
Danke, du kannst dich wieder anziehen!
von Melanie Müller
Es ist die bürgerliche Klischeevorstellung vom modernen Bühnenstück: alle schreien hysterisch durcheinander, es geht um „shoppen und ficken“, wird kettengeraucht und – selbstverständlich – sind alle nackt. Nun, diesem Klischee soll hier nicht der Boden bereitet werden. Und dennoch stellt sich auch mir die Frage: Warum nur kommt kaum eine zeitgenössische Inszenierung ohne nackte Tatsachen aus? Handelt es sich dabei wirklich um dramaturgische Notwendigkeiten oder geht es schlicht darum, Aufmerksamkeit zu erregen und das gediegene Theaterpublikum zu schockieren? Gibt man sich so besonders modern? Soll der Voyeurismus des Publikums oder gar des Regisseurs befriedigt werden? Oder geht es – viel banaler – nur um verkaufte Theaterkarten? Sex sells bekanntlicherweise.
Nacktheit auf der Bühne war zweifelsohne ein wichtiger emanzipatorischer Schritt – irgendwo zwischen den 60ern und heute. Dennoch zweifle ich an der Befreiung der Körper durch ihre Entblößung. Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass es – zumindest wenn es um weibliche Figuren geht - selten Körper abseits des Schönheitsideals sind, die wir da zu Gesicht bekommen. Ist schauspielerisches Talent wirklich eine Frage des guten Aussehens? Ist die Natur so ungerecht, den Schönen auch noch die Begabung draufzupacken? Haben sie am lautesten „Hier!“ gerufen?? Sicherlich nicht. Aber gut, warum sollte es beim Theater anders zugehen als im echten Leben… Gerade dort, wo Exhibitionisten und Voyeure sich zum gemeinsamen Showdown treffen, muss es eine Rolle spielen, was man nun mal lieber und weniger gerne ansieht („Der Zuschauer zahlt und ist genau für diesen Exhibitionismus anwesend, deshalb sitzt er auch im Dunkeln“, Einar Schleef). Doch wenn sich schöne Menschen auf der Bühne die Kleider vom Leibe reißen – mal ehrlich: wer kann sich da noch auf den Text konzentrieren? Und sollten nicht gerade im Theater - dem Ort der kritischen Reflexion (zumindest sollte es das sein) - Schönheitsideale, Normen und Klischees in Frage gestellt werden?
Aber bleiben wir bei der Nippel-Frage. Wie oft muss Nacktheit wirklich sein? Wie oft gibt es relevante Gründe für das Ablegen der Oberbekleidung? Zweifelsohne gibt es solche. Nacktheit ist – auch in der „Oversexed“-Gesellschaft, in der einem von jeder Straßenecke nackte Brüste angrinsen – nicht ohne Bedeutung. Gefühle wie Scham sind trotz (oder gerade wegen) exzessiver Körperkultur nicht obsolet geworden. Und „nackt live“ fühlt sich nun mal anders an, als wenn sich ein Medium, eine Linse zwischen Betrachter und Betrachteten schiebt - auch wenn sie dies unbemerkt zu tun versucht.
Nacktheit bedeutet also noch immer Intimität. Und wo diese Intimität, die Verletzlichkeit des hüllenlosen menschlichen Körpers, das Archaische, Animalische oder schlicht purer Sex eine Rolle spielen, dort mag es an der Zeit sein, sich zu entblößen. Hier kann Nacktheit einer schlüssigen Inszenierung dienen – und nicht umgekehrt. Eindringliche Beispiele dafür findet man vor allem im Bereich des Tanztheaters, wo die Sprache hinter den Körper zurücktritt und einzig die Faszination der körperlichen Präsenz wirkt.
Doch eine Frage bleibt darüber hinaus bestehen: Ist Nacktheit im Namen der Kunst überhaupt legitim? Ist eine nackte Frau auf der Bühne etwas anderes als eine nackte Frau im „realen“ Leben, auf einer Plakatwand, in einem Männermagazin? Ist es besser, sich „im Namen der Kunst“ auszuziehen als für Geld oder geile Männer? Oder bleibt nackt nicht schlicht nackt?
