am 17. Sep, 11:44

augustinus sagt: "Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; wenn ich es jemandem auf seine Frage hin erklären soll, weiß ich es nicht." (Bekenntnisse, Elftes Buch)
für mich wird der fehler im umgang mit der zeit am deutlichsten, wenn ich mindestens ein paar tage in der natur, ohne maschinenlärm, medieninput und arbeitgeber war - und dann in die stadt zurückkomme. die lebensgeschwindiglkeit ist eine andere, eine aufgezwungene und viel zu rasche: sie entspricht nicht den zeitzyklen des organischen lebens.
diese andere zeitvorgabe hetzt uns ständig durch den tag, so wie wir auch immer maschinenlärm und medialem getöse ausgesetzt sind. das verhindert ein bewußtes wahrnehmen; was wir sehen, ist immer mehr die funktionsstruktur unseres gehirns auf die außenwelt projeziert, bzw. projezieren wir kybernetische modelle, und wir beschleunigen dadurch stetig unseren alltag, fast nicht merklich. das macht uns krank, erst psychisch, dann physisch. das kollektiv einer stadgesellschaft multipliziert diese effekte noch, und gleichzeitig verliert man das gefühl der eigenverantwortung, wohl auch, weil man vielen kybernetischen parametern ausgeliefert scheint, auf sie keinen einfluß mehr hat, weil sie durch das kollektiv bestimmt werden; die idee der "borg" im star-trek-universum ist gar nicht so an den haaren herbeigezogen. das individumm flieht, um auch diesem ohnmachtsgefühl, um der qual einer fehlenden identität zu entkommen, in eine kollektive identität. das ist an sich nichts neues, aber in dieser form und mit diesen (technischen) möglichkeiten wird das phänomen doch sehr anders aufgewärmt. mit anderen folgen.

das macht schon angst, das nimmt hoffnung. sich etwa als letzte konsequenz aufzuknüpfen, wie der wilde in huxleys "brave new world", ist noch immer kein gangbarer weg, aber er wird immer nachvollziehbarer für mich.
wir hängen fest im geschirr. und arbeiten an unserer versklavung mit großer kranft selbst mit.
ist widerstand zweckos?
das zeitgefühl ist jedenfalls ein zuverlässiger indikator für unseren erkrankungsgrad: anfangs ist es ein alarmsignal, wenn man sich dabei ertappt, "keine zeit" für etwas zu haben, sofern es nicht eine ausrede ist um einem unangenehmen oder ungewollten termin/treffen zu entgehen. dann bekommt alles mehr und mehr eigendynamik, und wir haben wirklich keine zeit mehr, rennen ihr hinterher.
und die zeit vergeht immer rascher. wir werden alt und sterben, wie woody allen im "stadtneurotiker" treffend sagt.
ist widerstand zwecklos?




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