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Der Hyper-Hybrid

von HumanaryStew
Es ist ja ganz praktisch, dass man so ziemlich alles mischen kann. Cola und Rum zum Beispiel oder Karten oder Mehl, Milch, Butter, Zucker, Eier zu einem Teig oder Gene. Ja, man kann auch Gene mischen. Zur Beruhigung aller Ethiker und Umweltschützer: das muss nicht unbedingt mit Gentechnik zu tun haben. Gene werden schließlich immer dann gemischt, wenn es zu einer durchaus natürlichen Befruchtung eines Erbgutträgers kommt.

Genau das macht sich der Mensch auch zu Nutze. Es vermischt und vermengt was das Zeug hält. Nicht nur sich selber, sondern auch Nutzpflanzen und –tiere. Man spricht bei dieser kontrollierten Fortpflanzung von „Zucht“. Gregor Mendel, seines Zeichens Mönch und Biologe im 19. Jahrhundert, analysierte erstmals die Gesetzmäßigkeiten, denen so eine Zucht zu Grunde liegt und legte somit den Grundstein für das, was da heut so abgeht.

Sie haben bestimmt gehört, dass „unsere“ Banane vom Aussterben bedroht ist. Bei uns ist nur eine ganz spezielle Sorte von Banane im Handel, die den typischen Bananengeschmack hat und zudem lager- und transportfähig ist. Das wurde erst durch gezielte Kreuzungen möglich – man vereinte die positiven Eigenschaften verschiedener Sorten um ein gewünschtes Produkt zu erhalten.

Selbiges passiert in der Viehzucht. Bei der Schweinezucht wird eine Rasse mit hohem Muskelfleischanteil mit einer anderen Rasse, die besonders fruchtbar ist, gekreuzt - schon hat man eine Hybrid-Sau.

Aufgrund der technischen Möglichkeiten, die uns inzwischen zur Verfügung stehen und die im Laufe der nächsten Jahrzehnte noch überproportional weiterentwickelt werden, wäre es an der Zeit, sich an die Verwirklichung zweier uralter Menschheitsträume zu machen: das Perpetuum Mobile einerseits, andererseits die eierlegende Wollmilchsau.

Dazu kreuzen wir beispielsweise eine Hybridsau mit einem Fleischermeister und variieren noch ein paar Geninformationen bezüglich der vorgesehenen Lebensdauer.
Heraus käme dabei ein Lebewesen, das sich vermehrt, Artgenossen artgerecht zerlegen kann und von selbst stirbt, sobald ein Optimum an Muskelmasse aufgebaut wurde, um dann seinerseits von der nächsten Generation zu Schnitzel, Braten, Würstel verarbeitet und somit Nahrung für die Menschen und auch für die gezüchteten Arbeiter zu werden.

Da sich dieses Wesen mit einem großen Faktor vermehren würde, käme es zu einer hohen Arbeitslosigkeit der Metzger-Hybride. Um dem entgegenzuwirken, gehörten zusätzliche Hybrid-Funktionen erzüchtet. Allen voran ein Wissenschafter-Hybrid, der in seiner kurzen Lebenszeit durch gezielte Know-How-Verpflanzung an die Arbeiten seiner Vorgänger anknüpfen könnte und die Aufgabe hätte, durch weitere Kreuzungen neue Hybride zu entwickeln, die neuen Berufen nachgingen, damit keine Langeweile und somit auch keine Unzufriedenheit aufkäme.

Es käme weiters zur Entwicklung der Landwirtschafts-Hybride, die für das Grünzeug zum eigenen Fleisch sorgten, der Straßenarbeiter-Hybride, die neue Autobahnen bauten, der Brummi-Fahrer-Hybride, die für den Transport von Fleisch und Grünzeug zuständig wären, der Sport-Hybride, die für die Unterhaltung sorgten, der Techniker-Hybride, die die Fernsehübertragung der Sportveranstaltung ermöglichten, der Werbe-Hybride, die die Werbestrategien für die Spots, die im Zuge so einer Sportübertragung ausgestrahlt werden würden, entwickelten, der Zuschauer-Hybride, die diese Übertragung verfolgten, dabei ein Großmutter-Schnitzel mit Kartoffeln verspeisten und zugleich über Teleshopping all ihre Ersparnisse, die sie durch ihre Jobs in den Hybrid-Büros verdient hätten, aus dem Fenster würfen.

