
Fake for Real
von Melanie Müller
Authentizität gehört zu unseren Lieblingswörtern. Böse hingegen sind: Poser, Fake, Pseudo, Mainstream, So-tun-als-ob. Wir alle wären gerne einzigartig - und wir sind es ja auch. Aber weil Schein ja bekanntlich wichtiger ist als Sein, soll das bitteschön auch jeder sehen. Nicht ganz einfach mit einem Ikea-Schrank voller H&M-Klamotten…
Judith Mair und Silke Becker widmen sich in ihrem Buch „Fake for Real“ der unangenehmen Wahrheit, dass es schlecht bestellt ist um unsere Originalität. Da nützen auch FM4-hören und Falter lesen nichts. Authentizität ist zur Pose verkommen und wer behauptet, total „real“ zu sein, lügt sich in die eigene Freitag-Tasche. Wir alle basteln unsere Persönlichkeit aus diversen Samples zusammen - Inszenierung, Image und Schein spielen längst nicht mehr nur in Medien und Politik eine Rolle. Marketing ist alles.
Und es gibt kein Entrinnen mehr: Jede Form von Verweigerungshaltung, Protest oder Subversion wird sofort assimiliert („Tod durch Umarmung“), bekommt ein eigenes hübsches Logo (z.B. „Bobos“, Generation X, Y, Z) und schon während man sich entscheidet dagegen zu sein, ist man schon wieder dafür. Es gibt kein Außerhalb mehr.
Gerade weil die Realität heute zu kompliziert geworden ist, um sie in griffige Slogans zu packen und eindeutige Positionen zu beziehen, ist Politisch sein so gut wie unmöglich geworden. Oder? Die Autorinnen von „Fake for Real“ wittern eine letzte Chance des Widerstandes: anpassen, kopieren! Akzeptieren, dass es immer mehrere Wahrheiten und keine eindeutigen Antworten gibt, den Authentizitätswahn ablegen und stattdessen fragen: „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ und – letztendlich - politisch sein, indem man so-tut-als-ob. Den modernen Guerilla erkennt man nicht am Che-Guevara-T-Shirt, sondern daran, dass er inkognito bleibt, Teil des Systems ist – und quasi von innen heraus operiert (man könnte sagen „undercover“); also subversiven Botschaften das Deckmäntelchen von Werbung und PR umhängt (z.B. Adbusting), die konstruierte Wahrheit der Medien durch gefakte Nachrichten oder Mythen brüchig werden lässt oder die Macht der Marken schwächt, indem er bewusst zu Kopien greift (Welche Dame von Welt drückt heute noch gerne ihren Wohlstand durch ein echtes Luis-Vuitton-Täschen aus??).
Frau Mair und Frau Becker ist es gelungen ein interessantes, gut lesbares und sehr unterhaltsames Büchlein zu schreiben, das die Verwirrungen und Gemütszustände einer Gesellschaft beschreibt, in der die meisten „schon erwachsen geworden sind, sich dafür aber eigentlich noch zu jung fühlen“ (Positionierung des neon-Magazines). Doch die Autorinnen werden ein bisschen Opfer ihrer eigenen Strategie: während sie die Coolness der angeblich Authentischen verteufeln, wirken sie selbst ziemlich gewollt locker-leger. Das im Plauderton verfasste Buch schneidet viele – zweifelsohne gut beobachtete - Themen an, bleibt dabei aber eher oberflächlich und endet phasenweise im Begriffs- und Namedropping. Die vielen angeführten (popliterarischen) Zitate eignen sich hervorragend zum Angeben bei der nächsten Diskussion unter Freunden… Die Taktik des „Fake for Real“, der man als Antwort auf alle vorher aufgeworfenen Fragen entgegenfiebert, wird erst auf den letzten Seiten des Buches behandelt und bleibt eher schwammig und unklar.
Und so könnte „Fake for Real“ drohen, was es selbst so verurteilt: genau wie „no logo“ als coffee-table-book auf Flohmarkt-Retro-Tischen in den WGs der Authentizitäts-Anhänger oder in irgendeiner PR-Agentur zu enden. Tod durch Umarmung also.
