie streichelt und wer ihr schmeichelt, solange sich dafür nur jemand findet. Sie wird alle Murmeltiere aufnehmen, wenn sie nur fleissig sind, oder wenn sie Kostbarkeiten mitbringen; jedenfalls aber müssen sie das laute Pfeifen alle lassen können. Und sie dürfen nicht zu viele sein. So wird die Marke Schweiz leuchten; ein privatisiertes Bundesamt wird sie weltweit schützen und pflegen, und dank des mächtigen eisernen Zauns rund um dies liebliche Örtchen des Friedens und der Ordnung werden es nie genügend viele schaffen, die Marke und ihren Schein in Zweifel zu ziehen, nur weil sie nicht richtig funktionieren. Süsse, brave, kleine Murmeltiere, ihr! Schlaft ruhig und fühlt euch fernab. Alles macht ihr besser als die anderen; und ihr seid auch noch so bescheiden, dass ihr euch an dieser goldenen Weisheit bloss im Stillen freut. Dass alles so lange gutging – das, ja das ist vielleicht ein Wunder. Ihr habt keine Ahnung von eurem Glück.
Die Schweiz ist ein Murmeltier - unermüdlich herumtollen und fressen, solange die Sonne scheint.
moccalover versucht in seinem Weblog 'kieselsteine', dem Alltag ein paar poetische Textbröckchen abzuringen.
mindestens haltbar 11/2005
Jahrgang 01
Ausgabe 03
ISSN 1816-8159
Autor: moccalover
Titel: Murmeltierland
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am 22. Nov, 00:40

Hervorragend, klein und neutral, eigentlich ein wunder, das sich die murmeltiere so lange gehalten haben, sie muss von vielen seiten mit wenigen starken händen gestreichelt worden sein:)


Ps.: mal noch ganz pragmatisch, also europäischer patriot wäre ich ja für die invasion

am 24. Nov, 21:05

nur zu! Findet, zum Glück friedlich, ohnehin schon statt, und zwar primär durch Menschen aus EU-Ländern. Doch bedenken Sie: Die Invasoren werden zu Murmeltieren. Da kann man gar nichts machen.


am 18. Apr, 16:45

> jeder hält stets seinen Grund parat, weshalb die Schweiz so fabelhaft aufgeräumt und reich geworden ist.

ja, stimmt!
dem führer sei dank o fabelhaftes deutschland.