
Das transatlantische Bündnis
1981: Der Discoboom mit all den modischen und musikalischen Peinlichkeiten hatte zum Glück seinen Zenit längst überschritten. Punk war mittlerweile eine etablierte Protestform, Industrial bzw. EBM war am Erblühen und mit Hip Hop, Rap und Graffiti entstand eine gelebte Kultur der Strasse, die anfänglich alles andere als eine modeorientierte und gut vermarktete Erscheinung war. Die allerersten Computer machten langsam ihren Weg in die Wohnzimmer, und wieder war es eine Platte von Kraftwerk, nämlich Computer Welt, die als visionär zu bezeichnende Aussagen traf über weltweite Netzwerke, Datenbanken und Cybersex. 1981 war auch das Jahr, in dem sich Juan Atkins mit Rick Davis in Detroit zu dem Projekt "Cybotron" zusammen schlossen und anfingen ihre offensichtlich durch Kraftwerk und Parliament beeinflussten Sound zu produzieren. Sie hatten nur ein Jahr später mit "Clear" einen der ersten Detroit Elektro Hits und erschufen so die Grundlage für eine vollkommen neue Art von Musik. Techno war demnach also ein Kind aus jener Mischung spröden Kling-Klangs und funkigen Basslines.
1994: Jahre zuvor tauchten aus den Tiefen des schwarzen Atlantik die Drexciyaner auf und erzählten von ihrer Welt der Lardossans, Darthouven Fish Men und Mutant Gillmen. Wie ein paar Jahre später im Innersleeve der Compilation "The Quest" dokumentiert sind die Drexciyaner die Nachkommen der von Bord der Sklavenschiffe geworfenen schwangeren afrikanischen Frauen. Deren Foeten wurden im Wasser geboren und waren so in der Lage, ohne Luft zu existieren. Diese Fiktion, die sich teilweise schon bei Sun Ra oder Parliament findet, bereiteten die Grundlage für eine totale Begriffserneuerung des elektronischen Sounds: Wasser, Wellen, Druck, Luftblasen, Harpunengeräusche - das war die akustische Bildsprache, die Kraftwerks Aussagen von Autos, Computern und realen und irrealen Cyberwelten um etwas erweiterte, ja, ihr sogar etwas entgegensetzte. War Kraftwerk eher unpolitisch und ihr Technikverständnis wertfrei, so verstanden Drexciya fiktionale Technik wie Antivapor Waves, Aquatic Bata Particles und Intensified Magnetrons als Ausdruck in einem ewigen Krieg ohne Waffen. Im Kern war die Mythologie Gefühlsausdruck des Fremdseins - schwarze Aliens an einem fremden Ort fern der Heimat, die weder ihre Geschichte noch ihre Zukunft wirklich beherrschen. Damit trafen sie einen Nerv, den Kodwo Eshun einmal überaus treffend schilderte als "Du bist der Alien, den du suchst". 1994 veröffentlichten Drexciya ein Stück, dass sie an Anlehnung an Kraftwerk "Aquabahn" nannten, und dass die Verschiebung dokumentiert: Keine vorbeifahrenden Autos auf geebneter Strecke, sondern pumpende Beats, wasserartige Geräusche und Groove, der dem Körper keine andere Wahl lässt als sich dazu zu bewegen. Und spätestens mit dieser Veröffentlichung legten sie den Grundstein für einen Sound, der sich immer noch weiterentwickelt und auf beiden Seiten des Atlantiks sicher noch Generationen von Musikmachern und -hörern in den Bann ziehen und beeinflussen wird.


twoday.net:mogreens
am 13. Okt, 20:48