Vor dem Frost

von Maximilian „Merlix“ Buddenbohm
Ich verstehe nichts von Technik und Autos, ich kann so etwas gerade eben fahren. Daher ist es mir schlechterdings unmöglich, mir kraft eigener Erkenntnis eine Meinung zu der momentan viel diskutierten Frage zu bilden, ob und wann man Winterreifen braucht. Ich würde gerne Experten vertrauen, die mir das Nachdenken über solche Sachfragen freundlich abnehmen und mir sagen, was wann richtig ist. Damit habe ich in diesem Jahr aber Pech, denn plötzlich gibt es zu diesem Thema, das sonst stereotyp mit „ab sieben Grad Winterreifen“ geklärt wurde, statt Fakten irritierend viele Meinungen. Früher wurde so etwas zum rechten Zeitpunkt in „Der siebte Sinn“ erklärt und alle waren es zufrieden. Heute wird alles behauptet, was druckbar ist, jeder Reifen für jedes Wetter, dieser für jenes, aber auch umgekehrt und anders, wenn es trocken ist. Oder naß. Und bei Schnee erst recht, dann ganz anders. Nur wie, das weiß man nicht, denn im nächsten Artikel steht das Gegenteil. Die Reifenindustrie lügt womöglich, weil sie mehr Reifen verkaufen will, andere Experten lügen, weil sie etwas gegen den ADAC haben, welcher lügt, weil er generell verdächtig ist und mit der Reifenindustrie unter einer Decke steckt. Einig sind sich alle nur darin, daß bei Schnee Schneeketten am besten sind, aber als Hamburger macht man sich fraglos lächerlich, wenn man damit nach zwei Schneeflocken um die Alster rasselt. Kollegen in der Kantine erzählen, sie hätten die Reifen schon gewechselt, worauf andere antworten, daß es viel zu früh wäre. Sie wirken alle so, als wüßten sie, was sie tun. Nur ich, ich weiß nichts.

Ich reagiere auf so eine Verwirrung gereizt und würde gerne beschließen, an meinem Auto alles zu lassen, wie es ist, um das Thema fortan zu ignorieren, was aber leider bedenklich ist. Man stelle sich vor, man hat einen Unfall im Winter, der sich dadurch bedingt, daß das Auto auf glatter Straße rutscht, mit welchen Reifen auch immer. Man zerschellt an einem Brückenpfeiler und stirbt. Wenn es ein Leben nach dem Tod gibt und man sich an die Zeit davor erinnert, wird man sich nicht den Einstieg in die Erfahrung der Existenz nach dem Tod dadurch versauen, daß man sich Vorwürfe macht, die falschen Reifen gewählt zu haben? Will man sich noch im Paradies über Reifen ärgern? Wenn man nicht nur einen Brückenpfeiler, sondern vielleicht auch noch einen Reisebus zerlegt hat, mit siebzehn zermalmten Kindern etwa, nur als Beispiel, steht man auch noch auf dem Titelblatt der Bild als Beleg für die rücksichtlosen Verbrecher mit den falschen Reifen. Das würde mich sogar dann ärgern, wenn ich schon tot wäre, sagt mir mein Gefühl. Ich lebe gerne richtig, daher ist es wichtig, korrekt bereift zu sein. Aber auch deswegen, weil ich, wenn ich nicht auf unsere Winterreifen wechseln sollte, mich darüber ärgern würde, daß ich für die nicht genutzten Reifen weiter Lagergebühr in einer Werkstatt zahlen müßte. Sie zu entsorgen wäre vermutlich noch teuerer. Das will man nicht, wir haben nichts zu verschenken. Würde ich die ungenutzten Reifen aber zu Hause lagern wollen - ohne Keller, ohne Dachboden, was macht man da? Sie würden nur unter das Ehebett passen. Die Nächte röchen aromatisch nach Gummi und wenn man dann draußen den Unfalltod erleidet, was denken die Erben, wenn sie die Reifen unter dem Bett finden? Alle wissen dann, wie irre der Typ wirklich war. Das ist eine unschöne Vorstellung.

Ich halte es daher für dringend geboten, daß die Presse sich besinnt, einstimmig ab sofort Winterreifen empfiehlt und sich ferner geschlossen schuldig bekennt, wenn ich daran sterben sollte. Nur dann rutsche ich in Frieden.
Der Wintereinbruch rückt wieder einmal unvermeidlich näher. Die ein oder andere Vorbereitungsarbeit bleibt nicht aus, so auch der Reifenwechsel. Wie so vieles, eine Wissenschaft für sich.
Jahrgang 1966, bloggt seit 2004 als "Merlix" über seine Herzdame und anderes. Lebt in Hamburg und arbeitet als Controller. Um sich auch mit vernünftigen und logischen Dingen zu beschäftigen, ist er nebenbei freiberuflicher Astrologe.
mindestens haltbar 11/2005
Jahrgang 01
Ausgabe 03
ISSN 1816-8159
Autor: Maximilian „Merlix“ Buddenbohm
Titel: Vor dem Frost
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