
Gerührt, nicht geschüttelt
von Katharina „Lyssa“ Borchert
„Ach, wir waren halt eine wirklich gelungene Mischung“, sagte meine Oma immer, wenn ich sie gefragt habe, wie sie das so viele Jahre mit meinem Opa ausgehalten hat. Entschuldigt, das muß natürlich heißen, wenn ich sie nach dem Geheimnis ihrer glücklichen Ehe gefragt habe. Eine gute Mischung sind dann wohl auch meine Eltern, seit immerhin 34 Jahren glücklich verheiratet, die noch immer wie frisch Verliebte kichern, wenn sie sonntags morgens knutschend in der Küche stehen.
Ihr geschicktes Händchen bei der Partnerwahl haben sie leider nicht vererbt, zumindest nicht an ihre Tochter. Mir kam nach mehr oder weniger abenteuerlichen Experimenten mit teilweise ungenießbaren Mischungen schon gelegentlich der Verdacht, ich sollte womöglich solo durchs Leben segeln. Das wäre zumindest sowohl für mich als auch für meine Umwelt wesentlich nervenschonender. Ich denke da z.B. an die Episode mit dem Mann, dessen vielfältige Neurosen so wunderbar zu meinen zu passen schienen.
Wir lernten uns in einer schlechten Phase kennen, saßen nächtelang auf einem Steg an der Alster und verfütterten unsere Depressionen an die Enten. Wir zeigten Verständnis für all die kleinen, liebenswerten Eigenarten, die bei früheren Partnern im besten Fall für hochgezogene Augenbrauen gesorgt hatten. Meinetwegen konnte er gern das ganze Wochenende mit seinem Monsterjägerpullover herumlaufen, solange er auch die Monster unter meinem Bett vertrieb. Daß gegenseitige Unterstützung etwas anderes ist als die positive Verstärkung ungesunder Angewohnheiten merkte ich erst, als wir nur noch über unsere jeweiligen Stofftiere miteinander kommunizierten.
Der nächste Mann mußte natürlich ganz anders sein und war daher ... eine Frau. Das Prinzip der Mischung von zwei latent Verrückten wurde allerdings beibehalten und ging wieder grandios schief. Dem Wahnsinn ist es ganz egal, in welcher Art von Beziehung er wütet und welche Form die sekundären Geschlechtsmerkmale seiner Opfer haben. Nachdem ich mich mühsam wieder aufgerappelt und meine kläglichen Überreste neu zusammengesetzt hatte, probierte ich ganz ernsthaft eine andere Mischung.
Der Mann für den nächsten Versuch war grundsolide und damit zunächst eine erholsame Abwechslung. Er trank morgens genau eine Tasse Kaffee, schwarz mit zwei Stück Zucker, aß zwei Toast und ein Ei, mittelweich. Er besaß eine lederne Aktentasche, die er von seinem Opa geerbt hatte und einen zweiten Vornamen, ebenfalls vom Großvater geerbt, den er abgekürzt im Namen führte. A Punkt. Er besaß einen Mittelklassewagen und eine Ikea-Küche, war pünktlich, ordentlich und verläßlich. Beruflichen Erfolg bemaß er in Geld, partnerschaftliche Nähe in gemeinsam verbrachter Zeit. Er wollte von beidem möglichst viel und organisierte das eine ebenso methodisch wie das andere.
Wir taten uns nur kurzfristig gut. Auf Dauer brachte ich zuviel Unordnung in sein Leben, war eine wandelnde Unwägbarkeit, die einzige strukturschwache Zone in seinem heimischen Planquadrat. Nach jeder Nichterfüllung des Plansolls meinerseits zog er die Schrauben enger, plante minutiöser, beharrte auf noch mehr Wir und noch weniger Ich. Als sich die Symptome einer Zweisamkeitsüberdosis nicht länger guten Gewissens ignorieren ließen, flüchtete ich. Gerade noch rechtzeitig vor dem goldenen Schuß.
Sein Nachfolger war ebenfalls solide und verläßlich, brauchte aber mindestens so viel Freiraum wie ich. Jeder lebte sein eigenes Leben und gelegentlich fand man sich mal zusammen für ein Wochenende. Nähe funktionierte auch ganz ohne räumliches Miteinander, ein äußerst subjektives Konstrukt, durch das der Partner möglichst wenig behelligt wurde. Irgendwann lebten wir dann so gänzlich unbehelligt voneinander, daß sich das partnerschaftliche Mischungsverhältnis endgültig auf eine homöopathische Dosis verdünnt hatte. Bei D20 sollte man leise Adieu sagen.