Der Mensch müsste nur noch dasitzen, könnte wählen zwischen Menschen- und Hybrid-TV und ließe sich von seinem wirtschaftlichen Hybrid-Perpetuum-Mobile berieseln.

Doch irgendwann früher oder später käme ein Wissenschafter-Hybrid auf die Idee, einer seiner Hybrid-Gattungen ein Selbstbewusstseins-Gen einzubauen. Es entstünden die Hyper-Hybride, vom Menschen auch „Hybrid-Ego-Sau“ genannt.

Diese Hyper-Hybride würden die Ärmel hoch- und das wirtschaftliche System umkrempeln. Sie betrieben Überzeugungsarbeit unter den anderen Hybriden, ließen sich an die Spitze von Hybrid-Gewerkschaften stellen und übernähmen alle Hybrid-Firmen.

Es bildeten sich eigene Hybrid-Parteien, die aufgrund der niederen Geburtenrate der Menschen immer mehr an Einfluss gewönnen.

Dann wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Hybride die Gesetzgebung übernehmen. Sie würden Mittel und Wege finden, um die automatische Sterblichkeit abzuschalten und über kurz oder lang die wichtigsten politischen Positionen zu besetzen.

Der Mensch würde entmachtet werden und diente fortan als Nutzvieh für die Hybride. Es würde versucht werden, die Weibchen so fruchtbar wie möglich zu machen und auserwählte Männchen müssten ständig für Nachwuchs sorgen.

Auf den Speisekarten der Hybrid-Restaurants wären zwar immer noch das Wiener Schnitzel, die Augsburger Würste und Züricher Geschnetzeltes zu finden, aber an diesem Punkt wäre es dann auch wortwörtlich gemeint. Neu wären übrigens für die Kutteln-Fans unter den Hybriden die Nürnberger Eierlein.

Zudem würden die Hybride die neue Ware in Massenmenschtransporten eng zusammengepfercht hunderte von Kilometern durch die Gegend logieren, weil das Schlachten des Viehs im angrenzenden Hybrid-Staat um 42,8 Prozent billiger wäre. Das Fleisch würde natürlich wieder zurückgebracht werden – immerhin möchte man es ja an einem gewinnbringenden Markt absetzen.

Pelzmäntel aus Menschenhaar und Menschenlederjacken wären ein Verkaufsrenner, und die ganz reichen Hybride würden sich besonders hochgezüchtete Menschen halten und ließen diese an Menschenwettbewerben teilnehmen, an denen der Schönste gekürt werden würde.

Gewiss wird es auch Menschenschutzgesetze geben und Hybride, die dafür kämpfen, dass diese auch wirklich eingehalten und sogar noch verbessert werden.

Nichts desto trotz müsste der Mensch warten. Und zwar so lange, bis irgendwann mal irgendein Hybrid-Spinner auf die Idee käme, den Menschen in ein Perpetuum Mobile zu verwandeln.
Durch die Zucht von Pflanzen und Tieren eröffnet sich der Mensch seit jeher neue Möglichkeiten. Er schafft neue Nahrungsmittel, widerstandsfähige Früchte, auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Tiere. Wenn das jedoch so weitergeht, wird der Mensch irgendwann ein Wesen schaffen, das ihn unterwirft - den Hyper-Hybrid.
mindestens haltbar 10/2005
Jahrgang 01
Ausgabe 02
ISSN 1816-8159
Autor: HumanaryStew
Titel: Der Hyper-Hybrid
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