Von fernen Ufern längst vergangener Zeiten

von Modeste
Im polierten, feingetriebenen Gold, im schimmernden Elfenbein und im von Jahrhunderten mattierten, diskreten Glanz alter Edelsteine präsentiert sich das geschliffene Glas, hinter dem nichts als ein gesplittertes Stück poröser, brauner Knochen sich dem Blick darbietet. Ein paar ausgeblichene Haare, der eingelassene Schädel eines Kreuzfahrers, verborgen in einer Schale mit reich geschmücktem Rand. Das Fingerglied in goldener Kathedrale, das einst zu einer Hand gehörte, deren Berührung, so sagt die Legende, die Kraft besaß, Krankheit und Wahnsinn aus den Köpfen zu ziehen, auf den sie aufgelegt wurde. Ein morscher Fetzen brüchiger, morscher Leinwand, die einen Leib umhüllte, vor dessen Abbild sich die Gläubigen neigen.

Den Ungläubigen erinnert nichts außer dem Gold, nichts außer der filigranen Kunstfertigkeit längst verstorbener Meister an die Welt von Wundern, vom gottbezeugenden Blut. Die Verehrung, die diesen Andenken der tatsächlichen Leibhaftigkeit des Erhabenen in warmem, atmenden Fleisch gilt, überträgt sich nicht auf uns, die wir so fern von den Quellen des Glaubens an die in ihrer märchenhaften Schlichtheit anrührende Geschichte vom reinen Toren, der in schillernden, komplizierten Tagen unter die Räder einer erstarrten Gottesfurcht und der Macht des Römischen Reiches geriet, in den Schatzkammern stehen. So verschüttet ist dieser Nerv in unseren Gehirnen unter dem Schutt zweier Jahrtausende, den Erfahrungen unserer Jahrzehnte, dass wir nichts mehr als einen vielleicht liebevollen Zweifel, den kühlen Hauch einer amüsierten Herablassung, nur noch die ironische Hochachtung vor einer schönen Geste fragloser Demut aufbringen: Wissend, dass dies allzu leicht wiegen würde auf einer Waage, ohne die die Welt denen unerträglich gewesen wäre, die jene Kunstwerke schufen, zwischen denen verirrte Besucher umhergehen wie zwischen Exponaten eines Kuriositätenkabinetts, und das magische Fluidum der Heiligkeit, die Anwesenheit des Göttlichen in ihren irdischen Relikten entzieht sich vollends unserer Vorstellungskraft.

Lächeln mag der Besucher der dämmerigen Schatzkammern über diese Frömmigkeit, die an eine stoffliche Verkörperung des Heiligen glaubte, die mit ihrer Entseelung kein Ende fand, die Vorstellung einer den Corpus der Heiligkeit ganz und gar durchdringenden Aura, die wundertätig noch nach dem Tod des Heiligen seinen Körper durchströmt bis in jene Reliquien zweiter und dritter Ordnung, die nur durch Berührung oder Gebrauch mit einer Macht aufgeladen sind, die von dem gewährt wurde, an dessen Seite der Heilige thronen soll: Anwesend gleichzeitig in den Zeugen seines leiblichen Wandelns unter den Menschen und in einer Welt jenseits der zeitlichen Dinge, in denen kein geschliffener Rubin, kein kreisrunder Topas und kein noch so edles Metall erforderlich sind, um die zu verherrlichen, die daran teilhaben.

Säuberlich trennt dagegen der Zeitgenosse die menschliche Erscheinung von der Seele, die doch bloß wiederum eine weniger sichtbare Körperlichkeit sein soll, Ergebnis feinstofflicher Prozesse in einer weißen Masse, deren Enträtselung, glaubt man den Experten, bevorstehend, möglich und machbar sein soll. Die Schwermut, das Glück, die Liebe sogar, heißt es, seien Ergebnisse bloß von chemischen Vorgängen, elektrischen Reizen in unseren Hirnschalen und hätten nichts zu tun mit der Hand, die eine sinnlos-großzügige Geste unterstreicht, nichts mit dem Rücken, der sich vertrauensvoll sogar der Ungerechtigkeit und der Willkür darbieten mag, und erst recht soll die menschliche Schönheit, das Ebenmaß von Kopf und Gliedern, ein Zufall sein, der nichts zu tun hat mit unseren Gedanken, unseren Träumen und dem, was wir wirklich sind.