Ich wußte zwar nach jedem Experiment wieder ein bißchen besser, was ich nicht wollte - nicht zuviel Irrsinn, aber bitte auch nicht ganz ohne, nicht zuviel Nähe, aber auch nicht den Großen Graben – doch was genau ich hinzufügen muß, damit die Mischung stimmt, ist mir bis heute ein Rätsel. Zum Glück keines, das mir schlaflose Nächte bereitet. Mir wird höchstens mal ein bißchen schwindelig beim Anrühren einer neuen Mixtur.
Ihr geschicktes Händchen bei der Partnerwahl haben sie leider nicht vererbt, zumindest nicht an ihre Tochter. Mir kam nach mehr oder weniger abenteuerlichen Experimenten mit teilweise ungenießbaren Mischungen schon gelegentlich der Verdacht, ich sollte womöglich solo durchs Leben segeln. Das wäre zumindest sowohl für mich als auch für meine Umwelt wesentlich nervenschonender. Ich denke da z.B. an die Episode mit dem Mann, dessen vielfältige Neurosen so wunderbar zu meinen zu passen schienen.
Wir lernten uns in einer schlechten Phase kennen, saßen nächtelang auf einem Steg an der Alster und verfütterten unsere Depressionen an die Enten. Wir zeigten Verständnis für all die kleinen, liebenswerten Eigenarten, die bei früheren Partnern im besten Fall für hochgezogene Augenbrauen gesorgt hatten. Meinetwegen konnte er gern das ganze Wochenende mit seinem Monsterjägerpullover herumlaufen, solange er auch die Monster unter meinem Bett vertrieb. Daß gegenseitige Unterstützung etwas anderes ist als die positive Verstärkung ungesunder Angewohnheiten merkte ich erst, als wir nur noch über unsere jeweiligen Stofftiere miteinander kommunizierten.
Der nächste Mann mußte natürlich ganz anders sein und war daher ... eine Frau. Das Prinzip der Mischung von zwei latent Verrückten wurde allerdings beibehalten und ging wieder grandios schief. Dem Wahnsinn ist es ganz egal, in welcher Art von Beziehung er wütet und welche Form die sekundären Geschlechtsmerkmale seiner Opfer haben. Nachdem ich mich mühsam wieder aufgerappelt und meine kläglichen Überreste neu zusammengesetzt hatte, probierte ich ganz ernsthaft eine andere Mischung.
Der Mann für den nächsten Versuch war grundsolide und damit zunächst eine erholsame Abwechslung. Er trank morgens genau eine Tasse Kaffee, schwarz mit zwei Stück Zucker, aß zwei Toast und ein Ei, mittelweich. Er besaß eine lederne Aktentasche, die er von seinem Opa geerbt hatte und einen zweiten Vornamen, ebenfalls vom Großvater geerbt, den er abgekürzt im Namen führte. A Punkt. Er besaß einen Mittelklassewagen und eine Ikea-Küche, war pünktlich, ordentlich und verläßlich. Beruflichen Erfolg bemaß er in Geld, partnerschaftliche Nähe in gemeinsam verbrachter Zeit. Er wollte von beidem möglichst viel und organisierte das eine ebenso methodisch wie das andere.
Wir taten uns nur kurzfristig gut. Auf Dauer brachte ich zuviel Unordnung in sein Leben, war eine wandelnde Unwägbarkeit, die einzige strukturschwache Zone in seinem heimischen Planquadrat. Nach jeder Nichterfüllung des Plansolls meinerseits zog er die Schrauben enger, plante minutiöser, beharrte auf noch mehr Wir und noch weniger Ich. Als sich die Symptome einer Zweisamkeitsüberdosis nicht länger guten Gewissens ignorieren ließen, flüchtete ich. Gerade noch rechtzeitig vor dem goldenen Schuß.
Sein Nachfolger war ebenfalls solide und verläßlich, brauchte aber mindestens so viel Freiraum wie ich. Jeder lebte sein eigenes Leben und gelegentlich fand man sich mal zusammen für ein Wochenende. Nähe funktionierte auch ganz ohne räumliches Miteinander, ein äußerst subjektives Konstrukt, durch das der Partner möglichst wenig behelligt wurde. Irgendwann lebten wir dann so gänzlich unbehelligt voneinander, daß sich das partnerschaftliche Mischungsverhältnis endgültig auf eine homöopathische Dosis verdünnt hatte. Bei D20 sollte man leise Adieu sagen.
Ich wußte zwar nach jedem Experiment wieder ein bißchen besser, was ich nicht wollte - nicht zuviel Irrsinn, aber bitte auch nicht ganz ohne, nicht zuviel Nähe, aber auch nicht den Großen Graben – doch was genau ich hinzufügen muß, damit die Mischung stimmt, ist mir bis heute ein Rätsel. Zum Glück keines, das mir schlaflose Nächte bereitet. Mir wird höchstens mal ein bißchen schwindelig beim Anrühren einer neuen Mixtur.




petra
am 17. Jan, 09:54