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Ride On

von Herr Poodle
Ein Blick in den Rückspiegel genügt. Jedenfalls dann, wenn Sie es gewagt haben, in Ihrem Kraftfahrzeug vor sich hin zu träumen. Eine durchaus nahe liegende Beschäftigung, schließlich war die Ampel vor kurzem noch rot. Wildes Hupen lässt Sie hochschrecken, im Rückspiegel erblicken Sie nach oben gereckte, hektisch rudernde Arme, dazwischen ein puterrotes, vor Wut verzerrtes Gesicht, der Mund stößt ganz offenkundig wenig Schmeichelhaftes aus. Auch wenn der Ton fehlt, erkennen Sie einen erledigten Fall, zerstört, jede Hoffnung wäre verfehlt. Zum veitstanzenden Monster geronnen wegen einer Verzögerung von wenigen Sekunden, ein kompletter Vollidiot eben. Nachdem Sie sich wieder in Gang gesetzt haben, reißt er bald ruckartig das Lenkrad nach links, zieht mit quietschenden Reifen an Ihnen vorbei, tippt sich dabei immer noch zeternd an die Stirn, prescht davon und rundet sein erschütterndes Erscheinungsbild damit anschaulich ab.

Ein Opfer urbaner Regeln, die im Wesentlichen verlangen, stets in Bewegung von einem Punkt A zu einem Punkt B zu sein. Punkt A ist zum Verharren ebenso ungeeignet wie jede Zwischenstation und der Weg muss so schnell als möglich bewältigt werden, etwaige Hindernisse sind zu überwinden, wenn nicht zu beseitigen, nichts dabei ist störender als falsche Rücksicht. Ein Anforderungsprofil also, das nur von Cowboys schadlos zu bewältigen ist, alle anderen werden verlässlich daran scheitern, soviel ist sicher.

Wenn Ihnen dabei betrunkene Hutträger vorschweben, die sinnlos in die Gegend ballern oder ältere Herren, die »Ich möcht’ so gern Dave Dudley hör‘n« singen, dann liegen Sie gründlich daneben, nein, das Cowboydasein ist in erster Linie einer Frage der Haltung. Geschossen wird dabei eher selten. Wer widerspenstige Rinderherden von Wichita nach Dodge City treiben muss, hat wirklich nicht die Zeit, sich über jede Bagatelle zu echauffieren, ohne ein gerütteltes Maß an Ignoranz würde sich das Vieh bald in alle Winde zerstreuen, geschossen wird nur, wenn die Belästigung eine äußerste ist. Beachten Sie bitte auch, dass dabei Regeln gelten, die echten Gentlemen würdig sind. Etwa beim überlieferten Duell zwischen Andrew Mullins und Duck Snowden im Jahr 1869: Snowden war von einigen ungenau placierten Treffern schon ziemlich lädiert, als Mullins plötzlich die Kugeln ausgingen. Großzügig erkärte sich Snowden bereit, das Duell zu unterbrechen, damit Mullins sich mit neuer Munition versorgen konnte. Der kam wenig später zurück und beförderte Snowden vollends ins Jenseits. Urteilen Sie selbst: Schrumpft der tobende Kraftfahrer nicht augenblicklich zum Zwerg angesichts solcher Größe?

Dass Verordnungen, Gesetze und allgemeine zivilisatorische Errungenschaften für das selbst verwaltete Wertegebäude des Cowboys ausreichenden Ersatz böten, glaubt nur, wer nicht zur Kenntnis nimmt, dass sich die Gerichte größtenteils mit Schwachsinnigen beschäftigen, die bereits an der exakten Höhe des nachbarschaftlichen Gartenzauns verzweifeln. Und hartnäckig wegsieht, wenn ein Pulk von Wartenden sich anschickt, in die U-Bahn einzusteigen und dabei jede Hemmung fallen lässt. Der Cowboy hingegen weiß, dass die Fähigkeit zum pragmatischen Arrangement der unabdingbare Schlüssel zu einem entspannten Dasein ist, in der ehemals rechtlosen Weite des Westens ebenso wie im urbanen Leben neuerer Prägung.

Was sich nicht zuletzt im Geschlechtlichen zeigt. In die Länge gezogene Balzrituale zu Beginn, wochen- und monatelange, zermürbende Beziehungsanalysen zum Ende hin, bevor sich die Kontrahenten – unter wechselseitigen Versicherungen, auf jeden Fall Freunde zu bleiben – endlich trennen, um anschließend schnurstracks den nächstgelegenen Singletreffpunkt anzusteuern, weil sie es keinen Tag alleine aushalten. Dem Cowboy reichen ein paar locker verteilte Komplimente, um das Herz einer Frau zu erobern. Fangen die Zicken erst an, knurrt er ein stoisches »Schätze, diese Stadt ist nicht groß genug für uns beide«, sattelt sein Pferd und reitet weiter. Nichts liegt ihm ferner, als einen Therapeuten zum Ausheulen aufzusuchen, er hat wahrlich Besseres zu tun, die Rinder scharren schließlich schon ungeduldig mit den Hufen.