Judith Mair und Silke Becker widmen sich in ihrem Buch „Fake for Real“ der unangenehmen Wahrheit, dass es schlecht bestellt ist um unsere Originalität. Da nützen auch FM4-hören und Falter lesen nichts. Authentizität ist zur Pose verkommen und wer behauptet, total „real“ zu sein, lügt sich in die eigene Freitag-Tasche. Wir alle basteln unsere Persönlichkeit aus diversen Samples zusammen - Inszenierung, Image und Schein spielen längst nicht mehr nur in Medien und Politik eine Rolle. Marketing ist alles.
Und es gibt kein Entrinnen mehr: Jede Form von Verweigerungshaltung, Protest oder Subversion wird sofort assimiliert („Tod durch Umarmung“), bekommt ein eigenes hübsches Logo (z.B. „Bobos“, Generation X, Y, Z) und schon während man sich entscheidet dagegen zu sein, ist man schon wieder dafür. Es gibt kein Außerhalb mehr.
Gerade weil die Realität heute zu kompliziert geworden ist, um sie in griffige Slogans zu packen und eindeutige Positionen zu beziehen, ist Politisch sein so gut wie unmöglich geworden. Oder? Die Autorinnen von „Fake for Real“ wittern eine letzte Chance des Widerstandes: anpassen, kopieren! Akzeptieren, dass es immer mehrere Wahrheiten und keine eindeutigen Antworten gibt, den Authentizitätswahn ablegen und stattdessen fragen: „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ und – letztendlich - politisch sein, indem man so-tut-als-ob. Den modernen Guerilla erkennt man nicht am Che-Guevara-T-Shirt, sondern daran, dass er inkognito bleibt, Teil des Systems ist – und quasi von innen heraus operiert (man könnte sagen „undercover“); also subversiven Botschaften das Deckmäntelchen von Werbung und PR umhängt (z.B. Adbusting), die konstruierte Wahrheit der Medien durch gefakte Nachrichten oder Mythen brüchig werden lässt oder die Macht der Marken schwächt, indem er bewusst zu Kopien greift (Welche Dame von Welt drückt heute noch gerne ihren Wohlstand durch ein echtes Luis-Vuitton-Täschen aus??).
Frau Mair und Frau Becker ist es gelungen ein interessantes, gut lesbares und sehr unterhaltsames Büchlein zu schreiben, das die Verwirrungen und Gemütszustände einer Gesellschaft beschreibt, in der die meisten „schon erwachsen geworden sind, sich dafür aber eigentlich noch zu jung fühlen“ (Positionierung des neon-Magazines). Doch die Autorinnen werden ein bisschen Opfer ihrer eigenen Strategie: während sie die Coolness der angeblich Authentischen verteufeln, wirken sie selbst ziemlich gewollt locker-leger. Das im Plauderton verfasste Buch schneidet viele – zweifelsohne gut beobachtete - Themen an, bleibt dabei aber eher oberflächlich und endet phasenweise im Begriffs- und Namedropping. Die vielen angeführten (popliterarischen) Zitate eignen sich hervorragend zum Angeben bei der nächsten Diskussion unter Freunden… Die Taktik des „Fake for Real“, der man als Antwort auf alle vorher aufgeworfenen Fragen entgegenfiebert, wird erst auf den letzten Seiten des Buches behandelt und bleibt eher schwammig und unklar.
Und so könnte „Fake for Real“ drohen, was es selbst so verurteilt: genau wie „no logo“ als coffee-table-book auf Flohmarkt-Retro-Tischen in den WGs der Authentizitäts-Anhänger oder in irgendeiner PR-Agentur zu enden. Tod durch Umarmung also.


mo
am 16. Nov, 18:28
und diese entwicklung als gesamtgesellschaftlich produziertes phänomen zu begreifen und zu kritisieren, wäre imo angemessener als das bloße und hilflose akzeptieren dieser tendenz.