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Es ist noch Suppe da

von Katharina "Lyssa" Borchert
Die Wahl ist entschieden lange bevor der eigentliche Wahlkampf beginnt, und der Sieger ist alle Jahre wieder die Erbsensuppe. Kaum eine größere Wahlkampfveranstaltung kommt ohne sie aus, erst recht kein parteifinanziertes Stadtteilfest. Die Gesichter und die Slogans auf den Plakaten mögen sich ändern, die Erbsensuppe aber ist ebenso unverzichtbarer Standard wie der Werbe-Kugelschreiber mit Parteilogo. Die Suppe allein vereint den schnauzbärtigen Gewerkschaftler der SPD Gelsenkirchen-Buer mit dem nadelgestreiften Unternehmer aus dem CDU-Ortsverein Hamburg Blankenese in der einzig wahren großen Koalition.
Leider mag von den Protagonisten des Straßenwahlkampfs kaum noch jemand seine tägliche Suppe löffeln, was ich nur zu gut nachvollziehen kann. Im Haus meiner politisch sehr engagierten Eltern ging man von der Muttermilch direkt zur Erbsensuppe als Hauptnahrungsmittel über. Als Kind dachte ich lange, die Schlußphase des Wahlkampfes würde „heiße Phase“ genannt, weil dann die wirklich großkalibrigen Gulaschkanonen aufgefahren wurden, in deren Bäuchen genug Suppe für das halbe Ruhrgebiet köchelte. Bis heute unterteile ich die einzelnen Phasen des Wahlkampfs gedanklich nach den für sie typischen Nahrungsmitteln.

Zuerst kommt die Schnittchen-Phase, in der verschwitzte Männer jede Menge Schnittchen, Rührei und Bier benötigen, um für das hochkomplizierte Kleben der Plakate gerüstet zu sein. Diese Phase ist anstrengend, weil die soeben aufgehängten und in Nachtarbeit kunstvoll fremdverzierten Plakate sehr bald schon durch saubere Originale ersetzt werden müssen. Wir liefen auf dem Schulweg häufig an be- und übermalten Plakaten vorbei und erstatteten dann begeistert Meldung: „Dem Herrn X sind über Nacht Hörner gewachsen und ganz wilde Haare. Er sieht jetzt gar nicht mehr aus wie Elmer Fudd, der Jäger von Bugs Bunny.“ Um verunstaltete Plakate mit dem Konterfei von Familienmitgliedern kümmerten wir uns direkt vor Ort, bis wir schmerzlich lernen mußten, daß die Obrigkeit „die Familienehre“ als Rechtfertigung für das Abreißen von Plakaten nicht gelten läßt und zehnjährigen Jungdelinquenten gern eine längere Strafpredigt plus Heimfahrt im Polizeiauto spendiert.

Die Schnittchenphase gleitet sanft über in die Äpfel-und-Gummibärchen-Phase, denn beides läßt sich wunderbar mit Aufklebern versehen und auf der Straße an hungrige Passanten verteilen. Ersteres ist auch saisonal passend, da Wahlen in Deutschland am liebsten im Spätherbst ausgetragen werden, weil es sich dann so schön frieren läßt in den Fußgängerzonen der Republik und die Menschen dankbar sind für eine Plastikschale mit Erbsensuppe. Für die moderne Apfel-Variante gehen Ortsvorsitzende lange vor der Ernte zum Obstbauern ihres Vertrauens und bekleben die noch unreifen Äpfel liebevoll mit Logo-Schablonen, so daß die Äpfel später einen ökologisch völlig korrekten Naturaufdruck tragen. In Politikerhaushalten gibt es zu dieser Zeit sehr viel Apfelmus, denn irgendwo müssen sowohl die aussortierten Äpfel als auch der angestaute Straßenwahlkämpferfrust hin.

Zu guter Letzt landet man dann in der heißen, der Erbsensuppenphase. In dieser hektischen Zeit wurde uns Kindern der Einfachheit halber mehrmals täglich Suppe eingeflößt, bevor wir wieder Passanten behelligen durften. Bis heute läßt mich der Anblick der Wahlkampfstände zunächst an Erbsensuppe und erst dann an meine nicht vorhandene Rentenplanung denken. Und mein Magen beginnt sehr unschön zu rumoren, sobald ich irgendwo eine mobile Suppenküche sehe.
Denn wenn Politiker mal wieder ganz besonders verkniffen gucken, muß das nicht unbedingt etwas mit schlechten Wahlprognosen zu tun haben, sondern kann auch einfach auf eine Überdosis der obligatorischen Erbsensuppe zurückzuführen sein. Zuviel davon ... nun ja, zuviel davon setzt unangenehme und geräuschvolle Verdauungsprozesse in Gang. Meine Mutter ist daher ein etwas rundlicherer, aber wesentlich entspannterer Mensch, seit ihr Ortsverein die Suppenkelle gegen das Waffeleisen getauscht hat. Deshalb meine Wahlempfehlung: Eßt an den Ständen, damit die Angehörigen nicht jeden Tag die Reste aufgetischt bekommen. Und seid nett zu den Straßenwahlkämpfern. Eine von ihnen könnte meine Mutter sein und mit der ist im Zweifel nicht gut Suppe essen.
Der eigentliche Sieger jeder Wahl ist die Erbsensuppe. Die Suppe vereint alle Beteiligten. Als Kind dachte ich, die Schlußphase des Wahlkampfes würde „heiße Phase“ genannt, weil dann die großen Gulaschkanonen aufgefahren wurden, in denen genug Suppe für das halbe Ruhrgebiet köchelte.
mindestens haltbar 09/2005
Jahrgang 01
Ausgabe 01
ISSN 1816-8159
Autor: Katharina "Lyssa" Borchert
Titel: Es ist noch Suppe da
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am 28. Sep, 00:08

na dann - prost, mahlzeit!