Wenn Frauen sich in Aliens verwandeln

von Kaltmamsell
Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass der größte Traum einer Frau die Hochzeit ist.
Und schon wieder muss ich eingestehen, dass ich wohl keine echte Frau bin: So wie es Faschingsmuffel gibt, bin ich eingefleischter Hochzeitsmuffel. Es gibt fast kein Detail an dieser – mit etwas Abstand betrachtet – absurden Veranstaltung, das bei mir keinen Fluchtimpuls auslöst.

Das geht los mit dem Umstand, dass auch noch so realitätsverwurzelte Frauen von „Traumhochzeit” sprechen. Gerne in der Kollokation „seit ich ein kleines Mädchen war”. Lange dachte ich ja, das wollten uns lediglich blöde amerikanische Fernsehserien und Hollywoodfilme einreden, doch mittlerweile habe ich das ein paar Mal zu oft selbst gehört. Von echten Menschen.

Dazu gehört anscheinend ein Heiratsantrag. Nun läge in einer von Selbsbestimmung geprägten Gesellschaft nahe, dass die Dame, deren größter Wunsch eine Hochzeit ist, den entsprechenden Herrn eben darum bittet. Aber nein, es muss ein „Heiratsantrag” her, für den in einer heterosexuellen Beziehung offenbar unbedingt der Mann zuständig ist. Der Ärmste war möglicherweise bis dahin von einer gleichberechtigten Partnerschaft ausgegangen und weiß nicht einmal, was von ihm erwartet wird: Inszenierung einer romantischen und originellen Situation, Oscar-reifer Text, überraschende Details, gerne auch Kniefall, Ring im Wert eines dreiwöchigen Skiurlaubs in St. Moritz nicht vergessen.

Im schlimmsten Fall heißt das dann auch noch „Verlobung” und wird mit einer Anzeige in der Lokalzeitung sowie einem Familienfest gefeiert. Gerne an einem Punkt der Beziehung, an dem die Beteiligten bereits zusammen wohnen sowie Lebensversicherungen und Bausparverträge miteinander besitzen – also keinen Zweifel daran gelassen haben, dass sie eine sehr langfristige Partnerschaft führen.

Oder die Tatsache, dass ein relevanter Anteil der weiblichen Bevölkerung jedes Stilgefühl oder auch nur Modebewusstsein verliert, wenn es um die Auswahl der Hochzeitsbekleidung geht. Bislang hat man die Braut nur in praktischen Jeans und T-Shirts mit Bandnamen gesehen? Jetzt sorgt sie mit Reifrock unter gleißendem Seidensatin für einen verschwommenen weißen Fleck im Blick des Betrachters. Seit man sie kennt, fiel die Braut durch gut sitzende Schneiderkostüme auf? Plötzlich sieht sie nach einem Kostümball mit dem Motto „Louis XIV“ aus.

Eine einzige Hollywood-Braut gibt es, die eine ähnliche Perspektive wie ich hat. In My Big Fat Greek Wedding sieht sich die Braut Toula kurz vor der Trauung zum ersten Mal im Brautkleid und stellt entsetzt fest: „Ich sehe aus wie ein Schneehuhn!“ (Und dann natürlich noch der Slogan von Muriel`s Wedding: „She's not just getting married, she's getting even.”)

Höhepunkt der Styling-Groteske ist die Brautfrisur. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass Friseure und Friseurinnen bei der Gesellenprüfung einen Eid ablegen müssen, keine Braut ohne die „Hochzeitslocke“ ziehen zu lassen: Aus der obligatorischen Hochsteckfrisur wird mindestens eine Strähne gezupft, zur Korkenzieherlocke gedreht und so ans Brautgesicht drapiert, dass sie der Dame möglichst deutlich im Sichtfeld hängt (vermutlich damit sie im Laufe des Tages möglichst oft an den Friseurstand erinnert wird).

Und überhaupt: Was wird da nochmal gefeiert? Hatten Ralf und Claudia in den zehn Jahren Zusammenlebens davor etwa nicht geplant, länger zusammen zu bleiben? Sind Klaus und Petra erst nach dem dritten gemeinsamen Umzug so weit zuzugeben, dass sie ein Paar sind? Karsten und Steffi sieht man seit ihrem Abitur vor fünf Jahren nicht mehr einzeln: Müssen sie noch darauf hinweisen, dass da mehr als freundschaftliche Gefühle im Spiel sind? Der am wenigsten verständliche Oberknaller ist dabei die Wiederholungs-Hochzeit: Erst wird nach dem Gang aufs Standesamt (was nochmal?) gefeiert, einige Monate bis Jahre später mit meist erheblich größerem Brimborium der Gang in die Kirche. Wie stellt die Braut den beteiligten Herrn wohl in den Monaten dazwischen vorgestellt: „Das ist mein vorläufiger Mann“? „Wir sind ein bisschen verheiratet“? Dabei wäre doch das Ehrlichste: „Das ist mein Bräutigam auf Probe.“
Die Hochzeit, einmal im Leben eine Prinzessin sein - der Traum aller Frauen. Glaubt man zumindest.
Geboren 1967 in Zentralbayern, Lebensmittelpunkt München, Interessen Geschichten, Broterwerb durch Geschichten über Unternehmen. Manchmal gehässig.

Vorspeisenplatte - Weblog von Kaltmamsell
mindestens haltbar 11/2005
Jahrgang 01
Ausgabe 03
ISSN 1816-8159
Autor: Kaltmamsell
Titel: Wenn Frauen sich in Aliens verwandeln
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