Nichts weiter als vernünftig erscheint uns diese Trennung, die als Oberflächlichkeit verwirft, was den Griechen ebenso schiere Selbstverständlichkeit war wie denen, die zu Ehren Gottes diese Gefäße einer verstorbenen Heiligkeit schufen: Der Glaube an die Identität von Leib und Seele, die Annahme, das Gute müsse auch schön sein, und an der Kraft eines Menschen hätten seine Gedanken, seine Taten und seine Worte in ebenderselben Weise teil wie sein Leib und sogar seine Gewänder und alles, was er um sich hat und auf dem sein Blick ruht. Vielleicht, mag man spekulieren, ist die achtlose Hässlichkeit unserer Welt nichts weiter als das Ergebnis einer unheilvollen und künstlichen Trennung, die späteren Zeitalter ebenso grotesk erscheinen mag, wie denjenigen Besuchern die Pracht der Reliquiare, die die Schatzkammern der gotischen Dome in ihrem steinernen, himmelstrebenden Jubel kopfschüttelnd verlassen. Vielleicht schwingt in ihrem aufgeklärten Spott über die Kuriosa des Reliquienkultes, in den faden Witze zu den Splittern vom Kreuze Christi und im mokanten, kalten Lachen über die unbeholfenen Schilderungen der Wunder nicht mehr mit als der selbstgefällige Irrtum eines Saeculums, das in den Verästelungen seines Wissens jener Wahrheiten verlustig geworden ist, die nur die kräftigen Adern der Rotwangigen durchströmen.

Wir aber, die wir fraglos glauben möchten,
Wir, die sich sehnen nach der Selbstverständlichkeit einer Welt aus einem Guss und ohne Fugen,
Wir, die wir verdursten in unserer Welt aus klugen, kalten Büchern und einer ungestillten Gier,

Wir verbeugen uns vor dem Abglanz einer versunkenen Einheit von Körper und Geist. Vor einer staunenden Demut vor dem Heiligen und einer Bereitschaft, die Welt den Wundern zugänglich zu denken, die wir längst verloren haben, hoffend, dass der, der ungeachtet unseres Unglaubens über allem sein mag, nicht noch diese Verbeugung als leere Pose verdammen und uns verlachen mag mit einem grimmigen Gelächter, unter dem dieses Zeitalter einmal versinken und verrotten wird, und sich keine frommen Hände finden, die Knochen unserer Helden und Märtyrer mit der Pracht späterer Tage zu umkleiden.
Mehr als den Reiz des Grotesken, mehr als eine rührende Erinnerung an die Schlichtheit des Glaubens
der Anwesenheit im Abwesenden ist es, was de Zauber eines Besuchs in den Schatzkammern von Köstern und Kirchen ausmacht.
Nach Jahren des Umherziehens lebt und amüsiert sich Frau Modeste seit vier Jahren in Berlin. Ihre Alltags- und Sonn-
tagsgeschichten veröffentlicht sie unter Melancholie Modeste.
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Tournee der Herz-Schrein-Reliquien

Lexikon der kuriosesten Reliquien, von Horst Herrmann

Die Mythen des Tourismus: Imaginäre Geographie prägt das Bild der Reisenden von Ländern und Menschen

mindestens haltbar 11/2005
Jahrgang 01
Ausgabe 03
ISSN 1816-8159
Autor: Modeste
Titel: Von fernen Ufern längst vergangener Zeiten
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am 17. Nov, 16:22

Schön, wieder etwas von Dir zu lesen!

am 17. Nov, 17:09

Das mit den Reliquien kann unter Umständen aber auch ganz anders verlaufen, möchte ich nur zu bedenken geben.


am 17. Nov, 17:12

Nämlich so: http://www.neeneenee.de/goldfischli/text/reliquien.html

...

