
Haben wir eine Wahl?
von Der Baron
Dieser Herbst ermöglicht es mir, wieder einmal von einem meiner demokratischen Rechte Gebrauch zu machen, denn ich darf eine politische Partei wählen, die meine Sorgen ernst nimmt und diese daher im Plenum, in Unterausschüssen und Arbeitsgruppen zerreden wird.
Verantwortungsbewußt werde ich also an einem nebeligen Sonntagmorgen im Herbst die zweckentfremdete Volksschule ums Eck aufsuchen. Ich werde mich erneut darüber amüsieren, daß die Wahlhelfer auf viel zu kleinen Tischen ihren Dienst versehen müssen, was dazu führt, daß deren Beine die skurrilsten Positionen einnehmen. Und ich werde mich mit Wahlzettel und Kuvert ausgerüstet in eine der häßlichen braunen Wahlkabinen begeben, um mein Kreuz an der Stelle zu machen, die mir in diesem Sekundenbruchteil als die gerade richtige erscheint. Mit einem theatralisch-stolzerfüllten Rundblick, der seitens der Wahlhelfer nicht einmal ignoriert werden wird, werde ich mein Kuvert in die Wahlurne stecken, mich danach in meine wohlig-warme Wohnung zurückziehen und den ersten Hochrechnungen entgegenfiebern.
Was ich mich während des Betrachtens der Hochrechnungen allerdings jedes mal frage, ist: Hätte sich an der gerade stattfindenden TV-Sendung auch nur irgendetwas geändert, wäre ich nicht wählen gewesen? Hätten die Ergebnisse zumindest an der 30. Nachkommastelle anders ausgesehen, wenn ich beschlossen hätte, den Sonntag im Bett zu verbringen und die Politik Politik sein zu lassen? Das ist der Moment, in dem ich mir ruhigen Gewissens ein über meinen eigentlichen Durst hinausgehendes Glas Wein spendiere, denn die Antwort ist ernüchternd. Sie lautet: Nein.
Meine Stimme geht unter Millionen anderer Stimmen einfach unter und hat keinerlei Einfluß auf das Wahlergebnis. Mehr noch: Es ist völlig egal, welcher Partei ich meine Stimme geschenkt hätte, das Stimmenverhältnis hätte sich um keinen Millimeter verschoben.
Das führt zu dem Paradoxon, daß wir zwar heuer wieder einige Wahlen haben und ich die Wahl habe, mit dem Stimmzettel anzustellen was ich will, ich jedoch nicht die Wahl habe, zu entscheiden, wer mich für die nächsten Jahre an maßgeblicher Stelle vertreten soll. Wir haben also eine Wahl aber ausgerechnet ich nicht. Das ist nicht fair.
Schnitt. Wenn es egal ist was ich auf dem Stimmzettel ankreuze, könnte ich doch eigentlich genausogut nach dem Zufallsprinzip vorgehen. Und wenn das schon bei mir egal ist, dann wäre das bei meinem Nachbarn genauso egal. Bei meiner Arbeitskollegin auch, ebenso wie bei meinem Bruder, meiner Mutter, meinem besten Freund oder meinem Friseur.
Erst wenn genug Wähler einfach irgendetwas ankreuzen, ist es nicht mehr egal. Und wenn alle Wahlberechtigten so vorgehen, dann wird es so richtig interessant. Machen Sie auch mit? Das Ergebnis ist doch eh egal, oder?
Verantwortungsbewußt werde ich also an einem nebeligen Sonntagmorgen im Herbst die zweckentfremdete Volksschule ums Eck aufsuchen. Ich werde mich erneut darüber amüsieren, daß die Wahlhelfer auf viel zu kleinen Tischen ihren Dienst versehen müssen, was dazu führt, daß deren Beine die skurrilsten Positionen einnehmen. Und ich werde mich mit Wahlzettel und Kuvert ausgerüstet in eine der häßlichen braunen Wahlkabinen begeben, um mein Kreuz an der Stelle zu machen, die mir in diesem Sekundenbruchteil als die gerade richtige erscheint. Mit einem theatralisch-stolzerfüllten Rundblick, der seitens der Wahlhelfer nicht einmal ignoriert werden wird, werde ich mein Kuvert in die Wahlurne stecken, mich danach in meine wohlig-warme Wohnung zurückziehen und den ersten Hochrechnungen entgegenfiebern.
Was ich mich während des Betrachtens der Hochrechnungen allerdings jedes mal frage, ist: Hätte sich an der gerade stattfindenden TV-Sendung auch nur irgendetwas geändert, wäre ich nicht wählen gewesen? Hätten die Ergebnisse zumindest an der 30. Nachkommastelle anders ausgesehen, wenn ich beschlossen hätte, den Sonntag im Bett zu verbringen und die Politik Politik sein zu lassen? Das ist der Moment, in dem ich mir ruhigen Gewissens ein über meinen eigentlichen Durst hinausgehendes Glas Wein spendiere, denn die Antwort ist ernüchternd. Sie lautet: Nein.
Meine Stimme geht unter Millionen anderer Stimmen einfach unter und hat keinerlei Einfluß auf das Wahlergebnis. Mehr noch: Es ist völlig egal, welcher Partei ich meine Stimme geschenkt hätte, das Stimmenverhältnis hätte sich um keinen Millimeter verschoben.
Das führt zu dem Paradoxon, daß wir zwar heuer wieder einige Wahlen haben und ich die Wahl habe, mit dem Stimmzettel anzustellen was ich will, ich jedoch nicht die Wahl habe, zu entscheiden, wer mich für die nächsten Jahre an maßgeblicher Stelle vertreten soll. Wir haben also eine Wahl aber ausgerechnet ich nicht. Das ist nicht fair.
Schnitt. Wenn es egal ist was ich auf dem Stimmzettel ankreuze, könnte ich doch eigentlich genausogut nach dem Zufallsprinzip vorgehen. Und wenn das schon bei mir egal ist, dann wäre das bei meinem Nachbarn genauso egal. Bei meiner Arbeitskollegin auch, ebenso wie bei meinem Bruder, meiner Mutter, meinem besten Freund oder meinem Friseur.
Erst wenn genug Wähler einfach irgendetwas ankreuzen, ist es nicht mehr egal. Und wenn alle Wahlberechtigten so vorgehen, dann wird es so richtig interessant. Machen Sie auch mit? Das Ergebnis ist doch eh egal, oder?


twoday.net:palmendieb
am 17. Sep, 19:55
http://www.surfpoeten.de/wahlhilfe/wahlcomputer_faq.htm
ab 21 parteien scheitern alle an der 5%-Hürde.
am 18. Sep, 11:53
Daß bei einem Wählen nach dem Zufallsprinzip statistisch gesehen eine gleichmäßige Stimmaufteilung auf alle Parteien herauskommen müßte, stimmt. Es müßte also bei einem Antreten von 4 Parteien jede 25 Prozent der Stimmen erhalten.
"Egal" bezieht sich hier auf die derzeitige Parteienlandschaft, ein Blick auf die Ähnlichkeit der Parteiprogramme und der handelnden Personen und ist natürlich eine polemische Formulierung.