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Das transatlantische Bündnis

von fukami
1974: ABBA gewinnt mit Waterloo den Grand Prix, in Deutschland sind Hits wie "Tränen lügen nicht" von Michael Holm oder Mirelle Mathieu mit "La Paloma ade" und in den Top Ten vertreten und in England feiert Barry White mit "You’re My First, My Last, My Everything" Erfolge. In den amerikanischen Billboard Charts des Jahres erreicht eine Band Platz 5 und hält diesen über mehrere Wochen, die einen für amerikanische Ohren sehr deutschen Namen trägt, nämlich Kraftwerk. Deren Platte "Autobahn" stellte in verschiedenerlei Hinsicht eine Besonderheit dar: Der Text ist deutsch, das Titelstück ist über 20 Minuten lang (das allerdings auf eine 3 Minuten-Singelauskopplung zusammengedampft wurde) und besingt ein Erbe Hitlers, dass im Jahr nach dem ersten schmerzhaften Ölpreisschock und dem Sonntagsfahrverbot wie weniges als Symbol für Deutschland steht (von Kuckucksuhren und Sauerkraut einmal abgesehen), aber auch für deutschen Größenwahn. Noch eine weitere, sehr wichtige Besonderheit ist zu vermerken: Das erste Mal in der Musikgeschichte hat es ein Stück in die Charts geschafft, das fast vollständig synthetisch erzeugt wurde und somit als erstes Werk der elektronischen Musik überhaupt gilt, zumindest was die breitere Hörerschaft anging. Die Musik klingt wie eine Absage an die bis dato existierende und dominierende anglo-amerikanische Kultur der 50er, 60er und 70er Jahre mit ihrem Blues und Rock. Die Single hält sich auf der Position über vier Monate, und danach gibt es niemanden in den USA mehr, der den Begriff "Autobahn" nicht schon Mal gehört hat und nicht weiß, was damit gemeint ist. Bemerkenswert ist zudem, dass Kraftwerk zu der Zeit in Deutschland selbst noch keinerlei nennenswerten Erfolg hatten.

1981: Der Discoboom mit all den modischen und musikalischen Peinlichkeiten hatte zum Glück seinen Zenit längst überschritten. Punk war mittlerweile eine etablierte Protestform, Industrial bzw. EBM war am Erblühen und mit Hip Hop, Rap und Graffiti entstand eine gelebte Kultur der Strasse, die anfänglich alles andere als eine modeorientierte und gut vermarktete Erscheinung war. Die allerersten Computer machten langsam ihren Weg in die Wohnzimmer, und wieder war es eine Platte von Kraftwerk, nämlich Computer Welt, die als visionär zu bezeichnende Aussagen traf über weltweite Netzwerke, Datenbanken und Cybersex. 1981 war auch das Jahr, in dem sich Juan Atkins mit Rick Davis in Detroit zu dem Projekt "Cybotron" zusammen schlossen und anfingen ihre offensichtlich durch Kraftwerk und Parliament beeinflussten Sound zu produzieren. Sie hatten nur ein Jahr später mit "Clear" einen der ersten Detroit Elektro Hits und erschufen so die Grundlage für eine vollkommen neue Art von Musik. Techno war demnach also ein Kind aus jener Mischung spröden Kling-Klangs und funkigen Basslines.

1994: Jahre zuvor tauchten aus den Tiefen des schwarzen Atlantik die Drexciyaner auf und erzählten von ihrer Welt der Lardossans, Darthouven Fish Men und Mutant Gillmen. Wie ein paar Jahre später im Innersleeve der Compilation "The Quest" dokumentiert sind die Drexciyaner die Nachkommen der von Bord der Sklavenschiffe geworfenen schwangeren afrikanischen Frauen. Deren Foeten wurden im Wasser geboren und waren so in der Lage, ohne Luft zu existieren. Diese Fiktion, die sich teilweise schon bei Sun Ra oder Parliament findet, bereiteten die Grundlage für eine totale Begriffserneuerung des elektronischen Sounds: Wasser, Wellen, Druck, Luftblasen, Harpunengeräusche - das war die akustische Bildsprache, die Kraftwerks Aussagen von Autos, Computern und realen und irrealen Cyberwelten um etwas erweiterte, ja, ihr sogar etwas entgegensetzte. War Kraftwerk eher unpolitisch und ihr Technikverständnis wertfrei, so verstanden Drexciya fiktionale Technik wie Antivapor Waves, Aquatic Bata Particles und Intensified Magnetrons als Ausdruck in einem ewigen Krieg ohne Waffen. Im Kern war die Mythologie Gefühlsausdruck des Fremdseins - schwarze Aliens an einem fremden Ort fern der Heimat, die weder ihre Geschichte noch ihre Zukunft wirklich beherrschen. Damit trafen sie einen Nerv, den Kodwo Eshun einmal überaus treffend schilderte als "Du bist der Alien, den du suchst". 1994 veröffentlichten Drexciya ein Stück, dass sie an Anlehnung an Kraftwerk "Aquabahn" nannten, und dass die Verschiebung dokumentiert: Keine vorbeifahrenden Autos auf geebneter Strecke, sondern pumpende Beats, wasserartige Geräusche und Groove, der dem Körper keine andere Wahl lässt als sich dazu zu bewegen. Und spätestens mit dieser Veröffentlichung legten sie den Grundstein für einen Sound, der sich immer noch weiterentwickelt und auf beiden Seiten des Atlantiks sicher noch Generationen von Musikmachern und -hörern in den Bann ziehen und beeinflussen wird.
Eine kurze Geschichte der elektronischen Musik. Gibt es wirklich menschliche Wesen, die im Wasser atmen können?
mindestens haltbar 10/2005
Jahrgang 01
Ausgabe 02
ISSN 1816-8159
Autor: fukami
Titel: Das transatlantische Bündnis
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am 13. Okt, 20:48

ich wollte dieses thema mal in der schule zum musikunterricht mit einem vortrag behandeln, musste aber wegen dem gefährlichen halbwissen auf ein anderes Thema umschwenken;-) was ich noch sagen wollte, die cover von einigen Platten geben auch einigen aufschluss über die vorstellung der im wasser lebenden wesen, weiss nich warum aber irgendwie find ich das voll spannend, wahscheinlich weil die musik so deep ist.