Arrggghh! HTML wird nicht erkannt. Und was heißt denn da: Anonym? Naja... jetzt aber!


am 17. Nov, 17:43

*freu* (gelesen wird dann heut abend!)


am 17. Nov, 19:53

Wie Sie da vor sich hinplaudern - da habe ich aber gerne wieder zugehört.


am 17. Nov, 19:57

Oh, welch' schöne Überraschung. Und in was für einer netten Umgebung wir Sie wiedersehen/ -lesen dürfen. Kompliment.


am 21. Nov, 07:25

typischer text von einem, der gerne schreiben möchte,
aber nicht schreiben kann.
ergebnis:
schwülstige Brühe.
keine klarheit.

langeweile.

am 21. Nov, 11:59

Wow, starke Ansage Herr/Frau 500beine. Na ich werd mal Ihre Texte prüfen und vielleicht müssen wir bei der nächsten Ausgabe in jedem Fall Sie anfragen um endlich was gutes zu bekommen ;-)


am 21. Nov, 19:04

sicherlich mit harten worten - aber auch imo ein nicht ganz unberechtigter einwand von 500beine.


am 21. Nov, 20:18

Typischer Kommentar von einem, der wahrgenommen werden möchte, aber nichts zu sagen hat.
Ergebnis:
Undifferenzierter Bockmist.
Unangemessene Aufmerksamkeit.


am 21. Nov, 23:25

Ach kommt Kinder - nu macht mal keinen Zoff wegen den 500 wackligen Beinchen... die hochgelobten Zeruya Shalev und Susanna Tamaro z.B. können in meinen Augen auch überhaupt nicht schreiben - wem was nicht passt hier, soll sich doch bitte andernorts was Gehaltvolleres suchen; ich bleib' gerne...


am 22. Nov, 00:18

seh ich ähnlich.


am 25. Nov, 00:16

Herr 500 Beine,
sowas KANN man netter sagen.
Muß man aber nicht.
Weil nett bringt nichts, sie machen dann nur weiter.
Und wahrscheinlich kann der Schreiber was anderes viel, SEHR viel besser, und es wär schade um das `andere´, wenn derjenige weiter so schriebe.

Sorry, aber vielleicht sollte man vor dem Verfassen solcher Texte mal jemanden fragen, der sich damit auskennt?
Es gibt knallharte Kriterien für gute und für schlechte Texte.
Verständlichkeit ist so eines, und wenn´s DARAN schon mangelt, dann braucht die Kritik nicht en detail zu gehen.
Ich weiß jetzt, wie Bohlen sich bei DSDS fühlt.
Danke,
TF


am 21. Nov, 19:51

man kann darüber streiten. Die Sätze sind definitiv ziemlich lang. Ein paar Mal mehr den Punkt gesetzt, würde der Klarheit sicher gut tun. Aber ich denke nicht, dass Klarheit das ist, was von der Autorin in erster Linie beabsichtigt wurde. Es soll ja eine mystisch, sakrale und undurchsichtige Stimmung vermittelt werden, in sofern ist das ein doch ein durchaus legitimes Stilmittel. Allgemein würde ich sagen, die Schreibe orientiert sich an französischer Literatur. Kann man mögen, muss man nicht. Ich mags.

am 21. Nov, 23:07

Der Text bzw. sein Stil eignen sich nicht für ein Merkblatt für Brandschutz, das ist richtig. Wenn man einen Text kritisiert, sollte man nicht nur die Formen bewahren, sondern auch im Bewusstsein behalten, unter welchem Gesichtspunkt der Text geschrieben wurde. Wenn der Text keinen direkt praktischen, sondern einen künstlerischen Anspruch hat, dann ist der Einwand der langen Sätze schlicht lächerlich, es sei denn, die langen Sätze widersprächen tatsächlich den Zielen, welche die Autorin oder der Autor beabsichtigt, sich zur Aufgabe gemacht hat. Es soll ja viele Bücher geben, in denen überhaupt kein Punkt vorkommt. Kunst kann man letztlich doch immer nur mögen oder nicht; sie lebt davon, dass keine Regeln wirklich gelten, sie spielt damit. Und genügend Leute wie ich mögen die Art, in der Frau Modeste unverkennbar und unerreicht ihre Sätze modelliert. Wer das nicht mag, kann ihm deswegen doch nicht gleich die Daseinsberechtigung absprechen oder behaupten, das stamme aus ungeübter Feder.


