Mythos Traumpartner

von Melanie Müller
Also, er ist sensibel – aber ein echter Kerl, gepflegt – aber kein Schnösel, verständnisvoll – aber kein Frauenversteher. Er hält Türen auf – hat aber kein antiquiertes Frauenbild, tanzt perfekt standard und lateinamerikanisch – ist aber heterosexuell, hat viel Phantasie – in der ausschließlich ich vorkomme. Außerdem ist er charmant, klug, romantisch und witzig. Und weil die inneren Werte auch nicht alles sind, ist er natürlich groß, schlank und sexy. Vielleicht eine Mischung aus Werner Schreyer und Roger Willemsen.

Ungefähr in dem Alter, in dem man uns darüber aufklärt, dass sowohl der Osterhase als auch das Christkind eine Erfindung der Eltern sind, beginnt man uns eine weitere Illusion zu rauben: die vom Traumprinzen oder der Traumprinzessin. Spätestens im Teenageralter haben wir es schon mal irgendwo mitbekommen - dass es so was wie den perfekten Partner nicht gibt. Auch wenn unser Konzept von der perfekten Partnerschaft zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht soooo kompliziert scheint: Süß und cool muss er/sie sein...
Aber dann merken wir doch schnell: es gibt immer noch eine/n, der/die noch cooler und süßer ist – und schon beginnt sie, die Suche nach Perfektion. Und obwohl wir das mit dem Christkind und dem Osterhasen ziemlich schnell kapiert haben, haben wir die Sache mit dem Traumprinzen oder der Traumprinzessin schon wieder verdrängt…

Also, sie ist schön – aber keine Tussi, klug – aber nicht klüger, emanzipiert – aber lacht über Chauvi-Witze. Sie trinkt gern Bier, bekommt aber keinen Bierbauch, hat einen interessanten Job – und Hausarbeit als Hobby, hat lesbische Neigungen – aber nur wenn du dabei bist. Außerdem ist sie lieb und treu – nur manchmal wild und unartig. Und weil die inneren Werte auch nicht alles sind, ist sie natürlich groß, schlank und sexy. Vielleicht eine Mischung aus Angelina Jolie und …deiner Mutter.

Obwohl wir es eigentlich alle besser wissen – den Traum vom Traumpartner, wir wollen ihn weiterträumen. Und man hilft uns gerne dabei und versorgt unsere romantische Phantasie mit filmischen und literarischen Happy Ends. Schließlich lässt sich damit auch gut Geld verdienen – besonders bei den Frauen. Selbst „Sex and the city“ – wo man doch schonungslos und nüchtern vom eher unromantischen Beziehungsalltag moderner, unabhängiger Frauen erzählen wollte („Die Frauen in Sex and the City wissen, dass Männer ihre Probleme nicht lösen können - beziehungsweise sie erst schaffen“) – endet im großen Glück zu zweit. Was wir dabei oft übersehen: das Happy End endet da, wo die Beziehung anfängt… and they lived happily ever after! Von wegen.

Mal abgesehen von den Binsenweisheiten, dass Frauen in der Realität eigentlich mehr auf Arschlöcher als auf Traummänner stehen und Männer eher auf die Kapriziösen als die Verständnisvollen, gibt es noch so einige Gründe, warum man sich vom Mythos Traumpartner verabschieden sollte. Zum Beispiel, weil die Fakten dagegen sprechen: Fast 50% aller Ehen werden wieder geschieden, jeder zweite Mann und jede zweite Frau (ja, auch wir!) geht fremd und die „ewige Liebe“ ist im Durchschnitt nach nur 2-4 Jahren wieder vorbei. Das ist traurig, aber wahr. So – und jetzt könnten wir eigentlich den Tatsachen ins Auge blicken, aufwachen und damit aufhören, nach Traumpartnern zu suchen. Aber nein, so leicht geben wir nicht auf. Viel zu schön klingt die Geschichte mit den beiden Hälften, die zu einem Ganzen werden. Dass Platon hier nicht von der Liebe, sondern vom Eros (also dem körperlichen Begehren) gesprochen hat, ist uns auch egal. Wir wollen ihn trotzdem – denjenigen, der uns ganz macht.

Und dagegen ist ja nichts einzuwenden, gegen die Liebe. Schon gar nicht gegen die große. Die Frage ist eher, warum greifen wir bei dieser Suche so oft ins Klo?! Vielleicht, weil wir selten das wollen, was wir eigentlich brauchen. Der Traumpartner ist in der Realität vielleicht gar nicht so traumhaft. Denn wenn mein Liebster so perfekt ist – was will er dann eigentlich mit mir? Wer will denn schon dauernd perfekt sein? Klingt ziemlich anstrengend. Und auch ewig währende Harmonie stellt in der Realität eher ein Problem dar. Schlussendlich funktionieren eher jene Partnerschaften langfristig, in denen es auch eine gesunde Streitkultur gibt. Denn wenn die Glückspsychose der ersten zwei Jahre – während der wir so im Hormonrausch sind, dass wir die Macken des anderen noch totaaaal süß finden – vorbei ist, dann kommt es zwangsläufig zu Meinungsverschiedenheiten. Und genau an diesem Punkt trennen sich (statistisch gesehen) die meisten auch schon wieder… Gewonnen hat also, wer es schafft, Kompromisse zu schließen. Und so stellen wir uns das in unseren Träumen ja eher selten vor.

Jeder bekommt den Partner, den er verdient – heißt es. Und deshalb sollten wir uns vielleicht mehr um uns selbst kümmern als um den Traumpartner. Wer zuviel von Verschmelzung träumt, bei dem happerts oft noch mit der Selbstliebe. Auch wenn es klingt wie beim Eso-Seminar gelernt oder im Populärpsychologiebuch gelesen – es stimmt: Erst wer sich selbst liebt, mit allen Fehlern und Macken, der kann wirklich lieben (und sich lieben lassen). Erst wenn wir nicht mehr jemanden brauchen, sondern jemanden wollen, werden unsere Erwartungen nicht mehr enttäuscht. Und wenn wir uns selbst genug sind – dann ist der Partner die schönste Nebensache der Welt.
They lived happily ever after? Eher selten. Doch obwohl wir es eigentlich besser wissen, halten wir am Mythos Traumpartner fest. Warum wir endlich aufwachen und uns von der Perfektion verabschieden sollten.
Melanie Müller hatte im Kindergarten die beste Note in „Ideen“, die schlechteste in „Betragen“. Früher hatte sie mal eine Katze mit einem unanständigen Namen, bis heute hat sie in den Augen vieler nix Anständiges gelernt. Stattdessen studiert sie immer noch.
mindestens haltbar 11/2005
Jahrgang 01
Ausgabe 03
ISSN 1816-8159
Autor: Melanie Müller
Titel: Mythos Traumpartner
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