
Herbst, es ist -
von thisandthat
…ja, das wissen Sie natürlich. Und es ist auch nichts Besonderes – Herbst wird es schließlich alle 365 Tage einmal. Mindestens. Trotzdem ist Herbst ein ganz besonderes Phänomen: Egal, wie viele Jahre Herbsterfahrung man auch haben mag, wird er uns doch niemals gleichgültig. Während andere Dinge mit der Zeit zur Gewohnheit werden, ihre Farbe verlieren (denken Sie an den ehemals roten Pullover, den Sie vor einem halben Jahr gekauft haben), gewinnen die Dinge allherbstlich erst an Deutlichkeit: Buntes Laub schneit von den Bäumen, Krähen schreien und Nebelfetzen hängen über dämmrigen Straßen, wenn wir eines Morgens aufwachen und beim Blick aus dem Fenster feststellen, dass es Herbst geworden ist. Wir halten uns an einem Häferl heißen Tee fest, starren den grauen Himmel an und versuchen verzweifelt, die sorgenfreien Sommermenschen zu bleiben, die wir gestern noch waren – doch so sehr wir uns auch bemühen, nicht einmal das Teehäferl vermag die Illusion des Sommers, das Gefühl, dass alles in Ordnung sei und unser größtes Problem Onkel Alfreds drohender Geburtstag, aufrecht zu erhalten. Nachdrücklich klopft der Herbst an die Fensterscheiben seiner großen Söhne/ Töchter, und wir können einfach nicht anders, als ihn hereinzulassen. Unser Tee ist inzwischen kalt geworden und wir versinken in Erinnerungen. Wir sind den falschen Menschen in den richtigen und den richtigen Menschen in den falschen Momenten begegnet, nicht einmal unsere Katze versteht uns, und unser Waschpulver pflegt die Farben nicht. Um dem Herbst nicht mehr in die Augen schauen zu müssen, legen wir uns auf den Fußboden und starren einen Riss in die Decke; wir denken ein paar poetische Gedanken ins Unendliche, die niemals irgendwo ankommen werden.
Die erste Herbsttagsphase dauert für jeden unterschiedlich lang, je nachdem, wie lang er selbstmitleidig an die Decke starrt. Manche (die, die einen besonders gemütlichen Teppich haben) stehen nie mehr auf.
Andere gehen irgendwann einkaufen. So kommen sie in Phase zwei der Herbsttagsdepression – die Rolltreppenphase, die in dem Moment beginnt, in dem wir die erste verhängnisvolle Rolltreppe betreten; in der U-Bahn Station, im Einkaufszentrum oder wo auch immer. Das eigentliche Problem, erkennen wir, ist nicht der Abschiedsbrief von Denise oder Rudolf, nicht Onkel Alfreds Geburtstag, nicht die neue Bundeshymne. Das eigentliche Problem sind Rolltreppen, denn Rolltreppen, wie sich unschwer erkennen lässt, sind, was Österreich und die Welt bewegt.
„Rolltreppen?“, fragen Sie, und schauen den Einkäufer fast ein bisschen zu entgeistert an. (Es ist unhöflich, seine Mitmenschen dermaßen entgeistert anzuschauen. Merken Sie sich das.)
Unser Einkäufer nimmt die Rolltreppe in den obersten Stock, Saturn im Einkaufszentrum. Ein schneller links-rechts Blick, nichts wie weg von der Treppe. Am oberen Ende vieler Rolltreppen lauern, wie die Geier, Zettel-Austeiler und stürzen sich auf alle, die nicht schnell genug flüchten, mit einem Werbeflyer, einer Greenpeace-Mitgliedschaft oder einem Kurier-Abo – all die Dinge, die wir schon immer nicht haben wollten. Unser Einkäufer hat Glück – beim Saturn lauert niemand. Man könnte Onkel Albert eine CD schenken. Was hört Onkel Albert? Bach vielleicht? Nein? Sie wollen einen cooleren Onkel? Gut, meinetwegen. Onkel Albert hört also System of a Down, und unser Einkäufer macht sich auf die Suche nach dem neuen Album. Wir kommen an den DVD-Playern vorbei. – He, passen Sie auf! Wenn Sie dauernd irgendwo anstoßen, merkt er noch, dass wir ihm folgen. Und wir wollen ihn doch nicht in seinen Gedanken stören, oder? Eben.