Beobachtet man das aktuelle Geschehen im Sprechtheater genauer, könnte man davon ausgehen, dass das Sich-Nackig-machen auf der Bühne schon längst passé ist und mit wirklich zeitgenössischem Theater nur noch wenig zu tun hat. Mittlerweile ist es wahrscheinlicher im Rahmen des klassischen Repräsentationstheaters – das sich eine moderne Aura verleihen will – auf nackte Brüste und freigelegte Männlichkeit zu treffen als in wirklich progressiven Arbeiten. Im Zeitalter des postdramatischen Theaters, das stark durch Selbstreflexivität geprägt ist, macht man sich Gedanken darüber, was es heißt, sich für die Kunst auszuziehen bzw. andere sich ausziehen zu lassen. Wo die Allmacht des Regisseurs über den Schauspieler, die Produktionsbedingungen von Theater in Frage gestellt werden, gar von „Ausbeutung (durch den Regisseur) und Selbstausbeutung“ (René Pollesch) die Rede ist, muss mit Nacktheit verantwortungsvoll und sensibel umgegangen werden. Ihre Relevanz wird offen in Frage gestellt. Reflexion statt Repräsentation wird gefordert: „Wir müssen uns nicht ausziehen, um Sexismus zu kritisieren - wir reden darüber." (René Pollesch in „Stadt als Beute“).
Gut, an dieser Stelle landet man zwangsläufig bei der Gretchenfrage des zeitgenössischen Theaterdiskurses: Repräsentationstheater – gut oder böse? Mimesis – ja oder nein? Hat das „darstellende“ Theater wirklich ausgedient? Es ist legitim, dass jeder für diese Frage seine persönliche Antwort findet. Und genauso persönlich ist wohl auch die Antwort auf die Frage, wie oft man nackte Körper auf der Bühne sehen will und in wie weit man dies für eine Inszenierung angemessen hält. Es bleibt eine Entscheidung von Fall zu Fall. Der Kontext entscheidet jedes Mal anders. Der Umgang mit Körperlichkeit ist jedenfalls zu einem zentralen Thema zeitgenössischen Theaters geworden und gehört zweifelsohne zu den spannendsten Aufgaben neuer, innovativer Inszenierungsformen.
Meine Antwort auf die Nippel-Frage lautet: Danke, ihr könnt euch wieder anziehen! Und vielleicht könnten Regisseure und Schauspieler künftig einmal mehr darüber nachdenken, ob nackte Haut für eine gelungene Inszenierung wirklich erforderlich ist. Beide sollten sich über die Bedeutungsebenen von Nacktheit und ihre Verantwortung im Umgang damit im Klaren sein. Oft wären mir allerdings gut durchdachte, kreative Kostüme sehr viel lieber. Und das würde bestimmt nicht nur mich freuen, sondern auch den einen oder anderen Kostümbildner.
Bitte. Danke.
Nacktheit auf der Bühne war zweifelsohne ein wichtiger emanzipatorischer Schritt – irgendwo zwischen den 60ern und heute. Dennoch zweifle ich an der Befreiung der Körper durch ihre Entblößung. Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass es – zumindest wenn es um weibliche Figuren geht - selten Körper abseits des Schönheitsideals sind, die wir da zu Gesicht bekommen. Ist schauspielerisches Talent wirklich eine Frage des guten Aussehens? Ist die Natur so ungerecht, den Schönen auch noch die Begabung draufzupacken? Haben sie am lautesten „Hier!“ gerufen?? Sicherlich nicht. Aber gut, warum sollte es beim Theater anders zugehen als im echten Leben… Gerade dort, wo Exhibitionisten und Voyeure sich zum gemeinsamen Showdown treffen, muss es eine Rolle spielen, was man nun mal lieber und weniger gerne ansieht („Der Zuschauer zahlt und ist genau für diesen Exhibitionismus anwesend, deshalb sitzt er auch im Dunkeln“, Einar Schleef). Doch wenn sich schöne Menschen auf der Bühne die Kleider vom Leibe reißen – mal ehrlich: wer kann sich da noch auf den Text konzentrieren? Und sollten nicht gerade im Theater - dem Ort der kritischen Reflexion (zumindest sollte es das sein) - Schönheitsideale, Normen und Klischees in Frage gestellt werden?
