
Schweinefüße im Kräuterdampf
So ähnlich bin ich auch in den Hinterzimmern von New Yorks Chinatown gelandet. In diesem Fall darf man sogar das Klischee „immer der Nase nach“ bemühen, denn was mich zuerst von den Hauptstraßen und den Ständen mit gefälschten Prada-Handtaschen (eine sehr eigene Form von Paradies) in die engen Seitengassen gelockt hat, war der fremde Geruch. Und dann die fremde Sprache, denn Englisch hört man schon wenige Meter abseits der großen Straßen kaum noch.
In kleinen, dunklen Gemüseläden liegen Knollen, die ich noch nie gesehen habe und beim Schlachter ist das Schaufenster liebevoll dekoriert mit ganzen Schweinköpfen und Schweinepfoten, die wie ein Mobile von der Decke hängen und sanft im Wind eines Ventilators schaukeln. Dazu passend verkauft der Imbiß an der Ecke statt Burger etwas, das verdächtig nach fritierten Hühnerfüßen aussieht. Ich bestelle per Handzeichen von möglichst vielen Dingen ein bißchen und widme mich meinem liebsten Hobby: Gaumenreisen. Hier muß man unerschrocken zu Werke gehen, denn wer Angst hat und schwächelt, den kriegen früher oder später die professionellen Reiseveranstalter, stecken ihn in einen klimatisierten Bus und füttern ihn mit pappigen Sandwiches.
Nachdem die Hühnerfüße ihre letzte Reise angetreten haben, entdecke ich einen Laden, der aussieht wie eine Mischung aus Omas Apotheke und dem Traum einer jeden barfüßigen Kräuterhexe. An den Wänden stehen große Schränke mit kleinen Schubladen, die mit unbekannten Schriftzeichen versehen sind, und von der Decke hängen dicht an dicht getrocknete Kräuterbüschel. Dazwischen bewegt sich fast geräuschlos eine sehr alte Frau, die fast zwei Köpfe kleiner ist als ich. Als ich sie etwas frage, zeigt sie wortlos auf ein Schild am anderen Ende des Ladens: „English speakers must be accompanied by translator. The doctor will not speak English.“
Mir ist nicht klar, was genau der Doktor überhaupt tut und ob er kein Englisch sprechen kann oder bloß nicht will, aber mir ist sofort klar, was ich will. Einen Termin nämlich. Ich leide tatsächlich seit geraumer Zeit hin und wieder an mysteriösen Bauchschmerzen, vor allem aber an unstillbarer Neugier. Die alte Dame greift zum Telefon und kritzelt dann einen Termin für den nächsten Tag auf einen kleinen Zettel. Ich bedanke mich höflich bei ihrem Rücken.
Am nächsten Tag werde ich von meiner Übersetzerin empfangen, einer jungen Frau, die ganz offensichtlich höflich, aber kein Freund überflüssiger Worte ist. Wir warten schweigend, dann führt sie mich schließlich nach nebenan zu einem alten Mann, der ein paar Fragen stellt und mir dann tief in die Augen blickt. Er zerrt ein wenig an meinen Augenlidern, stellt noch zwei Fragen, murmelt zufrieden und drückt der Übersetzerin schließlich einen Zettel in die Hand. Den Zettel bekommt die alte Frau, die dann verschiedene Schubladen öffnet und diverse Kräuter in eine große Schale wirft. Zum Schluß füllt sie alles in einen Beutel und weist mich an, mehrmals täglich aus der staubig-krümeligen Mischung Tee zuzubereiten.
Ich bedanke mich, zahle und trage meinen Einkauf beglückt nach Hause. Der Freund, bei dem ich untergekommen bin, erklärt mich für verrückt und hält mir einen längeren Vortrag über eingebildete Bauchschmerzen, unerforschte Arzneimittel, mögliche Verunreinigung durch Schimmeltoxine und die Gefahren der Freihanddosierung. Ich koche derweil Wasser und setze meinen Tee an. Das fertige Produkt sondert gefährliche Dämpfe ab, die dem Freund die Nackenhaare kräuseln, und schmeckt, freundlich gesagt, extrem gewöhnungsbedürftig. Aber ich habe schließlich einen großen Beutel von der Kräutermischung und genug Zeit, mich daran zu gewöhnen.
Heute ist der Beutel leer und ich bin offensichtlich nicht zu Schaden gekommen. Ganz im Gegenteil, die Bauchschmerzen, egal ob nun eingebildet oder nicht, haben sich dauerhaft verabschiedet. Geblieben ist nur eine zerknitterte Visitenkarte des Kräuterdoktors und die Sehnsucht nach den Hinterzimmern dieser Welt.




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