„DVD-Player“, denkt der Einkäufer und schüttelt den Kopf. Nur 39,90. Was man wirklich braucht, und zwar täglich – Brot, Benzin, Telefonie – wird teurer. Ja, das ist er, der Trick mit dem preiskonstanten Warenkorb, so einfach wie genial. Irgendwie, findet unser neuer Freund, ist Einkaufen auch nicht mehr das, was es einmal war.
System of a Down ist gefunden; wir bezahlen und machen uns auf den Heimweg. Dieser führt uns an der Universität vorbei (Sie wissen schon – die Universität, das ist dort, wo die Rolltreppe wieder einmal kaputt ist.) Davor steht ein großes Achtung-Schild, ein rotes Dreieck mit einem dicken schwarzen Rufzeichen. Unauffällig schauen wir dem Einkäufer über die Schulter, als er zu entziffern versucht, was zwischen den Zeilen steht: „Ein Aus für die soziale Rolltreppe!“, liest er, und lässt den Kopf noch ein bisschen weiter nach unten hängen. „Nieder mit der freien Bildung!“ Wir kaufen ihm eine Tüte Maroni, um ihn ein bisschen aufzuheitern.
Kurz darauf betreten wir die U-Bahn Station. Es ist halb Sechs, Stoßzeit. Die Menschen drängen sich auf den Rolltreppen nach unten, fröhliche wie die Lemminge schreiten sie in eine ungewisse Zukunft. Sich von der Masse mit treiben zu lassen, wählen, was man halt so wählt, kaufen, was man halt so kauft (Chello Breitband Internet und ein 3 Handy) ist, merkt unser Einkäufer wieder einmal, als er vergeblich versucht, in die andere Richtung zu gehen, um einiges einfacher.
Bald wird er wieder zu Hause sein. Er wird aus dem Fenster schauen und sich eine zweite Tasse Tee kochen, den Blättern beim schneien zuschauen, Onkel Alberts Geschenk in Donald Duck Papier einwickeln und sich ziemlich einsam fühlen. Sogar zu einsam zum Einschlafen.
Vor ein paar Tagen, Allerheiligen, alljährlicher Pflichtbesuch, sind wir bei unseren toten Verwandten auf deren Grabstein gesessen, haben eine Tasse Tee mit ihnen getrunken und das übliche einseitige Gespräch geführt, weil es Neues wieder einmal nur auf unserer Seite gab. Aber vielleicht sollten Sie stattdessen einmal bei ihrem Nachbarn vorbeischauen? Ich habe ihn heute beim Einkaufen gesehen, und, naja, besonders glücklich hat er nicht gewirkt.
Vielleicht wollen Sie ihm ja eine Freude machen? Einfach einmal anklopfen? Fragen, ob Sie vielleicht, wie wär’s mit einer DVD? Vielleicht kochen Sie diesmal statt Tee Kakao? Kakao = Schokolade = Glückshormone, und wenn man glücklich ist, findet man sogar einen Herbsttag schön.
Es wäre doch immerhin möglich, dass Kakao besser schmeckt, wenn man dabei aus dem Fenster schauen und von seiner Einkaufstour berichten kann, als wenn man schon jahrelang unter einem moosigen Betondeckel liegt und ihn immer nur verschüttet, wenn man zu schlucken versucht …
Die erste Herbsttagsphase dauert für jeden unterschiedlich lang, je nachdem, wie lang er selbstmitleidig an die Decke starrt. Manche (die, die einen besonders gemütlichen Teppich haben) stehen nie mehr auf.
Andere gehen irgendwann einkaufen. So kommen sie in Phase zwei der Herbsttagsdepression – die Rolltreppenphase, die in dem Moment beginnt, in dem wir die erste verhängnisvolle Rolltreppe betreten; in der U-Bahn Station, im Einkaufszentrum oder wo auch immer. Das eigentliche Problem, erkennen wir, ist nicht der Abschiedsbrief von Denise oder Rudolf, nicht Onkel Alfreds Geburtstag, nicht die neue Bundeshymne. Das eigentliche Problem sind Rolltreppen, denn Rolltreppen, wie sich unschwer erkennen lässt, sind, was Österreich und die Welt bewegt.
„Rolltreppen?“, fragen Sie, und schauen den Einkäufer fast ein bisschen zu entgeistert an. (Es ist unhöflich, seine Mitmenschen dermaßen entgeistert anzuschauen. Merken Sie sich das.)