am 21. Nov, 23:31

wegen "undifferenzierter Bockmist": Was 500Beine schreibt ist unhöflich, vielleicht unnötig, aber nicht weniger differenziert als alle Kommentare darüber. Es gefällt mir aber nicht.
In meinem Blog bin ich zu Hause, da mag ich kein Genöle über den Schreibstil. Es soll ja auch keiner im Essen stochern, der sich bei mir eingeladen hat. Ist das hier noch eine kuschelige Außenstelle von "zu Hause"?
Wenn ich im Netz zu viele Wörter sehe, klicke ich auf das Kreuzchen rechts oben, lege mich aufs Sofa und lese einen Krimi. Oder Thomas Bernhard. Oder die Lokalzeitung.
Wenn alles gelobt wird, wird das Lob schal, wenn das Nicht-so-gut-finden einfach hingerotzt ist, will sich zu Recht inhaltlich keiner damit befassen. Über Stil und Inhalt und Geschmack zu reden sollte noch Spaß machen. Dann müssen auch nicht alle alles gut finden.

am 22. Nov, 10:23

Einverstanden, Kritik soll möglich sein, und beiden Seiten sogar ein wenig Spass machen oder sie vorwärts bringen, das schon. Aber gerade hier im doch recht anonymen Netz, so dünkt mich, schickt es sich, zunächst einmal die Blogsperson kennenzulernen und eine Art Vertrauensverhältnis aufzubauen, bevor man über die Texte herzieht. Die Worte (in Kommentaren) sind immer so knapp, dass man sie auf ungefähr dreihundert Arten verstehen kann, so dass es wohl besser ist, sie vorsichtig zu wählen, solange man nicht weiss, dass der Adressat oder die Adressatin dieser Worte einen genügend kennt/vertraut, dass er/sie es nicht falsch versteht. Und das Kennenlernen geht nun einmal, auch hier, meist über den Austausch von Freundlichkeiten. Die meinerseits übrigens ernst gemeint sind.


am 22. Nov, 14:05

Für das eigene Weblog, jedenfalls, wenn es ein persönlich gehaltenes ohne offen literarischen Anspruch ist, sehe ich das ähnlich. Aber ist nicht hier mehr Öffentlichkeit und damit der Anspruch ein Anderer?
Und hier eben doch der Ort, auch über Qualität und Geschmack zu diskutieren?

Zur Diskussion gestellt.

Ich bin selber lustlos beim Beurteilen, denke mir mein Teil und lese oder lass es bleiben. Mir ist einfach unwohl bei vernichtender Kritik, schließlich könnte es mich genauso treffen.


am 23. Nov, 21:51

Natürlich, je öffentlicher desto ausgesetzter. Die Leute erwarten naturgemäss, dass öffentlich publizierende Autoren (sei dies hier oder in gedruckter Form) sich besondere Mühe geben. Wer sich freiwillig so exponiert, soll Hervorragendes leisten, sagen sie. Und sie meinen, der Autor sei durch seine hervorgehobene Position allem so enthoben, dass sie ihn mit Kritik ohnehin nie erreichen könnten, so dass sie gerne zu grobem, unanständigem Geschütz greifen. Aber das trifft ja nicht zu, es ist bekannt, dass wir alle Menschen sind und unter allen Umständen Menschen bleiben. Wer öffentlich publiziert, soll sich jeglicher Kritik stellen, die sachlich und anständig ist. Alles andere kann durch nichts legitimiert werden (es sei denn, die Publikation wäre selber verletzend). Ich bin überhaupt nicht dagegen, über Qualität und Geschmack zu diskutieren. Aber man muss bei Blogs sehr vorsichtig sein, da sich dahinter zumeist keine erfahrenen Medienschaffenden verstecken, sondern du und ich. Wer da zu hart dreinfährt, ohne das grundsätzliche Vertrauen der Adressaten zu geniessen, kann vieles kaputtmachen. Das Problem ist, dass in Blogs Leute um einen Stubentisch herum eng beieinander sitzen, die sich weder kennen noch überhaupt sehen können. Darum ist einfach grosse Vorsicht geboten.

Immerhin: Man sieht, in deutschsprachigen Blogs jedenfalls, zu wenig Kritik, die tatsächlich konstruktiv und freundlich wäre. Das wird wohl noch kommen.


am 21. Nov, 23:35

Tut mir leid, ich komme mit dem Lesen kaum über den ersten Satz hinaus. Worum gehts da oben nochmal?

Naja, aber scheint Malerei mit Worten zu sein. - Ob sowas überhaupt geht?


am 22. Nov, 03:26

anstrengend. ein mantra.
mich überrascht die popularität; wie so oft schwimme ich weit neben dem fluss. vermutlich noch nicht einmal in wasser.


am 24. Nov, 00:11

Selten so einen Bockmist gelesen.

Weitermachen und üben üben üben