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Henne oder Ei?

von ferromonte
"Je besser ein Gehirn funktioniert und je höher es entwickelt ist, umso freier ist derjenige, der mit diesem Gehirn rumläuft.", so der Gehirnforscher Manfred Spitzer. Nicht alle seiner Kollegen sehen das so, da gibt es schon auch welche wie etwa Wolf Singer, der offen bekennt, daß er unsere Handlungen und Entscheidungen für rein neuronal determiniert hält.

Korrelationen sind keine Kausalbeziehungen
Neurowissenschafter der Gegenwart versuchen oft, das marionettenhafte Wesen unserer Gedankenfreiheit wissenschaftlich zu untermauern - ein Teil ihres Kampfes mit der Psychologie und Psychotherapie um die Vorherrschaft, die Position der Leitwissenschaft (und natürlich auch um Forschungsgeld): Die Neuronen sind ausschlaggebend.
Eine Wissenschaft wie die Psychologie, die mit abstrakten Begriffen argumentiert, kann dem nicht zustimmen. Im Disput haftet man aber oft an den Begriffen: Wenn etwa neuronale Aktivitäten in bestimmten Gehirnregionen, die mit bildgebenden Verfahren festgestellt werden können, in eine kausale Beziehung zu den konkreten Gedanken, die eine Person in diesem Augenblick hat, gesetzt werden, wo man doch nur von einem Korrelat sprechen kann.

Freiheit ein graduelles Phänomen
Die Vorgaben sind da, der Rahmen, in dem unsere Entscheidungen fallen - oder nicht fallen, die Parameter unserer Wegmanöver stehen fest. Ich weiß nicht, ob es Zweckoptimismus ist, wenn ich mich an alte Vorstellungen vom freien Willen des Menschen klammere, drängt sich doch am Ende immer Schopenhauers berühmter Sager in die entsprechenden Bereiche meiner Großhirnrinde: „Ein Mensch kann zwar tun was er will, aber nicht wollen was er will.“ Das trifft auf die relativen, unterschiedlichen Entscheidungen (dem Wissen und der Bildung des Einzelnen entsprechend) ebenso zu wie auf die abstrakten Gedanken. Freiheit ist also ein graduelles Phänomen

Die Henne oder das Ei?
Sie sprechen also von Hühnern und Eiern. Und wenn dann am Ende doch wieder die Frage steht, wer jetzt zuerst da gewesen sei, die Henne oder das Ei (die Henne, man beachte: kein Wort von einem Hahn!), dann gibt es wieder nur die gute alte Erklärung: Das Ei ist die Art und Weise, wie ein Huhn zu einem anderen wird.
Auch die versöhnlichen Töne des Philosophen Michael Pauen, der Determination nicht im Widerspruch zu Freiheit sieht, ändern wenig. Pauen sieht im Zufall die größere Kränkung: Wenn die Vorherbestimmung wegfiele, bliebe als Regent nur der Zufall. Das Wesentliche aber ist die Selbstbestimmung: Ein Mensch, der selbstbestimmt entscheidet, entscheidet frei.

Was Philosophen der letzten zweitausend Jahre dachten, lässt sich nicht mit millionenteuren Geräten und dem Chic der Neuro-Silbe, die vor alle möglichen Disziplinen gestellt wird, im Vorbeiflug klären. Das wird länger dauern.
Mir genügt Schopenhauer: „Ich kann zwar tun was ich will, aber nicht wollen was ich will.“ So wird die Einschränkung unserer Wahl- und Entscheidungsfreiheit recht deutlich nachgezeichnet; gleichzeitig aber auch der Weg aus der Sackgasse gewiesen: Wenn ich mir der Bedingtheit meiner Entscheidungs- und Wahlmöglichkeiten bewusst bin, dann weiß ich, dass ich in einem Bezugssystem agiere, und meine Wahl erhält nicht nur Lokalkolorit, sondern vielleicht sogar Charme.
Einen fast österreichischen Charme hat Jean Jacques Rousseaus Aussage: "Die Freiheit eines Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will." Ja, das klingt schon praktischer, da kann ich auch wieder an politische Wahlen denken, oder an den Traum vom Aussteigen und Auswandern, von Südfrankreich und Neuseeland, von Kanada und Burgenland.


Literatur:
„Selbstbestimmen“, von Manfred Spitzer, Spektrum Akademischer Verlag 2003
„Illusion Freiheit?“, von Michael Pauen, S. Fischer Verlag, 2005
Ist unsere Freiheit nur Illusion? Neurowissenschafter versuchen oft, das marionettenhafte Wesen unserer Gedankenfreiheit wissenschaftlich zu untermauern. Die Frage, inwiefern wir unsere Entscheidungen unbeeinflußt treffen, ist noch immer nicht geklärt.
Weblog von ferromonte: Isenbergs Beobachtungen.

Wer deutet das Denken?

Willensfreiheit und Neurologie

Alles Illusion? Der Angriff der Hirnforscher auf den freien Willen

Das Manifest Was wissen und können Hirnforscher heute?
mindestens haltbar 09/2005
Jahrgang 01
Ausgabe 01
ISSN 1816-8159
Autor: ferromonte
Titel: Henne oder Ei?
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