Kraftfahrer, verzweifelte Nachbarn, U-Bahn-Fahrgäste und Liebende: sie alle wissen nur, dass sie möglichst zügig zum Punkt B gelangen müssen. Erreichen werden sie ihn letztlich nie, im Gegensatz zum Cowboy wissen sie das Wichtigste nämlich nicht: Punkt B liegt immer hinter dem Horizont, a long way from home. Und dort ist für Weicheier nun mal kein Platz, tut mir leid.
Es ist nicht leicht in den Ballungsräumen zu überleben. Cowboys zeigen, wie es möglich ist.
mindestens haltbar 10/2005
Jahrgang 01
Ausgabe 02
ISSN 1816-8159
Autor: Herr Poodle
Titel: Ride On
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am 15. Okt, 10:03

Wozu allerdings zu sagen wäre, daß zumidest die texanischen Cowboys von heute auch nicht mehr so richtig das Gelbe vom Ei darstellen. Gen-manipulierte Bohnen am Lagerfeuer zum Frühstück das frißt doch keiner gern! Aber eigentlich kein Wunder bei so einem Rancher, da sind mir manche Yankee-Farmer ja noch lieber. Die haben wenigstens ihren Claim abgesteckt, anstatt in Mexiko, Venezuela oder im Morgenland mit wildgewordenen Marshalls nach schwarzem Gold zu diggen wie der Georg dabbelju.

am 15. Okt, 11:45

Bester Herr Neo-Bazi, Sie werden jetzt aber nicht versuchen, mir die uncoole Bähmulle Bush als Cowboy anzudienen, nicht? Davon abgesehen, dass George aus New England stammt, einem Landstrich also, indem man mit abgespreiztem Gesellschaftsfinger Tee trinkt und Anekdoten vom Ur-Urgrußvater an abwärts erzählt, verschluckt sich ein Cowboy weder an Brezeln, noch rennt er jammernd in die Methodistenkirche, um sein Alkoholproblem zu bereuen. Der Mann ist vielleicht alles Mögliche, aber ganz sicher kein Cowboy.


am 15. Okt, 12:41

Raw, Herr Poodle. Sie treffen einen Nerv. Zeit, dass wieder Fasching wird, damit ich den Karstadt Stetson wieder spazieren führen darf und dem humorlosen Hyänenpack hier in Berlin zeigen kann, wo der Sportsfreund seine Sporen holt. Dazu ein paar Kölsch und Viva Kolonia und eine russische Piratin zur Partybraut. Schon bin ich am Punkt B. Point Blank, Point Burns, Point Of No Returns.

am 15. Okt, 17:38

Mein lieber Burny, ich habe das leise Gefühl, dass sie meine Ausführungen nicht vollumfänglich erfasst haben. Fasching, wenn ich das schon höre: dem wahren Cowboy ist der Alltag gefälligst Fasching genug. Mit dieser Einstellung kommen Sie nicht mal in die Nähe von Punkt B, ein Brummschädel wird alles sein, was Sie erreichen. Wenn Sie unbedingt zum Fasching müssen, dann setzen Sie doch eine Pappnase auf.


am 16. Okt, 21:28

Ach, Herr Puhdy. Ich kann doch ihre Ausführungen vollumfänglich umfassen und trotzdem ein bisschen albern dran vorbei kommentieren. Dieser Multitask bereitet mir keine Schwierigkeiten. Fühlen Sie sich also bitte nicht halbverstanden, sondern vielmehr als Force Majeur für meinen wirrwässrigen Gedankenstrom. Und in den Fasching, lieber Herr Puh, gehe ich entegegen ihres sachdienlichen Hinweises mit meinem Cowboyhut, die Pappnase steht eher den ernsthafteren Wortprokuristen. Ein fröhliches Howdy Gaudi zum Feierabend entschießt dem Burnsterschen Colt.


am 15. Okt, 21:08

Den Typus des chronisch unduldsamen Automobilisten, Herr Poodle,

haben Sie sehr anschaulich herausgearbeitet. Dazu möchte ich eine kleine Anekdote zum besten geben.

Aus mir nicht mehr erinnerlichen Gründen befuhr ich mit einem Kraftfahrzeug mittlerer Güte eine zu diesem Zeitpunkt von dichtem Verkehr geprägte Autobahn. Da ich mich in Eile befand, mühte ich mich, so schnell zu fahren, wie der Verkehr es nur zuließ. Ein zu diesem Behufe geplante Überholvorgang verzögerte sich, da sich vor dem meinen ein weiteres Fahrzeug auf dem linken Fahrstreifen befand, das seinerseits nicht auf die angestrebte Geschwindigkeit beschleunigen konnte, weil auch vor diesem noch weitere Kraftfahrer in ähnlicher Absicht unterwegs waren.