Unser Einkäufer nimmt die Rolltreppe in den obersten Stock, Saturn im Einkaufszentrum. Ein schneller links-rechts Blick, nichts wie weg von der Treppe. Am oberen Ende vieler Rolltreppen lauern, wie die Geier, Zettel-Austeiler und stürzen sich auf alle, die nicht schnell genug flüchten, mit einem Werbeflyer, einer Greenpeace-Mitgliedschaft oder einem Kurier-Abo – all die Dinge, die wir schon immer nicht haben wollten. Unser Einkäufer hat Glück – beim Saturn lauert niemand. Man könnte Onkel Albert eine CD schenken. Was hört Onkel Albert? Bach vielleicht? Nein? Sie wollen einen cooleren Onkel? Gut, meinetwegen. Onkel Albert hört also System of a Down, und unser Einkäufer macht sich auf die Suche nach dem neuen Album. Wir kommen an den DVD-Playern vorbei. – He, passen Sie auf! Wenn Sie dauernd irgendwo anstoßen, merkt er noch, dass wir ihm folgen. Und wir wollen ihn doch nicht in seinen Gedanken stören, oder? Eben.
„DVD-Player“, denkt der Einkäufer und schüttelt den Kopf. Nur 39,90. Was man wirklich braucht, und zwar täglich – Brot, Benzin, Telefonie – wird teurer. Ja, das ist er, der Trick mit dem preiskonstanten Warenkorb, so einfach wie genial. Irgendwie, findet unser neuer Freund, ist Einkaufen auch nicht mehr das, was es einmal war.
System of a Down ist gefunden; wir bezahlen und machen uns auf den Heimweg. Dieser führt uns an der Universität vorbei (Sie wissen schon – die Universität, das ist dort, wo die Rolltreppe wieder einmal kaputt ist.) Davor steht ein großes Achtung-Schild, ein rotes Dreieck mit einem dicken schwarzen Rufzeichen. Unauffällig schauen wir dem Einkäufer über die Schulter, als er zu entziffern versucht, was zwischen den Zeilen steht: „Ein Aus für die soziale Rolltreppe!“, liest er, und lässt den Kopf noch ein bisschen weiter nach unten hängen. „Nieder mit der freien Bildung!“ Wir kaufen ihm eine Tüte Maroni, um ihn ein bisschen aufzuheitern.
Kurz darauf betreten wir die U-Bahn Station. Es ist halb Sechs, Stoßzeit. Die Menschen drängen sich auf den Rolltreppen nach unten, fröhliche wie die Lemminge schreiten sie in eine ungewisse Zukunft. Sich von der Masse mit treiben zu lassen, wählen, was man halt so wählt, kaufen, was man halt so kauft (Chello Breitband Internet und ein 3 Handy) ist, merkt unser Einkäufer wieder einmal, als er vergeblich versucht, in die andere Richtung zu gehen, um einiges einfacher.
Bald wird er wieder zu Hause sein. Er wird aus dem Fenster schauen und sich eine zweite Tasse Tee kochen, den Blättern beim schneien zuschauen, Onkel Alberts Geschenk in Donald Duck Papier einwickeln und sich ziemlich einsam fühlen. Sogar zu einsam zum Einschlafen.
Vor ein paar Tagen, Allerheiligen, alljährlicher Pflichtbesuch, sind wir bei unseren toten Verwandten auf deren Grabstein gesessen, haben eine Tasse Tee mit ihnen getrunken und das übliche einseitige Gespräch geführt, weil es Neues wieder einmal nur auf unserer Seite gab. Aber vielleicht sollten Sie stattdessen einmal bei ihrem Nachbarn vorbeischauen? Ich habe ihn heute beim Einkaufen gesehen, und, naja, besonders glücklich hat er nicht gewirkt.
Vielleicht wollen Sie ihm ja eine Freude machen? Einfach einmal anklopfen? Fragen, ob Sie vielleicht, wie wär’s mit einer DVD? Vielleicht kochen Sie diesmal statt Tee Kakao? Kakao = Schokolade = Glückshormone, und wenn man glücklich ist, findet man sogar einen Herbsttag schön.
Es wäre doch immerhin möglich, dass Kakao besser schmeckt, wenn man dabei aus dem Fenster schauen und von seiner Einkaufstour berichten kann, als wenn man schon jahrelang unter einem moosigen Betondeckel liegt und ihn immer nur verschüttet, wenn man zu schlucken versucht …


maja
am 1. Feb, 12:23