Foto von Bernhard Pfaffeneder

Im Ring: Klima gegen AIDS

von Julia Petschinka
Angesichts der Flutkatastrophe im August in Österreich und der Tragik der Überschwemmungen in New Orleans sind sich Experten da und dort einig: Die Art und Weise, wie wir Menschen mit unserer Umwelt umgehen, ist großteils Schuld am Ausmaß der Katastrophen. Eine weltweite Initiative gegen den Klimawandel wird wieder einmal lauthals gefordert, Amerikas lockerer Umgang mit Umweltschutzmassnahmen kritisiert. Wie kann man angesichts der berührenden und schrecklichen Bilder von in den Fluten treibenden Leichen daran zweifeln, dass Maßnahmen gegen den Klimawandel sofort zu ergreifen sind?

Ein anderer Kontinent, ein anderes Szenario: In Uganda gehen die Kondome aus. Durch Aufklärungsarbeit und die Verteilung von Präservativen konnte die Aids-Rate von 15 Prozent in den 1990er Jahren auf derzeit sechs Prozent gesenkt werden. Durch angeblich von den USA systematisch blockierte Kondomlieferungen drohe Uganda ein rapider Anstieg der Aids-Rate, meint der UN-Sonderbeauftragte für Aids in Afrika, Stephen Lewis. Auch hier gibt es Aufsehen erregende Bilder zur Untermalung der Horrormeldung: Waisenkinder, dahinvegetierende Frauen und Männer im „besten Alter“.

Trockene Zahlen statt reißerischer Bilder
Welches „Weltproblem“ ist nun wichtiger oder zuerst zu beheben? Welches hat höhere Priorität? Und wo stehen Probleme wie Unterernährung oder Migration im Vergleich zu Malariaerkrankungen oder Versorgung mit sauberem Trinkwasser? Genau diese Fragen versucht der dänische Politikwissenschaftler Björn Lomborg zu beantworten, der laut Time Magazine im Jahr 2004 zu den 100 „most influential people“ zählte. Gemeinsam mit einem Team aus acht ÖkonomInnen, darunter drei Nobelpreisträgern, stellte er sich im Rahmen des Projekts Kopenhagen Konsensus bereits 2004 die Frage: „Wenn man 50 Milliarden US-Dollar für eine bessere Welt ausgeben könnte, was würden wir tun?“ Das Team setzte sich zum Ziel, ein Ranking der Probleme aus ökonomischer Sicht als Ergebnis einer Kosten-Nutzen-Rechnung vorzunehmen. Das Ranking soll eine Entscheidungshilfe für PolitikerInnen bieten, die unbeeinflusst von Effekt haschenden Bildern oder reißerischen Medienberichten zukunftsweisende Entscheidungen treffen müssen. Basierend auf trockenen Zahlen. Und diese werden vom Kopenhagen Konsensus zur Fülle geliefert.

Bei den diesjährigen Technologiegesprächen in Alpbach in Tirol stellte Lomborg das Ergebnis der Arbeit des Expertenteams vor: Zur großen Überraschung rangiert auf dem ersten Platz der Prioritätenliste die Bekämpfung von AIDS/HIV. Das hat einen einfachen, ökonomischen Grund: Um 27 Milliarden Dollar könne man nämlich, so Lomborg, 28 Millionen neue Fälle bis 2010 vermeiden. Mit einem Gewinn, der fast vierzigmal höher wäre als der Einsatz. Die Bekämpfung des Klimawandels rangiert nur auf dem vorletzten von zehn Plätzen. Der Grund dafür: die Mittel, die man aufwenden müsste, hätten nur wenig Nutzen, meinte Lomborg.

Äpfel oder Orangen?
Dass so ein Ranking nicht nur Freude auslöst liegt auf der Hand. Die Kritikpunkte reichen von der Zusammensetzung des Experten-Teams – nur Ökonomen unter Ausschluss von NaturwissenschaftlerInnen - bis hin zu den Kriterien zur Erreichung der Kosten-Nutzen-Rechnung. Björn Lomborg formulierte in Alpbach einen weiteren Kritikpunkt zur prinzipiellen Herangehensweise an so ein Großprojekt gleich selbst, um ihn dann im nächsten Atemzug mit einer Gegenfrage zu beantworten: „Ja, ich vergleiche Äpfel mit Orangen, wenn ich Klimawandel und Aids gegeneinander in den Ring schicke. Aber vergleichen wir nicht alle tagtäglich in gewisser Weise Äpfel mit Orangen, wenn wir Entscheidungen für unser Leben treffen müssen?“
Ungelöste "Weltprobleme" müssen gelöst werden. Diese Probleme fair zu lösen, was Budget und Zeit anbelangt, ist eine große Herausforderung. Große Köpfe, darunter Björn Lomborg, versuchen Lösungsmöglichkeiten zu präsentieren.
Weblog von Julia Petschinka: no comment.

Björn Lomborg

Essay von Lomberg: Mit dem Besten anfangen – nicht mit Kyoto

Eco-Innovators. Global Cost-Benefit Analysis
mindestens haltbar 09/2005
Jahrgang 01
Ausgabe 01
ISSN 1816-8159
Autor: Julia Petschinka
Titel: Im Ring: Klima gegen AIDS
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