
Jammern perdu
von Casino
Immer wieder in einem Jahr verbringe so ich einige Stunden, wenn ich Glück habe: Tage mit ausschließlicher und dramatischer Nabelschau. Es wird allerdings zunehmend schwerer, diese Freiräume vor anderen Lebensteilnehmern zu verteidigen, die Welt will Gespräche, große Zusammenhänge, politische Auseinandersetzung, und die Freunde wollen Erklärungen, es bräuchte eine Instant-Nabelschau, eine lösliche, tragbare, in zufälligen Freizeiten auslebbare. Etwas Neues musste her.
Weil mir aber das ganze Gepule so lieb ist, war ich zunächst hoch erfreut, als ich vom deutschen Jammern hörte. Jammern schien mir ein wunderbarer Ersatz, es ist leicht zu lernen, relativ unkaputtbar, wetterunabhängig, und natürlich ist es publikumstauglich, es geht gar nicht richtig ohne Publikum, es ist also sogar kommunikativ. Hei, prima, dachte ich, da kannst du noch was lernen für deine Zukunft. In den Zeitungen stand: alle jammern, also dachte ich, egal wenn ich frage, jeder wird mich bejammern können. Ich wollte beginnen mit einer sehr, sehr traurigen Existenz, einem alten Herrn auf einem Rollstuhl, der hier in meiner Gegend immer in der Mitte der Strasse langsam und beharrlich dem Autoverkehr trotzt. Er hat ein gut durchblutetes Gesicht, weil er immer genügend Alkohol trinkt und viel in Bewegung ist.
Ein Hallo genügte, und ich bekam die schönste Suada, Start beim Wetter, direkter 3-Satz-Weg zu seinem leidvollen Lebensextrakt, der Mann hat es drauf. Er stellte keine Frage, ließ sich überhaupt von meiner Gegenwart wenig beirren, sondern jammerte inhaltlich und grammatikalisch ungebunden vor sich hin. Nach 10 gefühlten Minuten allerdings hielt er inne, sah mich zum ersten Mal an und sagte: Und deshalb haben Sie doch bestimmt einen Euro für mich, oder 2, Ihnen geht es doch gut, oder auch nur 50 Cent? Ich hatte also doch beim falschen Mann begonnen: Jammern mit Grund, das geht ja wohl gar nicht.
Also weiter, dachte ich. Aufgrund meines hohen Alters habe ich einen umfangreichen Freundeskreis, von dem es nur etwa 25% zu Reichtum gebracht hat, der Rest hat Projekte. Ich schuf für diese Restfreunde jeweils ein behagliches Umfeld mithilfe von Wein und Pasta und fragte gezielt auf die Sollbruchstellen zu: Wie ist dein Alter gesichert? Wollen wir mal zu Ana e Bruno, dem feinen Sterne-Italiener, gehen? Kommst du mit shoppen? Wann war dein letzter Lohn? Es klappte hervorragend, das Jammern, allerdings immer nur höchstens einen halben Satz lang, dann mussten die Leute lachen und es wurde sofort biographisch. Ich hörte richtige Geschichten, mit Zufällen, Entscheidungen, Gründen, offene Geschichten, die an jeder Gabelung auch anders hätten weitergehen können. Na, selber schuld, dachte ich, es war ja schon der Presse und auch der Wahlpropaganda zu entnehmen, dass das deutsche Jammern nicht nur vollkommen grundlos, sondern auch unabhängig von den Biographien sein sollte, und so war es auch: sobald die Biographien anfingen, hörte das Jammern auf. Beides zusammen ging nicht. Vielleicht hab ich da aber auch was falsch verstanden, egal, jedenfalls wollte ich nicht alle 75% meiner Freunde befragen, nicht nur wegen einem Hobby (Nabelschau vs. Jammern, Sie erinnern sich vielleicht), der Aufwand!
Na dann eine neue Richtung! Die mir bekannten Deutschen waren sehr enttäuschend, was den Jammerfaktor angeht, aber vielleicht musste ich meinen Horizont etwas erweitern. Genau! Ich hatte etwas übersehen in meiner versuchten Jammer-Exegese, es war ja ein Problem nicht der Deutschen, sondern Deutschlands, das sagte ja auch die Presse, und der Rau'sche Ruck sollte ja durchs Land gehen, nicht durch den Menschen. Meine letzte Hoffnung: die nichtdeutschen Freunde. Von denen waren allerdings 75% zu Geld gekommen, und der Rest war ausgewandert, also musste ich bei den Erfolgreichen nach dem J. suchen. Schwierig, oder? Aber ich wollte es wissen und stellte einfach andere Fangfragen: Und du willst wirklich keine Kinder? Wieviel rauchst du am Tag? Was machst du in deiner Freizeit?.