Mit deutlich höherer Geschwindigkeit näherte sich ein weiterer Wagen von hinten, der Anstalten machte, das von mir betriebene Vehekel rückseitig zu rammen. Als ich mich bereits geistig auf eine Kollision vorbereitete verlangsamte der Fahrer jedoch das Tempo und der Abstand vergrößerte sich deutlich auf etwa eineinhalb Meter, wudurch ich eines hecktischen Blinkens des Fernlichts im Rückspiegel gewahr wurde.

Wespengleich kam das rote Fahrzeug wieder näher und entfernte sich sogleich wieder, was sich mehrfach wiederholte. Da mir die Situation riskant erschien, hätte ich gerne den Fahrstreifen gewechselt, was sich aber angesichts des Wagens zu meiner Rechten als unmöglich darstellte.

Als sich rechts schließlich eine Lücke auftat steuerte ich sogleich in diese hinein, was dem bisherigen Hintermann ermöglichte, sein Automobil um 60 Meter weiter an meinen bisherigen Vordermann heran zu bewegen, was dem Abstand entspricht, den ich zuvor gehalten hatte, da er mir bei einer Geschwindikeit von 120 km/h als durchaus angemessen erschien.

Als das rote Fahrzeug meines passierte, blickte mir der Lenker mit grimmiger Mine und gerötetem Kopf feindseelig entgegen. Weil ich annahm, daß er nun zweifelsfrei die Sinnlosigkeit seines waghalsigen Manövers würde erkennen können, und um die angespannte Stimmung ein wenig durch eine fröhliche Geste aufzulockern, streckte ich ihm fröhlich meine Zunge entgegen. Das rote Automobil hüpfte darauf in ein einem plötzliche Satz nach links und verfehlte die Leitplanke nur knapp.

Nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätte ich anstelle dieser einfachen Lockerungsübung meine Zunge zum Sprechen verwenden können.

am 16. Okt, 12:27

Fein, Herr Passenger, dass auch Sie sich hier eingefunden haben, allmählich wird es richtig gemütlich. Die von Ihnen geschilderte Situation kenne ich nur zu gut, speziell auf der Autobahn, die meine mit Ihrer Stadt verbindet, gehört sie ab der Höhe Ulm zum Standardrepertoire. Unter den ganz Eiligen befinden sich übrigens auffällig viele BMWs mit Starnberger Kennzeichen, dabei dachte ich immer, dass Entspannung am Sarnberger See zu den ersten Bürgerpflichten zählt (vgl. hierzu »Seele baumeln lassen ...« u. ä.).

Eine – wenn auch etwas aufwendige – Lösung für den Umgang mit solchen verkrachten Existenzen habe ich vor einigen Jahren, einer spontanen Idee folgend, immerhin entdeckt. Aus Gründen, die hier nichts zur Sache tun, führte ich damals stets eine Videokamera mit mir, auch im Fahrzeug. Als ich eines Tages wieder einmal von einem Starnberger belästigt wurde, wies ich meine Beifahrerin an, sich die Videokamera zu greifen und gut sichtbar zum Rückfenster hinaus zu filmen. Was soll ich sagen: Die Miene des Verfolgers ließ auf eine akute Panikattacke schließen und der Abstand vervielfachte sich in Bruchteilen von Sekunden. Diese Übung haben wir während der Restfahrt noch einige Male wiederholt, und Sie ahnen gar nicht, wie unbehelligt eine Fahrt auf der Überholspur verlaufen kann.


am 16. Okt, 20:42

Was Starnberg betrifft, mein lieber Herr Poodle,

so lässt sich dieses Paradoxon des gestressten Erholungsgebietsbewohners leicht erklären.

Der Landkreis Starnberg wird längst nicht mehr von alteingesessenen Starbergern bewohnt. Die wenigen verbliebenen sind leicht an ihrem Fahrzeug zu erkennen, meist ein Modell von Güldner oder Fendt, manchmal auch John Deere.

Die überwiegende Mehrzahl der Einwohner haben der allgemeinen Akzelerationsidiotie folgend einfach ihren Wohnsitz dorthin verlegt, in der irrigen Annahme, so wären Alltag und Erholung gleichzeitig zu erledigen. Die Gleichzeitigkeit ist des Starnbergers mit Migrationshintergrund höchstes Ziel. So spricht er mit vollem Mund, raucht während des Stuhlgangs, und wahrscheinlich telefoniert er während des Geschlechtsverkehrs.