Aber bleiben wir bei der Nippel-Frage. Wie oft muss Nacktheit wirklich sein? Wie oft gibt es relevante Gründe für das Ablegen der Oberbekleidung? Zweifelsohne gibt es solche. Nacktheit ist – auch in der „Oversexed“-Gesellschaft, in der einem von jeder Straßenecke nackte Brüste angrinsen – nicht ohne Bedeutung. Gefühle wie Scham sind trotz (oder gerade wegen) exzessiver Körperkultur nicht obsolet geworden. Und „nackt live“ fühlt sich nun mal anders an, als wenn sich ein Medium, eine Linse zwischen Betrachter und Betrachteten schiebt - auch wenn sie dies unbemerkt zu tun versucht.
Nacktheit bedeutet also noch immer Intimität. Und wo diese Intimität, die Verletzlichkeit des hüllenlosen menschlichen Körpers, das Archaische, Animalische oder schlicht purer Sex eine Rolle spielen, dort mag es an der Zeit sein, sich zu entblößen. Hier kann Nacktheit einer schlüssigen Inszenierung dienen – und nicht umgekehrt. Eindringliche Beispiele dafür findet man vor allem im Bereich des Tanztheaters, wo die Sprache hinter den Körper zurücktritt und einzig die Faszination der körperlichen Präsenz wirkt.
Doch eine Frage bleibt darüber hinaus bestehen: Ist Nacktheit im Namen der Kunst überhaupt legitim? Ist eine nackte Frau auf der Bühne etwas anderes als eine nackte Frau im „realen“ Leben, auf einer Plakatwand, in einem Männermagazin? Ist es besser, sich „im Namen der Kunst“ auszuziehen als für Geld oder geile Männer? Oder bleibt nackt nicht schlicht nackt?
Beobachtet man das aktuelle Geschehen im Sprechtheater genauer, könnte man davon ausgehen, dass das Sich-Nackig-machen auf der Bühne schon längst passé ist und mit wirklich zeitgenössischem Theater nur noch wenig zu tun hat. Mittlerweile ist es wahrscheinlicher im Rahmen des klassischen Repräsentationstheaters – das sich eine moderne Aura verleihen will – auf nackte Brüste und freigelegte Männlichkeit zu treffen als in wirklich progressiven Arbeiten. Im Zeitalter des postdramatischen Theaters, das stark durch Selbstreflexivität geprägt ist, macht man sich Gedanken darüber, was es heißt, sich für die Kunst auszuziehen bzw. andere sich ausziehen zu lassen. Wo die Allmacht des Regisseurs über den Schauspieler, die Produktionsbedingungen von Theater in Frage gestellt werden, gar von „Ausbeutung (durch den Regisseur) und Selbstausbeutung“ (René Pollesch) die Rede ist, muss mit Nacktheit verantwortungsvoll und sensibel umgegangen werden. Ihre Relevanz wird offen in Frage gestellt. Reflexion statt Repräsentation wird gefordert: „Wir müssen uns nicht ausziehen, um Sexismus zu kritisieren - wir reden darüber." (René Pollesch in „Stadt als Beute“).
Gut, an dieser Stelle landet man zwangsläufig bei der Gretchenfrage des zeitgenössischen Theaterdiskurses: Repräsentationstheater – gut oder böse? Mimesis – ja oder nein? Hat das „darstellende“ Theater wirklich ausgedient? Es ist legitim, dass jeder für diese Frage seine persönliche Antwort findet. Und genauso persönlich ist wohl auch die Antwort auf die Frage, wie oft man nackte Körper auf der Bühne sehen will und in wie weit man dies für eine Inszenierung angemessen hält. Es bleibt eine Entscheidung von Fall zu Fall. Der Kontext entscheidet jedes Mal anders. Der Umgang mit Körperlichkeit ist jedenfalls zu einem zentralen Thema zeitgenössischen Theaters geworden und gehört zweifelsohne zu den spannendsten Aufgaben neuer, innovativer Inszenierungsformen.
Meine Antwort auf die Nippel-Frage lautet: Danke, ihr könnt euch wieder anziehen! Und vielleicht könnten Regisseure und Schauspieler künftig einmal mehr darüber nachdenken, ob nackte Haut für eine gelungene Inszenierung wirklich erforderlich ist. Beide sollten sich über die Bedeutungsebenen von Nacktheit und ihre Verantwortung im Umgang damit im Klaren sein. Oft wären mir allerdings gut durchdachte, kreative Kostüme sehr viel lieber. Und das würde bestimmt nicht nur mich freuen, sondern auch den einen oder anderen Kostümbildner.
Bitte. Danke.
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