Nun, es lief haargenauso wie bei den anderen. Kein Jammern, nur ein Seufzen, und dann kommen die Geschichten, und ich habe im Laufe dieser Nachforschung wirklich Freude gehabt an diesen ganzen Geschichten , über Jobs, Männer, Frauen, Begegnungen und all die Gründe eines Lebens. Zum Jammern nimmt sich keiner Zeit. Wobei bei den Nichtdeutschen eine kleine Jammerecke stets benutzt wird: Wetter-, Sonnen-, Kleidungsjammern, die erscheint mir allerdings zu unergiebig für immer. Ich werde bei der Nabelschau bleiben müssen.
Weil mir aber das ganze Gepule so lieb ist, war ich zunächst hoch erfreut, als ich vom deutschen Jammern hörte. Jammern schien mir ein wunderbarer Ersatz, es ist leicht zu lernen, relativ unkaputtbar, wetterunabhängig, und natürlich ist es publikumstauglich, es geht gar nicht richtig ohne Publikum, es ist also sogar kommunikativ. Hei, prima, dachte ich, da kannst du noch was lernen für deine Zukunft. In den Zeitungen stand: alle jammern, also dachte ich, egal wenn ich frage, jeder wird mich bejammern können. Ich wollte beginnen mit einer sehr, sehr traurigen Existenz, einem alten Herrn auf einem Rollstuhl, der hier in meiner Gegend immer in der Mitte der Strasse langsam und beharrlich dem Autoverkehr trotzt. Er hat ein gut durchblutetes Gesicht, weil er immer genügend Alkohol trinkt und viel in Bewegung ist.
Ein Hallo genügte, und ich bekam die schönste Suada, Start beim Wetter, direkter 3-Satz-Weg zu seinem leidvollen Lebensextrakt, der Mann hat es drauf. Er stellte keine Frage, ließ sich überhaupt von meiner Gegenwart wenig beirren, sondern jammerte inhaltlich und grammatikalisch ungebunden vor sich hin. Nach 10 gefühlten Minuten allerdings hielt er inne, sah mich zum ersten Mal an und sagte: Und deshalb haben Sie doch bestimmt einen Euro für mich, oder 2, Ihnen geht es doch gut, oder auch nur 50 Cent? Ich hatte also doch beim falschen Mann begonnen: Jammern mit Grund, das geht ja wohl gar nicht.
Also weiter, dachte ich. Aufgrund meines hohen Alters habe ich einen umfangreichen Freundeskreis, von dem es nur etwa 25% zu Reichtum gebracht hat, der Rest hat Projekte. Ich schuf für diese Restfreunde jeweils ein behagliches Umfeld mithilfe von Wein und Pasta und fragte gezielt auf die Sollbruchstellen zu: Wie ist dein Alter gesichert? Wollen wir mal zu Ana e Bruno, dem feinen Sterne-Italiener, gehen? Kommst du mit shoppen? Wann war dein letzter Lohn? Es klappte hervorragend, das Jammern, allerdings immer nur höchstens einen halben Satz lang, dann mussten die Leute lachen und es wurde sofort biographisch. Ich hörte richtige Geschichten, mit Zufällen, Entscheidungen, Gründen, offene Geschichten, die an jeder Gabelung auch anders hätten weitergehen können. Na, selber schuld, dachte ich, es war ja schon der Presse und auch der Wahlpropaganda zu entnehmen, dass das deutsche Jammern nicht nur vollkommen grundlos, sondern auch unabhängig von den Biographien sein sollte, und so war es auch: sobald die Biographien anfingen, hörte das Jammern auf. Beides zusammen ging nicht. Vielleicht hab ich da aber auch was falsch verstanden, egal, jedenfalls wollte ich nicht alle 75% meiner Freunde befragen, nicht nur wegen einem Hobby (Nabelschau vs. Jammern, Sie erinnern sich vielleicht), der Aufwand!
Na dann eine neue Richtung! Die mir bekannten Deutschen waren sehr enttäuschend, was den Jammerfaktor angeht, aber vielleicht musste ich meinen Horizont etwas erweitern. Genau! Ich hatte etwas übersehen in meiner versuchten Jammer-Exegese, es war ja ein Problem nicht der Deutschen, sondern Deutschlands, das sagte ja auch die Presse, und der Rau'sche Ruck sollte ja durchs Land gehen, nicht durch den Menschen. Meine letzte Hoffnung: die nichtdeutschen Freunde. Von denen waren allerdings 75% zu Geld gekommen, und der Rest war ausgewandert, also musste ich bei den Erfolgreichen nach dem J. suchen. Schwierig, oder? Aber ich wollte es wissen und stellte einfach andere Fangfragen: Und du willst wirklich keine Kinder? Wieviel rauchst du am Tag? Was machst du in deiner Freizeit?.
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replica wathces
am 29. Jul, 09:24
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